Enuma Okoro: Lernen, zu sehen
Mit ihrer «The Art of Life»-Kolumne erreicht Enuma Okoro jeden Samstag mehr als 20 Millionen Leser:innen der «Financial Times». Stets versucht sie, ihnen neue Perspektiven zu eröffnen – auf Kultur, auf Gesellschaft und die Conditio humana. Was treibt sie an?

m&k: Enuma Okoro, wenn ich Ihre wöchentliche «The Art of Life»-Kolumne in der Financial Times lese, dann habe ich häufig das Gefühl, eine neue Perspektive zu gewinnen: auf Kultur, auf die Gesellschaft, auf das Leben. Der «andere Blick», den Sie anbieten – wird der von einer «Absicht» getragen?
Enuma Okoro: Es gibt tatsächlich so etwas wie ein … ein implizites Ziel oder eine Frage, mit der ich an viele meiner Texte herangehe: «Wie kann ich uns dazu bringen, darüber nachzudenken, wie wir sehen?» Allzu oft sind wir Menschen ja der Meinung, dass wir alles sofort begreifen; wir ziehen voreilige Schlüsse über die Personen in unserem Umfeld oder über die Conditio humana im Allgemeinen. Ich versuche, die Leser:innen meiner Kolumne dazu zu motivieren, ihrer Voreingenommenheit mit der gebührenden Skepsis zu begegnen. Wenn Sie mir jetzt sagen, dass ich dieses Ziel in Ihrem Fall erreiche, dann freut mich das sehr. Denn so bewege ich mich auch selbst durch das Leben: mit Neugierde auf die Geschichten der Menschen, die ich treffe, und in der permanenten Bereitschaft, mich selbst zu hinterfragen. Weil ich mich hinterfrage, bin ich eine bessere Zuhörerin – bin bescheidener, offener. Das wiederum sorgt dafür, dass wunderbare Geschichten den Weg zu mir finden … es ist ein grosser Kreislauf.
«Wie kann ich uns dazu bringen, darüber nachzudenken, wie wir sehen?»
Ihr Interesse an Menschen und deren Geschichten ist imperativ für Ihr Wirken – als Kuratorin, als Autorin, als Philosophin. Sie denken darüber nach, wie Storytelling uns verbindet; nicht nur innerhalb unserer Spezies, sondern auch mit anderen Tieren; mit dem Rest der Natur. Erinnern Sie sich, wann der Topos «Verbindung» das erste Mal ins Zentrum Ihrer Aufmerksamkeit gerückt ist?
Eine spannende Frage – aber eine, die schwer zu beantworten ist. Ich kann nicht genau sagen, wann ich angefangen habe, so zu denken, wie ich es heute tue, und es gibt wahrscheinlich mehrere Faktoren, die eine Rolle spielen. Einer davon ist, dass ich – seit ich ein kleines Mädchen war – eine tiefe Faszination für die Welt um uns herum empfinde. So bin ich einfach, so wurde ich geboren. Ich wuchs in einer katholischen Familie auf und erinnere mich noch ganz genau an die Sonntage, an denen meine Eltern mich mit in die Kirche nahmen. Die bunten Glasfenster, der magische Surrealismus der Bildwelten, meine Fantasie, die sich nicht zügeln liess … Ich glaubte nicht nur, dass Weihwasser de facto heilig sei – und dass die Berührung des Wassers etwas «mit mir machen» würde –, sondern auch, dass Gott im hinteren Teil der Kirche wohnt! Immer wenn die Ministranten in ihren weissen Gewändern aus dem Hinterzimmer ins Mittelschiff traten, um den Gottesdienst vorzubereiten, versuchte ich, einen Blick hinter die Tür zu erhaschen: Sass er dort und spähte zurück? (lacht) Ich war aber nicht nur am Katholizismus interessiert – ich las alles, was ich in die Finger bekam. Römische und griechische Mythologie, Märchen und Fabeln, Sagen aus allen Teilen der Welt … das beeinflusst mich bis heute. Der zweite Faktor, der sicherlich eine wichtige Rolle in der Genese meines Denkens gespielt hat, ist, dass ich in verschiedenen Ländern, auf verschiedenen Kontinenten gross geworden bin. Und wie Kinder das eben tun, habe ich alles ganz selbstverständlich in mich