LFH: Leading from home

Warum manche Abkürzungen den Weg länger machen.

Manuel Wenzel, Kreativchef von TBWA\Zürich. (Bild: zVg.)

Geht Agentur auch remote? Klar, ist aber ätzend. Finde ich jedenfalls. Gerade mit Führungsverantwortung. Der Begriff dafür? LFA – lead from anywhere. Völlig remote aus einem Chalet oder einer mexikanischen Kreativ-Enklave via Teams oder Zoom. Klingt sexy, oder? Entspricht aber in keiner Form der Realität. Wie sieht die aus? LFH – Lead from home. Die Probleme, die ich hier sehe, gehen weit über das nahbar-sympathische «Durchs-Bild-Laufen» von Kindern, Hamstern und Partnern hinaus.

Zu viel Screen, zu wenig Reflektion

Problematisch ist die reine Screentime. Und dass an vielen Tagen zwischen Termin und Termin null Zeit ist. Wirklich null. Denn während sich in Villariba beim Teams-Call Nummer 1 noch verabschiedet wird, warten im Teams-Call 2 in Villabajo schon die nächsten Menschen. Selbst die dreieinhalb Minuten, die man «im Office» vielleicht von Meeting-Raum 1 zu Meeting-Raum 2 gelaufen ist, fallen weg. Geschweige denn die Reisezeit von oder zu Meetings mit Kunden oder Dienstleistern. Und damit auch die kurzen Momente der Reflektion oder des Abarbeitens von E-Mails.

Das weitaus grössere Problem ist aber die fehlende Nähe. Also physische Nähe, nicht die «‹Wie geht es Dir, mir geht es gut›-Bildschirm-Nähe». Aus meiner Sicht ist physische Nähe essenziell für emotionale Nähe. Zum Beispiel für den in diesem Kontext viel zitierten Witz an der Kaffeemaschine oder den Sprung auf den Tisch, wenn die Idee eines Teams in Cannes gewonnen hat. Oder auch mal das Trösten, wenn der Kunde sich trotz aller Bemühungen doch für «Das mit den Fähnchen» entschieden hat. Und wenn es dann sogar noch darum geht, kreativ zu sein, glaube ich, dass HO, LFA und LFH dem Ergebnis nicht guttun. Klar, es gibt die Ideen, die man sich mit Handwerk und Erfahrung erarbeitet. Und es gibt Ideen, die auf dem Sofa und in nur einem einzigen Kopf entstehen. Aber die Energie, die in einem Team entsteht, das sich im Idealfall auch noch gut leiden kann, ist nicht digitalisierbar. Und sie ist auch durch nichts ersetzbar. Sie wird niemals in einem Video-Chat entstehen. Niemand begegnet sich zufällig und ungeplant auf Teams, Google oder Zoom. Und steuert deshalb auch nichts Unerwartetes, aber vielleicht Unbezahlbares bei.

Es geht um das Schaffen und Pflegen einer Atmosphäre, einer (Agentur-)Kultur, eines Nährbodens für Kreativität und Gemeinschaftsgefühl. Es geht darum, einen Ort zu bauen, an dem man gerne ist – auch deshalb, weil an diesem Ort Menschen sind, mit denen man gerne zusammen ist und zusammen etwas erreicht. Und das ist aus meiner Sicht eine Führungsaufgabe. Ein Sprichwort aus Südafrika fasst es gut zusammen: «If you want to go fast, go alone. If you want to go far, go together.»


* Manuel Wenzel, Kreativchef von TBWA\Zürich, verwenzelt uns in den m&k-Printausgaben jeweils mit einer Kolumne. Was das heisst? Das wissen wir auch noch nicht so genau, deshalb lieben wir es. Die Werbebranche hat ein schiefes Image bei den Leuten da draussen – das muss geradegebogen werden, findet der Wenzel.

Liza Engel: Die Schatzmeisterin

Liza Engel engagiert sich seit drei Jahren als Chief People Officer für die wertvollste Ressource von Deloitte Schweiz: die Mitarbeitenden. Emotionale Intelligenz und Empathie bilden ihre Grundpfeiler in dieser Funktion.

Als Chief People Officer konzentriert sich Liza Engel darauf, dass die Menschen und die gesamte Organisation ihr Potenzial entfalten können. (Bild: Deloitte Schweiz)

Menschen sind emotionale Wesen, sie wollen mit ihren Sorgen und Bedürfnissen ernst genommen werden und sich ganzheitlich verstanden wissen. Nur dann können sie sich optimal entfalten und einbringen. Über 2’200 Individuen sind für das Prüfungs- und Beratungsunternehmen Deloitte Schweiz tätig. Menschen mit über 60 verschiedenen Nationalitäten arbeiten täglich zusammen. Alle sollen sich zu Hause fühlen. Dafür sorgt Liza Engel als Chief People Officer (CPO). Sie fragt nach, gibt sich nicht zufrieden mit Floskeln. Sie liest zwischen den Zeilen, nimmt ihr Gegenüber ganzheitlich wahr. Woher kommt diese Gabe?

Liza Engel wird in Kanada geboren und wächst, liebevoll umsorgt, als Einzelkind bei ihrer Mutter auf. Sie ist ein eher schüchternes Kind. Gerne beobachtet sie Menschen und entdeckt ihre Fähigkeit, nonverbalen Habitus ganzheitlich zu erfassen. Sie schaut hinter die Fassade und kann so ein Verständnis entwickeln, um Bedürfnisse und Sorgen zu erkennen, ohne dass man ihr davon erzählt. Von ihrer Mutter lernt sie, dass man alles erreichen kann, wenn man dafür hart arbeitet. Sie entwickelt Ehrgeiz und Disziplin, arbeitet am Wochenende neben der Schule. Nach der Matura studiert Liza Engel Wirtschaft, Marketing und Finanzen in Alberta. Sie heiratet einen Schweizer und zieht 1999 mit ihm zusammen in das Land, in dem sie nun schon 23 Jahre lebt: die Schweiz. «Ich war neugierig und wollte Europa sehen. Dass ich nie mehr nach Kanada zurückkehren würde hätte ich mir damals nicht vorstellen können», sagt sie im Gespräch.

Arbeitserfahrung

Bei PwC in Zürich erhält sie erste Einblicke ins Berufsleben, wechselt dann zu Swiss Life und arbeitet sich dort zum Senior Marketing Manager hoch. Ihre Sprachkenntnisse erwirbt sie sich auch durch den regelmässigen Austausch mit den Menschen – der anfängliche sprachliche Nachholbedarf schärft gleichzeitig ihre Aufmerksamkeit für die nonverbale Kommunikation. Die Schüchternheit der Kindheit ist rasch verblasst und lässt ihrem Kommunikationstalent Raum, das sie nach und nach perfektioniert. Liza Engel wechselt zu Swisscom und prägt das Unternehmen in einer Zeit grosser Veränderungen über 14 Jahre lang mit. Sie interessiert sich für Diversity, Inclusion, agile Leadership, Human Centered Design und Customer Experience Design und kann in diversen Funktionen wichtige Themen umsetzen und immer wieder Erfolge verbuchen. Sie trägt massgebend dazu bei, die Marke Swisscom zu stärken und das Unternehmen erfolgreich zu positionieren.

«Ich bin umgeben von klugen Menschen, die leidenschaftlich bei der Sache sind.»

2019 wechselt Liza Engel zu ihrer aktuellen Arbeitgeberin Deloitte. Die Funktion der Chief People Officer gibt ihr die Möglichkeit, all ihre Skills zu vereinen, die erworbenen sowie auch die, die sie in sich trägt. Inzwischen hat sie 20 Jahre Erfahrung in den Bereichen Marketing, Kommunikation und Human Resources auf allen Managementstufen. Sie empfindet eine tiefe Dankbarkeit, sich in den Dienst der Mitarbeitenden zu stellen, zu helfen, deren Potenzial freizusetzen und sie gezielt zu fördern. Sie hat erfahren, was es mit Menschen macht, wenn man an sie glaubt. «Ich sehe etwas in dir; du bist etwas Besonderes; ich glaube an dich.» Das sind Sätze, die sie selbst in ihrer Karriere geprägt und gestärkt haben.

Liza Engel ist 47 Jahre jung, Mutter von drei Kindern, in zweiter Ehe verheiratet. Sie ist inzwischen Partnerin bei Deloitte Schweiz, arbeitet Vollzeit und ist im vergangenen Mai mit ihrer Familie ins Berner Oberland gezogen. Ihr Mann unterstützt sie in allen Lebensbereichen. Gemeinsam stemmen sie das Familien- und Arbeitsleben.

Reifejahre

Auf die Frage, wie das Mutter-Sein ihre Management-Skills verändert hat, sagt sie, dass dies eine tiefgreifende Erfahrung sei, die wie ein fehlendes Puzzleteil ihre Persönlichkeit vervollständigt habe. Jeder Tag ist geprägt von Unerwartetem, sie muss reagieren, flexibel und vor allem: nicht perfekt sein. «Das zu lernen, fiel mir nicht leicht», sagt sie und ihr Blick richtet sich für einen Moment nach innen. «Ich bin geprägt von der ‹Martha-Stewart-Generation›: Immer gut drauf, immer perfekt geschminkt, immer ein Lächeln auf den Lippen. Das Haus perfekt, die Kinder perfekt, alles easy! Das musste ich ablegen.» Sich selbst gegenüber ehrlich zu sein und das auch nach aussen zu kommunizieren, habe sie gestärkt.

Auch in ihrem Team von 65 Mitarbeitenden hat sie eine Arbeitsatmosphäre etabliert, die geprägt ist von einem offenen und ungekünstelten Umgang, auf Augenhöhe gelebt. Transparente Kommunikation, verbunden mit einer positiven Haltung, ist auch das A und O für die Zusammenarbeit während der Pandemie-Krisenzeit. Die Mitarbeitenden haben in einer internen Umfrage die Kommunikation und das Handeln des Managements als «fair» bezeichnet. Ein Kompliment, wie Liza Engel findet. Seit sie und ihre Familie im Berner Oberland wohnen und jeden Tag die Vorzüge der Natur erleben, hat sich der Wunsch, sich für mehr Nachhaltigkeit einzusetzen, in Liza Engel manifestiert. Sie möchte privat und in der Arbeit den Fokus verstärkt auf dieses Thema lenken. Als Schatzmeisterin von Natur und Mensch.


Deloitte ist eines der führenden Prüfungs- und Beratungsunternehmen in der Schweiz wie auch weltweit. Das Unternehmen bietet branchenspezifische Dienstleistungen in den Bereichen Audit & Assurance, Consulting, Financial Advisory, Risk Advisory sowie Tax & Legal an. Mit über 2’200 Mitarbeitenden an den sechs Standorten Basel, Bern, Genf, Lausanne, Lugano sowie dem Hauptsitz Zürich betreut Deloitte Unternehmen und Institutionen aus allen Wirtschaftszweigen.

Customer Experience: «Deutlich Luft nach oben»

Positive Kundenerlebnisse hängen auch davon ab, wie Unternehmen ihren Content managen – doch genau hier herrscht bei vielen Firmen Nachholbedarf. Jean-Michel Pittet, VP Engineering bei Adobe, hat Lösungsvorschläge.

(Bild: Unsplash/Katya Austin)

m&k: Jean-Michel Pittet, Adobe hat in Basel eine grosse Dependance. Woran arbeiten Sie und Ihre Kollegen dort vornehmlich?

Jean-Michel Pittet: Genau, Adobe hat 2010 die auf Content-Management-Systeme spezialisierte Firma Day Software übernommen und den Standort in Basel erhalten. Heute entwickeln wir hier Adobe Experience Manager. Wir sind ein eingespieltes Team, viele der Mitarbeitenden sind bereits seit Jahrzehnten an Bord. Seitdem haben wir Adobe Experience Manager gemeinsam zur weltweit führenden Lösung im Bereich Content-Management-Systeme ausgebaut. Einer der Meilensteine war unter anderem, den Adobe Experience Manager zu einem Cloud-Service weiterzuentwickeln. Die Cloud-native Struktur ermöglicht eine hohe Innovationsgeschwindigkeit, mit der sich Ideen schnell und einfach umsetzen lassen. Davon profitieren auch kleinere Unternehmen: Firmen müssen Adobe Experience Manager jetzt nicht mehr selbst hosten und warten, als Cloud-native Lösung liegen Implementierung und Maintenance bei uns als Cloud-Anbieter.

«Experience Management ist längst kein netter Zusatz mehr, sondern notwendige Voraus­setzung.»

 

Sie sagen es selbst: Ein starker Fokus der Produkte von Adobe liegt auf Customer Experience Management. Wieso ist dieses Feld so wichtig geworden?

In Zeiten globalen Wettbewerbs und steigender Vergleichbarkeit von Produkten ist das Gesamterlebnis entscheidend, das man mit einer Marke verbindet. Dieses Erlebnis wird massgeblich davon bestimmt, wie gut ein Unternehmen die eigene Kundschaft kennt. Der wirtschaftliche Effekt einer überdurchschnittlich guten Customer Experience lässt sich inzwischen eindeutig belegen und hat Auswirkungen auf alle Unternehmensbereiche. Das startet bei der Akquise, geht über die KundInnen-Bindung und reicht bis zum Upselling und zur Kostenreduzierung. Jeder Touchpoint entlang der Customer Journey ist eine Chance für Marken, den entscheidenden Unterschied gegenüber dem Wettbewerb zu machen.

 

Was ist für Sie persönlich eine exzellente «Customer ­Experience»? Gerne mit einem konkreten, überraschenden oder humor­vollen Beispiel…

Eine super Experience ist für mich eine, die mich nachhaltig bewegt. Sei es, dass ich ein Produkt oder einen Service direkt kaufen möchte oder dass ich mich noch Tage oder Wochen später positiv an den Kontakt erinnere. Personalisierung ist für mich der entscheidende Schlüssel. Als Menschen fühlen wir uns wahrgenommen und mit Wertschätzung behandelt, wenn sich eine Person oder ein Unternehmen persönlich an uns wendet, etwa in der Ansprache oder mit auf meine Interessen und Bedürfnisse zugeschnittenem Content. Diese Erinnerungen bleiben im Gedächtnis und sorgen dafür, dass ich mich wieder für die entsprechende Marke entscheide.

Im Zentrum Ihrer Produkt-Range steht der Experience Manager, mit dem Sie versprechen: «Make delivering great digital experiences look easy.» In Wirklichkeit tun sich viele Unternehmen damit noch sehr schwer.

Ja, das haben wir auch in unserer aktuellen Studie «Content Management als Enabler für die digitale Transformation» gesehen. Bei der strategischen Ausrichtung ihrer Content-Planung stehen die befragten Unternehmen demnach vor allem vor einer technologischen Herausforderung. Mit ihren bisher eingesetzten Lösungen ist ein konsequent Kund*innenzentrierter Ansatz überhaupt nicht möglich. Kein Wunder also, dass nahezu jedes zweite Unternehmen mit seiner aktuell eingesetzten Content-Management-Lösung unzufrieden ist. Hauptkritikpunkte sind fehlende Personalisierungsmöglichkeiten sowie die Geschwindigkeit, mit der Content veröffentlicht werden kann.

Was sind für Sie die «key learnings» aus der erwähnten Studie?

Eine zentrale Erkenntnis der Studie ist, dass Content Management ein entscheidender Schlüssel im digitalen Wettbewerb ist. Das ist auch den Unternehmen bewusst: Knapp drei Viertel der befragten Schweizer und deutschen Unternehmen sehen hier einen wichtigen Hebel sowohl für die Bindung von bestehenden KundInnen als auch für die Akquise. Umso frappierender ist, dass gerade einmal etwas mehr als die Hälfte eine entsprechende Content-Management-Strategie entwickelt hat. Da ist definitiv noch Luft nach oben.

