Direct Marketing VI E-Mail-, Mobile- und Co-Marketing heissen die Zauberwörter der Dialogmarketingzunft. Die Massensendung ist passé, die Zukunft gehört personalisierter und emotionalisierter Ansprache. Während immer weniger Geld in die klassische Werbung fliesst, sehen die Direktmarketer in der Schweiz wieder einen Silberstreifen am Horizont. Denn egal, wie man zum Direktmarketing steht, Tatsache ist: Nicht nur die Rahmenbedingungen, sondern auch individueller Ergebnis- und Kostendruck sowie die nachlassende Wirkung einzelner Vertriebskanäle zwingen die Unternehmen zu Effizienz- und Effektivitätssteigerungen.Immer mehr Firmen erkennen die Bedeutung der Messbarkeit
ihrer Werbeinvestitionen und verlagern einen Teil ihres Marketingbudgets auf Direktmarketing-Vertriebsaktivitäten, weil das Kosten-Nutzen-Verhältnis dieser Aktivitäten deutlich quantifiziert werden kann. Insofern verwundert es auch nicht, wenn die Gesamtinvestitionen in das Direktmarketing heute bereits 40 bis 60 Prozent über denen der klassischen Werbung liegen.
Diese Entwicklung ist einerseits auf die veränderten Rahmenbedingungen zurückzuführen. Sie ist aber auch die Konsequenz aus der Tatsache, dass aus dem Käufermarkt ein Interface-Markt geworden ist. Ein Schnittstellen-Markt, bei dem die Ausgestaltung der zahlreichen Berührungspunkte zwischen dem Anbieter und dem Kunden im Mittelpunkt der wirtschaftlichen Wertschöpfung steht. Dieser Interface-Markt unterschiedlichster Knotenpunkte zwischen Mensch und Maschine, Mensch und virtuellem Verkäufer, Anbieter und Kunde als gleichberechtigten Akteuren ist unser Standort im Marketing heute.
Harry Potter weist den WegWie dieses neue crossmediale Interface-Marketing funktioniert, demonstriert der Carlsen Verlag seit dem Erscheinen von Band 4 der Abenteuer des Zauberlehrlings Harry Potter. Der frühzeitig festgelegte Erstverkaufstag löst immer einen Hype aus: Fans dürfen via Internet selbst den Cover-Entwurf bestimmen. Per Telefon, Mailings an den Fachhandel und Instore-Material wird der Verkauf schon vor Erscheinen angeheizt.
Buchhandlungen lockten ihre Leser mit Harry-Potter-Events zur Geisterstunde in die Läden. Verkaufs-PR in den TV-Nachrichten und medienwirksame Allianzen mit Unternehmen wie Coca-Cola katapultieren die Potter-Mania in den Fokus der Öffentlichkeit. Mit Anzeigen kurbelt der Verlag nicht nur den Buchverkauf, sondern auch das Merchandising an. Für Filme werden schon im Vorfeld Tickets verlost. In der Premierennacht ziehen Kostümparaden von Zauberlehrlingen und Zauberlehrern durch die Städte. Und das Computerspiel macht es möglich, dass jeder Harry Potter sein kann.
Ein anderes Beispiel kommt aus den USA: Als dort nach dem
11. September kein Mensch mehr fliegen wollte, startete eine grosse internationale Fluggesellschaft eine Anzeigenkampagne, in der sie für
einen Tag kostenlose Flüge anbot. Wer einen der Plätze haben wollte, füllte einen Coupon aus. 50000 Menschen sind geflogen, jede TV-Gesellschaft hat darüber berichtet, auch das Radio, die Zeitungen und Zeitschriften.
Das war klassische Werbung, Direktmarketing und Promotion in
einem. Und so crossmedial wird in Zukunft vieles laufen. Ohne ein Indiz dafür zu sein, dass die neuen Medien die alten ablösen. Denn es wird wie bei Harry Potter kein Entweder-oder geben, sondern immer ein Sowohl-als-auch. Und die Grenzen zwischen klassischer und dialogorientierter Werbung werden immer unschärfer.
