«Mit 100 echten Fans kann man auf YouTube Geld verdienen»
Sarah Clatterbuck ist Technische Direktorin bei YouTube in Zürich seit 2018. In der Branche ist die passionierte Wanderin, die sich auch stark für mehr Präsenz von «Women in Tech» engagiert, aber schon seit langem. Zu ihren Stationen gehören klingende Namen wie Yahoo, Linkedin oder Apple. Werbewoche.ch hat sie zum 10-jährigen Jubiläum von YouTube.ch gesprochen.

Sarah, erzählen Sie uns von einem besonders einschneidenden Moment in Ihrer Zeit vor Google.
Sarah Clatterbuck: Als ich bei Yahoo! gearbeitet habe, hat unser Team ein grosses Projekt zur Erinnerung an den zehnten Jahrestag von 9.11 durchgeführt. Wir hielten eine Schweigeminute auf der gesamten Yahoo-Website. Eine Minute lang alle gleichzeitig. Das war ein sehr beeindruckendes Projekt, das auch mit viel technischem Aufwand verbunden war. Aber es war eine schöne Gelegenheit für die ganze Nation, bei Yahoo! zusammenzukommen. Und bei LinkedIn erinnere ich mich gerne an den Aufbau unseres Women in Tech-Programms, an den Start unserer Initiativen zur Barrierefreiheit, um sicherzustellen, dass unsere Produkte für Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten nützlich und nutzbar sind. Und dann die Einführung der neuen, sozialen Homepage und die Web-App für LinkedIn.
Und dann sind Sie in die Schweiz gezogen. Wie ist Ihr Leben hier?
Ich liebe das Leben in der Schweiz. Wenn wir Tage wie heute haben und die Sonne scheint, ist es der schönste Ort der Welt. Ich liebe die Berge. Ich lebe hier mit meinem Mann und wir fahren jedes Wochenende in die Berge und machen schöne Wanderungen oder Velotouren. Im Winter gehen wir gerne Schneeschuhwandern. Ich geniesse meine Zeit hier sehr.
Sie wandern nicht nur. Sie waren auch schon immer eine starke Befürworterin der Frauenförderung in der Tech-Branche. Warum benötigt die Technologiebranche mehr Frauenpower?
Ich denke, Technologie wird von jeder und jedem in der Gesellschaft genutzt, und unsere Nutzer und Nutzerinnen sind mindestens zur Hälfte Frauen. Wir benötigen also auch mehr Frauen, die die Technologie entwickeln, damit wir auch besser verstehen, was unsere Nutzerinnen suchen, oder zumindest diese Hälfte der Gesellschaft. Solange also in der Technologiebranche hauptsächlich Männer arbeiten, werden wir vielleicht grossartige Produkte für Männer erschaffen, gleichzeitig aber an der anderen Hälfte der Gesellschaft vorbeiproduzieren.
Schauen Sie das ganze Video mit Sarah Clatterbuck als Videoaufzeichnung
Was ist Ihre Rolle bei Women in Tech Switzerland?
Die Unterstützung dieser Organisation ist mir ein grosses Anliegen. Sie ist relativ neu hier in der Schweiz, als Teil einer globalen Bewegung: Ich bin hier im Board of Advisors, einem Beratungsgremium, tätig. Wir arbeiten mit dem Führungsteam dieser Organisation zusammen, um diesem bei der Entwicklung der Strategie zu helfen, wie sie mehr Mädchen und Frauen erreichen können, um sie für Technologiethemen zu begeistern.
Sie sind auch eine von vier Standortleiter:innen bei Google Schweiz. Was ist Ihre Aufgabe in dieser Rolle? In Ihrer Hauptfunktion sind Sie ja Engineering Director bei YouTube.
Ja, die Rolle des Standortleiters (englisch «Site Lead») ist sehr interessant. Sie kommt zu meiner normalen Rolle als technische Leiterin YouTube hinzu. Wir vier arbeiten im Wesentlichen daran, sicherzustellen, dass wir hier im Zürcher Büro eine angenehme Unternehmens-Kultur fördern, unter anderem viele Veranstaltungen durchführen, bei denen unsere Mitarbeitenden zusammenkommen können, dass wir insgesamt ein gutes Führungsteam haben, das helfen kann, den Google Standort hier in der Schweiz zu leiten, und dann auch dafür sorgen, dass die Mitarbeitenden Freude haben an ihrer Arbeit.
Wie schaffen Sie es also, all diese verschiedenen Dinge unter einen Hut zu bringen? Wandern, ‘Women in Tech’ Engagement, YouTube Direktor, Google Site Lead…
Nun, ich schätze, ich bin mittlerweile gut im Zeitmanagement geworden, aber ja, ich sorge dafür, dass ich für alle wichtigen Dinge in meiner Arbeit Zeit habe. Ich nehme mir viel Zeit in meiner Agenda und blockiere Zeitfenster, damit ich über Technologie nachdenken kann, darüber, wie ich mehr Frauen für die Branche gewinnen kann, über all diese Themen, die mir bedeutend sind.
