Ringier richtet sich neu aus – und wächst profitabel
Die Ringier Gruppe blickt auf ein erfolgreiches Geschäftsjahr 2024 mit starkem Gewinnwachstum zurück. Im exklusiven m&k-Interview erläutert CEO Marc Walder, wie die strategische Neuausrichtung zur «AI-driven Company» das Unternehmen prägt – begleitet von gezielten Portfolioanpassungen.
Die Ringier Gruppe blickt auf ein erfolgreiches Geschäftsjahr 2024 zurück. Trotz strategischer Portfolioanpassungen und einem herausfordernden Marktumfeld konnte das Unternehmen den operativen Gewinn signifikant steigern. Gleichzeitig treibt Ringier die digitale Transformation entschieden voran und positioniert sich neu als «AI-driven Company». Die renommierte Fotografin Heji Shin gestaltete den 28. Ringier-Kunst-Jahresbericht, dessen Raketenmotive symbolisch für den Aufbruch des Unternehmens stehen. Über die Geschäftszahlen und die strategische Ausrichtung sprach Ringier CEO Marc Walder unter anderem in einem exklusiven m&k-Talk, dessen Einblicke ebenfalls in diesen Fachbeitrag einfliessen.
Signifikante Gewinnsteigerung trotz Umsatzrückgang
Das Geschäftsjahr 2024 war für die Ringier Gruppe aus finanzieller Sicht bemerkenswert. Der operative Gewinn (EBITDA) stieg trotz relevanter Investitionen in Technologie und Daten deutlich um 12,6 % auf CHF 118,8 Millionen (2023: CHF 105,5 Millionen). Dies sei das zweitbeste Ergebnis seit 2015 bzw. seit zehn Jahren. Die EBITDA-Marge verbesserte sich auf 14,8 % (2023: 11,5 %). Der Umsatz hingegen war im Vergleich zum Vorjahr rückläufig und belief sich auf CHF 800,6 Millionen (2023: CHF 918,9 Millionen). Dieser Rückgang ist laut Ringier auf Einmaleffekte durch strategische Portfolioanpassungen zurückzuführen. Dazu zählt insbesondere der Verkauf der E-Commerce-Plattform DeinDeal und die Schliessung der Gross-Druckerei Swissprinters. Marc Walder bezeichnete die Schliessung von Swissprinters als emotionalen Moment und sinnbildlich für die Transformation der Medienindustrie, da es die letzte Druckerei des Unternehmens war. DeinDeal war umsatzstark, doch am Ende habe man gegen Player wie Amazon in diesem konsolidierten Markt keine Chance gesehen. Diese Anpassungen wirkten sich laut Ringier zwar negativ auf den Umsatz, aber positiv auf das EBITDA und die Marge aus.
Der digitale Anteil am EBITDA blieb mit 82 % konstant hoch, was die strategische Ausrichtung des Unternehmens unterstreicht und Ringier laut eigenen Angaben zur europäischen Spitzengruppe der Medien-Industrie zählt.

KI als strategischer Wachstumsmotor und Katalysator
Ringier sieht sich am Beginn eines neuen technologischen Zeitalters, markiert durch die Generative Künstliche Intelligenz, welche als dritte grosse Etappe der digitalen Transformation nach Internet und Smartphone betrachtet wird. AI wird nicht als disruptives Tool, sondern als Katalysator für Fortschritt gesehen, als Instrument, das in Kombination mit menschlicher Kreativität, Integrität und Vision eine vernetztere und innovativere Zukunft gestalten kann. Ringier verfolgt das Ziel, eine «AI-driven Company» zu werden. AI treibe die digitale Transformation voran, indem sie Content-Erstellung optimiert, Zielgruppeninteraktion fördert und Geschäftsabläufe verbessert.
Marc Walder betonte, dass AI-Tools als Werkzeuge an allen Positionen im Unternehmen genutzt werden sollen. Er zitierte Jensen Huang (Nvidia-Gründer): «Leute werden nicht ihren Job an AI verlieren, sondern Leute werden ihren Job verlieren an andere Leute, die mit AI umgehen». Das wichtigste sei, «learn how to prompt» und zu lernen, welches Large Language Model für welche Aufgabe genutzt wird. Walder selbst nutzt unter anderem ChatGPT Pro, Perplexity, Meta AI und Claude.
Die Integration von KI erfolgte 2024 in allen Geschäftsbereichen. Eine wichtige Kooperation besteht mit Palantir, um Daten zu strukturieren und AI-gestützte Workflows zu automatisieren. Beispiele für den Einsatz von AI umfassen:
- Im Bereich Marketplaces: Ricardo AI für die Suche per Bild und Generierung von Titel/Beschreibung/Preis. Automatisierte Stellenbeschreibungen und Bewerbungsfeedback. Semantic Search für Jobsuchende.