 

Erklären Sie den nicht so technologie-versierten Marketeers unter uns, wie Content Management und Customer Experience Management zusammenhängen?

Customer Experience Management bedeutet, über mehrere Kanäle hinweg konsistente Erlebnisse für jede Kundin und jeden Kunden bereitzustellen. Content Management kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Moderne Content-Management-Systeme ermöglichen nicht nur nahtlose Prozesse in der Zusammenarbeit mit Kreativteams und weiteren Abteilungen, sie unterstützen auch die Multi-Channel-Distribution und ermöglichen eine kontinuierliche Optimierung des Contents. Möglich macht dies der Einsatz künstlicher Intelligenz; durch die Automatisierung von Prozessen können Unternehmen in den Bereichen Schnelligkeit und Skalierbarkeit punkten und zugleich Kosten einsparen.

 

Welche Auswirkungen hat die Covid-Pandemie auf das digitale Customer Experience Management? Hat der Bereich an Bedeutung gewonnen?

Die Pandemie hat die Entwicklung definitiv beschleunigt. Wenn die persönliche Kommunikation wegfällt, etwa auf Messen oder im Rahmen von Geschäftsterminen, müssen Unternehmen alternative Kontaktmöglichkeiten finden. Zwar sind wir aus den harten Lockdowns raus, doch ein Zurück hinter die Entwicklungen der vergangenen zwei Jahre wird es nicht geben. Zu sehr haben KonsumentInnen – und übrigens auch Mitarbeitende in Unternehmen – die digitalen Möglichkeiten schätzen gelernt. Customer Experience ­Management ist längst kein netter Zusatz mehr, sondern notwendige Voraussetzung, um konkurrenzfähig zu bleiben. Dies zeigen auch die aktuellen Digital Trends von Adobe: So geben 87 Prozent der europäischen Unternehmen an, dass die KundInnen digitale Strukturen heute voraussetzen.

 

Welche Hilfestellungen kann Technologie hier leisten?

Jeder kennt das Gefühl, wenn einem die schlagfertige Antwort erst ein paar Momente zu spät einfällt – Chance verpasst. Das gilt auch für Customer Experiences, die Kommunikation muss sitzen. Dafür muss man natürlich erst einmal wissen, was KundInnen sich genau in diesem Moment wünschen. Diese Erkenntnisse geben uns ein Echtzeitprofil. Hier fliessen alle Informationen jedes einzelnen Touchpoints zusammen, verdichten sich und geben präzise Aufschluss über die Bedürfnisse jeder Kundin und jedes Kunden. Auf diese Profile können alle relevanten Teams zugreifen – vom Marketing über den Vertrieb bis hin zum Service – und so nahtlose «Customer Experiences at scale» ausspielen. Das Profil allein reicht jedoch nicht aus. Nur durch die native Verknüpfung mit dem Content-Management- und Experience-Management-System können personalisierte Erlebnisse geschaffen und direkt an Einzelpersonen ausgespielt werden.


Jean-Michel Pittet ist bei Adobe als VP Engineering im Bereich des Adobe Experience Manager tätig – eine Rolle, die er seit mehr als neun Jahren inne hat. Der studierte Informatik-Ingenieur ist ausserdem als Autor von Fachbüchern und Speaker bei internationalen Konferenzen tätig.

Die Studie «Content Management als Enabler digitaler Transformation», auf die im Interview Bezug genommen wird, steht m&k-Leser*innen als kostenloser Download zur Verfügung.

Dieser Artikel erschien zuerst in der m&k Printausgabe 1-2/2022.

Erfolge von Frauen sichtbar machen

Immer mehr Unternehmen erkennen die Bedeutung von Diversity, leben diese aber nicht. Deshalb verfehlen Female Empowerment Messages ihre Zielgruppe.

Tijen Onaran, CEO von Global Digital Women, schreibt regelmässige Kolumnen für m&k. (Bild: Andrea Heinsohn)

Zunächst die gute Nachricht: Immer mehr Unternehmen erkennen die Bedeutung von Diversity und schreiben sich Female Empowerment auf die Fahne. Die schlechte Nachricht: Hinter den Kulissen wird diese Botschaft nicht gelebt. Das zeigt sich vor allem in der Kommunikation. Immer wieder beobachte ich, dass gerade Female Empowerment Messages ihre Zielgruppe verfehlen. Woran liegt das und was braucht es, um dieses Thema glaubwürdig zu kommunizieren?

Wo Diversity draufsteht, muss Diversity drin sein

In der Realität der Unternehmen hat sich wenig verändert. Dies belegt ein Blick auf die jüngsten Zahlen zum Frauenanteil in den oberen Management- und Führungsebenen. Laut der neuesten Analysen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) haben sich die Zahlen in den vergangenen Jahren in diesen Bereichen nur marginal zum Besseren verändert – und das trotz des bereits 2015 verabschiedeten Führungspositionengesetzes.

Das spiegelt das zugrunde liegende Problem für die fehlende Glaubwürdigkeit bei der Kommunikation wider. Es reicht nicht, sich etwas am Weltfrauentag zum Thema Diversity für Twitter zu überlegen. Solches Engagement muss zu konkreten Handlungen führen, ansonsten wirkt jede Aussage dazu unglaubwürdig. Oder anders gesagt: Wo Diversity draufsteht, muss eben auch Diversity drin sein.

Die zentrale Erkenntnis ist noch nicht angekommen

Darum müssen sich Unternehmen die entscheidende Frage stellen: Warum verändert sich nichts? Zahlreiche Studien haben nachgewiesen, dass Unternehmen mit diversen Teams wirtschaftlich erfolgreicher und innovativer sind. Diese Erkenntnis ist leider nach wie vor nicht in allen Vorstandsetagen angekommen. Solange Vielfalt kein «Must-have» ist, wird in den Unternehmen niemals der notwendige Aufwand betrieben, um diese Themen mit entsprechender Priorität voranzutreiben.

Female Empowerment braucht Mut

Um mit Diversity zu werben, muss es ein echtes Interesse an Veränderungen geben. Dafür braucht es zum einen die Erkenntnis an der Spitze. Doch das reicht noch nicht, wenn es um eine glaubwürdige Kommunikation geht. Denn im Bereich Kommunikation und Marketing geht es immer auch um Sichtbarkeit – und zwar in zwei Richtungen. Zum einen kann Kommunikation auf Missstände hinweisen. Dies geschieht, wie eingangs erwähnt, häufig unfreiwillig. Zum anderen kann es sich aber auch um eine positive Form des Sichtbarmachens handeln, die im wahrsten Sinne als Em­powerment wirkt. Denn wenn Erfolge von Frauen sichtbar gemacht und ihre Stimmen gehört werden, kann ihre Botschaft auch nach aussen glaubhaft wirken und sie können zum Vorbild für andere werden. Dazu braucht es Mut. Mut, um echte, gelebte Vielfalt zu ermöglichen, und Mut, dabei weibliche Perspektiven zuzulassen. Deshalb braucht es mehr weibliche Stimmen in den Unternehmen, im Marketing und der Werbung. Davon hängt massgeblich die Glaubwürdigkeit bei der Kommunikation ab. Und genau diese ist notwendig, damit Female Empowerment nicht nur eine reine Werbebotschaft ist, sondern auch gelebte Wirklichkeit in Unternehmen repräsentiert.


* Tijen Onaran schreibt für jede m&k-Printausgabe eine Kolumne. Sie ist CEO von Global Digital Women, Autorin des Spiegel-Bestsellers «Nur wer sichtbar ist, findet auch statt» und wurde 2020 unter die zehn einflussreichsten Player auf LinkedIn gewählt. Ihre Themen: Diversity und Inclusion.

Gen Z: «Als Unternehmen muss man einfach nur hinhören»

Yaël Meier und Jo Dietrich haben vor zwei Jahren das Unternehmen Zeam gegründet; sie beraten Firmen sehr erfolgreich im Umgang mit der Generation Z. Beide sind Anfang 20, können also effektiv vermitteln. Wie tickt nun also diese «Gen Z»? Und was will sie? m&k hat nachgefragt.

Das Team der Agentur Zeam. (Bild: Chris Reist)

m&k: Wer sind die Gen Zler?

Yaël Meier: Das sind wir Jungen! Es sind Menschen, die zwischen 1995 und 2010 geboren wurden und heute also zwischen 11 und 27 Jahren alt sind. Diese Generation tritt also gerade ins Arbeitsleben ein und ist auch aus Kundenperspektive extrem spannend für Unternehmen.

Zeam hilft Unternehmen, diese Zielgruppe zu erreichen. Und zwar da, wo diese sich bewegt. Wo ist das?Jo Dietrich: Ein grosser Teil bewegt sich sicher in den sozialen Medien, so sind wir aufgewachsen. Immer online, immer am Handy. Alles, was digital passiert, ist für uns einfach so real wie das, was analog und physisch stattfindet.

 

Sind alle Mitarbeitenden bei Zeam so jung?

Meier: Ja! Ein Fun Fact: Unser Durchschnittsalter ist 21 Jahre und unser jüngster Mitarbeiter, Timon, ist erst 16. Ich glaube, man kann bei ihm sogar vom jüngsten Agenturmitarbeitenden der Schweiz sprechen. (lacht)

 

In einem Interview haben Sie, Yaël, gesagt, dass die Generation Z genau weiss, was sie will. Und wenn man sie erreichen will, muss man wissen, was sie sich wünscht, wann sie kauft, wie sie motiviert wird.

Meier: Genau da liegt die grosse Chance für Unternehmen: Man muss nur hinhören! Und wenn man in die Lebenswelt der Gen Z eintaucht, wird man auch gleich feststellen, dass Fernsehwerbung heute nicht mehr funktioniert.

 

Wo tummelt sich denn die Generation Z?

Meier: Zum Beispiel auf TikTok, in Games und auf Streamingplattformen. Wenn man sie erreichen will, muss man sie da abholen und ihre Sprache sprechen. Das fällt Unternehmen extrem schwer.

Dietrich: So ist eigentlich auch die Idee für Zeam entstanden. Wir haben festgestellt, dass viele Werbungen und Produkte, die eine junge Zielgruppe ansprechen sollten, völlig am Ziel vorbeischiessen. Als wir der Sache auf den Grund gegangen sind, haben wir festgestellt, dass die Zielgruppe 14-24-Jährige zwar super wichtig ist, in den meisten Projektteams von Unternehmen aber niemand unter 30 Jahre alt ist. Da wurde uns klar: Es muss eine Brücke her!

 

​Wann ist der Gedanke, eine Agentur zu gründen, entstanden?

Meier: Ganz konkret wurde es dann, als wir zeitgleich zum hundertsten Mal gefragt worden sind: «Hey, könnt ihr uns bitte erklären, was Jugendliche über XY denken?» Das waren meine Themen, als ich mit 17 Jahren bei Ringier gearbeitet habe. Ich habe Kolumnen, Podcasts und Projekte gemacht, die eine junge Zielgruppe angesprochen haben. Also befand ich mich schon lange in dieser Nische. Und Jo ging es in seinen Berufserfahrungen ähnlich.

Dietrich: Um es zeitlich einzuordnen, das war so Oktober 2019. Zu dem Zeitpunkt war ich noch im Masterstudium in Lissabon.

 

Welche Fachrichtung?

Dietrich: International Management. Eigentlich wollten wir in meinen Semesterferien eine grosse Reise nach Brasilien machen, aber der Gedanke hat uns nicht mehr losgelassen. Weil wir uns entscheiden mussten, haben wir einen Test gemacht: Wir haben Yaël ein LinkedIn-Profil angelegt und begonnen, über das Thema zu schreiben. Die Reaktionen waren überwältigend. Da wussten wir: Brasilien muss warten. (lacht)

 

Und Sie haben direkt losgelegt?

Dietrich: Genau. Im Januar 2020 ging es los. An einem Nachmittag haben wir die Website aufgesetzt, am nächsten Tag das Unternehmen gegründet. Anfang Februar 2020 wurde die Firma eingetragen und wir hatten bereits erste Projekte am Laufen. Seit dann ging es im gleichen Tempo weiter.

 

Ist die Gen Z eine Macher-Generation?

Meier: Ja. Das merke ich immer wieder durch die Leute, die um uns herum sind. Nicht nur bei Zeam, sondern auch Freunde. Alle starten eigene Projekte, verdienen zusätzliches Geld oder setzen sich für etwas ein. Für junge Menschen ist es einfacher, sich eine Community auf Social Media aufzubauen, das macht vieles möglich.

 

Traditionell würde man erst mal Räume suchen, Businesspläne ­machen, ewige Recherchen starten, Studien in Auftrag geben, aber Sie beide starten übers Wochenende eine Agentur, die jetzt seit zwei Jahren boomt.

Dietrich: Es ist ja auch viel einfacher geworden. Und günstiger. Wenn ich überlege, als wir angefangen haben, die Kostenstrukturen für Zeam zu bilden, waren wir fast bei null. Wir haben bisher noch keinen einzigen Rappen für Marketing ausgegeben.

 

Ernsthaft?

Dietrich: Und wir haben neben unserem Umsatz sicher Millionen an Media-Value generiert.

 

Und Sie haben ­wahrscheinlich auch kein Grossraumbüro gemietet, oder?

Meier: Wir haben kein Büro. Jede und jeder arbeitet remote. Dafür machen wir jeden Monat einen Team-Event und haben Spass zusammen. Im Februar gehen wir zum Beispiel alle zusammen für vier Tage nach Lissabon.

 

Sie starteten die Agentur zu zweit. Was waren die ersten Schritte?

Dietrich: Wir haben uns im ersten Jahr bewusst auf den Aufbau des Brands konzentriert und wollten möglichst viel lernen. Ersteres ist wichtig, um einen vernünftigen Preis verrechnen zu können, und Letzteres, um herauszufinden, was die Probleme sind, die sich in Unternehmen wiederholen. Im zweiten Jahr haben wir aus dem Gelernten das Produkt gebaut und wachsen seitdem ziemlich rasant.

 

Was bedeutet eigentlich Zeam?

Meier: Das ist das Wort Team, nur mit Z vorne, für Generation Z. Wir haben aber jetzt eine noch bessere Bedeutung gefunden.

 

Und zwar?

Meier: Z-Employerbranding And Marketing.

 

Weil Sie Unternehmen unterstützen, junge Mitarbeitende zu rekrutieren?

Meier: Ja, genau. Wir haben gerade ein Projekt mit Ikea, deren TikTok-Kanal ist spezifisch darauf ausgerichtet, junge Menschen zu motivieren, bei Ikea eine Ausbildung zu machen. Wir haben die Aufgabe, Leute abzuholen, die jetzt aktuell eine Lehrstelle suchen. Und der Kanal hat innerhalb von zwei Monaten fast 2000 Follower und fast eine Million Views bekommen. Und das alles, ohne dass ein Rappen in die Werbung geflossen ist. Ich glaube, das muss man schon auch noch mal sagen. Keiner unserer Kunden hat bisher auf TikTok in Werbung investiert. Das ist alles organische Reichweite, was ja viel wertvoller ist. Die jungen Menschen konsumieren das freiwillig.

 

Sie sind nun schon lange nicht mehr zu zweit …

Meier: Wir sind über 15 und wachsen rasant. Wir suchen neue Mitarbeitende, und die rennen uns wirklich die Bude ein.

 

Was sind Kriterien für eine Mitarbeit bei Zeam?

