Sportsponsoring Wer im Rennfahrzirkus rasch die Markenbekanntheit ausbauen wollte, hat den Weg in die Königsklasse des Motorsports mit Millionen von Euro gepflastert. Jetzt ziehen sich die rasenden Marketer zurück und machen vor dem ersten Grand Prix einer neuen Bescheidenheit Platz.Preisfrage: Wie wird man in der Formel 1 zum Millionär? Antwort: Ganz einfach, indem man als Milliardär einsteigt! Jahrelang haben die Sponsoren über diesen Witz in den VIP-Lounges des Motorsports gelächelt – milde, wissend, siegesgewiss. Die Formel 1 als grösste Geldvernichtungsmaschine des globalen Marketings? Na und? Hauptsache, dabei sein. Und besser noch mittendrin statt nur dabei. Frei nach dieser Devise brachten Verwaltungsräte mit ihren Marketingchefs und den dazugehörenden Agenturen Koffer voller Geld an die Rennstrecken. Doch nun herrscht Katerstimmung in den Boxengassen. Viele Sponsoren haben der Formel 1 den Rücken gekehrt.Michel, geh du voranWie auf Kommando haben sich nach Ablauf der Saison 2002 deutsche Geldgeber aus dem Formel-1-Zirkus verabschiedet. Zu den Aussteigern gehören die Deutsche Post, die Brauerei Veltins, die Telekom, Infineon und Ratiopharm. Andere Financiers wie Becks-Bier oder Konkurrent Warsteiner haben zum Start in die neue Saison (am 9. März in Melbourne) ihre Formel-1-Etats stark nach unten gefahren.
Insider gehen davon aus, dass die Königsklasse des Motorsports in der kommenden Saison auf mindestens 50 Millionen Euro verzichten muss. Der Verlust der namhaften Kapitaltranche bringt einige Teamchefs schwer ins Schleudern. Mit Sparprogrammen und offensiver Sponsorenakquisition versucht man, diese Abgänge anderweitig zu kompensieren. Bleibt die Frage, weshalb sich die deutsche Industrie gleich so massiv und konzentriert von der Formel 1 abgewendet hat. Hat diese Marketingplattform ihre internationale Werbewirkung verloren? Ist der PS-Boom vorbei? Fest steht: Auch in der Formel 1 sind – zumindest in Europa – die Grenzen des Wachstums erreicht.
Ein Auslöser ist sicherlich die Krise des Werbemarkts. Hinzu kam in der vergangenen Saison die Dominanz des deutschen Ferrari-Piloten Michael Schumacher, der schon nach sieben Rennen als Weltmeister feststand. Der Rest war Langeweile. Statt zehn Millionen Zuschauer, wie in der Saison 2001, sank die Durchschnittsquote beim Formel-1-Sender RTL auf unter neun Millionen pro Rennen. Und: Bei einer Umfrage von TNS Emnid nach den beliebtesten Sportarten in Deutschland musste der Motorsport im November erstmals seinen zweiten Platz hinter dem Fussball an das Skispringen abgeben.
«Gesunde Abkühlung»Blüht dem TV-Sport Formel 1 so ein tiefer Sturz, wie ihn Ende der Achtzigerjahre das Tennis erlebte? «Nein, sicher nicht», meint dazu Harti Weirather, Chef der Liechtensteiner Agentur WWP.
Der Ex-Skiweltmeister gehört seit Jahren zu den führenden Sponsoringagenten in der Formel 1. Sein Unternehmen betreut unter anderen Red Bull, BMW, Siemens und Allianz. Weira-ther wertet den Auszug der Deutschen als «gesunde Abkühlung eines überhitzten Marktes». Und fügt hinzu: «Als vor zwei, drei Jahren so viele deutsche Marken in der Formel 1 mitfahren wollten, explodierten die Preise.»
Ende der Neunzigerjahre gab es kaum noch Preislimiten. Was zuvor noch zwei Millionen Euro kostete, war in der Boomphase nur mehr für fünf Millionen zu haben. «Erst mit der Rezession kam die Frage nach Aufwand und Ertrag», so Weirather. «Vorher waren die gigantischen Streuverluste und die Effizienz des geleisteten Einsatzes kein Thema.»
Christian Geistdörfer, Geschäftsführer von P&W Sponsoringconsulting, München, vergleicht den Run deutscher Unternehmen auf die Formel 1 mit dem Boom im Neuen Markt: «Jeder wollte dabei sein, egal, zu welchem Preis.» Da sei ein Kundenanlass in Monte Carlo wichtiger gewesen als eine Vernetzung von Formel-1-Engagement und klassischer Werbung. «Es ist unverhältnismässig, wenn sich mittelständische Kirchturmbrauereien im globalen Motorsport tummeln und im nationalen Markt noch nicht mal ihre Vertriebsprobleme gelöst haben», frotzelt Geistdörfer.
Der Agenturchef, in dieser Saison betreut er die Marken Toyota und Hugo Boss, betrachtet die Formel 1 trotzdem nach wie vor als «Königsklasse des Sponsorings». Wer langfristige strategische Ziele habe, könne sie auf und neben dem immer dichter werdenden Rennstreckennetz optimal erreichen. Allerdings müssten die dabei involvierten Werbeagenturen auch beweisen, dass sie eine Ahnung haben von der Materie.