- Im Bereich Media: Rund 50 % der redaktionellen Inhalte werden AI-gestützt erstellt. Einsatz von über 20 AI-Tools in Newsrooms. AI-gestützte Nachrichten-Zusammenfassungen bei Blick. AI-Sprachintegration für Artikel bei Blick. Automatisierte Content-Generierung, z.B. AIWA (Slovakian AI weather assistant) produziert 80 lokalisierte Artikel pro Tag. Chatbots bei vielen Medienmarken. AI Video Presenters und erweiterte Audiofunktionalitäten.
- Im Bereich Sports Media: AI-Transcreation ermöglicht die Übersetzung und Lokalisierung von Artikeln für verschiedene Märkte.
- Bereichsübergreifend: Der AI-gestützte EqualVoice Assistant zur Erkennung und Bekämpfung von Geschlechterdiskriminierung in Medieninhalten. Monatlich profitieren 40 Millionen Nutzerinnen und Nutzer von AI-gestützten Empfehlungen.

«Aufregend und gleichzeitig beängstigend»
Gleichzeitig warnte Walder vor der Schattenseite von AI, die Fehl- und Desinformation fördert. AI sei wie alle technologischen Veränderungen ein «double-edged sword», aufregend und gleichzeitig beängstigend. Er nannte Beispiele wie AI-Voice-Cloning für Betrug oder die Generierung gefälschter Bilder von beschädigten Autos. Eine Herausforderung für Medienunternehmen sei auch, wie AI-gestützte Suchergebnisse (summaries) den Traffic auf Originallinks reduzieren können, was zu geringeren Werbeeinnahmen führt. Ringier müsse lernen, für AI zu optimieren, so Walder. Er hob zudem die Bedeutung von «AI agents» hervor, die selbstständig Aufgaben ausführen und lernen können.
Das Mediengeschäft unter Druck – Journalismus als Handwerk der Freiheit
Der traditionelle Printmarkt schrumpft weiterhin und der Werbemarkt bleibt herausfordernd. Marc Walder äusserte sich sehr nüchtern und besorgt über die Zukunft der klassischen Medienindustrie. Er sei seit etwa 15 Jahren skeptisch, ob in dieser Industrie nachhaltige ökonomische Modelle gefunden werden. Er sieht einen Trend, dass Medienpublikationen zunehmend von politisch getriebenen Investoren oder wohlhabenden Einzelpersonen gehalten werden, weniger aufgrund eines ökonomisch tragfähigen Journalismus, sondern aus politischen oder gesellschaftlichen Motiven. Für viele grosse Medienmarken sieht er eine totale Konsolidierung.
Trotz dieser Herausforderungen sei die Nachfrage nach vertrauenswürdigem Journalismus grösser denn je. In einer Zeit von AI-generierten Inhalten und Falschinformationen setzten sich Medienmarken durch, die durch klare und glaubwürdige Berichterstattung überzeugen. Michael Ringier betonte, dass Journalismus, besonders gelungener Boulevard-Journalismus, «Handwerk der feinsten Art» sei – sogar «Kunsthandwerk». Journalisten seien «Meister des Schreibhandwerks» und «Handwerker des Denkens».
Herausforderung Werbemarkt
Finanziell bleibe die Entwicklung der Media-Werbemarkterlöse eine Herausforderung. Auch bei den digitalen Erlösen der Medien sehe man aktuell kein Wachstum mehr. Das Thema digitale Abonnements sei ein «mühsamer Weg». In der Schweiz hätten 17 % der Bevölkerung ab 18 Jahren ein digitales Abonnement. Blick+ hat zwei Jahre nach Lancierung die Marke von 25.000 Abonnentinnen und Abonnenten erreicht. Walder bezeichnete dies als «Glas halb voll» und betonte, dass die Redaktion lerne, für welche Themen Leute zu bezahlen beginnen. Er nannte die heutige Situation, in der hervorragender journalistischer Inhalt weitgehend gratis verfügbar ist und man sich kaum einloggen muss, als «abstruse Situation».
Ein zentrales Thema ist auch die Frage der Vergütung für journalistische Inhalte, die von Large Language Models genutzt werden. Ringier vertritt die Haltung, dass Inhalte urheberrechtlich geschützt seien und Anbieter von AI-Modellen dafür entschädigt werden müssten, wenn sie Zugang zu diesen Inhalten erhalten. Dies sei eine Diskussion, die man unter anderem mit Google Cloud führe. Walder merkte jedoch an, dass die Medienindustrie hier in einer Abhängigkeitsposition sei, ähnlich wie bei der Search-Problematik, was die Verhandlungen erschwere.
Trotz der Herausforderungen im klassischen Mediengeschäft halten sich einige Printtitel wie Tele und Glückspost erstaunlich stabil, so Walder. Das Medienportfolio von Ringier werde aber sicherlich nicht wachsen und weniger Titel umfassen.
