Kosmetika I Besessen von der äusseren Erscheinung sparen Mann wie Frau bei Kosmetik- und Körperpflegeartikeln kaum. Aber trotz hoher Wachstumsraten der Beauty-Industrie bleiben deren Werbespendings hier zu Lande seit Jahren unverändert.Die junge Kalifornierin, die etwas auf sich hält, lässt sich zum Schulabschluss Brustimplantate von den Eltern schenken. Vielleicht auch, weil schöne Menschen im Schnitt fünf Prozent mehr verdienen als alltägliche Erscheinungen in gleichwertigen Positionen, wie eine amerikanische Studie belegt.Gewiss geht man in Europa mit dem Skalpell noch nicht so leichtfertig um wie im Land des unbegrenzten Schönheitswahns, wo – laut The Economist – die Ausgaben für Schönheit jene für Bildung übersteigen. Aber auch auf dem alten Kontinent prägt der Traum der ewigen Jugend und der makellosen Schönheit die Gesellschaft immer stärker. 60 Prozent des weltweiten Kosmetikumsatzes werden auf diesen beiden Kontinenten – also von zwölf Prozent der Weltbevölkerung – generiert. Mit rund 30 Prozent am weltweit auf 180 Milliarden US-Dollar geschätzten Markt tragen Europa und seine Beautycare-Konzerne wesentlich dazu bei, dass sich dieser Industriezweig zu einem der global wichtigsten entwickelt hat.
Exemplarisch für den Erfolg der stark fragmentierten Kosmetikindustrie ist der Global Leader
L’Oréal, der seit über zehn Jahren zweistellige Gewinnwachstumsraten verbucht und kürzlich die Dividenden gleich um 18,5 Prozent anhob. Doch nicht den Shareholdern gilt der Kult-Slogan «Weil Sie es sich wert sind». Beauty-Ikonen wie Claudia Schiffer, Laetitia Casta,
Andie MacDowell oder Gong Li säuseln ihn dem faszinierten TV-Publikum in ihren Kulturkreisen zu und deuten damit an, der Luxus Schönheit sei für alle Gesellschaftsschichten erschwinglich. Tatsächlich positioniert sich der Marktführer als einziges Kosmetikunternehmen in den Segmenten Massen- und Prestigeprodukte. Die markenstrategisch kluge, aus emanzipatorischer Sicht fragliche Verbindung von Schönheit und Selbstwertgefühl ist ein wichtiges Element des Erfolgs von L’Oréal. Damit stillt der Konzern den Schönheitshunger und vergrössert ihn zugleich.
2002 ist das französische Unternehmen, das eng mit der Schweiz verflochten ist – rund ein Viertel der Aktien gehören Nestlé mit Option auf weitere Anteile der Mehrheitsaktionärin Familie Bettencourt – , in den Olymp der «All Stars» von Fortune aufgestiegen. Unter den 50 bedeutendsten internationalen Unternehmen belegt der Kosmetikkonzern Rang 23 – unter den europäischen Platz vier. In diese Liste
dürften wegen der vergleichsweise langsamen Branchenkonsolidierung nicht so bald weitere reine Kosmetikhersteller aufgenommen werden.
Aber das trübt die Aussichten der Konkurrenten kaum, können sie
sich doch alle über ein grosses Entwicklungspotenzial freuen. Zur demografischen Entwicklung in den Industrieländern, welche die Nachfrage nach Pflegeprodukten weiter steigen lässt, kommt das Prestigedenken in den Schwellenländern, wo Zuwachsraten von weit über 20 Prozent die Regel sind. Auf den Punkt bringt es Beiersdorf-Konzernsprecher Klaus Peter Nebel: «Wenn wir den gleichen Pro-Kopf-Konsum in China wie in der Schweiz hätten – in dieser Beziehung der wichtigste Markt –, dann…». Als weitere Faktoren für den Wachstumsschub kommen die Ausweitung der potenziellen Kundensegmente (Männer und jüngere Frauen) sowie die laufend erneuerten Produktepaletten hinzu, mit denen Hersteller dem Margendruck ausweichen.
