An der Bilanzpressekonferenz der PubliGroupe vor einem Jahr berichtete CEO Hanspeter Rohner, dass die Publicitas (P) ihr Geschäftsmodell angepasst und «per 1. Januar 2011 fast alle ihre Partnerschaften mit Schweizer Verlagen auf dieser Grundlage verlängert» habe. Doch kurz danach zeigte die Werbewoche etwas anderes auf: Erstmals verzichteten zwei Eigenregie-Zeitungsverlage, die W. Gassmann (Bieler Tagblatt/Journal du Jura) und Mengis Druck und Verlag (Walliser Bote), auf die Zusammenarbeit mit der P. Der Grund: Man konnte sich nicht auf das neue P-Preismodell einigen, das den Vermittlungsabkommen einen fixen Sockelbetrag pro vermitteltes Inserat plus eine umsatzabhängige Kommission zugrunde legt. Die Folge des Bruchs: Die P teilte mit, dass sie die erwähnten Titel in ihrem System lösche und für sie keine Anzeigen mehr vermittle, auch auf ausdrücklichen Kundenwunsch hin nicht. Kurz: Die P brach mit der Universalvermittlung.
Unterdessen hat sich die Situation bekanntlich akzentuiert: Im letzten halben Jahr lösten auch die Basler Zeitung Medien sowie Ziegler Druck (Der Landbote und Winterhurer Stadtanzeiger) die Zusammenarbeit mit der P auf. Nun wollte es die Werbewoche genauer wissen und fragte bei 40 Regie- und Eigenregie-Verlagen nach, wie es um ihr ver-tragliches Verhältnis zur P steht. Das Resultat: 15 der angefragten Verlage verbleiben auch 2012 in Publicitas-Regie, in einem Fall ist der Vertrag jedoch gekündigt. Alle übrigen angefragten Verlage sind Eigenregie-Verlage, von denen aber erst sieben einen neuen Vertrag mit der P haben – fünf mit und zwei ohne (!) Sockelbetrag je Inserat. Vier Verlage stehen aktuell mitten in Neuverhandlungen, vier sind wie erwähnt vertragslos, und bei neun weiteren ist die P noch gar nicht vorstellig geworden. Und in einem Fall (Migros Media) erhielt die Werbewoche keine Auskunft.
15 Verlage sind in P-Regie
Die 15 Verlage, die auch 2012 in P-Regie bleiben, sind im Wesentlichen bekannt: Neben der NZZ-Gruppe mit St. Galler Tagblatt und Neuer Luzerner Zeitung sind dies der Anzeiger Region Bern, Touring, Le Temps, Le Nouvelliste, La Liberté, die Hersant-Titel Express, Impartial und Le Quotidien Jurassien sowie die Tessiner Zeitungen Corriere del Ticino, La Regione Ticino und das Giornale del Po¬polo. Zur Vertragsdauer oder zur Frage, ob in den (neueren) Regie-Verträgen ebenfalls Sockelbeträge für Inserate vorgesehen sind, hat die Werbewoche keine Informationen. Klar ist einzig, dass bei der Neuen Fricktaler Zeitung Änderungen bevorstehen. «Wir haben unseren Regie-Vertrag mit der P gekündigt, Verhandlungen über die weitere Zusammenarbeit sind am Laufen», teilte Verleger Walter Herzog mit. In welche Richtung es gehen wird, liess er offen.
Moderateres Auftreten im zweiten Halbjahr 2011?
Bekannt ist zudem, dass die grossen Eigenregie-Verlage Tamedia, Edipresse, Ringier und Axel Springer Schweiz mit der P per 2011 neue Verträge ab¬schlossen und dabei auch das neue Preismodell samt Sockelbetrag pro Inserat akzeptierten. Dem hat sich offenbar auch der Zehnder Verlag in Wil (SG) angeschlossen. Verleger Rolf Zehnder liess jedenfalls durchblicken, dass er kürzlich neu verhandelte, da¬bei für seine 25 Gratistitel das neue Preismodell samt Sockelbetrag durchaus «vernünftig» fand und bloss mit den Preisvorstellungen der P Mühe hatte.
Dass es 2011 innert kurzer Zeit gleich mit vier Verlagen in Basel, Winterthur, Biel und Visp zum Bruch kam, schien die P nicht kalt zu lassen. Ende Jahr begann sie jedenfalls moderater aufzutreten. So konnte sie im Dezember auch mit der AZ Medien einen neuen Vertrag vermelden, allerdings mit einem gewichtigen Unterschied: Die AZ Medien stieg nicht auf das P-Modell mit dem Sockelbetrag ein. «Wir haben gemeinsam ein faires Modell entwickelt, bei dem das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt», sagt CEO Christoph Bauer auf Anfrage.
Dies deckt sich mit der Erfahrung der FMM Fachmedien Mobil. Der Verlag, der die Automobil Revue und die Revue automobile herausgibt, war im letzten Sommer aus Tamedia herausgelöst worden. Folglich musste ein neuer Vertrag her. Doch wie die Werbewoche aus vertraulicher Quelle weiss, besteht neu ein reiner Kommissionierungsvertrag, der – im Gegensatz zum Vertrag bei Tamedia – keinen Sockelbetrag für Anzeigen mehr enthält!
