Um den Autor zu hören, brauchte das Publikum am Dienstagabend nicht ins Theater Neumarkt zu kommen. Anstatt selber die Buchvernissage zu bestreiten, diskutierte der Tagesanzeiger-Reporter und Autor von
«Deadline – Wie macht man Journalismus im 21. Jahrhundert?» lieber mit Kollegen über die Zukunft des Journalismus: Michèle Binswanger (Tages-Anzeiger), Daniel Binswanger (Das Magazin), Roger Schawinski (Radio 1), Christof Moser (Schweiz am Sonntag) und Peter Hogenkamp (NZZ).
Wenig überraschend: Der grosse Durchbruch blieb aus. DIE Strategie für die Zukunft des Journalismus wurde – trotz Rotwein – nicht gefunden. (Vielleicht lag es auch daran, dass sich der Grossteil der Teilnehmer ans Wasser hielt…) Einige kreative Vorschläge gab es aber durchaus, als Seibt die Gäste fragte: «Sie bekommen eine Zeitung geschenkt. Was tun Sie damit?»
Daniel Binswanger nannte als mögliches Modell die französische News-Website Mediapart.fr (ausschliesslich Abo-finanziert, keine Werbung). Peter Hogenkamp schnappte sich als Medienunternehmen am liebsten eine Regionalzeitung (Monopolstellung bevorzugt). Und Christof Moser erliesse ein Redaktionsverbot. Die Journalisten müssten wieder raus, vor 16 Uhr brauche keiner in die Redaktion zu kommen.
Seibt selbst wäre dem Publikum die Antwort schuldig geblieben, hätte nicht eine Zuschauerin insistiert. «Ich würde eine Zeitung für verschiedene Gruppen machen.» Wie genau, erklärt er im Interview.
WW: Constantin Seibt, gesetzt den Fall, Sie bekommen eine Zeitung geschenkt. Was tun Sie damit?
CS: Ich glaube ein Weg wäre, die Zeitung auf verschiedene Gruppen auszurichten. Eine, die ein Massenpublikum halb und halb befriedigt, wird zunehmend nicht mehr gekauft. Erstens, weil das Publikum im Internetzeitalter in Interessengruppen zerfällt. Zweitens weil ein Zeitungsabonement nicht mehr wie früher eine Gewohnheit ist, sondern ein Bekenntnis. Die dazu notwendige Intensität entsteht nur durch Nähe. Also muss man nah an das Publikum, also die verschiedenen Gruppen.
Lassen Sie uns die Idee weiterspinnen. Was steckt dahinter?
Die Grundidee ist: Mach Journalismus im 21. Jahrhundert. Und das erfolgreichste neue Medienprodukt sind die Fernsehserien. Im 20. Jahrhundert versuchten die Serienproduzenten, den Massengeschmack zu bedienen: Keine Kontroversen, keine grossen Frivolitäten, nichts Finsteres, nichts Riskantes. Und oft eine ewig gleiche Handlung. Der Zuschauer kann bei Folge 1 beginnen, dann bei Folge 5, bei Folge 30 wieder einsteigen – alles bleibt beim Alten. Der US-amerikanischen Bezahlsender HBO hat sich komplett von diesem Konzept verabschiedet. Er produzierte komplexe Geschichten mit fortlaufenden Handlungen. Serien, die auch die Nachtseite zeigen, in denen Leute etwa sterben. Bei «The Sopranos» neurotische Mafiosi, bei «Six Feet Under» eine Totengräber-Familie. HBO setzte darauf: Wenn etwas die Leute eine Geschichte wirklich fasziniert, schalten sie jedes Mal ein. Damit hat der Sender zwar das Massenpublikum vergrault, aber ein Abonenntenpublikum aus lauter Minderheiten von überzeugten Fans erhalten. Und wurde enorm profitabel.
Die Lösung ist, sich vom Massengeschmack zu verabschieden und bestimmte Publika anzusteuern?
Ja. Denn im Prinzip funktioniert ja eine Stadt wie Zürich genau so. Die Leute leben nur offiziell in der gleichen Stadt. Es gibt den Finanzplatz, die Langstrasse, die Presse-, die Theater-, die Werbe-, die Kunst-, die Politszene, etc. Dort, wo ihr Alltag und ihr Ehrgeiz ist, leben die Leute wirklich.
Was heisst das für die Zeitung?