Die «inneren» Schweizer WerteAllein in der Schweiz wurden im letzten Jahr fast 1,1 Milliarden Franken für Kosmetika ausgegeben – ohne Apotheken und Drogerien, wie ACNielsen meldet. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht das einer Steigerung von 3,2 Prozent. Gemäss dem Schweizerischen Kosmetik- und Waschmittelverband (SKW) lag der Zuwachs bei nahezu vier Prozent. Je nach Körperbereich verlief er aber unterschiedlich (siehe Grafik mit den Extremwerten): Während Herr und Frau Schweizer für Haarpflegeprodukte gleich viel ausgegeben haben wie im Vorjahr, schenkten sie der Körper- und Gesichtspflege mehr Beachtung. Zwar legten «Pflichtartikel» wie Duschmittel, Deo oder Zahnpasta auf hohem Niveau noch leicht zu. Doch zu den absoluten Umsatzraketen zählten im vergangenen Jahr die Bodylotions (+24 %), die Hand- und Nagelpflege (+11,8 %) sowie die Lippenpflege (+8,7 %). Interessant zu wissen: Die höchsten durchschnittlichen Gewinnmargen im Geschäft mit der Eitelkeit sind laut Experten gerade bei den Hautpflegeartikeln zu finden – bei Luxusmarken liegen sie oft über 20 Prozent. Im mittleren Gewinnmargenbereich – vor Parfüms – sind es Make-up- und Haarpflegeprodukte.
Die Schönheit solcher Zahlen liegt im Auge des Betrachters, will sagen: des Werbers. Investieren Kosmetikafirmen gemäss einer Branchenformel gerade mal zwei bis drei Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung, ist es für die kommerzielle Kommunikation von Massenprodukten ein Vielfaches davon. Für Luxusmarken werden gut und gerne zwischen einem Fünftel und einem Viertel des Umsatzes in die Werbung gesteckt.
Balsam für die derzeit gebeutelte Werbebranche in ihrer Bedeutung als Markenbotschafterin. Nur kommen in der Schweiz hauptsächlich Mediaagenturen in den Genuss der Spendings, weil Konzeption und Kreation der Kampagnen meist im Ausland entstehen. Für die einheimischen Kreativagenturen bleibt da meist «nur» die Adaptation oder Neugestaltung des Basiskonzepts – wegen unterschiedlicher Gesetze. Hinzu kommen Aufträge auf lokaler Ebene – vom POS-Material über den Radiospot bis hin zum Event.
Der Werbefranken kommt in der Kosmetik und Körperpflege sehr selektiv ins Rollen. So hat Media Focus bei den beiden Produktegruppen mit dem grössten Werbeaufwand – Bad- und Körperpflege sowie pflegende Kosmetik – 2002 einen Zuwachs von elf beziehungsweise sechs Prozent gemessen. Im Vergleich dazu gingen die beiden anderen namhaften Gruppen, Haar- und Zahnpflege, um 6,4 beziehungsweise 2,2 Prozent zurück. Gesamthaft (exklusive Parfüms) liessen die Werbetreibenden der Kosmetikbranche 2002 – zu den grössten zählen Lever Fabergé, L’Oréal, Procter & Gamble, Beiersdorf, Migros, Cosmetique Active – rund vier Prozent mehr in die klassische Kommunikation fliessen als noch vor vier Jahren. Zählte man alle Bereiche zusammen, käme die Branche unter die ersten zehn Big Spenders.
Der subjektive Eindruck vieler Werber und Medienkonsumenten, dass die Kosmetikbranche mehr Werbung geschaltet habe, erklärt sich eher mit dem Rotstift anderer Branchen als mit den relativ stabilen Werbeinvestitionen der Kosmetikkonzerne selbst. «Wer immer noch stabil investiert, der investiert in der heutigen Zeit überdurchschnittlich», sagt auch Werbeprofi Peter Felser (SFLB). Roger Giger, GL-Mitglied des Genfer Euro-RSCG-Büros, das in der Schweiz für Vichy verantwortlich zeichnet, sieht in der Erwartungshaltung der Anwender einen weiteren Grund für die robusten Etats: «Konsumentinnen wollen, dass die Produkte immer schneller wechseln. Ein Produkt ist in dieser Branche nach drei Jahren meistens ausgebrannt. Das heisst, man muss den Namen und die Formel leicht ändern und eine neue Positionierung anpeilen.»
