«Wir wollen nur ein Werbefenster und kein Programmfenster betreiben»
Michel Rey, CEO von M6, über seinen TV-Sender und sein welsches Werbefenster
Michel Rey: Ein bisschen hat mich die Heftigkeit dieses Widerstandes schon überrascht. Aber wenn sich die wirtschaftliche Situation verändert, ist es eben so, dass sich die beteiligten Unternehmen erst einmal besser kennen lernen müssen. Wir sind der erste ausländische Sender, der in der welschen Schweiz ein Werbefenster aufschalten will. Also muss diese neue Ausgangslage zuerst analysiert werden. Die medienpolitischen Bedingungen und Möglichkeiten müssen juristisch abgeklärt werden, und zwar für die Télévision Suisse Romande (TSR) wie M6 und gleichzeitig bei der zuständigen Behörde CSA in Frankreich wie beim Bakom in der Schweiz. Dazu braucht es eine Einigung mit den verschiedenen Kabelnetzbetreibern. Das alles braucht seine Zeit, und deshalb finde ich die Verzögerung bei einem Projekt dieser Grössenordnung eigentlich durchaus normal.
Ist die Schweiz für M6 tatsächlich so wichtig?
Rey: Wenn Sie unseren Sender etwas genauer anschauen, können Sie feststellen, dass wir ein sehr aufwändiges und vielseitiges Programm produzieren. Da scheint es mir legitim, dass wir an allen Orten, an denen die Sendungen von M6 gesehen werden können, auch etwas für die Finanzierung dieser Leistungen bekommen. Wieso also nicht auch in der Schweiz? Auch hier sind wir bereits seit zehn Jahren mit unserem Programm in den Kabelnetzen aufgeschaltet.
Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung der Zuschauerzahlen in der Schweiz?
Rey: Wir haben heute im Kabelnetz der Romandie 40 Prozent abgestimmte Geräte von 77 möglichen Prozent. Wenn also noch Genf und Lausanne dazukämen, würde sich der bisher erreichte Anteil um mehr als 20 Prozent erhöhen, das ist ein guter Wert. Wir werden uns kontinuierlich steigern. Das hat auch bereits bei vielen Werbekunden grosses Interesse geweckt. Wie ich höre, ist die Werbung bei TSR in der Primetime meistens ausgebucht. Ich bin deshalb überzeugt: Die Kunden wollen ein neues Feld, in dem sie ihre Werbung platzieren können.
Planen Sie in Zukunft auch ein eigenes Programmfenster?
Rey: Nein, wir wollen nur ein Werbefenster und kein Programmfenster betreiben. Ich finde es, wie gesagt, legitim, dass wir Geld in der welschen Schweiz verdienen, denn unser Programm wird hier sehr gerne gesehen. Hinter TSR und TF 1 rangieren wir an dritter Stelle mit Marktanteilen in der Primetime von durchschnittlich 13 Prozent und im letzten Mai sogar 20 Prozent bei den 15- bis 49-Jährigen.
Welches Publikum wollen Sie ansprechen?
Rey: Wir sind seit 1987 auf Sendung und verfügen heute in Frankreich über 14 Prozent Marktanteil. Das konnten wir nur dank eines eindeutig definierten Zielpublikums erreichen. Von Beginn weg haben wir uns also bei einem Publikum unter 25 Jahren positioniert. In diesem Segment sind wir der klare Leader, auffallenderweise bei jungen Frauen noch mehr als bei jungen Männern. Wir sind aber Generalisten in Sachen Programm, allerdings mit viel Mut zu Neuem. Wir produzieren ein Kontrastprogramm gegen den Markttrend. Wir sind in Frankreich der Sender mit den meisten Reportagen und Magazinen wie zum Beispiel dem Wissensmagazin «e=m6», das am Dienstag 4 Millionen Zuschauer erreicht. «Culture Pub» ist ein Magazin über Werbung, «Capital» bringt Wirtschaftsinformationen. Dazu kommen viele Unterhaltungsformate, Kinder- und Jugendprogramme sowie natürlich die besten internationalen Serien.
Gibt das keine Probleme mit den Rechten für die Schweiz, wenn Sie nun Werbung rund um diese Serien schalten?
Rey: Nein, diese Rechte haben wir international geregelt. Es gibt aber andere Einschränkungen. Nach französischem Recht dürfen wir keine Werbung für Filme machen, keine Bücher und – was in der Schweiz vielleicht unser grösster Nachteil ist – keine Werbung für den Detailhandel. Damit will Frankreich die Printmedien vor dem Fernsehen schützen. Trotzdem können wir auch in der Romandie mit unserem Profil als jüngster Sender eine neue Chance für die Mediaplanung bieten, die auf eine genaue Zielgruppe eingehen will. Wir haben die jüngsten Zuschauer. 9,5 Prozent sind 15- bis 24-jährig. 23,5 Prozent in der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen – und im April startet unsere zweite Staffel von «Loft Story», dem französischen Pendant zu «Big Brother». Damit können wir bei den Marktanteilen sogar TF 1 überholen.
Welche Besitzer stecken eigentlich hinter M6?
Rey: Der Sender M6 wird durch die RTL-Gruppe mit 45,2 Prozent und der Suez-Gruppe mit einem Anteil von 37,3 Prozent kontrolliert. Der Rest von
17,5 Prozent ist in öffentlichen Händen oder bei institutionellen Anlegern platziert. Unser Umsatz beträgt zurzeit 734 Millionen Euro, und wir erwirtschaften zweistellige Wachstumszahlen. Die Werbeeinnahmen machen 72 Prozent unseres gesamten Konzernumsatzes aus. M6 gliedert sich in vier Teilbereiche: das Free TV in Verbindung mit dem Filmgeschäft. Dann unser Markengeschäft mit den M6-Boutiquen, in denen neben Videos auch wöchentlich eine DVD aus unserer M6-Collection angeboten wird. Zu unserem Markengeschäft gehört auch ein eigener Fussballklub. Der dritte Bereich ist Pay TV mit den Sendern Fun TV und Music TV. Der vierte Bereich ist das Internet. In diesem Medium bieten wir verschiedene Aktivitäten rund um «Loft Story» sowie einen Ticketservice an. Alle vier Bereiche erzeugen sehr grosse Synergien.
Wie wird es in der welschen Schweiz nun weitergehen?
Rey: Zurzeit sind zwei Rekurse hängig, einer in Frankreich und einer in der Schweiz. Im April wird es in Freiburg zu einer nächsten Verhandlung kommen. Dank einer juristischen Studie, die wir in Auftrag gegeben haben, bin ich optimistisch, dass wir rechtlich mit unserem Werbefenster genügend abgesichert sind. Dazu sucht die IP Multimedia nach wie vor das Gespräch mit den Kabelnetzbetreibern in Lausanne und in Genf. Interview: Andreas Panzeri