Dietrich: Uns interessiert nicht, was jemand studiert hat. Was uns wirklich wichtig ist, ist, dass sie schon eigene Projekte von A bis Z selbst umgesetzt haben. Wir arbeiten alle remote, jede und jeder muss komplett selbstständig und unternehmerisch arbeiten können. Und dann haben wir auch noch viele Leute, die vor der Kamera stehen. Die müssen natürlich andere Skills mitbringen.

 

Zum Beispiel?

Meier: Sie müssen «das gewisse Etwas» haben. Keine Schauspiel­ausbildung, aber eben eine Kameraaffinität.

 

Wie genau muss man sich die Arbeit von Zeam vorstellen?

Meier: Unternehmen kommen zu uns, weil sie entweder junge Kunden oder junge Talente gewinnen wollen. Unsere Firma ist dabei in zwei Bereiche aufgeteilt: Wir haben einen strategischen Teil und einen operativen. In Strategieprojekten unterstützen wir höheres Management, die Generation Z und deren Chance für das Unternehmen zu verstehen. Von grossen Banken über Versicherungen bis hin zu Baufirmen ist da alles dabei. Das Format sind Workshops, Keynotes und langfristige Projekte.

Dietrich: Ist die Gen-Z-Strategie klar, können wir mit unserem operativen Teil einsteigen. Dabei helfen wir Unternehmen insbesondere in ihrem Marketing. Wir verstehen uns da als Medienunternehmen: Wir produzieren Formate für Unternehmen, die eine junge Zielgruppe begeistern. Im Moment geschieht das vor allem über TikTok, weil man da die meisten Jungen erreichen kann. Das ist aber nicht plattformgebunden.

Meier: Genau! Der Punkt ist, dass wir Jungen die neuen Plattformen intuitiv nutzen und wissen, was funktioniert. Jo und ich haben zum Beispiel zum Spass einen TikTok-Kanal aufgebaut, der 200 000 Follower zählt. Heute machen wir das für zig Kunden. Aber während Unternehmen jetzt langsam auf TikTok aufspringen, sind wir bereits auch bei den nächsten Themen wie dem Metaverse. Da haben wir zum Beispiel zwei Avatare von uns gekauft, die man gerne mal in Zoom-Meetings antrifft. Heute sind sie doppelt so viel wert, wie als wir sie gekauft haben.

Dietrich: Letztendlich gehen wir mit Zeam immer dahin, wo die Jungen sind, und helfen Unternehmen, ebenfalls einen Weg zu finden.

Yaël Meier und Jo Dietrich als Avatare im Metaverse. (Bild: zVg.)

Wie stellen Sie sicher, dass sich alle Massnahmen, die Sie für grosse Unternehmen umsetzen, an die Compliance- und Purpose-Weisungen anlehnen?

Dietrich: Wir bewegen uns zum Teil in einem sehr komplexen Feld. Ein Kunde von uns ist in der Pharmaindustrie, steht sehr stark für Regulatoren, wenn es darum geht, was sie machen dürfen und was nicht. Aber auch Kunden wie Ikea und Comparis, das muss man wahrscheinlich keinem erzählen, sind sehr komplex, was Compliance anbelangt. Die stehen sehr in der Öffentlichkeit. Wir arbeiten sehr eng mit den Unternehmen zusammen und haben streng organisierte Prozesse. Das ist für uns wahrscheinlich sogar besonders wichtig, weil sich Unternehmen nicht gewohnt sind, mit Anfang-20-Jährigen zu arbeiten, sensible Daten mit Jugendlichen zu teilen etc. Bis jetzt ist unser Alter unserer Professionalität aber noch nie im Weg gestanden. (lacht)

 

Wie kann ich mir einen klassischen Tag im Hause Meier/Dietrich vorstellen?

Meier: Es gibt keinen klassischen Tagesablauf. Seit wir Eltern sind, sowieso nicht mehr. (lacht)

 

Sondern?

Meier: Meine Mama unterstützt uns grosszügig in der Kinderbetreuung. So können wir arbeiten oder mit dem Kleinen spielen und müssen uns nie verplanen. Wir schützen unsere Zeit sehr, damit wir flexibel bleiben. Wir machen wenige Meetings und nur zu bestimmten Zeiten, wir arbeiten eigentlich immer von zu Hause – und dieses wechseln wir zwischen Vitznau, Zürich und Ausland in etwa gleichen Teilen. Was immer gleich bleibt: Die besten Strategie- und Wachstumsgespräche führen wir, wenn wir mit dem Kinderwagen unterwegs sind.

 

Klingt familienfreundlich.

Dietrich: Ich glaube, eine Aufgabe der jungen Generation ist es immer, den Status Quo herauszufordern. Was bedeutet Arbeit? Wie kann man als Familie nicht dem Alltag verfallen? Wie kann ein Büro genutzt werden? Wir setzen uns täglich mit diesen Fragen auseinander, indem wir sie leben. Man kann nicht etwas verändern wollen, aber es dann nicht auch selbst machen.

 

Wie reagiert das Umfeld auf Ihren Lebens-Arbeitsstil?

Meier: Mittlerweile sehen sie, dass es funktioniert, und wir bekommen den vollen Support.

Dietrich: Unsere armen Familien hatten es ja nicht gerade leicht mit uns. (lacht) Ausland, Firma, Kind, und das alles so jung, ist ja auch nicht ganz normal. Aber sie vertrauen uns und sehen, dass wir glücklich sind. Das ist alles, was zählt.

Das Gründungsteam von Zeam, Yaël Meier und Jo Dietrich. (Bild: Chris Reist)

Jüngst haben Sie das Produkt Zeamforce auf den Markt gebracht.

Meier: Bis jetzt haben wir im Marketing einfach das ganze Projekt übernommen. Unternehmen haben sozusagen zu uns als Gen-Z-Medienhaus outgesourct. Das funktioniert grossartig, wir wollen aber auch den Unternehmen die Möglichkeit geben, es selber besser zu machen. Dafür haben wir ein Produkt entwickelt, das uns sozusagen zu den Minions im Hintergrund macht, und bei dem wir bei allem mithelfen, Feedback geben, vorantreiben. So kann man auf einen Schlag auf unser fast 20-köpfiges Gen-Z-Team zurückgreifen.

 

Haben Unternehmen dann eine Art Abo?

Dietrich: Genau. Sie zahlen monatlich einen Betrag und können dann auf unser Wissen zugreifen.

 

Wie wird Zeamforce die Arbeit der Agentur verändern? Braucht es dann doch ein Büro?

Meier: Die Zeamforce verändert den Zugang, den Unternehmen zu Gen-Z-Wissen haben. Wir haben mit einem Programm zum Aufbau von TikTok-Kanälen gestartet, und das funktioniert grossartig. Kunden wie Planted oder Stucard arbeiten bereits damit. Letztere haben mit dem ersten Video, das sie mit unserer Unterstützung auf TikTok umgesetzt haben, fast 1000 neue Follower und mehr Views als mit den letzten 25 zusammen generiert. Das Besondere: Gemacht haben sie es selber – wir bringen nur unser Expertenwissen ein. Bald werden wir das Programm auf weitere Marketingaktivitäten ausweiten.

Dietrich: Was das Büro betrifft, muss man verstehen, das junge Menschen es gewohnt sind, sich in digitalen Welten zu bewegen. Ältere Menschen reagieren zum Teil sehr überrascht, besonders weil wir ja viel kreative Arbeit leisten. Aber wir können das genauso gut via Zoom und brauchen dazu kein Whiteboard. Wir sind effi­zienter und brauchen weniger Zeit, wenn wir von verschiedenen Orten aus arbeiten und nicht hin- und herfahren müssen und, das klingt jetzt hart, aber nicht die ganze Zeit Kaffeepausen machen. Wir können so auch günstigere Angebote machen, weil wir nicht eine riesige Infrastruktur mitschleppen, die von den Kunden mitbezahlt werden muss.

Meier: Ausserdem ermöglichen wir unserem Team damit extrem viel Freiheit und können die besten Talente im ganzen DACH-Raum anstellen. Als Beispiel: Eine unserer Mitarbeiterinnen geht jetzt sechs Wochen nach Portugal und Spanien, besucht da eine Freundin und kann weiterarbeiten. Gleichzeitig sind unsere Mitarbeitenden über alle Kantone in der Schweiz verteilt und eben auch in Deutschland. Wo würden wir überhaupt ein Büro aufmachen, wenn wir eins hätten? (lacht)

Dietrich: Wobei man sagen muss, wir eröffnen jetzt dann gleich unser erstes Büro. Und das wird eine Sensation!

 

Welche Pläne / Projekte stehen in Zukunft an?

Dietrich: Wir sind letztes Jahr über 1000 Prozent gewachsen und knacken jetzt dann gleich die 20-Mitarbeitenden-Grenze. Uns wurde gesagt, dass es dann komplizierter werde. (lacht) Spass beiseite, uns macht es grosse Freude, dass wir den besten jungen Menschen eine spannende Herausforderung bieten können. In unserem letzten Bewerbungsprozess haben sich über 200 Talente beworben und wären wir eine grosse Agentur, hätten wir wahrscheinlich fast die Hälfte davon angestellt!

Meier: Ausserdem stehen einige verrückte Projekte vor der Tür. Das mit dem Büro hat Jo ja schon angetönt, da müsst ihr uns dann unbedingt besuchen kommen! Wir sind aber auch in einige ganz grosse Dinge in Deutschland involviert. Das wird niemand verpassen. (lacht)


Videopodcast «off the record»Im m&k-Werbewoche.ch-Podcast «Off The Record» erzählen die beiden Jungunternehmenden ausführlich über den Start von Zeam. Aber auch ganz private Details teilen sie mit Anna Kohler. Zum Videopodcast geht es hier entlang.

Das Ende des Streuverlusts?

Die Konsumenten wollen es, die Technologie macht es möglich: Werbung wird immer personalisierter. Wer braucht da noch Massenmedien?

Warum nach Arizona fliegen, wenn man dasselbe Erlebnis mit sehr viel kleinerem Budget auch ganz in der Nähe haben kann? Wer vor einiger Zeit nach einer Reise suchte, bekam genau dies vorgeschlagen: Für die Kampagne «No need to fly» der Deutschen Bahn, umgesetzt von Ogilvy, fand ein Algorithmus Bilder von Naturschauspielen, Gebäuden oder Städten in Deutschland, die Reisezielen auf der ganzen Welt stark ähnelten: eine wackelige Hängebrücke in Vancouver – und daneben eine im Hunsrück. Eine aufregende Schlucht in Oregon – und eine in Bayern (siehe Bilder unten).Dafür wurden Zielgruppen, die sich für bestimmte Destinationen interessierten, über Facebook-Daten identifiziert. Geotargeting ermittelte für jede Person den nächsten Flughafen und das Reiseziel, eine Suchmaschine fand den günstigsten Flugpreis. Per Video-Ad wurde dann ein personalisiertes Angebot erstellt: eine günstige Zugfahrt zu einem deutschen Ziel anstelle des teuren Flugs zu einer fernen Destination, die fast genau so aussieht, automatisiert und mit unzähligen Sujets. Die Kampagne erntete weltweit Beachtung und heimste zahlreiche Preise ein, von Cannes bis nach New York. Und: Sie verdeutlicht eindrucksvoll, wie kreativ personalisiertes Marketing aussehen kann.

«Werbung darf nicht mehr stören, sondern soll einen Mehrwert bieten.»

Kannte vor vielen Jahren einfach jeder den Spot mit dem «Melitta-Mann» oder das neueste provokante Benetton-Motiv, bekommen Verbraucher heute oft ganz unterschiedliche Sujets zu sehen – und zwar im Idealfall jenes, das zu ihren ganz persönlichen Bedürfnissen passt. «Massenkommunikation wird individualisiert und auf die Konsumenten abgestimmt», erklärt Benjamin Tück, Managing Director Accenture Inter­active Lead Switzerland. «Werbung darf nicht mehr stören, sondern soll einen Mehrwert bieten.»

Die Kampagne für Deutsche Bahn von Ogilvy wurde mittels Geotargeting umgesetzt. (Bild: Ogilvy)

Viele kleine Assets

Eine individuelle Ansprache, massgeschneiderte Produktvorschläge, individuelle Banner, personalisierte TV-Spots und auf die Passanten abgestimmte digitale Aussenwerbung: Personalisierung im Marketing hat viele Gesichter. «Bei personalisierter Werbung gibt es nicht mehr den einen grossen Film oder den einen Banner, sondern viele kleine Werbe-Assets, die den jeweiligen Needs der Konsumenten entsprechen», sagt Carsten Jamrow, Executive Creative Director und Mitglied der Geschäftsleitung von Jung von Matt Limmat. Der Werber nennt es ein Umdenken, was die Produktion der Assets betrifft: «Wir sprechen nicht mehr von fünf bis zehn Assets, sondern je nach Marke sicher von mehreren Hundert bis tausend.» Und für dieses Umdenken war es Zeit, denn die Verbraucher fordern heute von den Unternehmen eine personalisierte Ansprache geradezu ein. Von Online-Giganten wie Amazon oder Diensten wie Netflix sind sie individuelle Produktvorschläge seit Langem gewohnt – warum sollte also nicht auch die werbliche Ansprache mit massgeschneiderten Botschaften daherkommen?

Das sehen auch Experten so: Knapp 80 Prozent der befragten Technologieexperten aus Unternehmen in Nordamerika, Europa, Asien, Afrika, Australien und Neuseeland gaben in einer Studie von Optimizely an, dass personalisierte Content- und Produktausspielung schon jetzt eine mittlere bis hohe Priorität einnimmt und damit kein Trend mehr, sondern ein echtes «Must-have» ist. 56 Prozent sind überzeugt davon, dass Personalisierung für eine höhere Kundenzufriedenheit verantwortlich ist. Und trotzdem hapert es an der Umsetzung: 91 Prozent meinen, die technische Infrastruktur der Unternehmen sei für diese Anforderungen noch nicht gerüstet, Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen würden noch nicht ausreichend genutzt. Das sehen auch die Verbraucher so: Einer Studie von Periscope By McKinsey zufolge finden 42 Prozent der Konsumenten, dass der Grossteil der Werbebotschaften immer noch wie Massenware wirkt.

Die eine Wahrheit gibt es nicht

Ist personalisierte Werbung das Aus des One-to-many-Marketings, besser bekannt als Giesskannenprinzip – und damit auch der Streuverluste? «Das eine schliesst das andere nicht aus», sagt Carsten Jamrow. «Wir glauben zwar, dass erfolgreiche Kampagnen in Zukunft immer personalisierter werden sollten. Gleichzeitig haben Massenmedien aber insbesondere für Markenkampagnen immer noch den unschlagbaren Vorteil, grosse Reichweiten aufzubauen.» Das heisst: Auf die Zielsetzung kommt es an; Werbetreibende müssen sich zunächst die Frage stellen, was sie mit ihrer Kampagne erreichen wollen. «Man muss den Funnel mit Awareness-Instrumenten erst mal füllen (Push), um dann den Traffic auf Websites, im physischen Store oder in Suchmaschinen mit Performance-Instrumenten abzugreifen (Pull)», erklärt Nico Podgorny, Director Digital bei Havas Switzerland.