Marktanalysten und Marketingleiter sind sich einig: Die Konsumenten werden sich kaum von den Prestigeprodukten zum günstigeren, aber qualitativ hoch stehenden Massenmarkt abwenden. Entsprechend reagierte die Migros und führte mehrere komplementäre A-Brands im Beauty-Sortiment ein, das 2002 218,5 Millionen Franken Umsatz erzielte. Monika Weibel, Corporate Communications beim MGB: «Immer mehr legt die Kosmetikkäuferin Prestigeartikel und Basispflegeprodukte in
den gleichen Einkaufskorb.»
Auch Christian Barth, Ressortleiter bei Schwarzkopf & Henkel Schweiz (S&H), sieht den Trend zur Hybridkäuferin vorherrschen. Der höhere Preis wird als Garantie für höhere Qualität und Kompetenz wahrgenommen. Und da die Ausgaben für Körperpflege von den Konsumentinnen immer stärker als Investition betrachtet werden, entwickeln Anbieter fortwährend neue Produkte, mit denen sie werbeintensiv das Image der Marke zu heben versuchen. «Allein im laufenden Jahr werden wir rund 200 Artikel erneuern. 70 davon sind Neuigkeiten für den Schweizer Markt, die zum Teil technologisch bahnbrechende Innovationen darstellen», sagt Wolfgang Wünsche, Geschäftsführer Beiersdorf Schweiz. Dafür setzt Wünsche auf fünf dominante Marketinginstrumente: überzeugendes Produkt (good value for money), überzeugte Mitarbeiter, ehrliche Werbung, gute Distribution und konsumentenfreundliche Verkaufsförderung. Der Challenge: «Die Anforderungen der Konsumenten müssen wir erahnen und uns stets zwischen Wahrscheinlichkeiten entscheiden. Wir wissen erst hinterher, was Tatsache ist», sagt Wünsche.
Passend zur StimmungIm luftleeren Raum steuert er wie auch seine Konkurrenz die Marken dennoch nicht. Die Trends – Bevorzugung natürlicher Inhaltsstoffe, funktionales Design sowie die Individualisierung der Konsumentenbedürfnisse – sind offene Geheimnisse. «Gesucht ist heute das Produkt für die bestimmte Tageszeit und Stimmung», sagt Bernd Michahelles, Marketing Director von Lever Fabergé Switzerland.
Da im begrenzten Schweizer Markt viele Hersteller während der letzten Jahre über dem Marktdurchschnitt gewachsen sind, herrscht ein harter Verdrängungswettbewerb. «Allerdings ist es nach wie vor möglich, mit verbraucherrelevanten Innovationen eine Marktausweitung zu betreiben», sagt Michahelles und fügt an: «Entweder wertmässig wie mit der Einführung der neuen Duschlinie von Axe oder durch Ausweitung der Penetration mit der Einführung des Tag- und Nachtkonzeptes von Dove Handpflege.» Christian Barth von S&H verweist auf eine andere Strategie: «Nebst der konstanten Erhöhung der Produktqualität und -leistung sowie der Ansprache neuer Zielgruppen – wie mit unserem Hairstyling für den Mann – ergibt sich grosses Wachstumspotenzial durch Eintritte in neue Kategorien.»
