Trusted Board Advisors: Zu neuen Ufern
Der eine hat sich als diskreter Consultant der Schweizer Elite einen Namen gemacht, der andere das Markenprofil des Weltkonzerns ABB geschärft: Nun starten Aloys Hirzel und Dr. Nicolas Ziegler zusammen mit einem Expert:innen-Team ein neues Unternehmen. Was haben sie vor?

m&k: Aloys Hirzel, Nicolas Ziegler, Sie beide haben verdienstvolle Karrieren als Consultant respektive als Markenexperte hinter sich. Sie könnten sich mit Stolz zurücklehnen; tun aber genau das nicht, sondern gründen zusammen mit vier Kolleg:innen Trusted Board Advisors. Warum? Und – warum jetzt?
Aloys Hirzel: Ja, warum jetzt? Die Antwort liegt eigentlich auf der Hand: In der Geschäftswelt ist es entscheidend, den Markt und seine Dynamiken ständig zu beobachten. Unternehmen müssen sich regelmässig fragen: Bieten wir noch das richtige Produkt oder die richtige Dienstleistung für eine sich wandelnde Welt an? Seit Covid-19 haben wir zahlreiche Veränderungen erlebt; manche waren vorübergehend, andere sind gekommen, um zu bleiben. Die Gesellschaft, die Wirtschaft, die Politik – alles ist in Transformation befindlich. Führungskräfte müssen das nicht bloss analysieren können, sondern sie müssen in der Lage sein, konkrete Lösungen zu entwickeln, um effektiv zu reagieren. Dabei brauchen sie Unterstützung, und diese wollen wir mit einem Team aus hoch qualifizierten Expertinnen und Experten anbieten.
Ihr Konzept richtet sich an die oberste Führungsebene von Unternehmen und rückt den Begriff der «Reputation» ins Zentrum. Können Sie mir diese Emphase erklären?
Dr. Nicolas Ziegler: Führung, Vertrauen und Reputation: Entlang dieser drei Dimensionen entscheidet sich der wirtschaftliche und gesellschaftliche Erfolg eines Unternehmens gerade in den aktuell emotional, ethisch und moralisch aufgeladenen Zeiten, wie wir sie heute erleben. Aus Führung mit einem klaren Kompass und dem Anspruch einer Vorbildfunktion wächst Vertrauen. Die Grundlage für Vertrauen und eine nachhaltige Reputation nach innen und aussen. Vertrauen und Reputation sind die wichtigsten Elemente des immateriellen Wertes eines Unternehmens. Dies ist die Geschäftsgrundlage unserer Mission. Wir setzen dort an, wo Reputation gebaut oder eben verspielt wird: In den Oberleitungsgremien der Unternehmen, wo die Exponenten in Verwaltungsrat und Geschäftsleitung mit ihrem Wirken, ihren Entscheiden im komplexen Umfeld die Reputation ihrer Unternehmen prägen und Vertrauen in sich schaffen oder verspielen. Reputation ist ein flüchtiges Gut, das sich aus zahlreichen Ingredienzien zusammensetzt. Nachhaltig ist die Reputation nur als Ganzes. Und das Ganze zu überblicken heisst, die Kernelemente hoher Reputation zu erkennen und kontinuierlich weiterzuentwickeln. Diese integrale Sicht bildet die Grundlage der Beratung der Trusted Board Advisors. Wir verfügen alle über langjährige Erfahrungen in den entscheidenen Bausteinen, welche auf die Reputation einwirken.
Wie übersetzt sich der «immaterielle Wert» von Reputation in konkreten wirtschaftlichen Erfolg?
AH: Reputation ist der Schlüssel zu allem – sie entscheidet über die Akzeptanz einer Unternehmensmarke, öffnet Türen zum Kapitalmarkt, zieht Talente an und vieles mehr. Eine Betonung der Reputation, wie wir sie vornehmen, ist zwar nicht neu, doch scheint ihre zentrale Rolle in der heutigen Geschäftswelt manchmal in den Hintergrund zu rücken. Das wollen, das werden wir ändern.
«Die Gesellschaft, die Wirtschaft, die Politik – alles ist in Transformation befindlich.»