Das heisst: Bei Produkten, die für alle Zielgruppen relevant sind, wie etwa FMCG, lohnt sich auch die breite Ansprache – und auch bei Branding-Kampagnen. Aber: Möchte man ein spezielleres Produkt bewerben, das sich nicht an alle Personen richtet, sondern nur einen bestimmten Kundenkreis, sollte die Kampagne spezifisch ausgespielt werden. Rein nach «Giesskanne» zu werben, können sich Unternehmen heute nicht mehr leisten. «Beim Giesskannenprinzip würde man die Streuverluste stets in Kauf nehmen – das wäre in der Budgetverantwortung nicht tolerierbar. Wenn man mit der Giesskanne startet, um Erkenntnisse über potenzielle Kunden zu generieren und dementsprechend im Folgeschritt eine Personalisierung durchzuführen, wäre ein denkbarer Ansatz. Dies zeigt, dass es auch hier nicht die eine Wahrheit gibt», sagt Benjamin Tück von Accenture.

(Bild: Ogilvy für Deutsche Bahn)

Lösungen für eine cookie-freie Zukunft

Die eine Wahrheit gibt es nicht, dafür aber eine neue – und das bedeutet für Werbetreibende: Der Aufwand steigt. Die richtigen Daten müssen her, doch das ist gar nicht immer so einfach. Der weltweiten Studie von Optimizely zufolge sehen die Technologieexperten das grösste Hindernis für erfolgreiche Personalisierungsprojekte im limitierten Zugang zu verwertbaren, zuverlässigen Daten. Die Gründe: ein nicht ausreichend guter Datenzugriff, eine minderwertige IT-Infrastruktur, Lücken bei personellen Ressourcen und Kompetenzen. Die Befragten sind überzeugt, dass sich das negativ auf die Unternehmensperformance auswirkt. Wichtig ist – neben der Verwendung der richtigen Daten – aber auch, diese sinnvoll zu nutzen und Personalisierung nicht überzustrapazieren. «In Kanälen, die glaubwürdig personalisiert werden können und im Nutzungskontext auch als persönlich wahrgenommen werden, wie etwa E-Mail, Mailings oder Chats, kann eine gut umgesetzte, personalisierte Ansprache Vertrauen schaffen und dem Konsumenten einen Mehrwert bieten. Wichtig ist aber, dass nicht nur einige Elemente – etwa die Ansprache –, sondern alle Teile eine maximale persönliche Relevanz aufweisen. Ansonsten läuft die Botschaft Gefahr, negativ ausgelegt zu werden», sagt Nico Podgorny von Havas. Was ebenfalls nicht gut ankommt: Wenn das Capping nicht stimmt, also die bunt-gestreifte Bettwäsche, die einem immer und immer wieder auf allen Kanälen zum Kauf angeboten wird – obwohl man sie schon längst erworben hat.

Dazu kommt noch ein weiteres Problem, das den gesamten Werbemarkt betrifft: Das Ende der Third-Party-Cookies steht vor der Tür, First-Party- und alternative Daten werden wichtiger. Dienstleister wie Uhoo arbeiten mit Hochdruck an Lösungen für die cookie-freie Zukunft: Das Unternehmen setzt auf ein genaues geografisches Verständnis, mit dem es – wie Geschäftsführer Stephan Frey verspricht – ganz genau weiss, was und welche Personengruppen sich wo befinden. Das heisst, die User werden entsprechend ihrer jeweiligen Situation angesprochen, und das ganze ohne Cookies. Dafür hat Uhoo nach eigenen Angaben ein virtuelles Netz über die Schweiz gelegt. Werbungen für Finanzdienstleister oder Luxusgüter sehen dann etwa nur finanzstarke Gemeinden, Nachhaltigkeitsthemen nur die Orte, die sich in der letzten Abstimmung für Umweltschutz und Nachhaltigkeit ausgesprochen haben. Laut Frey genau das richtige Konzept, denn «personalisierte Werbung heisst nicht, dass man zwingend einen individuellen Datenstamm aufbaut. Sondern, dass ein User entsprechend seiner Soziodemografie oder seiner Interessen angesprochen wird». Jetzt kommt es darauf an, was die Unternehmen daraus machen, damit die Kunden davon auch einen Mehrwert haben. Eins steht jedenfalls fest: Dafür haben sie heute deutlich mehr Möglichkeiten als damals, als der «Melitta-Mann» noch über alle Bildschirme gleichzeitig flimmerte.


Dieser Artikel erschien zuerst in der m&k Printausgabe 1-2/2022.

Wirz im Wandel

Kampagnen für Kunden kreieren. Das reicht Wirz nicht. Businessprobleme lösen – mit der Kraft der Kreativität. Das ist der Purpose. Wie das geht, will die Agentur zeigen.

(Illustrationen: Jannic Mascello)

Die Weichen bei Wirz sind gestellt. Auf Wandel. Die Gründe sind vielfältig. Wichtigster Faktor ist das Bedürfnis der Unternehmen nach ganzheitlichen Lösungen im Marketing und der Kommunikation. Kam die Agentur einst erst am Ende der Wertschöpfungskette ins Boot, also als ausführendes Organ der geplanten Kommunikationsstrategie eines Unternehmens, kommen gerade seit Ausbruch der Pandemie Kunden mit Problemstellungen zu Wirz, die viel weiter vorne in dieser Kette angesiedelt sind. «Wie ­können wir wachsen? Wo bewegt sich unsere Zielgruppe? Welche Kanäle sind für welche Zielgruppen relevant? Wo platziere ich das Marketingbudget am effizientesten?»

Die Antworten auf diese und viele weiteren Fragen erarbeiten die Werbeauftraggeberinnen nun gemeinsam mit Wirz. Und weil es für die ganzheitliche Zusammenarbeit mit den Kunden weit mehr Know-how benötigt, hat sich Wirz im letzten halben Jahr umstrukturiert und neue Spezialistinnen an Bord geholt, die mit ihrem Wissen den Kurs von Wirz vorantreiben.

Dr. János Heé ist Experte auf den Gebieten digitale Transformation, Wachstumsstrategien sowie Change Management. Er fungiert seit Anfang des Jahres als Chief Marketing and Innovation Officer CMIO, ist Teil der Geschäftsleitung und Mitinhaber. Seit April 2021 ist auch Kathrin Jesse Teil der Geschäftsführung und Mitinhaberin. Sie fungiert als Chief Strategy Officer. In ihrer Position soll Jesse die Planning-Expertise der Agenturgruppe weiter ausbauen und ein dezidiertes strategisches Beratungsangebot schnüren. Die Co-CEOs Petra Dreyfus und Livio Dainese haben damit ihre Geschäftsleitung komplettiert. Beide sind froh, so ausgewiesene Experten im Team zu haben.

Petra Dreyfus, Co-CEO, Kathrin Jesse, CSO, Livio Dainese, Co-CEO und János Heé, CMIO (v.l.n.r.). (Bilder: Wirz)

«Jetzt zünden wir die Rakete»

Es geht um eine ganzheitliche Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Kunden in einem Markt, der sich rasant verändert. Wer messbare Ergebnisse hervorbringen will, braucht Datenspezialistinnen. Mit Datalogue hat sich Wirz ein Unternehmen ins Haus geholt, das sich selbst als Navigator in der Welt des datenbasierten Marketings und Vertriebs bezeichnet. Sie kombinieren Leistungsbereiche, die sonst mit viel Aufwand koordiniert und vernetzt werden müssten. Insights aus Analytics und Consulting verzahnen Datalogue mit Technologie und Marketing für den maximalen Impact. Das Unternehmen arbeitet autark an eigenen Projekten, wird aber bei Bedarf ins Team geholt. Diese Teams werden je nach Bedarf der Kunden zusammengestellt. Sie sind immer interdisziplinär zusammengesetzt. Und auch der Kunde sitzt mit am Tisch. So ist von Anfang an eine gute Zusammenarbeit auf Augenhöhe gewährleistet.

Den Wandel von einer Kreativagentur zur 360-Grad-­Full-Service-Beratung gestalten alle aktiv mit und jeder und jede bringt die eigene Expertise ein. In einer Form des ergebnisoffenen Arbeitens wird getestet und gemessen und gelernt, bis sich herauskristallisiert, wie das Problem des Auftraggebers gelöst werden kann. Dieses Arbeiten bezeichnet man auch als Agnostic Creativity. Der Kunde ist involviert und kann genau nachvollziehen, wie sich der Weg zum Ziel gestaltet. Und das Ziel ist in fast allen Fällen: Wachstum. Perfektionierung der Customer Journey. Es braucht Lösungen, an denen Wirz nachher auch gemessen wird

Kathrin Jesse beschreibt es so: «Wir sind verantwortlich, dass die Kampagne auf die Strasse kommt und funktioniert.» Beim Testen, Messen und Lernen wird oft klar, dass Prozesse in der Customer Journey träge und nicht benutzerfreundlich genug gestaltet sind. «Growth Hacking» ist hier ein Marketingtool, das ressourcenschonendes Wachstum generiert. János Heé gibt ein Beispiel: «Die Website eines Kunden war so konzipiert, dass der Endverbraucher in sechs Schritten zum Kauf geführt wurde. Wir hinterfragten diese Schritte und konnten sie auf zwei reduzieren. Die Conversation Rate konnte signifikant gesteigert werden.» Fazit: Wachstum durch Verschlankung der Prozesse.

Kathrin Jesse weiss, dass der Endverbraucher in den letzten Jahren kompromissloser geworden ist. «Gibt es nicht sofort einen Mehrwert, klickt er weg», sagt sie. Und dieses Wegklicken zieht sich durch die gesamte Customer Journey, es gibt so viele Touchpoints, an denen die Endverbraucherin entscheiden kann, ob sie dabeibleibt. Jesse fasst es so zusammen: «Es passiert so viel, so schnell an so vielen unterschiedlichen Orten gleichzeitig, das bringt Firmen dazu, uns anzurufen und zu sagen, hey, wir scheinen irgendwo ein Problem zu haben, schaut da mal bitte drauf.» Dann beginnt die Arbeit. Und zwar auf allen Ebenen, sodass der Endverbraucher eine nahtlose Journey erleben kann. So kann ein Unternehmen wachsen. Bleibt bei so viel Daten, Strategie und Beratung die Kreativität nicht auf der Strecke?

«We solve business problems with the power of creativity»

Das ist der Purpose von Wirz und beantwortet die Frage, welchen Platz der kreative Prozess in dem Gefüge bei Wirz einnimmt: einen entscheidenden. Kreativität bildet nach wie vor die DNA der Agentur. Man interpretiere den Begriff jetzt einfach viel breiter. Für den kreativen Prozess sei es hilfreich, vorher schon zu wissen, in welche Formate man hineinarbeite. Das habe zur Folge, dass man keine Ressourcen verbrenne, sondern gezielt briefen könne, sagt Livio Dainese. Die zündende Idee ist viel einfacher zu entwickeln, wenn man die Insights der Zielgruppe kennt. Sie zu begeistern sowie Treue und Loyalität zu einem Brand zu stärken braucht Wissen.

Ohne dieses fällt eine Kampagne beim Zielpublikum durch. «Wir möchten unseren Kunden nur das Beste bieten», sagt Petra Dreyfus, «und was wir selber nicht leisten können, holen wir uns woanders.» Bei Datalogue zum Beispiel, aber auch bei der auf digitales Marketing spezialisierten Agentur Webrepublic. Mit der Kollaboration BoB (Best of Both) können Kunden mit kreativer Brillanz und digitaler Expertise rundumbetreut werden. Sehr erfolgreich, wie die neue Kampagne für Yallo zeigt. Schon 2021 war BoB mit Migipedia und für das WWF erfolgreich. Datalogue und Webrepublic ergänzten sich dabei in ihrer digitalen Expertise.

Die Weichen sind gestellt, der Zug rollt, die Richtung ist klar. Livio Dainese fasst zusammen: «Wir arbeiten schrankenlos über alle Disziplinen und verstehen uns als Kollektiv aus Beratung, Strategie, Marketing und Kreation. Denn nur wenn die besten Talente eng zusammenarbeiten, entstehen die besten Resultate.»


Dieser Artikel erschien zuerst in der m&k Printausgabe 1-2/2022.

Promo-Artikel und Giveaways: Bewusster schenken

Ökologische Promo-Artikel und Giveaways liegen im Trend. Um Greenwashing zu vermeiden, braucht es jedoch verantwortungsbewusste Hersteller, eine Rückverfolgbarkeit der Produkte sowie kurze Transportwege.

(Bild: Unsplash / Lina Trochez)

Nachhaltigkeit und Umweltschutz gehören zu den aktuellen Themen unserer Zeit. Dies widerspiegelt sich auch in der Nachfrage nach grünen Give-aways, Werbe- und Promo-Artikeln. Sämtliche befragten Anbieter und Spezialisten betonen, immer mehr Unternehmen würden ökologisch und verantwortungsbewusst handeln und dies auch durch die Wahl ihrer Werbeartikel ausdrücken. Die Balance zwischen Umwelt und Wirtschaft sei heute relevanter – nicht nur aus Sicht der Firmen, sondern auch aus derjenigen der Beschenkten.

«Wenn ein Unternehmen nachhaltige Werbemittel mit seinem Logo bedruckt, wirkt sich dies auf eine positive Geschäftsbeziehung aus», sagt Markus Schnelli, Inhaber von Wipex Werbemittel. Zusätzlich tue die Firma etwas Gutes und stärke ihr grünes Image.

Nachhaltig – was bedeutet das?

Doch was versteht man unter nachhaltigen Promo-Produkten und Werbegeschenken? Aus Sicht des Schweizer Messerherstellers Victorinox wird Nachhaltigkeit zunehmend mit Regionalität gleichgesetzt – also mit lokal produzierten Produkten, kurzen Transportwegen, Qualität und Unverwechselbarkeit. «Die Nachfrage nach solchen Werbemitteln ist in den letzten Jahren konstant gestiegen, besonders aber seit Beginn der Coronapandemie», sagt eine Sprecherin des Unternehmens. Das liege daran, dass man Mitarbeitenden in stark belastenden Situationen – etwa dem Pflegepersonal – besondere Wertschätzung entgegenbringen wolle, indem man besonders schöne, regionale, langlebige und qualitativ hochwertige Produkte verschenke. Auch Edith Meier, Geschäftsleitung von Promidea, hält fest, dass bei nachhaltigen Give-aways vor allem Produkte aus lokalen Materialien und möglichst lokaler Produktion gefragt sind.

Vorsicht vor Greenwashing

Michael Mätzener, Inhaber und Geschäftsführer von Diewerbeartikel, betont, selbst lokal und ökologisch produzierte Werbemittel seien nur dann nachhaltig, wenn sie einen hohen Gebrauchswert hätten. Zudem warnt er vor vermeintlich nachhaltigen Labels, die jedoch Greenwa­shing betreiben würden. Hier brauche es die Kompetenzen einer Werbeartikelagentur, die sich auskenne.

«Auch lokale und ökologisch produzierte Werbemittel müssen hohen Gebrauchswert haben.»

Alex Roethlisberger, CEO von Polydono , bestätigt ebenfalls, dass man immer häufiger mit Greenwashing konfrontiert werde: «Wir sind der Meinung, dass Nachhaltigkeit mit Transparenz beginnt», sagt Roethlisberger. Rückverfolgbarkeit und Nachhaltigkeit seien eng miteinander ­verbunden – es gelte das Motto «reduce – reuse – recycle». Daher empfehle Polydono hauptsächlich Produkte, die aus recycelten oder recycelbaren Materialien hergestellt seien. Gerade hier sei Transparenz gefragt – es gehe nicht so sehr um neue Produkterfindungen, sondern um eine ständige Optimierung des bestehenden Sortiments.