Eine Zeitung müsste daran arbeiten, für verschiedenste Milieus zum massgeblichen Blatt zu werden. Es müsste ihr gelingen, die für die wichtigsten Milieus aktuellsten Nachrichten und die cleversten Debatten zu bringen. Es müsste für ehrgeizige Leute ein Karrierehindernis werden, wenn man sie nicht liest.
Wir eliminieren die Ressorts und machen stattdessen eine Zeitung für Banker, eine für die Kunstszene, eine für das Rotlichtmilieu.
Ja, aber alles in einer Zeitung. Das Produkt könnte im Extremfall aus einem riesigen Lokalteil bestehen, der in die Welt ausfranst. Das Problem dabei ist, dass er nicht provinziell sein dürfte. Denn eine Stadt ist heute nicht mehr provinziell. Für die Kunstszene oder die Banker ist es ebenso relevant, was in New York oder Shanghai passiert. Für die Werbeszene müsste sie auch aus Cannes berichten, aber auch was die Cracks in Brasilien, Belgien oder den USA treiben.
Wie kommt die Zeitung zum Insiderwissen?
Gleich wie heute: Durch Journalisten, die dran bleiben. Je länger man daran bleibt, desto mehr wird einem zugetragen. Je mehr man schreibt, desto mehr weiss man. So, als würde man sich als Korrespondent ins Bundeshaus einarbeitet.
Die Rolle des Journalisten bliebe also dieselbe?
Natürlich gibt es auch einen ästhetischen Aspekt. Die Journalisten müssten vom uniformen Nachrichtenstil wegkommen. Und versuchen, je nach Fall anders zu schreiben: mal nüchtern, mal persönlich, mal polemisch. Das Publikum soll einen Artikel entweder lieben oder hassen. Letzeres, weil man ohne das Risiko von Ärger auch nie Begeisterung erweckt.
Die Zeitung von morgen polarisiert.
Ja, doch nicht durch Meinungen. Wenn man systematisch durch Meinungen polarisiert, greift man ziemlich schnell zu idiotischen Argumenten. Die Zeitung von morgen polarisierte durch Ästhetik: durch ihre Aufmachung, die Art des Schreibens, durch den Blickwinkel. Ich glaube, das ist der einzige Weg, zu überleben. Ansonsten macht die Zeitung zwar solide Arbeit, aber Arbeit, die man im Netz überall findet.
Wird die Zeitung noch gedruckt?
Bei dieser Frage bin ich pragmatisch. Es gibt praktische Gründe, die dafür sprechen: Jeder Printleser bringt 7mal mehr als ein Onlineleser, und der wiederum 7mal mehr als ein Smartphoneleser. Dafür zahlt man Druck- und Vertriebskosten. Also rechne. Doch für Journalismus spielt Print oder Online am Ende keine Rolle. Text ist Text.
Wie finanziert sich die Zeitung: über Werbung oder Leser?
In erster Linie braucht es überzeugte Leser: So überzeugt, dass sie zahlen. Die Werbung bricht für Informationsmedien zunehmend weg.
Was hindert Sie daran, «Ihre» Zeitung aufzubauen?
Einerseits ist das Konzept noch ziemlich roh. Und selbst bei einem perfekten Plan ist der Umbau eine riesige Aufgabe: Schon bei kleinen Änderungen hat eine Zeitung den Wendekreis eines Tankers. Und last not least müsste ich noch zwei Mal in Folge bei der Euromillion gewinnen.
Sie könnten sich einen Investor oder Mäzen suchen.
Es ist derzeit tatsächlich Mode, dass sendungsbewusste Milliardäre Medienprojekte kaufen. In der Schweiz ist das allerdings Herr Blocher. Und der hat ein wenig andere Vorstellungen als ich.
Inwiefern?
Wie viele ältere Herren hat er den Wunsch, dass eine Zeitung vor allem seine Meinung vertritt, egal was passiert. Tendenziell besteht ja das Geschäftsmodell der Basler Zeitung darin, dass der einzige Mensch, der sie noch mit Vergnügen liest, ihr Financier ist
Zum Schluss zur Ihrem Buch: «Deadline» basiert auf Ihrem gleichnamigen Blog. Weshalb sollte man es als Blog-Leser trotzdem kaufen?
Der Blog ist eine Bonbonschachtel, das Buch ein Stück Schinken. Das heisst: Im Blog versuche ich, den Leser zu verblüffen. Im Buch dagegen ist alles systematisch, in der Reihe, eine Argumentation, eine Ästehtik. Der Blog soll anregen; mit dem Buch kann man arbeiten. Es ist quasi der Plan hinter dem Blog.
Interview: Isabel Imper