NZ: Reputation ist das Endresultat eines Regelkreises, der die Stärke der Unternehmensmarke widerspiegelt. Mich fasziniert seit Langem die Kraft von Marken, wobei mein Fokus auf Unternehmensmarken liegt, nicht auf Produktmarken. Denn gerade in Industrieunternehmen ist es die Unternehmensmarke, die zählt, wenn es um die Entwicklung neuer Ziele geht – wer steht hinter dem Produkt, wer ist der Hersteller? Diese Überlegungen haben bereits mehrere Unternehmen zu uns geführt, die erkennen, dass Veränderung notwendig ist. Sei es, dass ein Unternehmen seine Strategie schärft oder sich neu erfinden muss, um seine Stakeholder zu überzeugen. Eine der spannendsten Aufgaben ist es, einem Unternehmen dabei zu helfen, verloren gegangene Substanz wiederzugewinnen und aus einem Unternehmensnamen eine starke Marke zu machen. Die Marke spielt eine entscheidende Rolle bei der Positionierung eines Unternehmens – es geht nicht nur um Werbung, sondern um strategische Überlegungen.
Aloys Hirzel, ich erlebe Sie als bescheidenen Gentleman … aber die Kollegen einer grossen Wirtschaftspublikation haben Sie jüngst als «mächtigsten Einflüsterer der Nation» bezeichnet. Können Sie sich mit einem solchen Titel identifizieren? Und falls ja, wollen Sie das für Ihr neues Unternehmen nutzen?
AH: Wenn ich ehrlich sein soll, kann ich mit solchen Zuschreibungen nichts anfangen. Ich sehe mich überhaupt nicht als «Einflüsterer». Bevor wir Trusted Board Advisors gegründet haben, war ich beinahe drei Jahrzehnte lang Mitbegründer und Partner eines Beratungsunternehmens, das sich – zugegeben, recht erfolgreich – der Beratung von Firmen und ihren Führungsverantwortlichen gewidmet hat. Ich habe ihnen nichts «eingeflüstert»; ich habe versucht, dabei zu helfen, mit anspruchsvollen Situationen erfolgreich umzugehen. Denn, wissen Sie: Es geht oft nicht darum, ob Menschen die Herausforderungen und Veränderungen, denen sie gegenüberstehen, selbst erkennen könnten – in den meisten Fällen wäre das durchaus möglich. Vielmehr liegt die Schwierigkeit darin, diese Veränderungen vollständig zu erfassen und anzunehmen; insbesondere wenn sie unangenehm sind. Unsere Natur ist so, dass manches gern verdrängt wird. Ich berufe mich dann meist auf Dürrenmatts Aussage in «Die Physiker», dass eine Situation erst dann vollständig durchdacht ist, wenn sie bis zu ihrem schlechtestmöglichen Ausgang bedacht wurde. Mitunter brauchen Sie auch als CEO oder Verwaltungsratspräsidenten jemanden, der Sie in einem solchen Denkprozess begleitet. Der Ihnen sagt: «Da dürfen wir jetzt nicht wegsehen.»
Ihr Beziehungsnetzwerk – in der Schweiz durchaus Gegenstand von beinahe mythischen Erzählungen – spielt für Trusted Board Advisors also keine Rolle?
AH: Ich werde oft gefragt, ob ich diesen oder jene kenne. Ich versuche dann immer, das zu relativieren: Warum wäre ein Kontakt zu der Person, nach der gefragt wird, denn wichtig? Sie können jede Menge Zugang zu einflussreichen Menschen haben und trotzdem mit einer Herausforderung konfrontiert sein, bei der Ihnen kein einziger davon zu helfen vermag. Die Frage sollte nicht sein: «Wen kennst du?», sie sollte lauten: «Wie können die für uns relevanten Entscheidungs- und Umsetzungsprozesse beschleunigt werden?» Wenn ich dafür jemanden anrufen kann, wunderbar. Aber das sind eher selten Prominente und noch seltener genügt ein einzelner Anruf (lacht).
«Wir verkaufen unser Netzwerk nicht. Aber es schwingt als stiller Mehrwert natürlich mit.»
NZ: Alle Partnerinnen und Partner bei Trusted Board Advisors pflegen exzellente Kontakte, die während ihrer jeweiligen beruflichen Laufbahn gewachsen sind. Damit machen wir keine Werbung, aber es schwingt als stiller Mehrwert natürlich mit, wenn man uns engagiert.