Die Auswahl beginnt beim Hersteller

Die Auswahl eines nachhaltigen Werbe- oder Promo-Artikels beginne mit der Wahl verantwortungsbewusster Hersteller, welche ihre Produkte in Übereinstimmung mit den strengen Sicherheitsvorschriften, Gesundheits- und Umweltstandards produzieren und dies auch dokumentieren könnten. Die Schweizer Büromaterialherstellerin Biella rät, bei der Wahl eines nachhaltigen Werbegeschenks auf jeden Fall auf Zertifikate wie FSC oder Blauer Engel zu achten. Und Yves Kämpf, Sales Director der Zürcher Werbemittelproduzentin BB Trading, erklärt, man setze schon viele Jahre auf nachhaltige Produkte, seit Anfang 2022 produziere BB Trading zudem alle Aufträge klimaneutral. In Zusammenarbeit mit myclimate und einem intern entwickelten Tool berechne man den CO2-Ausstoss der gesamten Produktepalette und kompensiere diesen. Ausserdem sei das Unternehmen gemeinsam mit der Intep (Inte­grale Planung GmbH) an der Entwicklung einer Score Card, welche ein Produkt nach wissenschaftlicher Methodik einstufe. Wichtige Kriterien dabei seien der CO2-Ausstoss des Materials, des Transportes, der Verpackung sowie die Wiederverwendbarkeit, die Recyclingfähigkeit und ein allenfalls vorhandenes Nachhaltigkeitslabel. «Durch die ausbalancierte Gewichtung der Kriterien vergleichen wir verschiedene Artikel miteinander. Dadurch kann eruiert werden, wie nachhaltig ein Produkt wirklich ist», erklärt Kämpf.

Recycelte Materialien im Trend

Laut Kämpf waren im vergangenen Jahr Produkte aus Schweizer Herstellungsstätten sowie Werbemittel aus recycelten Materialien beliebt. Hier gebe es laufend neue Möglichkeiten. Als Lizenznehmer der Seaqual Initiative könne BB Trading beispielsweise ein Tuch oder eine Tasche aus recyceltem Plastikmüll von Stränden und Meeren herstellen.

«Bei Werbemitteln aus recyceltem Material gibt es laufend neue Möglichkeiten.»

Der Trend zu Give-aways und Werbegeschenken aus recyceltem Material wird auch von den anderen Anbietern bestätigt – ebenso wie eine Nachfrage nach wertigen, langlebigen Produkten. Darunter individualisierbare Notizbücher und Agenden (Biella), Holzschneidebretter aus lokalem, FSC-zertifiziertem Holz (Promidea), Fairtrade-Taschen, Bio-Food-Bags und Lippenpflegestifte in zertifizierten, ökologischen Hüllen (Wipex) oder Taschenmesser mit Holzschale (Victorinox). Michael Mätzener von Diewerbeartikel antwortet auf die Frage, welches die grünen Trendprodukte 2022 seien: «Es gibt nicht das eine nachhaltige Produkt. Es geht darum, den passenden Artikel zu der entsprechenden Botschaft zu finden. Nachhaltigkeit muss auch beim werbenden Unternehmen in der DNA stecken.»


INTERVIEW

«Es geht auch hier um die Wirkung eines Unternehmens gegen aussen»

Give-aways können einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Unternehmensführung leisten. Die Berner Kreativwerkstatt Sürprisen hat sich auf das Schenken von nachhaltigen Produkten spezialisiert. m&k im Gespräch mit Mitbegründerin und Geschäftsführerin Christine Angeli.

m&k: Sürprisen wurde 2007 gegründet. Hat sich die Haltung gegenüber grünen Werbegeschenken seither verändert?Christine Angeli: Ja, definitiv. Als wir mit unserer Firmentätigkeit vor bald 15 Jahren begannen, war Nachhaltigkeit bei Werbemitteln höchstens bei den Nachhaltigkeitsverantwortlichen ein Thema. Zwischenzeitlich ist es ein Muss bei jeder Firma, sich Gedanken zu machen, was verschenkt werden soll. Die Beschenkten sind kritisch geworden. Was häufig vergessen wird: Nachhaltigkeit bei Kunden- und Mitarbeitergeschenken ist genauso zentral wie der jährliche Nachhaltigkeitsbericht einer Firma. Denn schliesslich geht es auch hier um die Wirkung des Unternehmens gegen aussen.

 

Nach welchen Artikeln wird gefragt?

Grundsätzlich gilt: Wie will ich als Unternehmen wirken, welche Botschaft will ich mit meinem Give-away transportieren? Das Hauptproblem beim klassischen Streuartikel ist der Preis: Ein Zwanzig-Rappen-Produkt in tausendfacher Ausführung ist selten nachhaltig. Da Sürprisen eine Mischung aus Produktanbieter und Agentur ist, wird es hier für uns besonders spannend: Auf Wunsch entwickeln wir massgeschneiderte Give-aways, welche den Nachhaltigkeitskriterien standhalten, sowohl beim Material wie auch in der Produktion.

 

Was muss man bei der Produktwahl beachten?

Nebst den möglichst kurzen Lieferketten und den sozialen Arbeitsbedingungen in den Werkstätten finden wir besonders wichtig, dass man zuallererst nach der Botschaft und der gewünschten Wirkung fragt. Ebenso zentral ist für uns immer die Geschichte, die hinter einem Produkt steht: In unserer anonymen Welt ist es wichtig, die Menschen und Ideen hinter dem Produkt ins Zentrum zu rücken. Und schlussendlich sind auch innovative Produkte gefragt: Kugelschreiber und Co. sind definitiv out.

Metaverse: Mein Haus, mein Auto, mein NFT

Ist das Metaverse die Zukunft der Kommunikation – oder ein weiterer Wunschtraum aus dem Silicon Valley? Ein Gedankenspiel von Roger Hämmerli.

(Bilder: Unsplash/Martin Sanchez)

Keine Sorge, die nächsten Zeilen werden keine Lobhudelei rund um den neuen heissen Scheiss namens «Metaverse». Viel mehr möchte ich diesen Platz nutzen, um ein paar Perspektiven, Denkanstösse und Einordnungen in den Raum zu werfen. Und vielleicht auch die eine oder andere Frage beantworten, die du dich bisher nicht zu stellen getraut hast.

Metaverse? Metaversen? Ja, wie jetzt?

Aktuell kannst du förmlich in Artikeln, Blogs, Videos zum Metaverse schwimmen. Dieser Pool an Informationen ist so tief, da kommen selbst digitale Tiefseetaucher auf ihre Kosten – doch mit der Fülle an Informationen folgt schon bald einmal die Überfüllung oder, einfacher ausgedrückt: die Überforderung. Darum kurz eine Begriffserklärung:

«Ich bin weit weg von einem Hater – aber ich hätte gern ein wenig mehr Substanz in der Diskussion.»

Digitale Plattformen oder Videospiele wie Roblox, Minecraft oder Fortnite sind über die Jahre zu digitalen «Räumen» mit nahezu echten Erlebnissen geworden. Beispielsweise hat der Rapper Travis Scott im April 2020 ein virtuelles Live-Konzert veranstaltet, an dem über 12 Millionen Zuschauer teilgenommen haben, und zwar direkt als ihre Figur in Fortnite. Diese virtuellen Erlebnisse und Räume wurden durch den Venture Capitalist Mattew Ball als Metaversen bezeichnet. Diese Definition prägt seitdem den Diskurs.

Wann auch immer du das Wort Metaverse liest, kannst du es also durch «digitalen Raum» oder «virtuellen Raum» ersetzen. Ob für ein Konzert oder ein Investoren-Meeting, spielt keine Rolle. Für alle, die das bereits wussten: Jetzt beginnt der spannende Teil.

Früher Gamer, heute NFT-Pionier

Ich wusste, dass der Tag kommt, an dem die unzähligen Stunden vor dem PC in meiner Pubertät endlich zu etwas gut sind. Wenn ich nämlich mit meinen Gamer-Kollegen über das Metaverse quatsche, dann ist die Meinung unisono: «Ja, also wo liegt jetzt der Unterschied zu unseren Loot-Sells in Diablo oder Ingame-Hochzeiten in World of Warcraft?» Keine Angst. Hier die Übersetzung.

In diversen Computerspielen ist es schon seit Jahren möglich, seine eigenen digitalen Charaktere mit kosmetischen Inhalten zu individualisieren. Vom leuchtenden Helm mit speziellen Eigenschaften bis hin zum pinken Papagei, der im digitalen Zuhause auf den Spieler wartet, war alles erspiel- und erkaufbar. In Diablo 3 war es beispielsweise schon Mitte 2012 möglich, in ­einem Auktionshaus Gegenstände für echtes Geld anzubieten. Gewisse Spieler verdienten so mit virtuellen Schwertern, Rüstungen etc. Tausende Franken. In World of Warcraft schmissen schon 2006 frisch verheiratete Gamer-Paare gerne mal eine virtuelle Hochzeit für all die Freunde, die sie nur virtuell kannten. Kurzer Einschub: Microsoft hat die Entwicklerfirma dieser beiden Marken gerade für 70 Milliarden Dollar gekauft.

Wir können also schon seit Jahren in Games digitale Grundstücke und Häuser besitzen, Gegenstände für echtes Geld verkaufen oder Veranstaltungen organisieren. Wo genau liegt jetzt der Unterschied zur aktuellen Vorstellung des Metaverse? Ein Fortschritt, der gerne ins Feld geführt wird, sind NFTs. Damit können wir den Besitz von digitalen Gütern beurkunden. Verzeih es mir bitte, wenn ich NFTs so massiv vereinfache, aber sonst hätte mir m&k das halbe Magazin zur Verfügung stellen müssen. Dank dieser digitalen Besitzurkunden könnte ich mir zum Beispiel ein Kunstmuseum im Metaverse aufbauen und Eintritt verlangen. Dafür kaufe ich mir ein virtuelles Grundstück, packe eine digitale Immobilie darauf und schmücke dieses mit NFT-Kunstwerken, welche ich auf Plattformen wie Opensea.io gekauft habe. Fertig ist das Metaverse-Museum. Ausgestattet mit Kunst-Unikaten, die nur ich besitze (in der Theorie). Sind NFTs und die Blockchain also der Schlüssel, um digitale Güter in virtuellen Welten erst richtig «wertig» zu machen? Jein.

Wer wird der Platzhirsch?

Der Kampf um den virtuellen Raum hat erst gerade begonnen. Tech-Giganten investieren Milliarden von Dollar, um möglichst schnell «das» Metaverse zu haben. Aber wie soll das gehen in einer Welt, in der ich auf Knopfdruck ein zweites Universum live schalten kann? Ein Beispiel: 2017 ging «Decentraland» in die Beta-Phase. In der virtuellen 3D-Welt gibt es rund 90 000 Parzellen Land, die man erwerben kann. Zu Beginn ging das noch für wenige Dollars. Jetzt werden die begehrtesten digitalen Grundstücke für mehr als 100 000 Dollar gehandelt.

Du erinnerst dich an mein Kunstmuseum, welches wir zuvor als Beispiel verwendet haben? Dieses Museum, alle Kunstwerke darin, der Museumseintritt, die Art und Weise der Führung und vieles mehr würden durch die Ökonomie in Decentraland gesteuert und reguliert werden. Was passiert aber, wenn alle User in ein neues Metaverse abwandern? Ist meine komplette Investition jetzt hinüber und scheitert gerade mein digitales Unternehmermärchen, weil ich aufs falsche Metaverse gesetzt habe? Meine digitalen Assets sollten theoretisch ihren Wert auch in anderen Metaversen behalten, mir gehört ja das Kunstwerk an sich und nicht nur das Kunstwerk in Metaverse 1 oder 2. Aber wie können sie vom einen Universum ins andere übertragen werden? Entstehen dabei Gebühren? Sind sie technisch überhaupt kompatibel? Du siehst: Es gibt viele Fragezeichen.

«Aktuell steht noch keine Basislinie. Die Welt der NFTs ist wie der Wilde Westen.»

Eine andere Problematik zeigt sich schon heute: die Sache mit dem Urheberrecht. Vielleicht hast du von den «Weird Whales» gehört. Die herzerwärmende Geschichte eines 12-jährigen Jungen, der 3350 computergenerierte Pixel-Wale als NFT-Projekt lancierte und so die Liebe zum Programmieren weiterentwickeln konnte. In kürzester Zeit sprangen die Preise für die Wale rasant nach oben, der Junge hatte eine sechsstellige Summe verdient und Medien weltweit berichteten über das Projekt. Einige Tage später nahm sich ein User Zeit, um die Pixel-Wale zu googeln, und entdeckte, dass einige Designs offenbar identische Kopien eines anderen Künstlers waren.

Bis heute ist unklar, wie viel «Design-Diebstahl» involviert gewesen ist. Fakt ist: Die Besitzer begannen sofort, ihre pixeligen Wale wieder zu verkaufen – natürlich unter massiven Verlusten. Wären die Pixel-Wale die Hauptattraktion in meinem digitalen Museum gewesen, wäre ich jetzt gerade in den virtuellen Ruin getrieben worden und meine Crypto-Wallet wäre blank. NFTs sollten das digitale Urheberrechtsproblem lösen, werden aber teilweise fürs Gegenteil missbraucht.

Mein Haus. Mein Auto. Mein NFT.

Auf LinkedIn, Twitter, Instagram und Co. ist man nicht mehr dabei, wenn kein neuer digitaler Avatar das eigene Profilbild ziert. Geprotze 2022: Mein Haus, mein Auto, mein NFT. Was nie fehlen darf, sind der Preis, welcher bezahlt wurde, und die Prophezeiung, dass dieser Avatar irgendwann alles verändern wird. Bei all dem Hype gehen gerne die erwähnten Problemstellungen unter oder werden beiseitegeschoben. Themen wie künstliche Verknappung, stromfressende Blockchain-Protokolle und entsprechend desaströse Energiebilanzen möchte ich jetzt gar nicht anschneiden. Damit könnte man nochmals ein ganzes Heft füllen.

Was mir in diesem Abschnitt wichtig ist, lässt sich einfach zusammenfassen: Verfall nicht der FOMO (Fear Of Missing Out). Weisst du, wieso viele Besitzer von NFTs sie so hypen? Weil sonst ihr NFT an Wert verlieren würde. Denn aktuell steht noch keine Basislinie. Es ist der Wilde Westen – und ich wäre froh, wenn du wirklich nur ziehst, wenn du dir sicher bist, dass dir nicht Butch Cassidy und Sundance Kid gegenüberstehen. Disclaimer: Ich besitze selbst eigene NFTs und habe mit meinem Unternehmen schon ein eigenes Projekt lanciert. Ich bin weit weg von einem Hater – aber ich hätte gerne ein wenig mehr Sub­stanz in der Diskussion als einfach nur blanken Hype und Marktschreiergedöns.

Trend zur digitalen Zweitwohnung?

Das Metaverse soll die Zukunft von Arbeit, Unterhaltung und gesellschaftlicher Interaktion sein – aber welches? Das von Meta? Warum nicht lieber das von Microsoft, Amazon oder einem anderen Player? So sehr ich die Technologie und den Gedanken hinter dem Metaverse, NFTs und diesem gesamten Push liebe, so sehr habe ich das Gefühl, dass diese neue Welt Zeit braucht. Zeit, die ihr aktuell durch bedingungslosen Hype nicht gewährt wird. Zeit, die nötig ist, um gewisse Standards zu entwickeln. Zeit, um echte Anwendungsbeispiele zu schaffen. Und Zeit, damit diese Anwendungsbeispiele bei der breiten Masse auch wirklich ankommen.

«Das Metaversebraucht Zeit, die ihm durch den bedingungslosen Hype nicht gegeben wird.»

Aber wie so oft werden wir hier wohl zuerst den ganzen Karren einmal so richtig an die Wand fahren, damit nach einer Bereinigung die Technologie und die Gesellschaft wirklich bereit für den Wandel sind. Zum Abschluss meines Gedankenergusses wartest du jetzt bestimmt darauf, dass ich all mein Geschwurbel auf eine Kernaussage zusammenfasse. Mach ich gerne.