In Ihrer Hauptfunktion sind Sie wie schon erwähnt technische Direktorin bei YouTube. Was ist im Moment Ihre grösste Herausforderung bei YouTube?
Ich denke, das wirklich Interessante an unserer Arbeit bei YouTube und gleichzeitig auch eine Herausforderung ist, dass wir eine Plattform haben, die Milliarden von Nutzer:innen erreicht, und wir haben auch Millionen von Creators auf unserer Plattform. Wir müssen also sicherstellen, dass die Nutzer:innen mit der Zeit, die sie auf YouTube verbringen, zufrieden sind und die für sie interessanten Inhalte finden können. All diese Dinge messen wir also. Auf der anderen Seite wollen wir, dass YouTube die beste Plattform ist, um Content Creator zu sein, der Ort, an dem Creators wirklich authentisch sein können und ihre Stimme weltweit gehört wird, aber hoffentlich auch ein starkes eigenes Business aufbauen können.
Es scheint, als würde die Erfolgsgeschichte von YouTube ewig weitergehen, weil es eine der ersten Plattformen war, die Videos lieferte. Was ist das Geheimnis eures Erfolgs?
Ich denke, es läuft auf den Google-Wert hinaus, unsere Nutzer:innen immer an die erste Stelle zu setzen (englisch «user first»), und wir betrachten unsere Zuschauer:innen als die Hauptnutzer:innen und wollen somit sicherstellen, dass sie mit den Inhalten, die sie finden, zufrieden sind, dass sie neue Dinge lernen sowie sich gut unterhalten können. Und auch unsere Creators sollen Freude an der Erstellung von Content haben und gut davon leben können.
Statistiken zu YouTube in der Schweiz
- In der Schweiz ist die Anzahl der YouTube-Kanäle, die einen Umsatz von CHF 100.000 oder mehr erzielen im Jahresvergleich um über 15 % gestiegen (Stand: Dezember 2022).
- In der Schweiz haben über 20 Kanäle über 1 Million Abonnenten, dies entspricht einem Wachstum von mehr als 10 % im Jahresvergleich (Stand: Dezember 2022)
- In der Schweiz haben über 450 Kanäle über 100.000 Abonnenten, dies entspricht einem Wachstum von mehr als 20 % im Jahresvergleich (Stand: Dezember 2022)
- In der Schweiz haben über 3.000 Kanäle über 10.000 Abonnenten, dies entspricht einem Wachstum von mehr als 15 % im Jahresvergleich (Stand: Dezember 2022)
- Über 90 % Anteil der Wiedergabezeit der von Kanälen aus der Schweiz produzierten Videoinhalte, die auf das Ausland entfällt (Stand: Dezember 2022)
- Rund 6,5 Millionen Menschen in der Schweiz nutzen YouTube monatlich; 2,5 Millionen davon streamen YouTube auf ihren TV-Geräten (Connected TV). (Stand: Dezember 2021)
Werfen wir einen Blick auf den Business-Teil von YouTube. Welche Einnahmequellen sprudeln aktuell ganz besonders?
Nun, YouTube war, glaube ich, die erste Plattform, die damit begonnen hat, Werbeeinnahmen mit den Inhalteproduzenten, also den Creators, zu teilen. Und das tun wir natürlich auch heute noch. Aber in den letzten Jahren, und das war wirklich der Fokus meiner Arbeit, habe ich mitgeholfen neue Einnahmemöglichkeiten aufzubauen, dank denen Creators ihre Einnahmen diversifizieren können. Ich kann Ihnen vielleicht fünf Arten der Monetarisierung nennen, die wir in den letzten Jahren entwickelt haben und mit denen Creators ihre Einnahmen diversifizieren können.
Sehr gerne…
Da ist zunächst das Abonnement Channel Membership für den Kanal eines bestimmten Creators, der seinen Fans verschiedene Vergünstigungen oder besondere Inhalte anbieten kann, für die die Fans dann eine monatliche Gebühr entrichten. Kürzlich haben wir dieses Programm um die Möglichkeit erweitert, Mitgliedschaften zu verschenken (Membership Gifting). Hier können Fans diese Abonnements an andere Fans verschenken. Denn es kann sich vielleicht nicht jeder ein Abonnement leisten, aber die Fans wissen, dass sie die Möglichkeit haben, einige zu kaufen und sie an andere Abonnenten des Kanals zu verschenken.

Wir haben auch eine Funktion namens Video Thanks, mit dem sich Fans für ein bestimmtes Video bedanken können. Bestimmte Creators haben vielleicht keine wiederkehrende Fangemeinde, für die sie ein monatliches Abonnement abschliessen könnten, aber vielleicht machen sie Videoinhalte, die den Followern zeigen, wie sie Dinge rund um ihr Haus reparieren können oder ähnliches. Und dann können die Fans einfach sagen: „Danke. Dieses Video hat mir geholfen, und ich werde dir, Creator, dafür eine Spende geben.»