Ihr Tätigkeitsfeld, Herr Hirzel, verändert sich nicht fundamental; Sie gehen mit Ihren neuen Kolleg:innen aber noch stärker in die Breite. Nicolas Ziegler, Sie kommen aus einem Weltkonzern in eine Boutique-Beratung – ist da der «Kulturschock» grösser?
NZ: (lacht) Ein Schock ist das überhaupt nicht. Es war – es ist – sehr schön. Bei der Firma, die Sie erwähnen, war meine Arbeit getan. Gleichzeitig wollte ich mich nicht zurücklehnen, sondern noch einmal einen Schritt nach vorne machen. Mir kommt das, was ich bei ABB erfahren habe, zugute: Effektives Reputationsmanagement ist nur im Zusammenspiel diverser Bereiche möglich, das hatten wir ja schon angesprochen. Viele Konzerne sind jedoch stark funktional organisiert, was eine integrierte Arbeitsweise erschwert. Gerade jetzt, wo die Tendenz zu einer stärkeren Trennung statt Integration von Aufgabenbereichen besteht, sehe ich die Notwendigkeit, Unternehmen zu einer ganzheitlichen Arbeitsweise zu bewegen. Ich bin ein Verfechter des integrierten Arbeitens und möchte meine Erfahrungen nun nutzen, um anderen Unternehmen dabei zu helfen, diese Herangehensweise zu adoptieren.
Der Begriff Transformation ist heute schon mehrmals gefallen. Welche Komponenten der Transformation halten Sie aktuell für die bedeutendsten? Sind es geopolitische, ökonomische oder technologische Veränderungen, mit denen sich Ihre Klient:innen am stärksten beschäftigen?
NZ: Die Frage nach den bedeutendsten Faktoren von Veränderung ist nachvollziehbar und es wäre verlockend, sich dazu zu äussern. Aber man wird dann immer jemanden finden, der einem widerspricht – Person A gewichtet künstliche Intelligenz höher, Person B sorgt sich um die internationale Ordnung, Person C sieht regulatorische Probleme an den Finanzmärkten. Wer wären wir, darüber zu urteilen, wer von den genannten Personen «recht hat»? Es macht mehr Sinn, auf den gemeinsamen Nenner zu blicken: Veränderung ist bereits Dauerzustand. Früher standen Sie am Ufer eines Flusses – die Transformation war die Brücke – und wenn Sie auf der anderen Seite angekommen waren, konnten Sie die Brücke getrost vergessen. Heute sind die Ufer in die Ferne gerückt und Sie treiben auf dem Wasser – die Transformation ist Ihr Floss. Das wäre die Metapher, die ich benutzen würde. Wie steuern Sie das Floss? Wie agil sind Sie, wenn hinter der nächsten Biegung Stromschnellen auftauchen? Können Sie mit schlechtem Wetter umgehen? Und bei all den spontanen Ereignissen, die Ihre Aufmerksamkeit erfordern: Haben Sie trotz allem noch ein Auge auf den Kompass und auf das Ziel, das Sie verfolgen?
Gerade haben Sie, Herr Hirzel, erwähnt, dass unangenehme Sachverhalte gern verdrängt werden. Ist ein Bewusstsein dafür, dass teilweise radikale Veränderung zum Dauerzustand wird, schon bei Ihren Gesprächspartner:innen in der Wirtschaft angekommen?
AH: Wenn ich Unternehmen unser Modell erkläre, gibt es oft einen Moment des Innehaltens – geprägt nicht von Angst oder Sorge, aber … eine Phase der Reflexion über die Implikationen für ihr Geschäft. Es ist jedoch selten, dass jemand überhaupt nicht teilt, was ich sage; es ist ja auch nicht übermässig kompliziert (lacht). Unser Ansatz ist eine logische Reaktion auf komplexe Herausforderungen, die eine ganzheitliche Lösung erfordern – und diese Logik wird offenbar, wenn man sich pragmatisch über die Zukunft unterhält.

Ich muss zum Ende hin doch noch einmal fragen: Warum – verzeihen Sie – tun Sie sich das an? Warum lassen Sie den Wandel nicht Wandel sein? Denn: Was Sie tun, kostet unbestreitbar eine Menge Energie.