Virtuelle Welten? Nichts Neues. Digitale Besitzurkunden? Tolle Technologie, die falsch interpretiert wird. Der Hype? Lebt von Halbwissen und Glückstreffern. Was aber neu und faszinierend ist, ist der Schalter, der durch die Covid-Zeit in den Köpfen unserer Gesellschaft umgelegt wurde. Der Schalter, dass Avatare, virtuelle Events und digitale Kunst keine Nischen für Nerds, sondern vielleicht die Zukunft unserer Kommunikation sind. Die wahre Revolution passiert – einmal mehr – in unserem Kopf.

Kurz erklärt

Digitale Plattformen oder Videospiele wie Roblox, Minecraft oder Fortnite sind über die Jahre zu digitalen «Räumen» mit nahezu echten Erlebnissen geworden. Solche virtuellen Erlebnisse und Räume wurden durch den Venture Capitalist Mattew Ball als Metaversen bezeichnet. Diese Definition prägt seitdem den Diskurs.


* Roger Hämmerli ist Founder und Managing Partner des Digital Content Newsroom Andy Was Right.

Der Wächter Alan Rusbridger

Als Guardian-Chefredaktor hat Alan Rusbridger digitale Pionierarbeit geleistet, den NSA-Skandal ans Licht gebracht und bei der Verbreitung der WikiLeaks geholfen. Nun kehrt er zurück in den Journalismus. Ein Gespräch.

(Illustration: Silvan Borer)

m&k: Alan Rusbridger, wir sprechen zu einem spannenden Zeitpunkt miteinander: Sie sind gerade dabei, dem Magazin «Prospect» neues Leben einzuhauchen; ein monatlich erscheinendes Blatt für Politik, Kultur und Debatte im Vereinigten Königreich.

Alan Rusbridger: Ja, es ist das erste Mal in meiner Karriere, dass ich ein Monatsmagazin verantworte, und gerade haben wir die erste Ausgabe abgeschlossen. Wir mussten heute alles in Druck geben, was mit einigen Herausforderungen verbunden war, und dann haben wir die Website gestartet und hatten auch damit einige Schwierigkeiten. Aber – toi, toi, toi – nun scheint der Launch geglückt.

 

Nachdem Sie zwei Jahrzehnte lang der Chefredaktor des «Guardian» waren, wurden Sie zunächst Rektor am Lady Margaret Hall College in Oxford. Was hat Sie nun zur Rückkehr in den Journalismus bewogen?

Auch während ich in Oxford tätig war, habe ich den einen oder anderen Artikel geschrieben. Ich habe ausserdem regelmässig Kolumnen veröffentlicht und zwei Bücher fertiggestellt; mit dem Schreiben habe ich also nie aufgehört. Wissen Sie, dafür bleibt ja kaum Zeit, wenn man eine Zeitung wie den «Guardian» leitet. Da kann man parallel nicht Reporter sein. Und das wollte ich eigentlich – wieder vermehrt als Reporter arbeiten. Dann hat mir «Prospect» die Chefredaktorenstelle angeboten und ich habe zugesagt. So spielt es manchmal, das Leben.

 

Man kann da durchaus einige Parallelen zu Ihren frühen Jahren beim «Guardian» erkennen: In einem Ihrer Bücher notieren Sie, dass Sie dort anfangs weder Redaktor, geschweige denn Chefredaktor werden wollten. Sie wollten «nur» Journalist sein.

Ja, ich bin dort direkt nach der Universität als einfacher Autor eingestiegen. Und das habe ich sechs Jahre lang mit Freude gemacht. Dann habe ich fast drei Jahre lang Kolumnen geschrieben. In den ersten neun oder zehn Jahren meiner journalistischen Laufbahn habe ich also nie über eine Stelle als Redaktor nachgedacht. Ich war überzeugt, da hätte man ein ziemlich langweiliges Leben (lacht). Redaktoren waren für mich Leute, die nie ihr Büro verlassen und nie das empfinden dürfen, was für mich die «Freude an aktueller Berichterstattung» ist. Aber dann wurde ich von meinem Vorgesetzten darum gebeten, selbst ein wenig zu redigieren, und stellte fest, dass mir das ganz gut gefiel.

 

Welche Rolle spielten persönliche Ambitionen für Ihren Aufstieg innerhalb der «Guardian»-Hierarchie?

Das ist eine interessante Frage. Warum werden Menschen befördert? Meiner Meinung nach hat das seltener mit Ehrgeiz zu tun, als man landläufig vermutet. Ich glaube, die ehrgeizigsten Menschen sind manchmal dann jene, die am Ende doch keinen Erfolg haben, weil sie beinahe zu «hungrig» sind; weil sie zu energisch versuchen, andere aus dem Weg zu drängen. Ich glaube, es gibt wichtigere, aber immer noch weithin unterschätzte Aspekte – dass man nett zu den Leuten ist, mit denen man arbeitet; dass man nicht launisch oder überbordend pessimistisch agiert. Dass man bereit ist, sich einzubringen; dass man ein gutes Urteilsvermögen und einen ausgeprägten Sinn für Humor hat.

«Meine zwanzig Minuten Musik am Tag helfen mir, bei klarem Verstand zu bleiben.»

Wenn in Hollywood-Filmen grosse Medienunternehmen gezeigt werden, haben diese sehr oft einen exzentrischen, strengen Chefredaktor, der nur schreiend mit seinem Team kommuniziert. «Wir müssen das bis morgen früh gedruckt haben, sonst rollen hier Köpfe!» … Aber die Attribute, die Sie schildern, sind das genaue Gegenteil dieses Klischees.

Ich glaube, es gibt tatsächlich ein paar Zeitungen, die so funktionieren; es gibt solche Chefredaktoren durchaus auch heute noch. Das ist wohl auch eine Frage der Unternehmenskultur: Der «Guardian» wird, wie Sie vielleicht wissen, von einer Stiftung getragen; es gab also keine Eigentümerschaft, die Druck auf mich ausübte oder meine Freiheiten einschränkte. Das machte es mir wiederum einfacher, horizontale Strukturen zu etablieren …

 

… und, soweit ich das von aussen beurteilen kann, kontinuierlich auf Innovationen zu setzen: Unter Ihrer Führung wurde der «Guardian» eine der ersten Zeitungen in Europa, die eine konsequente Digitalisierungsstrategie verfolgten. Wie kam es dazu?

Ich habe in den früher 1990er-Jahren eine Reise quer durch die Vereinigten Staaten gemacht. Amerika war da bereits wesentlich «vernetzter» als Grossbritannien. Obwohl die Technologie noch in den Kinderschuhen steckte, konnte man bei Zeitungen wie der «Chicago Tribune» oder der «San Jose Mercury News» und in gewissem Masse auch bei der «New York Times» regelrecht in eine Glaskugel schauen. Beim «Guardian» hatten wir damals … einen Computer. Man musste kein Genie sein, um zu denken: «In zehn Jahren werde ich die ganze Zeitung mit Lichtgeschwindigkeit auf meinem Computerbildschirm empfangen, ohne jegliche Vertriebskosten. Und das wird nicht gut für das Medium Print sein.» Als ich wieder in England war, hatte ich das Gefühl, dass ich meine Kolleginnen und Kollegen «wachrütteln» muss. Und das war der Beginn eines Prozesses, der sowohl aufregend als auch, ja, manchmal ein wenig beängstigend war.

Alan Rusbridger war nicht nur Chefredaktor des Guardian, sondern hat auch Sachbücher über Journalismus und Musik verfasst. (Illustration: Silvan Borer)

Da Sie diese Dualität ansprechen: Fiel es Ihnen leicht, grundlegende Veränderungen in Ihrer Branche anzunehmen, oder wünschten Sie sich manchmal zurück in weniger aufreibende Zeiten?

Was ich sagen kann, ist, dass ich wahrscheinlich zu jedem anderen Moment innerhalb der vergangenen dreihundert Jahre eine andere Art von Redaktor gewesen wäre als jener, zu dem diese Zeiten des Umbruchs mich machten. Niemand wusste ja, wie genau die Geschichte ausgeht – wie die Digitalisierung sich entwickeln, was bleiben und was vergehen würde. Hätte man da postuliert: «Ich bin der Messias. Folgt mir, ich werde euch in das gelobte Land führen», dann wäre man a priori zum Scheitern verurteilt gewesen. Vielmehr musste man verschiedene Gruppen von Menschen ins Boot holen – die, die voll und ganz hinter dem Projekt standen und die Notwendigkeit der Digitalisierung erkannten; jene, die bereit waren, sich von guten Argumenten überzeugen zu lassen … und dann noch die, die das alles für verrückt hielten (lacht).

 

Wie blieben Sie Skepsis und Widerspruch gegenüber offen? Mit zunehmender Verantwortung in einem Unternehmen oder einer Redaktion nimmt ja oft die Anzahl derer, die einen kritisieren, ab …

Ja, das macht ein so grosses Projekt wie die Implementierung einer Digitalstrategie noch komplexer. Man muss Menschen um sich herum haben, die weitestgehend mit einem d’accord sind, sonst bekommt man nichts zustande. Gleichzeitig muss man aber auch bereit sein, Gegenargumente zu hören. Es ist also eine Gratwanderung. Meine Methode ist es immer gewesen, so viel wie möglich mit den Leuten zu sprechen, gerade in herausfordernden Situationen. Man muss kontinuierlich erklären, was man tun will, warum man es tun will, und bereit sein, von den Kolleginnen und Kollegen zu lernen.

«Lernen» ist ein gutes Stichwort: Journalisten auf der ganzen Welt haben von Ihnen und Ihren Kollegen gelernt; insbesondere, wenn es um investigativen Journalismus geht. Sie haben einen Pulitzer-Preis für die Veröffentlichung der NSA-Ent­hüllungen erhalten, Sie haben über Wiki­Leaks berichtet. Der «Guardian» geriet in den Fokus von Regierungen und Geheimdiensten, es gab Einschüchterungsversuche. Wie brachten Sie die Courage auf, immer weiter­zumachen?

Nun, ich denke, darauf gibt es zwei Antworten. Die eine ist: Das ist unser Job.

 

Das ist eine charmante Betrachtungsweise, weil sie so nüchtern klingt.

Es gibt einen sehr vulgären britischen Ausdruck, der lautet: «Piss or get off the pot.» Gibt es dafür eine Entsprechung in der Schweiz? Wenn du nicht pinkeln willst, dann geh runter von der Toilette und lass jemand anderen drauf … (lacht). Wenn ich an die Menschen denke, die wirklich Risiken eingegangen sind – Reporter, die Monate, manchmal Jahre ihres Lebens an einer Geschichte arbeiteten, die sich in gefährliche Situationen begaben –, dann war meine Aufgabe, diese Storys auf zuverlässige Art und Weise in die Zeitung zu bringen, ein Klacks dagegen. Aber wenn einem das trotzdem Angst macht, dann sollten man nicht Chefredaktor werden. Die zweite Antwort ist, und das nimmt Bezug auf das, was ich vorhin gesagt habe: Wenn man ein wunderbares Team und eine Organisation hat, die ein bestimmtes Idealbild von Journalismus verteidigt, dann schöpft man daraus seine Kraft. Manchmal brauchten wir ausgezeichnete Technologen, die Dinge verschlüsselten und uns sagen konnten, wie wir uns im digitalen Raum verhalten sollen. Wir hatten fantastische Anwälte, die selbst sehr mutig und clever agiert haben. Manchmal ging es auch um PR: Als wir etwa die Snowden-Storys brachten und ich deshalb sogar vor dem Parlament aussagen musste, hatten wir Unterstützung in der Öffentlichkeitsarbeit. Alle Beteiligten halfen und stützten sich gegenseitig.

«Wer sich als Messias darstellte, der die Zeitung ins gelobte Landführt, war a priori zum Scheitern verurteilt.»

(Illustration: Silvan Borer)

Wir haben darüber gesprochen, wie sich der Journalismus, wie sich die redaktionelle Seite der Dinge verändert hat. Wie hat sich denn die Leserschaft in den vergangenen Jahren entwickelt?

Es scheint fast etwas platt, das heute zu sagen, aber vor zwanzig Jahren war das nicht unbedingt offensichtlich: Journalismus bedeutete drei Jahrhunderte lang, dass wir praktisch «senden» konnten, was wir wollten. Man publizierte ein und dieselbe Nachricht für Hunderte, Tausende, Millionen von Menschen, und es gab keinen Möglichkeit für diese, darauf zu reagieren. Ausser vielleicht, der Redaktion einen Brief zu schreiben. Journalisten hatten also die totale Kontrolle. So sah die Welt noch aus, als ich 1995 die Leitung des «Guardian» übernahm. Heute gibt es vier Milliarden Menschen auf der Erde, die die Möglichkeit haben, ihre Meinung zu äussern, zu berichten oder das Gelesene infrage zu stellen. Es war und ist, denke ich, das Schwierigste für Journalisten, diese Tatsache anzunehmen. Wir hatten das Spielfeld lange für uns allein. Und jetzt fordern die Leute uns heraus, beleidigen uns und sind unhöflich zu uns. Oder betätigen sich selbst als Reporter. Ich kann mir nichts vorstellen, das das Gefühl der Exklusivität, das Journalisten so lange Zeit hatten, stärker untergraben würde.

 

Was ist Ihrer Meinung nach eine angemessene Reaktion?

Man kann auf verschiedene Arten reagieren. Einige Nachrichtenorganisationen haben sozusagen die Zugbrücke hochgezogen: «Wir wissen, dass die Leserschaft da draussen ist, aber wir wollen nichts von ihnen hören. Wir wissen nicht, wie wir eine Beziehung aufbauen sollen, also wollen wir diese Beziehung lieber gar nicht haben. Und wenn dieses oder jenes auf Twitter über uns gesagt wird, sind wir nicht interessiert.» Andere hingegen haben kein Problem damit, mit der Leserschaft zu interagieren, und fördern sogar, dass man sie korrigiert. Die sagen dann beispielsweise: «Oh, Sie sind ein Gehirnchirurg. Sie wissen wahrscheinlich mehr über das Thema als unser Medizin-Korrespondent. Vielleicht möchten Sie ja einige unserer Artikel kritisch analysieren, ehe wir sie publizieren?»

«Es gibt einen sehr vulgären britischen Ausdruck: ‹Wenn du nicht pinkeln willst, dann runter von der Toilette!›»

 

Glauben Sie denn, dass die Leserinnen und Leser Zeit für so etwas haben; dass ihnen überhaupt noch Zeit und die nötige Aufmerksamkeit für anspruchsvollen, tiefgründigen Journalismus bleibt?

Es mag wie eine weitere Plattitüde klingen, aber in der Tat hat sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren mit der Erfindung von Smartphones und Tablets alles beschleunigt: Die Leute schalten morgens ihr Mobiltelefon ein und wollen den ganzen Tag über pointiert auf dem Laufenden gehalten werden. Der geistige Raum zum Nachdenken, die Zeit, in der man mit Menschen spricht, ein Buch liest oder recherchiert, ist viel weniger geworden. Das bedeutet aber auch, dass der Journalismus – zum Beispiel mit einem Monatsmagazin wie «Prospect» – die Chance hat, diesen Raum wieder zu öffnen. Darüber hinaus halte ich es für essenziell, dass wir dem Motto «Escape the echo chamber» folgen. Ich habe den Eindruck, dass viele Themen nur noch vor dem Hintergrund einer extremen Polarisierung thematisiert werden. Aber Dinge sind nicht immer nur links oder rechts, nicht immer nur schwarz oder weiss. Es ist so wichtig, dass die Menschen zwei Seiten einer Frage kennen, drei Seiten einer Frage. In Grossbritannien gibt es zum Beispiel die wichtige Diskussion über die Rechte von Transpersonen, die sich zunehmend als unmöglich erweist, weil die Argumente von beiden Seiten derart mit Wut und Frustration aufgeladen sind. In meiner ersten Ausgabe von «Prospect» sprechen daher Vertreter zweier unterschiedlicher Positionen über das Thema; wir stellen gegen­läufige Thesen nebeneinander. In der Hoffnung, dass sich so ein ruhiger, reflektierter Dialog ergibt.

