Automobilbranche Mit einer um 20 Prozent erweiterten Fläche öffnet heute der 73. Internationale Genfer Automobilsalon seine Tore. Ob die Rekordfläche ein gutes Omen für die Branche ist, wird sich weisen.
Fakt ist: Im Marketing haben nahezu alle Hersteller trotz ambitiöser Modelloffensiven die Drehzahl ihrer Werbemotoren reduziert. Fakt ist aber auch: In Sachen Werbung fährt die Autobranche weiterhin den anderen Wirtschaftszweigen davon. Offenbar lassen sich die Autobauer die Stimmung nicht von negativen Prognosen vermiesen. Und das gilt nicht nur für die grössten Werbemärkte der Welt – USA, Japan, Deutschland, England, Frankreich und Italien –, die gleichzeitig Autohersteller-Nationen sind. Abgesehen von Verlagshäusern, die vor allem dank der Eigeninserate die Hitliste der Werbeauftraggeber anführen, platziert sich der Automarkt auch in der Schweiz vor Handel und Finanzen auf dem wahren ersten Platz. Der hiesige Automobilmarkt, der laut Hanspeter Schick, Direktor von Auto-Schweiz, jährlich direkt und indirekt 75 Milliarden Franken umsetzt, zeichnet sich durch einen äusserst dichten und relativ jungen Fahrzeugpark aus. Stolz fahren Herr und Frau Schweizer mit den bestausgestatteten und punkto Hubraum grössten Wagen in der Gegend herum – sieht man einmal ab von den USA. Und im Schnitt kaufen sie alle sieben Jahre einen Neuwagen, Occasionen eingeschlossen – obwohl die durchschnittliche Lebensdauer eines Autos auf über 12 Jahre gestiegen ist. Geht es ums Auto, lässt sich im Wohlstandsland Schweiz nicht eben viel mit rationalen Gründen erklären. Bei Männern schon gar nicht.Das Spargeschrei der LockvögelNichts scheint die Faszination und das Freiheitsversprechen auf vier Rädern zu schmälern. Unfallstatistik, Umweltbelastung und Benzinpreis zum Trotz, der Freizeitgesellschaft liebstes Kind bleibt das Auto. Allerdings setzte die Schweizer Automobilbranche im vergangenen Jahr mit 295109 neuen Personenwagen rund sieben Prozent weniger ab als 2001. Um die Absatzzahlen anzukurbeln, greifen deshalb immer mehr Importeure zu drastischen Lockmitteln. Preisnachlässe bis zu 8000 Franken pro Neuwagen, günstige Finanzierungsmodelle sowie Gratis-Benzin und -Service sind weit verbreitet. «Anders als in den oberen Hubraumklassen, für die das Geld immer noch locker sitzt, setzen Händler von Mittel- und Unterklassewagen vermehrt auf solche strategischen Massnahmen», sagt Martin Schatzmann, stellvertretender Chefredaktor der Automobil Revue. Denn: Nur fahrende Autos steigern den Werbeeffekt, indem sie sich im Bewusstsein der Menschen etablieren, Interesse fördern, Vertrauen erwecken und einen Kaufwunsch auslösen. «Wenn ein neues Modell nach einer gewissen Zeit immer noch nicht auf der Strasse zu sehen ist, dann sind die Konsumenten kaum motiviert, dieses Auto zu kaufen», sagt Schatzmann.
Zwar hat die Autobranche ihre rasante Werbefahrt im vergangenen Jahr wegen der konjunkturellen Baisse leicht gedrosselt (–1,1%), die Bedeutung der Autohändler im Schweizer Werbekuchen nahm aber weiter zu. 9,7 Prozent aller Werbeausgaben oder 363,5 Millionen Franken haben sie in den stotternden Werbemotor fliessen lassen. Allein die Firmenwerbung für Neufahrzeuge steuerte 346,7 Millionen Franken bei. Am meisten profitierten Printprodukte, denn sie kassierten rund 70 Prozent der Werbeaufwendungen.
Früher allerdings standen Zeitungen, Zeitschriften und Fachzeitschriften bei den Werbeleitern der Automarken noch höher im Kurs. Ihr Anteil schmolz in den letzten vier Jahren von gut 75 (1999) auf knapp
70 Prozent. Anteilsmässig verloren die Zeitungen seit 1999 am meisten (–7,8%). Noch deutlicher zeigen sich die Bremsspuren in den Marketingbudgets, wenn man sich den Rückgang in absoluten Zahlen ansieht: Innert vier Jahren verringerten sich die Werbespendings der Autobranche im Print von rund 281 auf 255 Millionen Franken. Auf der Überholspur im Mediamix befand sich das Plakat, das 2002 mit
34,7 Millionen Franken doppelt so viel Autowerbung verbuchte als 1999. Ein logischer Trend, ist auch Pierre C. Meier, Chefredaktor der Fachpublikation Media Trend Journal, überzeugt: «Einerseits lässt sich damit ein neues Modell in seiner Lancierungsphase schnell ‹auf die Strasse› und somit in sein künftiges Umfeld bringen. Zum anderen kann
die emotionale Ansprache in die-sem Medium zusätzlich verstärkt werden.»