Das Handy als next big thing
Es gibt viele Indizien dafür, dass das Handy als Kommunikationstool das next big thing für das Direktmarketing sein wird. Denn das Mobiltelefon ist zum Gebrauchsgegenstand geworden, und der Versand von SMS hat den Status der Standardkommunikationsform bekommen. Das Simsen überholt in Europa selbst die Internetnutzung. In Deutschland wurden 2002 von 59 Millionen Handynutzern mit 16 Milliarden Kurzmitteilungen 3,5 Milliarden Euro umgesetzt. In der Schweiz werden täglich 11 Millionen SMS verschickt. Und die Wirtschaft erwartet von den bebilderten und vertonten SMS bis im Jahr 2006 in den 16 Schlüsselmärkten einen Umsatz von 12 Milliarden Euro.
Das Handy ist eine Revolution für Unternehmen und Kunden. Für seine Besitzer wird es zur zweiten Identität. Für die Wirtschaft ist es ein Zauberstab. Denn das Handy ist meistens eingeschaltet und gehört einer definierbaren Person. Und während das Internet global ausgerichtet ist, schafft das Mobile Marketing der Zukunft Berührungspunkte in unmittelbarer Umgebung. Mit Handys wird alles Wissen immer und überall verfügbar. Wir brauchen keine Handbücher mehr, weil alles immer überall abgerufen werden kann. Zeitungen werden über Voice-Web während dem Autofahren vorgelesen. Mit Handys wird eingekauft, wird bezahlt, wird mobil eingecheckt.
Handys der Zukunft werden über GPS mit Peiloption verfügen. Und das bedeutet: Ich gehe an einem Sportgeschäft vorbei, wo man mir ein Sonderangebot für ein paar Nike-Sneakers macht. Gleichzeitig bekomme ich via Handy einen Tipp, ob ich das gleiche Produkt in Zürich billiger bekomme, oder was vergleichbare Adidas-Schuhe bei Sport Scheck im Versandhandel kosten. Und nach dem Kauf kann ich mich bei der Gratisnummer auf der Verpackung einwählen und mir Sekunden später per SMS dazu gratulieren lassen, dass ich zwei Tickets zum nächsten Spiel des FC Basel gewonnen habe.
Das klingt nach Zuviel an Information, ist es aber nicht. Denn das Zuviel wird gebändigt durch interessenspezifische Nutzung. Der Kunde organisiert sich in Subkulturen und gibt nur innerhalb dieser Community seine Lokalisierungsdaten frei.
In Zukunft wird es nicht so sehr darauf ankommen, die Mobiltechnologie weiter zu entwickeln. Wichtiger ist es, die Informationsdienste ganz nah am Kunden umzusetzen. Denn Informationen via Handy sind kontextsensitiv. Sie «unterstützen» die Menschen bei sozialen Belangen, bei der Freizeitgestaltung und bei Kaufentscheidungen. Ob Informationen für den Handynutzer interessant sind, ist abhängig von Zeit, Ort und den persönlichen Umständen. Unternehmen setzen dann am erfolgreichsten Mobile Marketing ein, wenn sie den Lebensstil des Kunden genau kennen und dadurch personalisierte Angebote offerieren können. Dann wird sich Mobile Marketing rechnen.
Klickraten bis zu 25 ProzentDer schnelle Weg zum Kunden wird das E-Mail-Marketing noch stärker in den Vordergrund rücken, als dies jetzt schon der Fall ist. Denn das E-Mail-Marketing rechnet sich trotz der enormen Zuwachsrate der elektronischen Postfächer, die inzwischen bei 138 Prozent liegt. Zwei Drittel aller US-Unternehmen gaben kürzlich an, dass ihre Umsätze im vergangenen Jahr durch E-Mail-Marketing verbessert wurden.
Eine im Auftrag der Direct Marketing Association (DMA) geführte Untersuchung ergab, dass 2002 in Übersee 18 Prozent aller OnlineVerkäufe auf E-Mail-basierte Werbeaktionen zurückgeführt werden können. US-Unternehmen wenden derzeit 14 Prozent ihrer Marketing-Budgets für E-Mail-Marketing auf und realisieren E-Mail-Kampagnen zu Lasten traditioneller Werbekanäle. Und auch Old Europe mailt aus allen Kabeln: Mehr als 60 Prozent der Schweizer E-Mail-Nutzer haben schon mindestens einmal ein Produkt auf Grund einer Werbe-Mail gekauft. Über 70 Prozent von ihnen rufen ihre Nachrichten mehr als dreimal täglich ab. Und mehr als ein Drittel der Schweizer Surfer sollen täglich mehr als eine Stunde mit der Bearbeitung von
E-Mails beschäftigt sein.