Die anderen Teile unserer Fan-Unterstützungs-Suite sind Super-Chats und Super-Stickers. Das sind Funktionen, welche Fans in YouTube Live-Streams ermöglichen, spezielle Nachrichten zu schreiben oder Sticker in den Chatverlauf zu stellen – auch hier kann man so als Abonnent einen kleinen Betrag an den Creator spenden.


Und in letzter Zeit haben wir natürlich auch unsere Shopping Features entwickelt. Das heisst, es gibt die Möglichkeit für Creators einen Online-Shop auf YouTube aufzuschalten, indem ein ‘Shopify’ oder ‘Spring’ Shop mit dem eigenen YouTube Kanal verbunden wird, um so Produkte anzubieten.

Verstehe ich richtig, dass es jetzt viel einfacher wird, Creator zu werden und auch Geld zu verdienen?
Genauso ist es. Man muss also nicht so viele Werbe-Aufrufe («Ads Views») haben. Man kann auch diese alternativen Arten der Einnahmequellen nutzen und erfolgreich sein. Wir sagen gerne, dass man bereits mit «100 echten Fans» einen Verdienst auf YouTube haben kann.
Viele unserer Leser:innen sind Werbetreibende. Gibt es also auch für sie neue Möglichkeiten, vor allem im Hinblick auf das Creator’s Program?
Nun, es wird sich zeigen, dass Werbetreibende mit unseren neuen Formaten verschiedene neue Reichweiten erzielen können. YouTube Shorts sind in den vergangenen zwei Jahren ja sehr beliebt geworden. Und wir bieten bei Shorts spezielle Werbeformate an, von denen dann auch unsere Creators profitieren. Und dann gibt es noch eine Menge neuer Möglichkeiten, die sowohl im Bereich der Langformat-Videos als auch auf dem grossen Bildschirm im Wohnzimmer passieren – Stichwort «Connected TV». Wir stellen also sicher, dass Werbetreibende ihr Publikum genau dort erreichen, wo ihre Botschaften am Besten ankommen.
Wie wird die künstliche Intelligenz in ihrer jetzigen neuen Form YouTube verändern?
Ich denke, wenn wir von Künstlicher Intelligenz im Sinne von Maschinellem Lernen sprechen, dann ist das eine Technologie, auf die wir bei YouTube schon sehr lange setzen. Wir nutzen unter anderem Maschinelles Lernen, um unseren Nutzer:innen Video-Empfehlungen zu geben. Machine Learning ist auch Teil von «Content ID», unseres Systems für die Gewährleistung des Urheberrechts-Schutzes. KI ist also mittlerweile integrer Teil vieler Bereiche der YouTube Plattform. Aber ich denke, dass auch Generative AI und ähnliche Technologien zukünftig eine Rolle spielen werden; diese werden neue Ausdrucksformen und eine neue Art von Kreativität hervorbringen. Und wir sehen schon jetzt, wie Creators selbst anfangen, spannende Inhalte zu kreieren, indem sie ihren Hintergrund oder ihre Videos mithilfe von Generativer KI erstellen.
Ich freue mich darauf, auch für mich als Videojournalisten. Zum Abschluss dieses sehr interessanten Gesprächs Sarah, nur noch eine letzte Frage, die Sie mir gerne beantworten würden. Aber Sie können sich die Frage aussuchen.
Mal sehen… – welches Tool hat Ihrer Meinung nach Ihre Videoerstellung als Journalist im letzten Jahr am meisten beflügelt?
Das fragen Sie mich jetzt. Nun, ich denke CapCut.
Erzählen Sie mir davon.
Es handelt sich um eine Video-App. Sie können ein Video hochladen, und dann haben Sie alle Möglichkeiten, Ihr Video innerhalb kürzester Zeit professionell zu erstellen.
Gibt es noch eine letzte Frage, die Sie mir stellen möchten?
Vielleicht Ihr wichtigstes Projekt, an dem Sie gerade arbeiten. Wenn es nicht zu geheim ist natürlich…
Wir haben viele streng geheime Dinge (lacht). Wir arbeiten gerade daran, unsere Shopping-Funktionen zu erweitern und sie bald mehr Creators in mehr Ländern weltweit zur Verfügung zu stellen. Ich denke, man konnte Ende Juni auf der VidCon (in Anaheim, USA) bereits mehr darüber erfahren. VidCon ist das grösste Creator-Event weltweit.
Vielen Dank fürs Gespräch. Es war sehr interessant. Ich wünsche Ihnen viel Spass und Erfolg. Beim Wandern und mit YouTube.
Danke, das werde ich.