Als möglichen Grund dafür, dass die klassische Werbung nicht sonderlich unter dem harzenden Autoverkauf gelitten hat, nennt Hanspeter Schick: «Wenn alles normal läuft, rechnen wir dieses Jahr wegen des hohen Ersatzbedarfs mit einem gleich hohen Absatz. Es bringt schliesslich nichts, immer mit schlechten Szenarien zu operieren.» Wer wagte es bei diesen Aussichten aufs lukrative Neuwagengeschäft, seinen Werbeaufwand herunterzufahren? Auch wenn höhere Werbeinvestitionen nicht immer höhere Verkaufszahlen bedeuten und Werbung nur ein Tool im gesamten Marketingmix darstellt, steht fest, dass zehn der zwölf Big Spender im Automarkt zu den absatzstärksten Marken gehören.
Zu den wenigen Ausnahmen, die ihre Kommunikationsinvestitionen gesteigert haben, zählt BMW. Seit drei Jahren haben die Bayern in der Schweiz nicht nur Spass am Fahren, sondern auch am Werben. Die Edelmarke erhöhte die Brutto-Werbeausgaben konstant und fuhr in den letzten drei Jahren vom 14. (2000) auf den
4. Platz. Bei den Marktanteilen überholte sie in dieser Zeit Fiat und landete auf Rang 9 hinter Mercedes. Philipp Odermatt, Leiter Corporate Communications bei BMW Schweiz, zur Werbestrategie: «Die Brutto-Werbeinvestitionen stehen in Relation zum Wettbewerb, zur eigenen Marke respektive zum Produktportfolio und zum Wachstum allgemein. BMW lancierte in der Vergangenheit viele neue Automobile, und wird dies auch in Zukunft tun. Dies ist der entscheidende Grund, weshalb die Werbeinvestitionen gestiegen sind und auch weiterhin zunehmen werden.»
Wichtiger noch als die Platzierung im Ranking der werbeintensivsten Automarken dürfte für BMW der 2. Platz auf der Beliebtheitsskala in der Deutschschweiz – wie übrigens auch in Deutschland – sein. Das Styling, das sich seit Jahren von der Konkurrenz abhebt, die Zuverlässigkeit und die Motorenkultur sowie der Gesamteindruck des Autos haben diese stabile Image- und Sympathiebasis aufgebaut, die dem Münchner Konzern eine hohe Markentreue garantiert.
Vorbildlich hat auch Audi sein Image nach der Neupositionierung in der VW-Gruppe gepflegt. Gemäss Tamedia-Autostudie stehen die vier Ingoldstädter Ringe für
die beliebteste Automarke der Schweiz. «Konsequent und über
alle Ebenen hinweg haben wir
den Brand Claim ‹Vorsprung durch Technik› implementiert», sagt Ernesto Larghi, Markenchef Audi Schweiz. Mit dem in
den Achtzigerjahren gestarteten Trading-up begann auch die Kommunikation, die Markenwerte Innovation, Qualität, Design und die Charaktereigenschaften «sportlich, emotional» mit dem «nötigen Selbstvertrauen» zu vermitteln. «Voraussetzung dafür war das Bekenntnis zur Premium-Marke.
Nach diesem wurden Strategie und Unternehmenskultur ausgerichtet», beschreibt Larghi die Markenvitalisierung. Und das widerspiegle sich natürlich auch in den eigenständigen Werbe-Umsetzungen und im Mediamix. «Vorausgesetzt, dass sich auf der politischen und der wirtschaftlichen Ebene die Lage nicht zusätzlich verschlimmert, planen wir, im ähnlichen Rahmen Werbung zu treiben wie im letzten Jahr», sagt Larghi. Balsam für die Branche. Denn die meisten Autoimporteure gehen nicht davon aus, dass heuer ihre Werbespendings wachsen werden.
