Ringier: «No bad feelings» bei Ungers Abgang
Der plötzliche und sofortige Wechsel an der Spitze Ringiers und das dürre Communiqué, das Christian Unger mit keinem Wort würdigt, lässt vermuten, dass der Abgang des deutschen CEO nicht nur in Minne verlief.
Wortreich versuchte Ringier-Sprecher Edi Estermann die Wogen zu glätten, so gut er konnte. Auf Anfrage der Werbewoche sprach er von einem «ganz normalen Abgang» und sagte, dass das Communiqué nun bloss die «Vollzugsmeldung» darstelle. Christian Ungers Wechsel erfolge jedenfalls in gutem Einvernehmen. «No bad feelings», sagte Estermann wörtlich. Auch punkto Konzernstrategie und Umsetzung der Ziele habe es keine Differenzen zwischen CEO und Verleger gegeben. Für Michael Ringier sei Ungers Abgang jedenfalls nicht ganz so überraschend, sagte der Sprecher, er konnte oder wollte jedoch nicht sagen, wann der Verleger von Unger erstmals über seinen Weggang von Ringier informiert worden war.
Es wäre «falsch», wenn aufgrund der «bewusst kurz und sec» gehaltenen Medienmitteilung nun der Eindruck entstünde, dass Ungers Trennung von Ringier mit Misstönen begleitet sei. «Es war der Wunsch des Verlegers, dass um diesen Abgang kein grosses Brimborium gemacht wird», sagte Estermann.
«Kein grosses Brimborium» und bewusst vor Ostern
Unger gehe zudem von sich aus, betonte Estermann. Der bisherige CEO habe für Ringier das Geschäft in Osteuropa ausgebaut und auch in Fernost einige Impulse gesetzt. Mit diesen paar Worten versuchte Estermann das nachzuholen, was im Communiqué weggelassen worden war – eine kurze Würdigung von Unger. Estermann fügte ferner an, dass es Ringier-intern durchaus noch eine Verabschiedung Ungers geben werde.
Dass der Wechsel 14 Tage vor Ringiers Jahresmedienkonferenz (und kurz vor den Osterfeiertagen) kommuniziert werde, sei vom Trio Ringier/Unger/Walder so gewählt worden. Unger werde sein Büro in der Woche nach Ostern räumen und sukzessive auch alle Verwaltungsratsmandate bei Ringier abtreten, und Marc Walder werde an der Pressekonferenz bereits als neuer CEO des gesamten Unternehmens Ringier den Jahresbericht präsentieren. Gleichzeitig werde Walder aber CEO von Ringier Schweiz und Deutschland bleiben. «Für diesen Bereich suchen wir keinen Nachfolger», sagte Estermann.
Übrigens: Michael Ringier selbst war am Donnerstag nicht in seinem Büro erreichbar. Christian Unger hingegen war an seinem Arbeitsplatz. «Aber er ist nicht zu sprechen», beschied seine Sekretärin. Auch auf E-mails reagierte er nicht.
Mit Ringiers Fernost-Business unterfordert?
Manches deutet darauf hin, dass Unger kurzfristig ein neues, interessanteres Stellenangebot erhalten hat. Hatte er sich aktiv umgeschaut, weil er in seiner aktuellen Tätigkeit unzufrieden – genauer: unterfordert – war? Klar ist: Bei Ringiers Kerngeschäft in der Schweiz und Deutschland hatte er nicht viele Aufgaben, dafür war ja schon bisher Marc Walder zuständig. Und auch mit dem Osteuropa-Geschäft hatte er immer weniger zu tun, seit beim Joint Venture Ringier Axel Springer Media Florian Fels die Verantwortung als CEO übernommen hat – ein Mann den Unger selbst geholt hatte. Für Unger blieben also «nur» noch die Aktivitäten in China und Vietnam übrig – möglicherweise «peanuts» für den umtriebigen Manager. Die Tatsache, dass der neue CEO Marc Walder nun sowohl die Verantwortung für Fernost und den Gesamtkonzern trägt, gleichzeitig aber auch zuständig bleibt für die Schweiz und Deutschland, deutet in diese Richtung. Kommt dazu, dass die Chemie zwischen dem Verleger und Walder vermutlich besser stimmt als zwischen Ringier und Unger. Das lässt jedenfalls das dürre Communiqué erahnen, das mehr Worte über Walder enthält als über den bisherigen CEO.
Markus Knöpfli