«Redaktoren waren für mich Leute, die nie ihr Büro verlassen und nie das empfinden dürfen, was für mich die ‹Freude an aktueller Berichterstattung› ist.»​

Eine grosse Aufgabe.

Nun, in dem Essay, den ich für die erste Ausgabe des Magazins geschrieben habe, sage ich der Leserschaft: «Wir werden Ihnen nie diktieren, was Sie wählen oder denken sollen.» Aber wir werden den Menschen Optionen geben. Ich empfinde es als grosse Befreiung, dass ich mich nicht für eine Seite entscheiden muss. Und der Sinn des Magazins ist nicht, die eine oder andere Seite des politischen Spek­trums zu unterstützen. Ich kann mir gut vorstellen, viele Dinge zu veröffentlichen, bei denen ich persönlich mich unwohl fühle oder mit denen ich nicht einverstanden bin – denn das spielt keine Rolle! Und das ist ungeheuer spannend, weil es bedeutet, dass wir Ideen folgen können, mit denen wir uns selbst ebenso wie unsere Leserschaft herausfordern.

 

In Ihrem Buch «Play It Again» schreiben Sie darüber, wie Sie ein hochkomplexes Chopin-Stück lernten, um sich vom Stress des Berufsalltags zu erholen. Welche Rolle spielt die Musik in Ihrem Leben?

Viele Berufe können zu einer Art der Besessenheit führen; das ganze Leben beherrschen. Und ich denke, das gilt ganz besonders für den Journalismus, denn – na ja, Nachrichten gibt es immer. Die Tatsache, dass man Feierabend macht und ins Bett geht, hält die Nachrichten nicht davon ab, zu «erscheinen». Man muss also etwas finden, das einem hilft, von Zeit zu Zeit zu «entkommen». Ich lese den ganzen Tag im Büro, deswegen fällt es mir schwer, damit zu entspannen. Meine zwanzig Minuten Musik am Tag helfen mir viel besser, bei klarem Verstand zu bleiben (lacht). Als ich «Play It Again» schrieb, sprach ich mit einer Reihe von Neurowissenschaftlern und bat sie um eine wissenschaftliche Einschätzung: Sie sagten mir, simpel gesprochen, dass man beim Musizieren einfach einen anderen Teil des Gehirns benutzt und dass das gut ist. In diesen zwanzig Minuten ruht sich der Teil des Gehirns aus, der sonst zwanghaft über Nachrichten nachdenken würde. Ich kann es nicht vollständig beweisen, aber es scheint sehr hilfreich zu sein, um ein Gleichgewicht zu finden.


Alan Rusbridger, geboren 1953, ist ein britischer Journalist und Autor. Von 1995 bis 2015 war er Herausgeber und Chefredaktor der Tages­zeitung «The Guardian», die er mit einer innovativen Online-Strategie zu einer der meistgelesenen Publikationen der Welt entwickelte. Für die unerschrockene, investigative Berichterstattung etwa zu den NSA- und WikiLeaks-Enthüllungen erhielten Rusbridger und sein Team diverse Preise, etwa den Pulitzer, den Europäischen Pressepreis und den Alternativen Nobelpreis. Seit 2020 ist Alan Rusbridger Chefredaktor des Magazins «Prospect», nebenbei schreibt er Bücher über Journalismus, ausserdem Kinder- und Drehbücher.

Digital-Ad-Trust- Zertifizierung wird noch strenger

Onlinewerbung boomt seit Jahren. Leider gibt es mit der Sichtbarkeit der Werbemittel, dem Ad Fraud und der Brand Safety auch einige Herausforderungen! Die Initiative «Digital Ad Trust Switzerland» ist genau diese Problemfelder Anfang letztes Jahr mit einer Zertifizierung der Publisher angegangen. Dieses Jahr werden die Anforderungen dazu angepasst und gesteigert. Ein Rück- und Ausblick.

(Bild: Unsplash.com)

Die drei Werbeverbände IAB Switzerland, Leading Swiss Agencies (LSA) und der Schweizer Werbe-Auftraggeberverband (SWA) haben im Februar 2021 mit der Gründung des Vereins «Digital Ad Trust Switzerland» ihre Kräfte gebündelt, um den Marktbedürfnissen in Bezug auf mehr Transparenz in der Digitalwerbung Rechnung zu tragen. Ähnliche Initiativen gibt es ebenfalls in anderen europäischen Ländern. Mittlerweile sind mit «20 Minuten», Audienzz, Bluewin, Goldbach Audience, Ringier Netzwerk, Ringier AxelSpringer, Teads und Watson acht der grössten Schweizer Publisher und damit ca. 75% des Gesamtmarktes zertifiziert. Bei einigen Publishern klappte die Zertifizierung auf Anhieb, bei anderen musste an der einen oder anderen Website des Publi­shers zuerst einiges optimiert werden, damit die strengen Zertifizierungsbedingungen eingehalten werden konnten.Die grösste Herausforderung für viele Publisher war die Sichtbarkeit der Werbemittel, die im gewichteten Durchschnitt über die vier Werbemittel «Wideboard», «Halfpage Ad», «Medium Rectangle auf Desktop» und «Medium Rectangle auf Mobile» 55% betragen muss. Ein ähnliches Problem war der Ad Fraud. Dieser darf auf keinem Werbemittel mehr als 2% betragen, um die Zertifizierung zu erhalten. In einigen wenigen Fällen wurden bei ersten Kontrollen bis zu 5% registriert. Um dies zu verbessern, zahlt es sich aus, dass die meisten Publisher mit dem Verification-Anbieter IAS zusammenarbeiten. Gemeinsam konnten so viele Problemfelder gelöst und der Ad Fraud auf unter 2% reduziert werden.

Impact für die Werbeauftraggeber

Ein wichtiger Punkt für die Transparenz war auch die Ausweisung der durchschnittlichen oder indikativen Sichtbarkeitswerte in den Preislisten. Dazu hatten sich die Publisher schon im Jahr zuvor freiwillig verpflichtet, noch nicht alle hatten dies aber umgesetzt. Auch dieser Punkt wurde im Rahmen der Zertifizierung nun eingefordert und kontrolliert. Alle zertifizierten Publisher geben ihre Sichtbarkeitswerte inzwischen bekannt.

Bereits nach sechs Monaten erfolgte eine weitere Kontrolle der bereits zertifizierten Publisher. Aufgrund dieser waren bei einigen Publishern weitere Anpassungen notwendig. Dies zeigt, dass diese Initiative für Transparenz sorgt und einen klaren Impact für die Werbeauftraggeber hat. Jetzt ist es an den Auftraggebern und Mediaagenturen, darauf zu achten, Werbung auf Websites zu buchen, welche von Digital Ad Trust zertifiziert sind. Zudem sollten sich Werbeauftraggeber ebenfalls die zertifizierten Websites/Publisher transparent auf den Mediaplänen ausweisen lassen.

«Die grösste Herausforderung liegt darin ,dass die Werbetreibenden auf das ‹Gütesiegel› achten.»

Das Ziel der zertifizierten Publisher ist es, den Werbeauftraggebern qualitativ hochwertiges Inventar zur Verfügung zu stellen. Das wünschen sich auch die Kunden und Agenturen und haben deshalb entschieden, die Messlatte für die Sichtbarkeit ab diesem Jahr von 55% auf 60% zu erhöhen. Erfreulicherweise erreichen einige der Publisher diesen Wert bereits heute. Mit bis zu 85% Sichtbarkeit liegen die Besten sogar deutlich darüber. Das ist ein Ansporn, dass auch weitere Publisher eine Steigerung der Sichtbarkeit erreichen. Wenn Werbeauftraggeber ihr Werbegeld bei Schweizer Publishern investieren, müssen sich diese in der Regel keine Sorgen um die Brand Safety machen. Einerseits weil es sich bei allen zertifizierten Publishern um renommierte Anbieter handelt, und andererseits, weil Brand-Safety-Probleme eher bei der Buchung von Nischenwebsites bei zweifelhaften ausländischen Anbietern entstehen. Überraschungen kann es auch bei der Buchung von grossen internationalen Netzwerken geben. Vor allem, wenn dort programmatisch oder auf Websites geworben wird, welche keinen ausreichenden Brand-Safety-Schutz bieten. So kann ­Werbung schliesslich auf unerwünschten Websites mit ex­tremistischen Inhalten oder auf illegalen BitTorrent-Download-Websites landen. Zum Schutz der Marken im Internet hat Digital Ad Trust bereits letztes Jahr in Zusammenarbeit mit Zulu5 eine Brand-Safety-Studie veröffentlicht. Diese zeigte auf, dass es noch (zu) viele Werbeeinblendungen auf potenziell markenschädlichen Websites gibt. Wobei «potenziell markenschädlich» für jedes Unternehmen und jede Marke indivi­duell analysiert werden muss.

So oder so möchten die wenigsten Werbetreibenden, dass ihre Werbung zum Beispiel auf einer rechtsradikalen Website wie «breitbart.com» ausgeliefert wird. Es geht hier am Ende auch um «Brand Suitability», und damit um die Eignung von Werbung und Inhalt. So möchte vielleicht ein Luxusbrand nicht auf einer Gratis-Spiele-App ausgeliefert werden, selbst wenn das Spiel harmlos ist.

Die Initiative Digital Ad Trust Switzerland blickt auf ein erfolgreiches erstes Jahr zurück. Für die kommenden Jahre gibt es noch viel Arbeit: Neben den laufenden Anpassungen der Anforderungen an die Zertifikate soll in Kürze auch das stark wachsende Video-Inventar zertifiziert werden. Und die aktuell grösste Herausforderung liegt darin, dass jetzt die Werbetreibenden auf das «Gütesiegel» Digital Ad Trust achten.


* Daniel Hünebeck ist Projektleiter bei Digital Ad Trust Switzerland

Die Stimme der Macht

Als Kommunikationschefin von Barack Obama und Hillary Clinton half Jennifer Palmieri dabei, die Botschaften der Mächtigen in die Welt zu tragen. Heute schreibt sie Bestseller, setzt sich für Gleichberechtigung ein – und warnt vor einer Rückkehr der Populisten. Was hat sie uns zu sagen?

(llustrationen: Silvan Borer)

Johannes Hapig: Jennifer Palmieri, Sie blicken auf eine beeindruckende Karriere zurück. Sie waren Kommunikationsdirektorin sowohl von US-Präsident Barack Obama als auch im Wahlkampf von Hillary Clinton; sind Bestsellerautorin, Beraterin und haben eine eigene TV-Show. Dabei begann Ihre Laufbahn ganz bescheiden.

Jennifer Palmieri: Das stimmt. Ich inte­ressierte mich zwar früh für Politik, aber das hatte zunächst einen familiären Hintergrund. Ich wurde in Pascagoula, Mississippi, geboren, wo meine Mutter als Freiwilligenkoordinatorin für die Kongresskampagne des Republikaners Trent Lott tätig war. Sie nahm meine beste Freundin und mich öfters zu politischen Kundgebungen mit, liess uns Plakate aufstellen, an Türen klopfen … mir hat das viel Spass gemacht. Nachdem Trent Lott gewählt worden war, verfolgte ich seine Karriere in den Nachrichten. Er ging nach Washington, war bei den Watergate-Anhörungen dabei, was mir wahnsinnig imponierte. Als ich zehn Jahre alt war, schrieb ich sogar eine Buchbesprechung zu «All The President’s Men», und meine Lehrer sagten zu meiner Mutter: «Vielleicht ist dieser Stoff ein bisschen zu ‹erwachsen› für ein junges Mädchen?!» (lacht) Die Leidenschaft jedenfalls war entfacht.

«Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hat viel Macht, ja – aber nur wenig Kontrolle.»

 

Während des Studiums bewarben Sie sich als Praktikantin beim Kongressabgeordneten Leon Panetta, der wenig später zu Bill Clintons Stabschef wurde. Panetta machte Sie zu seiner persönlichen Assistentin – so wurden Sie mit nur 26 Jahren ins Weisse Haus «befördert».

Ehrlich gesagt, war ich in dem Alter gar nicht besonders begeistert davon, die persönliche Assistentin von jemandem zu sein. Ich dachte, es wäre eine Art Rückschritt in meiner Karriere. Ich wollte das höchstens für sechs Monate machen und schauen, wie es läuft. Aber am Ende hatte ich den Job zweieinhalb Jahre lang – und ich habe in keiner anderen Funktion jemals mehr gelernt.

 

Sie müssen in der Clinton-Administration einen hervorragenden Eindruck gemacht haben, denn Pressesprecher Mike McCurry bat Sie, in sein Team zu wechseln und von der Verwaltung in die Kommunikation zu gehen .

Das war total seltsam für mich, weil ich keine Erfahrung im Umgang mit den Medien hatte. Um ehrlich zu sein, hatte ich schreckliche Angst vor der Presse (lacht). Aber Mike vertraute mir, und ich wurde positiv überrascht: Ich begann, Reporter zu mögen! Sie waren sehr klug, sehr gut informiert. Ein bisschen zynisch vielleicht, aber mir gefiel das.

 

Es folgten verschiedene Positionen innerhalb der demokratischen Partei. Ein konstanter Aufstieg, bis Sie schliesslich 2013 Kommunikations­direktorin der Obama-Regierung wurden. Eine unvorstellbar herausfordernde Aufgabe.

Wissen Sie, die Leute denken, dass der Präsident der Vereinigten Staaten eine enorme Machtfülle besitzt. Ja, er hat Macht, aber er hat nur sehr wenig Kontrolle. Und das gilt auch für sein Team: Wenn man im Weissen Haus arbeitet, ist man permanent mit Dingen konfrontiert, die man selbst nicht zu beeinflussen vermag. Alles, was auf der Welt passiert, kann sich auf den eigenen Arbeitsalltag auswirken und auf die Entscheidungen, die man treffen muss. Aus allen Richtungen rasen Ereignisse und Nachrichten auf einen zu, die man nicht hatte kommen sehen. Von einem langjährigen Mitarbeiter der Präsidenten Nixon und Ford ist deshalb das Zitat überliefert, die Arbeit im Weissen Haus sei «wie Squash spielen»: Wenn man einen Ball gegen die Wand drischt, prallt er ab und kommt zurück. Aber die genaue Flugbahn erkennt man erst im letzten Moment. Wichtiger als die Jagd nach einer «perfekten Schlagzeile» schien mir deshalb immer, dem Präsidenten ein konstantes Narrativ zu geben.

 

Können Sie das näher ausführen?