Eine leichte Abkühlung bei den Werbeausgaben stellt man bei den drei absatzstärksten Marken VW, Opel und Renault fest. Bei Renaults Hausagentur Publicis, wo Account Director Thomas Fux zusammen mit Group Account Director Philippe Meyer seit Jahren das Budget des Franzosen betreut, sieht man trotz der Auszeichnung «Auto des Jahres» für den Mégane II keinen Anlass, grössere Investitionen zu tätigen. «Ein solcher Titel ist schon wesentlich für die Kommunikation. Doch bleibt er aufs Modell bezogen», sagt Fux. Vor dem Flight der internationalen Kampagne seien zwei spezielle Inseratenmotive für das Modell kreiert und das Award-Logo in allen Kommunikationsmitteln eingesetzt worden. Für die Marke lasse sich die Auszeichnung aber nicht ausschlachten. Richtungsweisend blieben die periodischen Erhebungen des Pw-Herstellers, in die Markenvergleiche, kaufentscheidende Kriterien und Markenwerte einfliessen. «Jeweils Ende Jahr wird verglichen, ob wir uns mit unseren Umsetzungen den Kernwerten wie Kundennähe, Innovationskraft, Mut zu neuen Fahrzeugkonzepten genähert haben», so Fux. Schliesslich wolle sich Renault wieder innerhalb der Modellreihe ein eindeutiges Markenbild aufbauen, das nicht mehr mit verschiedenen Modellwelten operiere.
Ähnlich krempelte auch GM-Brand Opel die Markenstrategie um. In Rüsselsheim will der ehemalige BMW-Manager Carl Peter Forster mit dem Olympia-Programm Kostenstruktur und Qualität verbessern. Im Gegensatz zu früheren Jahren, in denen die einzelnen Car Lines separat positioniert wurden, sollen heute alle Modelle stärker zur Bildung des Markenimages beitragen, ist von der Werbeagentur McCann-Erickson, Genf, zu erfahren. Geschäftsführer Curdin Janett: «In dieser Strategie sind die kreativen Guidelines für alle Märkte gesetzt. Im Rahmen dieser Linien können wir auf die Bedürfnisse des Schweizer Markts reagieren. Für einen kleineren Markt wie die Schweiz zahlt sich diese Kommunikationsstrategie aus. Fehlte früher der Werbedruck, um wirklich jede Car Line eigenständig zu positionieren, entsteht heute ein homogeneres Markenbild.» Die Launchkampagne für den neuen Minivan Meriva hingegen, der am Salon in Genf seine Schweizpremiere feiert, behält Opel noch unter Verschluss. In diesem Segment wird jede kommunikative Bewegung auf die möglichen Reaktionen der Konkurrenz überprüft – besonders wenn man wie Opel die Marktführerschaft zurückerobern will.
«Das letzte Männerreservat»Nirgendwo klaffen Traum und Wirklichkeit so weit auseinander wie in der Welt des Autos. «Mit dem Auto leben wir immer noch unsere irrationalen Wünsche und Triebe aus», erklärt Andreas Steinle, Geschäftsleiter des Trendbüros Hamburg, die ungebrochene Faszination des Autos. Besonders ausgeprägt ist diese Beziehungskiste in Kampagnen für neue Geländewagen zu erkennen. «Darin sehen wir ein ‹letztes Männerreservat›. Da kann man sich dem Mythos hingeben, ganz cool zu sein, mit dem Off-roader die Welt zu bezwingen.»
Anpassungen im Werteset der Werbekommunikation für Autos sieht Steinle in der Abnahme der funktionalen und der Zunahme an irrationalen Argumenten wie beim Mini, dessen Claim – «Is it Love?» – für diesen Trend exemplarisch sei. «Liebe allein reicht, um diesen Wagen zu fah- ren. Gute Gründe brauchts da nicht, denn die gibts auch nicht. Das Modell ist im Vergleich zu anderen Kleinwagen teuer und wenig zweckmässig.» Das ist aber heute kein Problem mehr: Man(n) bekennt sich offen zu diesem Widerspruch auf vier Rädern. Als Gegentrend zur herzlich-harmlosen Variante sieht Trendforscher Steinle martialisch-maskuline Werbung wie im Falle von Lamborghini auf der Überholspur. Die Bolidenmarke wirbt mit einer Kettensäge, deren Zähne aus vielen kleinen Lamborghinis bestehen. «Da bekennt man sich ganz klar dazu: Mein Auto ist eine Waffe», sagt Steinle. Auch Sixt habe zum Redesign der Geschlechter seinen Anteil beigesteuert und Machotum zelebriert. Für den Autovermieter legte JvM/Isar Dieter Bohlen dieses Zitat in den Mund: «Die einzige Frau, von der ich mir etwas sagen lasse, ist mein Navigationssystem.» (la)
Luca Aloisi