aufgesogen: Wenn wir umzogen, musste ich meinen Platz an jedem neuen Ort finden – was mich dazu brachte, meine jeweilige Umgebung sehr bewusst wahrzunehmen. Ich sah Unterschiede, suchte aber noch dezidierter nach Gemeinsamkeiten … und fand sie auch. Der dritte Faktor ist eine Kombination aus den oben genannten Punkten: Als ich in Nigeria, an der Elfenbeinküste, in Tunesien lebte, hatte ich immer das Gefühl, dass die Menschen und der Rest der Natur eigentlich zusammengehören. Manche der Häuser, in denen meine Familie über die Jahre wohnte, hatten grosse Veranden mit Türen, die in weitläufige Gärten führten. Und wenn wir vergassen, diese Türen zu schliessen, kamen Tiere hinein; Eidechsen oder Affen. Das störte niemanden – das war normal. Alles in allem: Ich war ein Kind mit einer lebhaften Imagination, die von meinen Eltern nicht eingedämmt, sondern gefördert wurde. Ich sah früh viel von der Welt – und ich wuchs, so sehr das nach Pathos klingen mag, im «Einklang» mit der Natur auf. So wurde ich, wer ich bin. Ich erlebte Verbundenheit, bevor ich darüber nachdenken konnte. Und, ehrlich gesagt: Ich würde mehr Kindern wünschen, diese Möglichkeit auch zu haben.
Aristoteles hat ja immer gesagt, man dürfe weder die Vorstellungskraft noch das kindliche Alles-infrage-Stellen zu schmälern versuchen – dann würde man praktisch ohne weiteres Zutun eine Gesellschaft von Philosoph:innen heranziehen.
Ganz genau.
Aber viele Menschen verlieren auf ihrem Lebensweg die Fähigkeit, sich den «grossen Fragen» zu widmen, zu staunen – und dann sehnen sie sich danach, oft ohne benennen zu können, was ihnen fehlt. Sie haben verlernt, innezuhalten. Sollen Ihre Texte auch als Erinnerung dienen, den Alltag zu transzendieren; hin zu einer Erfahrung, die man vergessen hatte … oder zu einer Welt, die es einmal gab?
Gestatten Sie mir, zunächst auf den zweiten Teil Ihrer Aussage einzugehen: Ich glaube nicht an eine Idealisierung der Vergangenheit. Es gab nie ein «Eden»; an keinem Punkt in der Geschichte. Jede Epoche hatte ihre eigenen Probleme, Herausforderungen und Dramen. Ich glaube aber – und damit kommen wir zum ersten Teil Ihrer Frage –, dass es Zeiten gab, in denen unsere Bewertung von Natur- und Geisteswissenschaften ausgewogener war als in der Gegenwart. Verstehen Sie mich nicht falsch: Nur dank der Naturwissenschaften konnten wir einige der grossen Krisen lösen, mit denen unsere Spezies über die Jahrhunderte konfrontiert war. Aber ich sehe trotzdem kritisch, dass wir Logik und Rationalität nunmehr oft als «Königsweg» der Erkenntnisgewinnung betrachten – während wir den Wert des Poetischen, der Schönheit, des Spirituellen … und den Wert der Gefühle im Diskurs kleiner machen! Die Vorstellung, «etwas zu fühlen» und das zum Ausdruck zu bringen, ist regelrecht verpönt. Ich möchte, dass meine Texte ein Memento sind … nicht an eine romantisierte Vergangenheit, die niemals wirklich existierte, nein. Sondern eine Erinnerung daran, dass es in Ordnung – und valide – und wunderbar – ist, zu fühlen. Wir belügen und betrügen uns doch selbst, wenn wir behaupten, die empirische Forschung sei wertvoller als die Kunst … und vice versa! Wofür soll diese Schein-Dialektik überhaupt gut sein? Ich sehe nicht, was sie uns bringt. Empirie und Emotion können problemlos koexistieren; und das müssen sie auch, wenn wir das Leben in seiner ganzen Fülle begreifen wollen. Oh, jetzt … klinge ich gerade ein bisschen esoterisch, oder? Seien Sie ehrlich! (lacht)
«Wir belügen uns doch selbst, wenn wir behaupten, die empirische Forschung sei wertvoller als die Kunst … und vice versa!»
