Karl Gerstner zeigt im Haus Konstruktiv sein malerisches Werk, das an die Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft führt.Als «Kopfgeburten nach einer Kopfzeugung vor neun Jahren» bezeichnet Karl Gerstner seine ersten Arbeiten im Bereich der Konstruktiven Kunst. Die erste dieser Schöpfungen hat in den Fünfzigerjahren das «Licht der Welt» erblickt. Seither wird dieses Licht als Urelement aller Kunst immer wieder aufs Neue konstruktiv verändert. Karl Gerstner, der in geistiger Nähe zu Max Bill und Richard P. Lohse steht, hat seine ersten künstlerischen Arbeiten im Bereich der Gebrauchsgrafik realisiert. Für das Basler Chemieunternehmen Geigy durfte er ab 1949 Anzeigen für Farbstoffe oder Löschblätter für Ärzte gestalten, «damals ein beliebtes Medium für Pharmawerbung». Zwar herrschte in jener Zeit kurz nach dem Krieg noch eine reaktionäre Stimmung. «Man spürte viel Widerstand gegen alles Neue», erinnert sich Gerstner. Demgegenüber stand «ein grosser Idealismus der jungen Leute, die aber kaum zum Zug gekommen sind». Eines dieser neuen Anliegen von Gerstner hiess damals schon und auch später in der Werbung immer wieder: «Ästhetik in den Alltag bringen.»
Die Fortsetzung der Geschichte ist bekannt. Zusammen mit Markus Kutter hat Gerstner 1958 einen künstlerisch vielseitigen Event zum 200-Jahr-Jubiläum von Geigy gestaltet. Aus der Zusammenarbeit ergab sich am 1. Januar 1959 die Gründung der Agentur Gerstner und Kutter – Werbung, Grafik, Publizität. Nachdem der Zwölftonmusiker Paul Gredinger für die Abteilung Produktform dazugestossen war – was später modisch in Design umbenannt wurde –, entstand 1963 die legendäre Werbeagentur GGK.
Zusammen mit Kutter und Gredinger führte Gerstner in den Sechzigerjahren die visuelle Kommunikation in der Werbung auf immer wieder mit Kunst vergleichbare Höhen. Von diesem innovativen Design zeugen in der Ausstellung in Zürich auch heute noch nachwirkende Arbeiten unter anderem für Langenscheidt, Ringier und Swissair.
In den Siebzigerjahren zog sich Gerstner immer mehr aus der GGK zurück, arbeitete wieder freischaffend und machte vor allem Kunst. Mit mehr als einem Dutzend Publikationen trat er in dieser Zeit auch als kritischer Analytiker hervor.
Bereits 1957 hatte Gerstner zu einer ersten Ausstellung nach
Zürich eingeladen. Sein damaliges «Gesamtwerk» umfasste acht Bilder. Diese Gruppe ist nun auch im Haus Konstruktiv noch einmal nostalgisch zur Schau gestellt. Die Objekte hatte Gerstner in einer Werkstatt für Feinmechanik anfertigen lassen. Seine Idee: Die beweglichen Bilder sollten vom Publikum aktiv wahrgenommen beziehungsweise verändert werden. Ein solches Eingreifen in die Kunst wagte aber damals noch niemand. «Die Idee der Veränderung ist nachträglich gesehen ein Misserfolg gewesen, weil man von einem Künstler etwas Endgültiges erwartet», meinte Gerstner jetzt an der Vernissage.
Ein Aspekt dieses Endgültigen ist tatsächlich – wenn auch in einem anderen Sinn – in seinem Werk zu entdecken. Gerstner versuchte in seinem grafischen Schaffen, «die Ideen Einsteins in Bilder umzusetzen» – als eine Art «naive Malerei» rund um die Erkenntnis, dass das Universum endlos ist. Das Unendliche könnte in seinen Konstruktiven Arbeiten unendlich weiterverfolgt werden.
Die Ausstellung «Karl Gerstner. Künstler, Autor, Grafiker» dauert noch bis 22. Februar 2004. Ein weiteres Buch «Rückblick auf 7 Kapitel Konstruktive Bilder» kommt noch vor Ablauf der Ausstellung in die Läden.
Karl Gerstner versucht, «die Ideen Einsteins in Bilder umzusetzen».
Andreas Panzeri