Erfolgreiche Diversifikation und Portfolioanpassungen
Neben dem Mediengeschäft trugen die Marktplatz-Plattformen (Jobs, Real Estate, Auto, General Marketplaces und Ticketing) 2024 entscheidend zu den steigenden Digitalerlösen und zum EBITDA-Wachstum bei. Marc Walder bezeichnete die digitalen Marktplätze in allen Ländern als signifikante Wachstumstreiber. Das Segment Jobs sah sich 2024 konjunkturell bedingt mit Herausforderungen konfrontiert, da weniger Stellen ausgeschrieben wurden. Dennoch erzielte Ringier in diesem Bereich starke Ergebnisse durch verbesserte Dienstleistungen und Kundenorientierung. Die Jobcloud Gruppe, ein Joint Venture mit der TX Group, sei zwar unter Druck, aber operiere immer noch mit einer sehr hohen EBITDA-Marge von 50 %. Das Segment Sports Media verzeichnete ebenfalls weiteres Wachstum bei Umsatz und EBITDA.
Die strategischen Portfolioanpassungen, wie der Verkauf von DeinDeal und die Schliessung von Swissprinters, waren bewusste Entscheidungen, um das Portfolio zu bereinigen und die Marge zu verbessern. Ringier hatte unter seinem Dach immer noch knapp 130 Firmen.
Die Swiss Marketplace Group (SMG), ein Joint Venture unter Beteiligung von Ringier, der TX Group, der Mobiliar und General Atlantic, trug ebenfalls zum Wachstum bei. Für die SMG werde weiterhin ein Börsengang (IPO) angestrebt, ungeachtet kurzfristiger Marktvolatilität, so Walder.
Weitere Erfolge im Portfolio umfassen Ticketcorner, das mit 11,9 Millionen verkauften Tickets einen neuen Rekord erzielte. Im Bereich Media International (RMI) wurde Onet in Polen, eine Digital Pureplay-Plattform, als meistbesuchte Nachrichtenwebsite der EU und vertrauenswürdigstes Onlinemedium Polens hervorgehoben. In Afrika festigte Pulse seine Position als führende Social-Media-Marke mit grosser Reichweite, besonders auf TikTok.
Kultur, Innovation und der Wandel der Arbeitswelt
Ringier versteht Wandel als Teil seiner Reise und Transformation als DNA des Unternehmens seit fast zwei Jahrhunderten. Agilität und der Wille zu lernen seien wichtige kulturelle Stärken. Marc Walder betonte, dass Transformation heute nicht mehr graduell, sondern exponentiell sei und Antizipation, Anpassung und Führen erfordere.
Im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung und dem Aufkommen von AI werde die Bedeutung traditioneller Stellenbeschreibungen abnehmen. Es gehe künftig darum, in «Tasks» zu denken und Probleme zu lösen, Wert zu schaffen und sich konstant weiterzuentwickeln. Walder hob hervor, wie wichtig es sei, schnell zu lernen («learn how to learn») und menschliche Fähigkeiten, die relevant bleiben, zu stärken. AI-Agenten würden zu neuen «Kollegen», die Teams stärker, besser und schneller machen könnten. Was Teams früher Wochen brauchten, könne in Stunden oder Minuten erledigt werden. Die Frage sei, ob man sich anpasse oder zurückbleibe.
Ringier treibt Innovation auch mit Initiativen wie Ringier X voran, die interne Innovationsprozesse fördern. Die EqualVoice-Initiative, die 2024 ihr fünfjähriges Jubiläum feierte, setzt sich für eine gleichberechtigte Darstellung der Geschlechter in den Medien ein und nutzt dafür unter anderem den EqualVoice Factor und den AI-gestützten EqualVoice Assistant.
Die Unternehmenskultur legt Wert auf das Wohlbefinden der Mitarbeitenden mit Angeboten wie flexiblen Arbeitszeiten, Homeoffice-Möglichkeiten, psychologischer Beratung und grosszügigen Urlaubsregelungen.
Symbolisch für die Verbindung von Tradition und Innovation steht der Jahresbericht selbst, der seit 1998 von namhaften Künstlerinnen und Künstlern gestaltet wird. Die Gestaltung durch Heji Shin mit dem Raketenmotiv im Jahr 2024 symbolisiere nicht nur den amerikanischen Traum der Expansion, sondern auch die letzten 15 Jahre von Ringier als «Aufbruch ins Ungewisse, den man versucht, unter Kontrolle zu halten». Die Kombination aus haptischem Poster und digitalem Video eines Raketenstarts, abrufbar per QR-Code, stehe für die Fortsetzung einer Idee und das Öffnen des digitalen Raums.
Marc Walder zeigte sich dankbar für die Leistung und den Einsatz der über 6’000 Mitarbeitenden in 20 Ländern, die diese Entwicklung ermöglichten und Ringier zu dem machen, was es heute ist. Ringier wolle weiterhin ein nachdenkliches, aber ambitioniertes und erfolgreiches Unternehmen bleiben.