Im Gegenteil, ich stimmte Ihrer Einschätzung zu. Als ich damals Philosophie und Literatur studieren wollte, rieten mir Freund:innen davon ab – ich solle mich lieber mit Wirtschaftswissenschaften oder Jura befassen, das wäre «sicherer». Manche Argumente waren derart energisch, als lägen die Fachbereiche auf unterschiedlichen Planeten …
Deswegen mag ich «Poetry on the Subway» so gerne: In der New Yorker U-Bahn hängen Poster mit Gedichten, als temporäre Brücke zwischen «dem Alltag» und «der Kunst» – ich formuliere das bewusst in Anführungszeichen, denn eigentlich sollte man a priori keine Brücken bauen müssen; eigentlich hätte man beides nie voneinander trennen dürfen. Wie dem auch sei: Wenn Sie in New York City in die U-Bahn steigen und zwischen all dem Schmutz und der Hektik taucht ein Gedicht auf … das ist immer wieder etwas Besonderes für mich.
… und etwas, das ich mir als Thema einer Ihrer Kolumnen vorstellen kann!
Ja, denn in so einem Moment kommen viele der Dinge, die wir bereits angedeutet haben, zusammen: Individuum und Gemeinschaft, Unrat und Schönheit, alles zur selben Zeit. Eine grossartige Metapher für das Leben, oder? Es gibt viel Hässlichkeit auf der Welt, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn, und deswegen müssen wir uns an den Spuren von Schönheit orientieren – nicht nur ästhetischer Schönheit, sondern einer sehr weiten Idee des Begriffs. Und wir müssen wieder lernen, zu spielen.
Zu spielen?
Ja. Daran musste ich gerade denken, weil wir vorhin über die Gabe von Kindern sprachen, quasi aus sich selbst heraus zu philosophieren. Wissen Sie, Kinder sind nicht nur geborene Philosoph:innen, sie spielen auch vollkommen unbeschwert – für die meisten Erwachsenen ist das undenkbar! Gespielt werden darf, bis man zehn oder elf Jahre alt ist, danach wird es ernst (lacht). Das ist bedauerlich, denn im Spiel schaffen wir uns Raum für Entdeckungen – Raum, um neue Eigenschaften an uns selbst festzustellen, aber auch um die Welt zu ergründen, wie wir sie vielleicht noch nie zuvor ergründet haben. Solange wir das Spiel, in welcher Form auch immer, als etwas … beinahe Frivoles, als Zeitverschwendung betrachten, nehmen wir uns die Chance auf kreative Aus- und Durchbrüche. Einige meiner liebsten Künstler:innen – einige der erfolgreichsten Künstler:innen der Welt – zeigen eine starke, spielerische Sensibilität in ihren Werken: Ich denke etwa an Olafur Eliasson, der in seinen Installationen Natur, Wissenschaft und Kreativität synthetisiert … und uns damit genau zu jenem Perspektivenwechsel auffordert, von dem wir ganz zu Beginn geredet haben.

Nun interessiert die Leser:innen eher weniger, was ich zu sagen habe – aber gestatten Sie mir dennoch zwei Randbemerkungen: Was Sie über das Aufblitzen von Schönheit im Alltag gesagt haben, erinnert mich an den finalen Monolog von Paolo Sorrentinos Film «La Grande Bellezza» – den kann man sich ansehen, wenn man Sie besser verstehen möchte. Und was Sie über «verspielte» Kunst sagen, lässt mich an Damien Hirsts «Spots» denken: Die haben mir immer weit besser gefallen als seine Darstellungen von Tod und Verwesung, aber ich habe mich nie getraut, das zuzugeben. Dank Ihnen … gestehe ich nun (lacht).
Sie haben meine Erlaubnis, Freude an den «Spots» zu haben (lacht). Aber … wissen Sie, es lohnt sich wirklich, über den Wert des Spiels nachzudenken. Wir brauchen einen kindlichen – nicht kindischen – Zugang zu der Welt um uns herum. Das ist ein grosser Unterschied. Sie haben bestimmt auch junge Eltern im Familien- oder Freundeskreis, die beschreiben, wie sie das Leben durch die Augen ihrer Kinder neu entdecken? Das hat damit zu tun, dass Kinder uns Phänomene vergegenwärtigen, mit denen wir uns nicht mehr bewusst beschäftigen: die Haut einer Tomate zwischen den Fingern zu spüren – sie zu schälen –, gefolgt von dem Gefühl, dass das Innere der Frucht ganz anders ist … wann haben Sie das letzte Mal aktiv über so etwas nachgedacht? Wahrscheinlich kochen Sie alle ein, zwei Wochen etwas, das Tomaten enthält, aber Sie sind bei der Zubereitung nicht … «im Moment». Kinder schon.