AH: Ich habe viele Herausforderungen erlebt und konnte oft zur Lösung beitragen. Diese Erfolge motivieren mich. Mein Hauptantrieb ist der Wunsch, zu helfen und Dinge zu verbessern. Ich kann nicht einfach vorbeigehen, wenn ich sehe, dass ich einen positiven Unterschied machen kann. Es ist nicht so, dass ich ein Helfersyndrom habe (lacht), aber ich fühle eine starke Verpflichtung, mein Wissen und meine Fähigkeiten einzusetzen, um bessere Lösungen zu finden. Manchmal nehme ich Aufträge an, obwohl mein Zeitplan eigentlich keinen Raum bietet, einfach weil ich überzeugt bin, dass ich effektiv unterstützen kann. Das klingt vielleicht nach Zwang, aber für mich ist es tatsächlich Freiheit – die Freiheit, meine Fähigkeiten zum Wohl anderer einzusetzen.
Andere lösen Puzzles am Esstisch, Sie fügen Komponenten zur Lösung wirtschaftlicher Probleme zusammen – und freuen sich, wenn daraus ein stimmiges Bild wird.
Ja, so kann man das sagen.
Und die neue Firma fügt dem grossen Puzzle auch die Steine der Partnerinnen und Partner hinzu – was neue Bilder möglich werden lässt.
Ich möchte keine Chancen verpassen. Trusted Board Advisors ist nicht etwas, das mir plötzlich eingefallen wäre – und dann habe ich es umgesetzt. Vielmehr ist es so, dass ich in den vergangenen Jahren zunehmend gedacht habe: «Hier müsste man jetzt etwas tun! Da drückt der Schuh! Dort muss eine Veränderung her!» Dieses Gefühl hatte ich vermehrt auch in Bereichen, die nicht im Rahmen meiner Kernkompetenzen liegen. Mit jahrelanger Erfahrung im Geschäft lernt man ja, was funktioniert und was nicht; man kann immer besser einschätzen, wo noch Potenzial für Verbesserungen liegt. Die Partnerinnen und Partner bei Trusted Board Advisors helfen, diese Verbesserungen auf einem Niveau zu implementieren, das eine einzelne Person gar nicht erreichen könnte.
«Wie steuern Sie das Floss? Wie agil sind Sie, wenn hinter der nächsten Biegung Stromschnellen auftauchen?»
NZ: Auf den ersten Blick wirkt unser Ansatz vielleicht exklusiv, doch dank der vielfältigen Erfahrungen und Hintergründe unseres Teams bringen wir eine starke, strategische Umsetzungskompetenz mit. Obwohl wir oft auf höherer Managementebene agieren, ist es entscheidend, dass wir das Endergebnis unserer Beratung kennen und verstehen, wie wichtig dabei gute Kommunikation ist. Letztlich ist es die effektive Markenkommunikation und die strategische Ausgewogenheit in der Kommunikation, die den Erfolg unseres Ansatzes bestimmt und ihn real werden lässt. Oder, um es etwas salopp zu formulieren: Wir beraten nicht «nur» – sondern können auch in Worte fassen, was wir tun. Und wir wissen, was konkret passieren wird, wenn jemand unsere Ratschläge annimmt.
Aloys Hirzel hat sich in der strategischen Unternehmenskommunikation einen Namen gemacht und gilt als Gründer der anwaltschaftlichen Kommunikationsberatung in der Schweiz. Er hat während der letzten Jahrzehnte als Gründungspartner und Senior Counselor der international tätigen Trimedia-Gruppe und später von Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten zahlreiche Unternehmen in strategischen Projekten, darunter komplexe Übernahmen, IPOs und Repositionierungen, und auch in anspruchsvollen Krisen- und Issue-Management-Fällen begleitet.
Dr. Nicolas Ziegler ist eine anerkannte Grösse im Bereich Markenmanagement und strategische Geschäftsentwicklung. Durch seine Fertigkeit, innovatives Wachstum zu fördern und in unsicheren Zeiten Orientierung zu bieten, hat er bedeutende globale Unternehmen in den Sektoren Einzelhandel und Industrietechnologie massgeblich beeinflusst. Über die Jahre hinweg hat er markante Markentransformationen, den digitalen Wandel und Projekte zur Talententwicklung erfolgreich geleitet.


