Was die saldierbaren Ergebnisse betrifft, hält sich die Branche gewohnt bedeckt. Lediglich der
Allgemeine Deutsche Automobilclub (ADAC) hat öffentlich gemacht, dass er die Akquisitionskosten für die erweiterte ADAC-Mitgliedschaft mit dem E-Mail von zehn auf fünf Euro halbieren
konnte. Und was die Klickraten betrifft, will Spiegel online bei
der Consumer-Ansprache Klickraten zwischen 8 und 30 Prozent und im B-to-B-Bereich von 1,3 bis maximal 25 Prozent ausgemacht haben.
Die Akzeptanz ist auf jeden Fall da, sofern der Empfänger seine
Zustimmung gegeben hat: Permission-basierte E-Mails sind aus dem modernen Direktmarketing nicht mehr wegzudenken. Wie aus einer aktuellen Doubleclick-Studie hervorgeht, haben 69 Prozent der E-Mail-Empfänger in den USA nach Erhalt einer permission-basierten E-Mail beim entsprechenden Online-Händler eingekauft. Drei Viertel der Befragten geben an, per E-Mail regelmässig Produktinformationen abzurufen. Nur 25 Prozent wollen die Werbung lieber per Post erhalten. Für die Umfrage wurden im September 2002 insgesamt 2000 US-Verbraucher befragt, die mindestens einmal pro Woche E-Mail nutzen.
Bei aller Euphorie muss man jedoch sehen, dass die Datenlawine auch einen grossen Schatten auf ihren eigenen Erfolg wirft. Die US-Analysten von Gartner Dataquest haben 2002 auf der Basis eines Durchschnitts von 22 E-Mails berechnet, dass sich Angestellte täglich 49 Minuten mit der elektro-nischen Post beschäftigen. Der E-Mail-Forscher David Ferris kommt zu dem Ergebnis, dass Firmen in diesem Jahr bis zu 80 Prozent mehr E-Mails bewältigen und deshalb noch mehr Arbeitszeit vernichten und noch mehr Geld für Speicherplatz ausgeben müssen.
Michael Dertouzous, Professor und Chef des Informatiklabors am Bostoner Massachusetts Institute of Technology (MIT), hat festgestellt, dass mit 30 E-Mails täglich die Grenze der Belastbarkeit erreicht ist. Insofern kann kein Mensch mehr ausschliessen, dass die elektronische Post, die von den meisten Firmen aus Gründen der Effizienz eingeführt wurde, Gefahr läuft, zu kollabieren und damit Opfer ihres eigenen Erfolgs zu werden.
Sehen, hören, berühren, riechenWeil in Zukunft noch mehr Werbung per E-Mail übermittelt werden wird, ist auch absehbar, dass das traditionelle Mailing seine 30 bis 35 Prozent im Direktmarketing-Mix nicht behaupten wird. Das heisst aber nicht, dass das Mailing seinen Stellenwert einbüsst. Im Gegenteil. Vorausgesetzt, es wird qualitativ zulegen. Das einstige Aschenputtel der Kommunikation kann sich jetzt zum Premium-Medium entwickeln.
Mailings der Zukunft müssen wirklich persönliche Kommunikation sein. Also One-to-One in seiner Idealform, weil persönliche Kommunikation die höchste Form der Individualisierung darstellt: Sie müssen den Standard der letzten 50 Jahre sprengen, die trostlose Postnorm aufbrechen, emotionaler, interessanter, spielerischer, kreativer werden. Es muss etwas ganz Besonderes sein, ein Mailing zu erhalten. Mailings für ein italienisches Kochbuch werden nach frischem Oregano duften, Electronic Speech Systems werden Einzug in das DM halten und sprechende Mailings ermöglichen. Mailings werden sich automatisch öffnen und sich selbst vorlesen. Und Einladungen zu einer Modeschau werden sich wie Seide anfühlen und wie Chiffon rascheln.