Ja, und …
… Entschuldigung, nur eine Sekunde. Sie haben die «Spots» von Damien Hirst erwähnt – ich möchte anknüpfen und einen weiteren Gedanken äussern. Ich nehme an, Sie sind mit dem Werk von Yayoi Kusama vertraut? Wir wissen viel über ihr Leben, ihre komplexe Biografie, ihren andauernden Kampf mit psychischen Krankheiten. Aber Kusama macht aus dem Kampf etwas, das anderen Menschen Freude bereitet – eben weil ihre Kunst sich nicht zu ernst nimmt, sondern einen Gegenpol zur Seriosität des täglichen Lebens bildet.
Mich fasziniert, wie Kusama Schmerz in Schönheit verwandelt – «Schmerz als Schmerz» zu zeigen wäre, glaube ich, weniger anspruchsvoll.
Da stimme ich Ihnen zu. Schmerz zu transformieren – egal, in was – ist eine enorme Herausforderung. Aber der Schritt vor der Transformation ist genauso wichtig: Zunächst müssen wir akzeptieren, dass wir leiden und dass wir dem Gefühl nicht entgehen können. Wir hatten es schon gesagt … die Beziehung zu unserer Gefühlswelt ist oft weniger gesund, als sie sein sollte; viele Menschen spielen herunter, was sie mit sich tragen. Entweder weil sie Angst davor haben – oder weil sie die Nachrichten sehen und sagen: «Was ist schon mein Problem im Vergleich zu den Problemen, die jemand in einem Kriegsgebiet hat?» Doch Schmerz ist Schmerz. Wir müssen akzeptieren, dass er da ist, ihn als Gast willkommen heissen, uns mit ihm auseinandersetzen – und dann versuchen, herauszufinden, was wir mit ihm anfangen sollen. Ich bin überzeugt, wir würden der Menschheit als Ganzes einen grossen Gefallen tun, wenn wir offener und ehrlicher mit dem Schmerz umgehen würden, den wir in uns tragen. Wir müssen ja nicht jeder Person, der wir begegnen, unser Herz ausschütten. Aber wir könnten den Diskurs verändern – und sagen: Schmerz, Leid, Trauer sind Konstanten. Sie gehören dazu. Auch sie verbinden uns.

Wer Ihre Texte kennt, fühlt sich nun an die zahlreichen Kolumnen erinnert, in denen Sie über die Fragilität, die Schwächen der menschlichen Natur sprechen. Oft finden Sie den Einstieg via visuell zugängliche Kunst – seltener via Literatur oder Musik. Warum ist das so?
Visuelle Kunst hat eine «unmittelbare Qualität»: Wir sehen nicht erst etwas, denken dann darüber nach und fühlen schliesslich etwas. Sondern wir sehen etwas, fühlen etwas, und erst dann beginnen wir zu denken. Erkennen Sie die Differenz? Bilder sind sehr, sehr mächtig; egal, ob es sich um Gemälde, Fotografien oder die Ansicht einer Skulptur handelt. Und das sage ich als eine Frau, die das Schreiben, das Storytelling zu ihrem Beruf gemacht hat! (lacht) Wobei: Bilder erzählen auch Geschichten. Mit dem Bonus, dass sie Räume in uns öffnen können, zu denen uns die Sprache keinen Zugang verschafft – denn die Sprache hat ihre ganz eigenen Grenzen. Ein Bild bedarf keiner Übersetzung. Man muss nicht Französisch sprechen, um die Ausstellung eines französischen Malers zu besuchen. Kunst soll nicht elitär sein, und die bildende Kunst ist niederschwellige Kunst … man geht einfach hin und schaut sie sich an! (lacht) Wenn Sie ein kluges Buch schreiben oder Kritiker:in werden wollen, dann müssen Sie vielleicht Historie und Symbolismus kennen, aber ansonsten – reichen Ihre Augen völlig aus.
