«Women hold up half the sky»
Die Wechseljahre bringen Veränderungen. Damit Frauen auch in dieser Zeit im Gleichgewicht bleiben und im Alltag sowie bei der Arbeit gelassen und fokussiert sind, räumt Bestseller-Autorin und Doktorin der Medizin Sheila de Liz im Buch «Woman on Fire» mit Mythen auf. Wir konnten mit ihr sprechen.

m&k: Dr. Sheila de Liz, Ihr Bestseller-Buch «Women on Fire» hat einen Tsunami ausgelöst. Frauen fühlen sich gehört, verstanden. Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass es dieses Buch braucht?
Sheila de Liz: Das fing vor Jahren an, als ich bemerkt habe, dass Frauen massiv unter den Folgen der Menopause litten und dies aus Mangel an Hormonen.
Aber es gibt doch seit jeher Gynäkologen und auch Gynäkologinnen, die medizinisch dafür geschult sein müssten.
Die Medizin und auch die Gesellschaft haben das Thema Hormonmangel in den Wechseljahren seit jeher übersehen. Das war für mich vergleichbar mit der Zahnheilkunde im 19. Jahrhundert. In mir wuchs das Bedürfnis, das weite Feld der Wechseljahre mit all seinen Facetten zu beleuchten.
«Wirtschaft und Politik müssen erkennen, dass mit dem Wegfall der Frauen aus der Arbeitswelt in den Wechseljahren auch ganz viel Qualität wegfällt.»
Welche Erfahrungen machen Sie mit Ihrem Umfeld seitdem Sie das Buch geschrieben haben?
Jede Frau spricht mich darauf an, öffnet sich sofort, schreibt mich privat an. Es gibt ein enormes Bedürfnis in der Frauenwelt, und wenige Anlaufplätze. Von den Kollegen ist das Thema gemischt aufgenommen worden: Viele sind dankbar, dass jemand ihnen diese «Aufklärungsarbeit» abgenommen hat. Und auch für die nun mündigen und informierten Patientinnen, die nun von selbst kommen und sagen, welche Beschwerden sie haben und was sie zur Linderung wollen. Es gibt natürlich auch Kollegen, die nicht begeistert sind.

Mit welchen Argumenten kommen diese Kollegen denn auf Sie zu?
Sie würden sich in ihrem Schaffen gestört fühlen, weil sie ein eigenes Konzept haben zum Umgang mit Frauen in den Wechseljahren.
Das Thema Wechseljahre war lange ein Tabuthema. Warum ist dieses Feld so lange so wenig beachtet worden?
Aus falscher Scham und veralteten Vorstellungen über Frauen und deren Wert, nach Beendigung der fruchtbaren Jahre. Begriffe wie «Altes Eisen», «Empty Nest Syndrom» sind da gängige Vorurteile.
Das sind gesellschaftliche Vorurteile, aber warum hat die Medizin so lange einen Bogen um das Thema Frauengesundheit in den Wechseljahren gemacht?
Das Feld war wenig interessant, da bei der Art von «Fliessbandmedizin» die wenigsten Ärzte überhaupt die Zeit haben, sich um das Thema zu kümmern.
«Im Prinzip betrifft der Hormonmangel bei den Frauen alle Organe. Von den Haarwurzeln bis hinunter zu den Fusssohlen.»
Welches sind die gängigsten Vorurteile, die rund um Hormontherapie im Umlauf sind?
Viele denken immer noch, Hormontherapie löse Krebs aus, führe zu Thrombosen, Bluthochdruck oder Schlaganfällen. Viele denken auch, Hormone machen dick.
Welche Argumente führen Sie ins Feld, um diese Vorurteile aufzuklären?
Wir ersetzen einfach hormonell das, was fehlt, und bringen die Hormonlevel auf eine für den Körper und die Organe gesunde Höhe.
Warum ist die Einnahme von Hormonen so umstritten?
Problematisch ist, dass die Medien es geschafft haben, den Frauen beizubringen, dass sie Angst haben sollen vor Substanzen, die ihr Körper natürlich produziert. Das war und ist ein Fehler. Die moderne Hormontherapie arbeitet nur mit molekular-identischen Stoffen, so dass der Körper gar nicht erkennen kann, ob das Hormon aus dem eigenen Eierstock oder aus der Apotheke kommt. Durch die überwältigenden Vorteile, die frau hat, wenn sie eine Hormonersatztherapie macht, muss man mittlerweile eher fragen, ob es nicht gefährlicher ist, gar nichts einzunehmen, weil alle Organe mittel- und langfristig darunter leiden.
Sie betreiben eine Online-Praxis. Würden Sie erklären, wie das abläuft?
Patientinnen buchen zunächst einen ausführlichen Kennenlerntermin per Zoom über 50 Minuten und bekommen dann einen massgeschneiderten Plan. Gegebenenfalls mit der Zusendung von Rezepten für HRT. Einen Follow-Up-Termin gibt es nach 6-8 Wochen, und danach bei Bedarf natürlich auch noch weitere.
Fast jede Frau geht doch regelmässig zur gynäkologischen Untersuchung. Dort müsste das doch Thema sein?
Die Schwierigkeit liegt oft in der Zeitnot. Es braucht Geduld und viel Zeit für die Einstellung von Patientinnen unter HRT. Jede Frau ist anders.