Die neuen Direct Mails werden die meisten alten Erfahrungen über Bord werfen, weil es mit den Ideen anders ist als mit dem Cognac: Sie werden mit der Zeit nicht besser. Die neuen Mailings werden viel individueller sein, viel einzigartiger und einen höchstmöglichen Grad an Interaktion anstreben. Und sie werden alle fünf Sinne ansprechen: sehen, hören, berühren, riechen, schmecken.
Personalisierte AnzeigenIn einem Umfeld, in dem Redaktionen mit allen Mitteln um die Aufmerksamkeit des Lesers kämpfen, müssen Anzeigen heute mehr leisten, um beachtet zu werden. Und Anzeigen, die Handlungen auslösen sollen («Rufen Sie an/Antworten Sie/Senden Sie ein/Kommen Sie vorbei»), müssen Schwerstarbeit leisten, weil sie den Leser auch physisch in Bewegung setzen müssen.
Personalisierte Anzeigen werden nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sein. Düfte, Folien, Metalle, Warenproben – all das werden
dialogorientierte Anzeigen in Zukunft transportieren. Anzeigen werden beim Aufklappen den Leser ansprechen (licht- oder drucksensibles Electronic Speech System). Und die kürzlich von WRH in der Schweiz entwickelten Post-It-ähnlichen Memo-Sticks werden Anzeigen zusätzlich Aufmerksamkeit gewährleisten. Denn Memo-Sticks sind in Leuchtfarbe gedruckte und klar als Memo-Sticks gebrandete Zettel, die als Gutscheine oder Gedächtnisstütze oder Handlungsauslöser dienen können.
Auch hier könnte der Schulterschluss zwischen klassischer Werbung und dialogorientierter (handlungsauslösender) Kommunikation vollzogen werden. Vorstellbar ist eine klassische Anzeige für Nokia-Telefone mit einem Sticker und dem Text «Heute Verlosung von fünf Nokia 500 bei Swisscom an der Bahnhofstrasse 75».
Co-Marketing und -Advertising Noch etwas wird sich in Zukunft ändern: Es wird weniger Soloauftritte und mehr Co-Marketing und Co-Advertising geben. Immer mehr Marken werden kommunikative Beziehungen zueinander eingehen. Was im Sommer 2002 Cola Light mit dem neuen Mini Cooper und dem Kreditkartenanbieter Eurocard mit ihrem silbernen Auftritt vorgemacht haben, wird zur Regel. Die deutsche Fachzeitschrift One-to-One zitierte am 26. August 2002 Jürgen Grundmann von Dialoghaus mit der Aussage: «Der Response von Kooperationswerbung ist drei- bis fünfmal höher als bei klassischen DM-Aktionen, bei denen Fremdadressen angemietet werden.»
Wenn in der Schweiz heute schon Grosshändler wie Coop und Migros sowie die Fluggesellschaft Swiss durch austauschbare Punkte und Prämien immer mehr Menschen zu Partnerformen dirigieren, wird das in Zukunft die Regel sein. Die Qualiflyer-Kunden fliegen mit Swiss, telefonieren mit Sunrise, kaufen bei Migros ein. 2,6 Millionen Schweizer Haushalte haben die Cumulus Card der Migros, 2,9 Millionen die Supercard von Coop. Und die Kunden gehen rege auf den Tauschhandel ein. Mehr als 6000 Mitglieder der Car-Sharing-Genossenschaft Mobility liessen ihre Fahrtumsätze in Cumulus-Punkte umwandeln, um bei der Migros zu punkten. Im Gegenzug hat Mobility durch die Partnerschaft mit Migros 200 neue Mitglieder gewonnen.
Demnächst sollen zielgruppenspezifische Kombi-Kundenkarten durch altersabhängige Karten ergänzt werden. Die Schweizer Kundenbindungsfirma Loyalty in Thalwil hat es bereits auf die Senioren abgesehen. Nach australischem Vorbild will Loyalty die Silver Customer demnächst mit einer Seniorenkarte ausstatten, die in einem vorgegebenen Einkaufsnetz gültig ist. Co-Marketing machts möglich.
* Friedhelm Lammoth ist Chef der Werbeagentur Lammoth Mailkonzept in St.Gallen und Ehrenpräsident des DDV.
Kein Albtraum mehr: Personalisierte und emotionalisierte Mailings lösen Massenwurfsendungen ab.
Partnerschaften werden zur Regel: Migros und Mobility teilen Cumulus-Punkte.
Friedhelm Lammoth*