Leerlauf in Agenturen«Da sind wirklich unglaubliche Dinge passiert», berichtet Hans-Willy Brockes, Geschäftsführer der Europäischen Sponsoring-Börse in St.Gallen, über den Umgang mit der For-mel 1 in Werbeagenturen. So hätte beispielsweise ein Sponsor nach der Überweisung von drei Millionen Euro herausgefunden, dass er damit weder Fotorechte noch die Rechte für einen Fernsehspot erworben hatte. «Für diese Leistungen sollte er nachbezahlen», so Brockes. WWP-Chef Harti Weirather bestätigt die unseriösen Praktiken einiger Agenturen: «Da wurden für Unsummen lediglich Aufkleber und Hospitalitytickets an Kunden verkauft. Und das wars.»
Diese Zeiten sind vorbei. Eine neue Bescheidenheit hat Einzug gehalten. Entsprechend sind auch die Bolidenpräsentationen für die neue Saison gestaltet. Statt Champagner wird Mineralwasser gereicht. Und die prunkvollen Edel-Locations wurden gegen kostengünstigeres Garagenambiente eingetauscht. Katja Heim, Chefin der Londoner Sponsoringagentur KH-Promotion, wertet die Rezession als eine «Markenbereinigung» in der Formel 1. Für Sponsoringexperimente sei der Rennsport einfach zu teuer. «Unternehmen wie Agenturen wissen heute, worum es geht», sagt sie. Ausserdem seien grosse deutsche Player wie Siemens, Allianz, SAP oder Reemtsma nach wie vor sehr erfolgreich in der Formel 1.
Heim, die auch für Formel-1-Chef Bernie Ecclestone arbeitet, stellt fest, dass Sponsoring immer leistungsbezogener bewertet wird. «Es wird knallhart nach den Absatzchancen der jeweiligen Produkte im Formel-1-Umfeld kalkuliert.» Ford beispielsweise versuche in dieser Saison durch integrierte Motorsportkampagnen gezielt, den Autoabsatz in diversen Kernmärkten zu erhöhen.
Weltweit gibt es keine grössere und telegenere Marketingplattform: Allein im vergangenen Jahr erzielte die Formel 1 weltweit 54,5 Milliarden TV-Kontakte. Wer hier den Link zur Zielgruppe schafft, baut für seine Marke Image und Bekanntheit in gigantischen Dimensionen auf. Mit neuen Regeln – Verbot von elektronischen Fahrhilfen und Bo-xenfunk sowie Abschaffung des Ersatzwagens – soll neuer Schwung in die «Formel Langeweile» gebracht werden. Ferrari und Aushängeschild «Schumi» sollen diese Saison wieder kompetitive Gegner erhalten. Auch auf das schnell heranrückende Tabakwerbeverbot in der Formel 1 hat Ecclestone bereits reagiert: In der Saison 2004 soll erstmals auch in Bahrain und in Shanghai gestartet werden.
Glamourwelt Formel 1: Ohne clevere Marketingstrategie setzen viele Konzerne Millionen in den Sand.
Der Rückzug namhafter Sponsoren hinterlässt im Formel-1-Zirkus deutliche Bremsspuren.
Formel-1-Werbung: In die Poleposition, bitteDass die SRG die Liveübertragungsrechte für die Formel-1-Rennen bis
Ende 2004 nicht aus der Portokasse bezahlt hat, belegt ein Blick auf die
Tarife der Sendezeitvermarkterin Publisuisse. Für 30 Werbesekunden vor dem Start zu den jeweiligen Rennen blättert man im ersten Halbjahr 2003 um die 8000 Franken auf den Tisch. Während die in Übersee startenden Wettkämpfe «günstiger» zu buchen sind – 3500 beziehungsweise 4250 Franken –, müssen Werbekunden für 30 Sekunden TV-Spot vor dem Aufheulen der Motoren in Europa 8250 Franken blechen. Und sie tuns gerne: Peter Kaufmann, Leiter PR und Sponsoring von Publisuisse, bestätigt, dass die Werbeblöcke kurz vor den Liveübertragungen jeweils auf SF2 letztes Jahr zu 100 Prozent ausgebucht waren, während beim Qualifying zwei Drittel der Werbezeit verkauft worden waren. Fürs laufende Jahr, die Buchung ist eben eröffnet worden, rechnet Kaufmann mit gleich bleibenden Erträgen – bei hoffentlich spannenderen Rennverläufen als in der vergangenen «Schumi»-Saison. (cb)
Case Study: Credit SuisseWährend viele deutsche Geldgeber die Formel 1 abgeschrieben haben, hält die global tätige Schweizer Bank Credit Suisse am Sponsoring von Sauber fest. «Unser Engagement erfüllt voll unsere Erwartungen», erklärt Alexandre Fasel, Head Formula 1 Affairs bei Credit Suisse. Und: «Wir sehen derzeit keinen Grund auszusteigen.» Rund 17 Millionen Dollar überweist die Bank jedes Jahr an den Schweizer Rennstall, wie die britische Zeitschrift EuroBusiness weiss. Mit allen zusätzlichen Kommunikationsaufwendungen liegt der Formel-1-Etat der CS somit bei jährlich rund 30 Millionen Dollar.