Ist die Aufklärung nach ihrem Buch in Sachen Menopause nun da, wo Sie diese haben wollen oder ist noch Luft nach oben?
Es ist deutlich mehr Luft nach oben. Die Menopause betrifft alle Fachgebiete in der Medizin. Daher können die Gynäkologen und Gynäkologinnen das auch nicht alleine tragen. Grundsätzlich müssten sich alle Fachgebiete mit den Wechseljahren auskennen, weil es eben alle Organe betrifft. Beispielsweise sollten sich Orthopäden, Zahnärzte, Augenärztinnen, Neurologinnen, Psychiater und Kardiologinnen auch sehr gut mit den Symptomen der Wechseljahre auskennen, weil viele Patientinnen in diesem typischen Alter zu ihnen in die Praxis kommen. Mit spezifischen Beschwerden, die mit dem Hormonmangel verknüpft sind. Und es hört mit diesen Fachbereichen auch nicht auf: im Prinzip betrifft der Hormonmangel bei den Frauen alle Organe von den Haarwurzeln bis hinunter zu den Fusssohlen. Es gibt so viele Beschwerden der Wechseljahre. Man glaubt, es sind so um die 136 verschiedene Symptome. Dies können ganz skurrile Dinge sein, wie Schluckbeschwerden, Darmbeschwerden. Hautausschläge und Fusssohlenschmerzen. Es sind also lange nicht einfach nur Hitzewallungen und Schlafstörungen. Daher ist die Behandlung der Frauen in den Wechseljahren eine Gemeinschaftsaufgabe.
Was braucht es Ihrer Meinung nach, damit das Thema auch in der Wirtschaft auf die Agenda kommt?
Wirtschaft und Politik müssen erkennen, dass mit dem Wegfall der Frauen aus der Arbeitswelt aufgrund von Schlafmangel, Depressionen, Energielosigkeit, dauernden Muskel und Knochenschmerzen, ganz viel an hoch qualifiziertem Wissen wegfällt. Man sagt auf Englisch «Women hold up half the sky» und das stimmt: wir Frauen in der Mitte des Lebens kümmern uns um die Kinder, um die Arbeit, um den Haushalt, um die eigenen Eltern. Wenn diese Frauen nicht in ihrer Kraft sind, aufgrund von Beschwerden, die nicht sein müssten, haben wir ein Problem. Wenn wir diese Frauen jedoch unterstützen, dann haben alle etwas davon.
Dr.med. Sheila de Liz, geboren 1969 in Ney Jersey, ist im Alter von 15 Jahren nach Deutschland gekommen und studierte in Mainz Medizin. Seit 2006 arbeitet sie in ihrer eigenen Praxis für Gynäkologie in Wiesbaden. Sie ist eine gefragte Expertin zu allen Themen rund um weibliche Gesundheit.

Dieser Artikel erschien zuerst in der m&k Printausgabe 11-12/2024.




