Dann schliessen wir doch mit der gemeinsamen Betrachtung eines Gemäldes: «Human Castle», ein Werk des zeitgenössischen Künstlers Wonder Buhle Mbambo. Ich zitiere Ihre Bildbeschreibung: «Inmitten einer üppigen Landschaft ist ein Totem von Menschen zu sehen, die alle miteinander ein Kind in die Höhe halten. Das Haar des Kindes lässt vermuten, dass es sich um ein junges Mädchen handelt – das Gesicht ist unkenntlich, aber der Arm ist gen Himmel gereckt. Für mich verkörpert das Kind die Hoffnung all jener, die es tragen: die Hoffnung, es vielleicht selbst nicht geschafft zu haben, aber der nächsten Generation eine Stufe zu sein.» Wir haben heute nicht über Politik gesprochen – aber wie bewahren Sie sich Hoffnung in unseren derart gespaltenen Zeiten?
Haben wir wirklich nicht über Politik geredet? Wir haben nicht über Politiker:innen oder politische Parteien gesprochen. Aber wir haben darüber geredet, was es heisst, Mensch zu sein – und Mensch zu sein bedeutet meist, neben vielen anderen Dingen, in einer Gesellschaft zu leben, als Bürger: in. Ob wir wählen gehen, «Community Service» leisten oder etwas anderes tun … wir alle haben die Kraft, den Ausgang von allem zu beeinflussen. Uns allen ist ein Platz im Orchester des Lebens zugedacht. Es wäre weise, nicht bloss über die Macht, Völker zu beherrschen, nachzudenken, wenn wir über Politik reden. Wir sollten uns lieber daran erinnern, dass wir als Individuen wichtig sind und dass wir innerhalb unseres Umfelds einen nachhaltigen Einfluss ausüben können. Das ist ein Teil meines Rezepts, um optimistisch zu bleiben. Das gibt mir Hoffnung.
Und der andere Teil?
Ich bin gläubig. Ich glaube, dass Kräfte am Werk sind, die grösser sind als das, was wir zu verstehen imstande sind. Meine katholische Erziehung hatte ich erwähnt, aber ich würde diese Kräfte nicht als «heilige Dreifaltigkeit» bezeichnen. Ich habe keine Definition für das, was ich als «göttlich» empfinde – aber es ist da, es ist omnipräsent. Milliarden von Menschen haben Milliarden von persönlichen Glaubenssystemen, die sich am Ende doch alle auf das Gleiche beziehen. Auch deshalb – bitte entschuldigen Sie den etwas abgenutzten Vergleich – halte ich uns für eine grosse Familie. Eine verkorkste, dysfunktionale Familie, die einen Teil ihrer Angehörigen manchmal schlicht und ergreifend vergisst. Aber im Ernstfall … erinnern wir uns. Wo finde ich ausserdem Optimismus, wo finde ich Hoffnung? Schönheit gibt mir Hoffnung. Poesie gibt mir Hoffnung. Freundlichkeit gibt mir Hoffnung. Grosszügigkeit gibt mir Hoffnung. Blumen blühen zu sehen gibt mir Hoffnung – Pflanzen im Haus zu haben, die sich der aufgehenden Sonne zuwenden, gibt mir Hoffnung. Ich mag es, dass sie auf diese Weise mit mir kommunizieren; dass sie mir mitteilen: «Steh vom Schreibtisch auf, ich will bewegt werden!» Sie brauchen das Licht, denn sie wachsen und sind lebendig. Und wo Leben ist, muss Hoffnung sein.
Enuma Okoro ist eine nigerianisch-amerikanische Journalistin, Schriftstellerin, Dozentin, Kuratorin sowie Kunst- und Kulturkritikerin. Ihre wöchentliche Financial-Times-Kolumne «The Art of Life» spiegelt ihre breit gefächerten Forschungs- und Schreibinteressen wider: etwa inwiefern die Intersektion von Kunst, Philosophie, Spiritualität, Ökologie und Kultur die Conditio humana adressieren und hinterfragen kann, wie wir mit uns selbst und miteinander leben und wie wir Spiritualität in unseren Alltag integrieren.
Dieser Artikel erschien zuerst in der m&k Printausgabe 6-7/2024.