Fünf stehen in teils harzigen Verhandlungen…
Interessant ist weiter, dass fünf Eigenregie-Verlage erst jetzt vor dem Entscheid stehen, ob und wie sie künftig mit der P kutschieren wollen. Schon seit Monaten am Verhandeln ist die Freiburger Nachrichten. Aktuell will man sich dort nicht äussern, doch der Verlag hatte sich bereits früher kritisch zum neuen Preismodell geäussert. Gar zweijährige Diskussionen mit der P führt Kimedia, die neun Zeitschriften der Konsumenteninfo AG (darunter den K-Tipp) vermarktet. «Wir sind weiterhin an einer Zusammenarbeit mit der P interessiert, aber nicht zu ihren Konditionen», sagt Geschäftsleitungsmitglied Peter Salvisberg mit Blick auf Sockelbetrag und Kommissionssatz. Kimedia sei jedenfalls «nicht auf Gedeih und Verderb auf die P angewiesen». Bei der Genfer Wirtschaftszeitung Agefi (Eigenregie) wurde der abgelaufene Kommissionierungsvertrag um ein Jahr verlängert. 2012 stehen somit Neuverhandlungen an. «Doch der Sockelbetrag interessiert mich nicht», sagt Martin Schaedel, Head of Sales, schon jetzt. Speziell ist die Situation beim Eigenregie-Titel Schaffhauser Nachrichten, der sich seit Neujahr stärker ans St. Galler Tagblatt (in P-Regie) anlehnt: Punkto Verhältnis zur P seien noch einige Fragen offen, heisst es aus der Munot-Stadt. Ähnliches gilt wohl für das Oltner Tagblatt, das per 2011 in die Eigenregie wechselte und mit der P einen einjährigen Kommissionierungsvertrag – ohne Sockelbetrag – abschloss. Dieser wurde nun um ein Jahr verlängert.
Neun wissen noch von nichts
Bei einer ganzen Reihe weiterer Eigenregie-Verlage wurde die P noch nicht einmal vorstellig: «Wir haben nach altem Modell einen Vertrag mit der Publicitas. Ich habe nicht im Sinn, dies zu ändern», schreibt etwa Konrad Müller, Verlagsleiter des Zürcher Oberländers. Ebenfalls «noch nichts von der P gehört» haben die Zürichsee Werbe AG, die gut 30 Zeitschriften vermarktet, die Wochenzeitung WoZ, die Zeitlupe, das Zofinger Tagblatt, die Weltwoche, die CoopZeitung sowie der Verlag Medien & Medizin, der auch die Werbewoche herausgibt. Bei Letzterem besteht gemäss Anzeigenleiter Thomas Stuckert ohnehin kein Defacto-Vertrag, man bezahle der P einfach die branchenübliche Kommission von 5 Prozent. Bemerkenswert ist ferner, dass selbst Irmgard Ritz von der Geschäftsleitung der Südostschweiz Publicitas «das neue P-Modell nicht im Detail» kennt –immerhin ist die P zu 50 Prozent an der Churer Anzeigenfirma beteiligt. So oder so – für Ritz ist klar: «Wir sehen keinen Handlungsbedarf, das neue Tarifmodell zu übernehmen.»
Weit entfernt vom eigenen Ziel
Fazit: Auch heute ist die P weit von dem entfernt, was sie vor knapp einem Jahr als «erledigt» verkaufte. Zudem gewinnt man den Eindruck, dass sie seit Herbst 2011 weniger forsch auftritt, der Sockelbetrag je Inserat scheint jedenfalls nicht mehr zwingender Bestandteil eines neuen Vertrages zu sein. Davon will die P offiziell aber nichts wissen. Auf eine Interviewanfrage ging sie nicht ein. Beat Werder, Head of Corporate Communications bei PubliGroupe, nahm bloss wie folgt Stellung: «Das präsentierte Tarifmodell kommt zur Anwendung. Zu spezifischen vertraglichen Details können wir keine Stellung nehmen. Aus unserer Sicht gibts keinen weiteren Ausführungsbedarf.»
Markus Knöpfli
Vermittelt doch an Verlage ohne Vertrag
Einige Media-Agenturen wickeln (grosse) Teile ihrer Printaufträge – auch jene für Eigenregie-Titel – traditionell über Publicitas Publimedia ab. Der Vorteil für Agenturen und Kunden: weniger Aufwand und eine Sammelrechnung. Solange die P als Universalvermittlerin auftrat, lief das auch problemlos. Seit einem Jahr ist es damit jedoch vorbei. Doch wie die befragten Agenturen OMD, ZipMedia und m&m übereinstimmend mitteilten, waren die Folgen für sie bisher gering, da die P alle Aufträge weiterhin weiterleite, auch solche an Eigenregie-Verlage, mit denen sie offiziell nicht mehr kooperiert und von denen sie keine Kommission mehr erhält. Der einzige Nachteil: Diese Aufträge erscheinen teilweise nicht mehr auf der Sammelrechnung, sondern werden von der P öfters separat verrechnet. In einigen Fällen sind die Agenturen deshalb dazu übergegangen, solche Aufträge direkt zu buchen. (mk)
(Teaserbild: Keystone)