Die Manager am Zürcher Parade-platz sind stolz darauf, seit 2001 als erste Bank in der Formel 1 mitzufahren. Fasel: «Wir haben damit eine wirkungsvolle Kommunikationsalternative zur klassischen Werbung.» Denn die Formel 1 biete globale Präsenz auf vier Kontinenten. Credit Suisse nutze diese zum Ausbau ihres Bekanntheitsgrads und ihrer Kundenzahl. Mit dem Partner Sauber habe man zwar keinen Weltmeister im Sponsoringstall, aber ein Team mit hohen Sympathie- und Seriositätswerten. Credit Suisse hat das Thema Formel 1 in seine Gesamtkommunikation vernetzt. Neben einer Imagekampagne ist in der Strategie die Kundenbindung zentrales Element. «Wir führen unsere Kunden in die Fabrik, wir laden sie zu Tests oder zu Rennen ein, wir veranstalten Diskussionsforen mit Peter Sauber», erläutert der Formel-1-Chef der Grossbank. Dadurch werde die Marke emotional stark aufgeladen. Als Zielgruppe hat das Kreditinstitut aber auch die eigenen Mitarbeiter im Visier. Sie werden per Intranet umfassend über die Formel-1-Welt informiert. Das stärke Motivation und Corporate Identity.
Das inhouse abgewickelte Schweizer Sponsoring findet nicht nur bei der am Motorsport interessierten Kundschaft Anerkennung. So erklärt Christian Geistdörfer, Chef der Münchner Agentur P&W Sponsoringsconsulting: «Das Engagement von Credit Suisse ist glaubwürdig und authentisch. Daran
sollte sich so manche deutsche Bank, die im Sport tätig ist, ein Beispiel nehmen.» In Befragungen und Studien ermittelt die Schweizer Grossbank, die auch 63 Prozent an Sauber hält, regelmässig die Wirkungsbereiche des Sponsorings. Gemäss Fasel sei in den fünf europäischen Kernmärkten der Sponsoringaufwand durch die On-Screen-Zeiten längst wieder eingespielt. (pe)
Saubere Karriere«Eigentlich passt er vom Habitus her so gar nicht in die Glitzerwelt der
Formel 1», scherzt der Österreicher Niki Lauda über den Schweizer
Rennstallchef Peter Sauber. Lauda war erst vor zwei Monaten, von vielen Schlagzeilen begleitet, als Chef des Jaguar-Teams entlassen worden.
Zielorientiert, präzise und vor allen Dingen erfolgreich hat Peter Sauber
sein Markenzeichen in der Formel 1 positioniert. Besonderes Kennzeichen der Sauber Motorsport AG: Seriosität und Stabilität. Attribute, die gerade bei Sponsoren höchste Priorität geniessen. Und so gibt es bei Sauber, im Gegensatz zu manch anderem Formel-1-Rennstall, keinen Sponsorenmangel. Mit Credit Suisse (Haupteigner mit 63 Prozent am Rennstall), dem malaysischen Energiekonzern Petronas und dem österreichischen Getränkekonzern Red Bull kann Sauber auf ein seit Jahren eingespieltes Team von Finanzpartnern vertrauen. Neue Sponsoren wie der russische Mobilfunkanbieter MTS und der bayerische Mineralwasserkonzern Adelholzener sichern den Etat der Schweizer Rennfahrer im Zirkus Formel 1. «Von Hinwil aus gegen den Rest der Motorsportwelt» – frei nach diesem Motto gelang Peter Sauber in der Formel 1 der Sprung vom Underdog ins Establishment. So belegte Sauber in der Konstrukteursweltmeisterschaft des Jahres 2001 Rang vier, im vergangenen Jahr Rang fünf. Die Plätze hinter Sauber belegen Jordan-Honda, Jaguar und BAR-Honda. Rennställe, die mit mehr als doppelt so grossen Budgets an die Startlinie rollten.
Auch in diesem Jahr wird die Sauber Motorsport AG mit einem «Magermix-Etat» die Rennen absolvieren. Insider gehen von
einem Sauber-Budget in Höhe von 100 Millionen Dollar aus. Zum Vergleich: BMW-Williams wird von Motorsportexperten mit einem
Jahresaufwand von 230 Millionen Dollar eingeschätzt.
Was fürs Marketing der Sauber-Boliden und für die beteiligten Sponsoren aber noch weit mehr von Belang ist: Mit den deutschen Fahrern Heinz-Harald Frentzen und Nick Heidfeld hat sich Peter Sauber schon jetzt hohe TV-Präsenz im Keymarket Deutschland gesichert. Vielleicht erfüllt ja einer der beiden Piloten den Herzenswunsch Saubers: Nach 163 absolvierten Grands Prix fehlt noch immer ein Sieg in seinem Palmarès. (pe)
Peter Ehm