Allerdings stehen diesen Strategien Werbefeldzüge gegenüber, die nicht gerade durch Innovationsfreude brillieren. Product is King, heisst hier die Devise, die mal mit, mal ohne Model umgesetzt wird. Einige wenige Ausnahmen gibts: So setzt L’Oréal auf realitätsnahe Onlinespiele, in denen Studenten die Möglichkeit geboten wird, als Product Manager erste strategische Erfahrungen zu sammeln und sich gegen eine Konkurrenz internationaler Hochschul- und Business-School-Teams zu behaupten. «So können Manager von morgen ihr strategisches und analytisches Können, ihre Kreativität und Konzeptionsfähigkeit unter Beweis stellen», sagt Caroline Hofmann, Leiterin Corporate Communications bei L’Oréal, ohne zu verschweigen, dass die Wettbewerbe auch als prima Rekrutierungskanäle des französischen Kosmetikriesen fungieren.
Was das äussere (und innere) Wohlbefinden steigert, hat auch in rezessiven Zeiten Konjunktur: Ein Plus von 3,2 Prozent erwirtschaftete der Kosmetikamarkt vergangenes Jahr in der Schweiz.
Anzeigen für Kosmetika gewinnen bei Kreativwettbewerben kaum Schönheitspreise: Mal wird mit, mal ohne Model geworben, stets hat die Produktinformation Vortritt vor dem ästhetischen Wurf.
Für «Need-to-have»-Produktgruppen ist Image alles – aber das lässt sich am Point of Sale nur bedingt aufbauen, weshalb die Werbespendings hier am höchsten sind.
Ich ess mich schönDiese Pille könnte das Leben der Frauen verändern, verspricht ganz bescheiden der Slogan für Innéov Fermeté. So der Name der Schönheitspille, die L’Oréal Anfang April in mehreren europäischen Ländern lanciert hat und voraussichtlich im Herbst in die Schweizer Apotheken bringt. Mit der «essbaren» Kosmetik, dem ersten Ergebnis aus dem
Joint Venture zwischen dem französischen Kosmetikkonzern und dem Schweizer Nahrungsmittelmulti Nestlé, wolle man einen neuen Markt eröffnen, erklärte Laurent Attal, Managing Director von L’Oréals Apothekenkosmetikbereich bei der Markteinführung. Glaubt man Ergebnissen verschiedener Meinungsforschungsinstitute, scheinen Attals Hoffnungen berechtigt. Die in den Pillen enthaltenen Derivate aus Tomaten und Soja beugten der Hautalterung vor und linderten Auswirkungen der Wechseljahre, so der Hersteller. Und natürlich werde die Haut länger straff bleiben. (la)
Möwe im SteilflugDove wurde in den USA Anfang der Fünfzigerjahre als Seife lanciert. 1989 flog die Möwe (englisch: dove) nach Europa und wurde auch in der Schweiz heimisch. Zuerst als Waschstück und Bad-/Duschprodukt sowie später in anderen Kategorien wie Hautpflege, Deo und jüngst Haarpflege. «Die Entwicklung weltweit wie auch in der Schweiz gehört sicher zu den erfolgreichsten, die sich finden lässt. In der Schweiz wurden in den vergangenen Jahren Wachstumsraten von 40 Prozent und mehr erreicht», sagt Bernd Michahelles, Marketing Director von Lever Fabergé Switzerland. Gegenwärtig benutzt jeder dritte Schweizer Haushalt schon ein Dove-Produkt. Die Erfolgsformel begründet Michahelles so: Eine klare Markenpositionierung, der man treu geblieben ist, eine starke Produktdifferenzierung – ‹Dove is different› – mit besserer Qualität, Ausweitung der Marke nur in Bereichen, in denen sie für den Verbraucher einen neuen, zusätzlichen Nutzen generieren kann sowie letztlich eine kontinuierliche und konsistente Unterstützung. (la)
Kosmetikumsätze
Schweiz 2002
1054 Mio. Fr. (+ 3.2%)
Haar221 Mio. Fr. (+/- 0%)
Gesicht364 Mio. Fr. (+ 4.7%)
Lippenpflege ( +8.7%)
Rasierapparate (- 15.1%)
Mund163 Mio. Fr. (+ 2.7%)
Körper303 Mio. Fr. (+ 4.3%)
Babypflege ( -4.3%)
Bodylotion (+ 24.1%)
Luca Aloisi