Im Weissen Haus kann man zwar sagen: «Diese Woche werden wir uns auf diese oder jene Botschaft konzen­trieren», aber meistens wird jeder noch so kluge Kommunikationsplan durch externe Faktoren gefährdet. Das kann ein Disput im Kongress sein, die Wirtschaft oder irgendetwas anderes, das auf der Weltbühne passiert. Ich habe mich deswegen immer als Erstes gefragt: «Wie stellen wir sicher, dass auch in der Reaktion auf das Tages­geschehen – was immer dieses sein mag – grundlegende Qualitäten des Präsidenten offenbar werden?» Konsistenz prägt sich bei den Menschen ein. Sie bekommen ja nur ganz flüchtige, kurze Einblicke in den politischen Betrieb – also müssen diese in sich stimmig sein. Egal, ob der Präsident über eine Entscheidung in der nationalen Sicherheit, über Unternehmenssteuern oder über Aussenpolitik spricht: Jede Aussage, jeder Kommentar muss im Kleinen reflektieren, wofür er im Grossen steht.

Es gibt ja gewisse Vorurteile gegenüber Kommunikationsprofis in der Politik. Einige Ihrer Kolleginnen und Kollegen werden als «Spin Doctors» bezeichnet, die versuchen, Nachrichten einen vorteilhaften Dreh zu verleihen.

Es gibt in unserem Metier tatsächlich Personen, die versuchen, «Spin Doctors» zu sein. Sie denken, dass sie einer Geschichte eine neue Wendung geben können, indem sie die Worte von Politikern herumdrehen oder unterschiedliche Interpretationen des Gesagten anbieten. Aber ich bin Demokratin – und wir glauben, dass es fundamental wichtig ist, auf der Seite der Wahrheit zu bleiben. In der Regel ist es am besten, den Medien und der Öffentlichkeit seine ehrlichen Gedanken mitzuteilen, anstatt zu versuchen, etwas zu verbergen oder zu verschleiern. Ich rate aktiven Kolleginnen und Kollegen in der politischen Kommunikation: Erläutern Sie das Handeln Ihrer Administration. Vergewissern Sie sich, dass alle verstehen, was Sie antreibt. Am Ende werden Sie gewiss nicht mit allem zufrieden sein, was die Presse schreibt, denn Journalisten haben wiederum einen eigenen Blick auf die Dinge. Aber zumindest bewahren Sie Ihre Glaubwürdigkeit.

 

Die Obama-Regierung hat Humor als beeindruckendes Kommunikationsmittel eingesetzt. Der Präsident trat im Late-Night-TV auf und verkündete seine Gesundheitsreform in Form eines Blues-Songs. Auch liess er sich unter anderem auf eine Folge der berüchtigten Show «Between Two Ferns» ein. Wie gleist man so etwas auf?

Wir haben ständig Wege gesucht, wie Barack aus einem Umfeld ausbrechen kann, in dem er nur vom Pressekorps des Weissen Hauses gehört wird. Ob das nun bedeutet hat, in Sendungen wie «Ellen» und «The View» aufzutreten oder eben in einer Late-Night-Show. Manchmal habe ich mich schon gefragt, ob bestimmte Dinge vielleicht «zu viel» sind, ob sie vielleicht, nun ja, «unpräsidial» wirken könnten. Aber im Grossen und Ganzen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es gut für den amerikanischen Präsidenten ist, die Popkultur zu reflektieren – schliesslich ist er ein Spiegelbild Amerikas. Ausserdem bin ich überzeugt, dass es in der Kommunikation zwar keine risikofreien Entscheidungen gibt; aber wenn man kein Risiko eingehen will, dann hat man sowieso schon verloren.

Wo Sie davon sprechen, «ein Risiko einzugehen»: Würden Sie sagen, dass Sie das getan haben, als Sie 2015 die Obama-Regierung verliessen und in das Wahlkampf-Team von Hillary Clinton eintraten?

Ich hätte die Präsidentschaft von Obama mit ihm zusammen «abschliessen» können, sicher. Aber ich hatte ja mehrere Jahre lang für Bill Clinton gearbeitet und viele, viele schwierige Situationen mit ihm und Hillary durchgestanden. Ich kannte sie wirklich gut. Und daher war ich sicher, dass ich in einer besonders vorteilhaften Position bin, um sie zu unterstützen. Sicherzustellen, dass Hillary gewinnt, war, wie Präsident Obama zu sagen pflegte, für das «Gesamtunternehmen» genauso wichtig wie die Arbeit für ihn. Übrigens denke ich auch heute noch, dass ich wahrscheinlich besser als die meisten anderen Person auf das vorbereitet war, was uns bevorstand. Wenngleich ich nie erwartet hätte, was tatsächlich alles passieren würde.

Denn kurz nachdem Sie Ihre neue Stelle angetreten hatten, wurde das Feld der republikanischen Kandidaten um die Präsidentschaft immer kleiner – und Donald Trump übernahm die Führung. Was hielten Sie damals von ihm?

Am Anfang glaubte ich: «Okay, die Faszination, die er auf manche Menschen ausübt, wird nicht von Dauer sein.» Aber dann machte Trump all diese unglaublich kontroversen Statements. Über Senator John McCain, der im Vietnamkrieg Kerkerhaft und Folter ausgesetzt war, sagte er: «Ich mag Leute, die nicht gefangen genommen werden.» Und da dachte ich zum ersten Mal: «Okay, wenn er das politisch überlebt, überlebt er vielleicht alles.» Wir haben die Debatten der Republikaner beobachtet, wir haben gesehen, dass keiner der anderen Kandidaten in der Lage war, Trump etwas entgegenzusetzen. Manche versuchten es mit höherem Niveau, aber das klappte nicht. Andere haben versucht, sein Spiel zu spielen – und das hat definitiv nicht funktioniert. Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass man Trump niemals übertrumpfen kann. Wir zögerten lange, uns in die Debatten der Republikaner einzumischen, bis wir es schliesslich doch taten. Aber es war asymmetrische Kriegsführung. Es gibt ja so eine Theorie, dass wir Trump als Kandidaten wollten, weil wir angeblich dachten, dass wir gegen ihn einen einfachen Sieg erringen würden. Das Gegenteil war der Fall: Ich war unheimlich besorgt, denn Hillary war nun mal eine eher konventionelle Establishment-Kandidatin und Trump war in jeder Hinsicht unkonventionell. Das machte die Sache für uns viel schwieriger.

 

Weil Sie – sei es in Bezug auf die Kommunikation, sei es in Bezug auf andere Bereiche – nicht mit denselben Mitteln und Techniken gearbeitet haben?

Das «Toolkit», auf das er zurückgriff, war für uns tabu. Hillary stellte Trumps absolute Antithese dar. Sich mit ihm in einen «Wettlauf nach unten» zu begeben, wäre idiotisch gewesen. Denn jemand wie Trump wird immer bereit sein, nochmal eine Stufe tiefer zu gehen. Man hat damals sogar von einigen Demokraten die Forderung gehört, sich den Republikanern in Stil und Duktus anzunähern, à la: «Wir müssen so sein wie Trump und seine Leute, wir müssen fies sein, lügen, uns die Hände schmutzig machen.» Aber ich war und bin da anderer Meinung. Okay, unsere Partei bietet Frustrationspotenzial, weil wir interne Streitigkeiten auszutragen haben. Wir senden mitunter gemischte Botschaften aus, wir sagen nicht alle das Gleiche. Aber: Wir haben die Republik gerettet! Und die Vereinigten Staaten. Amerika steht noch, für den Moment, weil die Demokraten der Wahrheit treu geblieben sind.

«Auch wenn Hillary verloren hat, denke ich, dass sich unsere Vorstellung von Führungsqualitäten insgesamt erweitert hat.»

Wenn Sie sagen, dass Amerika «für den Moment» noch besteht: Meinen Sie damit, dass die Präsidentschaft Joe Bidens eher eine «Pause» ist als das Ende des amerikanischen Populismus?

Ich denke, wir erleben jetzt eine Verschnaufpause; die Präsidentschaft von Biden stellt eine Verschnaufpause dar. Die Zukunft jedoch liegt ungewiss vor uns. Amerika war bisher nur einmal in einer ähnlich prekären Situation, und das war der Bürgerkrieg. So ernst ist die Lage, glaube ich. Aber ich glaube auch, dass es darauf ankommt, wie jeder Einzelne von uns sich verhält – und ich versuche immer, optimistisch zu sein. Es gibt ja durchaus ein paar positive Entwicklungen: Fast jeder, mit dem ich spreche, ob innerhalb oder ausserhalb von Washington DC, möchte, dass die Kluft überwunden wird, die unser Land spaltet. Gemässigte Republikaner fühlen sich dadurch ermutigt und es besteht die Chance, dass sich die Partei langsam von der Ära Trump distanziert. Auch wenn es also 2024 einen republikanischen Versuch geben könnte, die Wahl zu kippen, so wie es 2020 der Fall war, denke ich, dass das amerikanische Volk letztendlich gemeinsam nach vorne gehen will.

«Jeder Kommentar muss im Kleinen reflektieren, wofür der Präsident im Grossen steht.»

In einem Interview sagten Sie einmal, dass Hillary Clinton im Wahlkampf «nur die Hälfte ihrer Menschlichkeit» zeigen konnte. Zum einen, weil sie die erste weibliche Präsidentschaftskandidatin in der Geschichte der USA war und man extrem vorsichtig sein musste, was ihr öffentliches Image anging. Zum anderen aber auch, weil es schwierig war, bestimmte Aspekte ihrer Persönlichkeit hervorzuheben, während Trump permanent krakeelte und beleidigte. Werden Wärme, Empathie und Fürsorge, vielleicht als Attribute einer zukünftigen Präsidentschaftskandidatin, dabei helfen, Wahlen zu gewinnen?

Das kann ich mir gut vorstellen. Auch wenn Hillary verloren hat, denke ich, dass sich unsere Vorstellung von Führungsqualitäten insgesamt erweitert hat. Und dass ein progressiver Kandidat, eine Frau oder ein Mann, mit einer Agenda der Fürsorge und des Respekts gewinnen könnte. Mit einem Blick, der nicht von oben herab auf die Menschen gerichtet ist, sondern auf Augenhöhe signalisiert: «Ich kümmere mich um Sie, und wir kümmern uns alle um einander, hier in den Vereinigten Staaten von Amerika.» Ich glaube, die Menschen wollen nicht nur Wertschätzung erfahren; sie wollen auch auf­gefordert werden, ihren Beitrag zu leisten. Sie wollen zeigen, dass sie etwas schaffen können. Sie wollen beweisen, dass sie geeint beieinander stehen können, auch wenn die dunkleren Seiten der menschlichen Natur uns in eine andere Richtung zu ziehen versuchen.

Ihre zwei Bücher «Dear Madam President» als auch «She Proclaims» sind eine Botschaft an Frauen auf der ganzen Welt, sich Gehör zu verschaffen, sich Herausforderungen zu stellen und Veränderungen zu bewirken. Was hat Sie dazu veranlasst, diese Bücher zu schreiben?

Nach Hillarys Wahlniederlage 2016 wollte ich den Dingen, die ich getan und gesehen hatte, einen Sinn geben. Joan Didion hat einmal gesagt, dass «wir Geschichten erzählen, um zu leben» – und ich hatte diese Erlebnisse, die man eben nicht hat, wenn man nicht mit auf der Clinton-Wahlkampftour dabei war (lacht). Ich wusste, was dort tatsächlich passiert ist. Mir war deutlich geworden, dass wir alle, so progressiv wir auch sein mögen, Vorurteile in unserem Kopf haben, die in das System eingebaut sind und die Menschen zurückhalten. Insbesondere Frauen halten sich selbst zurück, weil sie verinnerlicht haben, dass sie kontinuierlich «besser werden müssen» oder dass sie dieses oder jenes «einfach nicht verdient haben». Dutzende Male am Tag wird Frauen die Botschaft vermittelt, dass sie nicht so wertvoll seien wie Männer; angefangen bei den Sportarten, die wir im Fernsehen präsentiert bekommen, der Musik, die wir hören, den Büchern, die wir lesen – bis hin zu den Menschen, die uns in der Politik vertreten. Genau das wollte ich beleuchten, als ich die von Ihnen erwähnten Bücher schrieb.

«Um ehrlich zu sein, hatte ich eine schreckliche Angst vor der Presse. Aber ich wurde positiv überrascht.»

Wo muss man ansetzen, wenn man für Gleichberechtigung in der Gesellschaft kämpft? Bei den internalisierten Hemmnissen oder den wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen?

Man muss an beidem arbeiten. Beide Bereiche bedingen sich gegenseitig: Sobald Frauen innere Zweifel und Unsicherheiten überwinden, fordern sie mehr von den Rahmenbedingungen, die in der Gesellschaft herrschen. Und vice versa.

 

Wie haben Sie selbst im Lauf Ihrer Karriere patriarchale Strukturen überwunden?

Ich bin eine von vier Schwestern; Brüder habe ich keine. Ich glaube, das hatte einen grossen Einfluss auf mich, weil ich in meiner eigenen Familie nie erlebt habe, dass jemand wegen seines Geschlechts anders behandelt wurde. So bin ich in schwierigen Situationen im Beruf vielleicht a priori couragierter aufgetreten. Dennoch wurden mir die von Ihnen erwähnten Strukturen immer wieder bewusst, während ich im Weissen Haus arbeitete. Natürlich wurde ich dort geschätzt und hatte grossartige männliche Kollegen, die sich dafür einsetzten, dass ich erfolgreich bin. Aber ich habe gemerkt, dass sie schneller aufgestiegen sind als ich. Ich habe gemerkt, dass sie in jüngeren Jahren mehr Erfolg hatten. Lange Zeit habe ich mir eingeredet, dass mir Titel und Gehalt egal sind, als eine Art moralische Stütze, um damit zurechtzu­kommen. Aber irgendwann habe ich angefangen, mich zu wehren und Forderungen zu stellen. Das Gleiche geschah übrigens im Lauf der Clinton-Kampagne: Es gab eine Situation, in der ich mit der Journalistin Mika Brzezinski sprach – und von ihr sehr energisch angespornt wurde, mehr Geld für meine Arbeit zu verlangen. Am nächsten Tag ging ich ins Büro, forderte mehr Gehalt – und wurde die bestbezahlte Person innerhalb der Kampagne. Es geht letztendlich immer darum, womit man sich abzufinden bereit ist – und was man einfach nicht akzeptieren will.

«Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass man Trump niemals übertrumpfen kann.»

Es geht darum, sich Gehör zu verschaffen, metaphorisch und buchstäblich.

Ja. Wir sind einfach so programmiert, dass wir männliche Stimmen deutlicher wahrnehmen als weibliche Stimmen. Es gab sogar Sitzungen mit Hillary, da hat sie etwas gesagt, aber die Leute haben nicht darauf reagiert. Und wenn dann einer unserer männlichen Consultants genau das Gleiche sagte, meinte das Team: «Hey, das ist eine gute Idee!» (lacht). Das waren erleuchtende Momente. Ich sass da und realisierte: Mehr als zwei Jahrzehnte Karriere in Washington hatte ich hinter mir, und noch immer hatte es keine weibliche Präsidentin gegeben. Der amerikanische Kongress hatte einen Frauenanteil von 18 Prozent. Wir müssen aufhören, uns da selbst im Weg zu stehen. Es ist ja nicht so, dass es gar keine Chancen gäbe, aber wenn wir Frauen nicht endlich begreifen, dass wir diese Chancen auch verdient haben – und wenn die Menschen nicht bereit sind, ihre Vorstellungen von Leadership zu erweitern – dann verändert sich nichts.


Jennifer M. Palmieri ist eine US-amerikanische Politikberaterin, Autorin und Medienpersönlichkeit, die von 2013 bis 2015 als Kommunikationsdirektorin des Weissen Hauses und danach als Kommunikationsdirektorin für die Präsidentschaftskampagne von Hillary Clinton tätig war. Palmieri ist Co-Moderatorin der politischen Dokumentarserie «The Circus» auf Showtime und hat mehrere Bestseller veröffentlicht.

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