Text Akademie Podcast #48: Gaudenz Looser: «Content ohne Intention ist ein Imitat»

Gaudenz Looser stand 21 Jahre lang bei 20 Minuten im Dienst, zuletzt als Kopf des meistgelesenen Mediums der Schweiz – und als Initiant des ersten KI-Ressorts eines hiesigen Verlags. Seit Kurzem ist er selbstständig und behandelt das Thema Künstliche Intelligenz in seiner Arbeit bewusst.

Im Podcast «AI und Gesellschaft»der Text Akademie mit Christoph Soltmannowski erklärt er, warum die Medien die Technologie viel zu wenig erklären, weshalb echter Journalismus in der KI-Suche an Wert gewinnt und was ihn an der ganzen Entwicklung wirklich beunruhigt.

Gaudenz Looser wurde als «gefährlichster Journalist der Schweiz» beschrieben. «Es ist ein schöner Titel, den man mir gegeben hat. Ich habe ihn mir nicht gesucht – und ich wehre mich nur noch ein bisschen dagegen.» Viel dahinter steckt für ihn ohnehin nicht: Wer eine gewisse Zeit dem grössten Medium des Landes vorsteht, trägt Verantwortung und hat Einfluss. Looser kann damit leben.

«Niemand spricht darüber»

Auf das Thema KI gebracht hat ihn nicht eigener Enthusiasmus, sondern ein Auftrag seines damaligen Chefs. «Am Anfang wurde ich verdonnert – und ich bedanke mich dafür», sagt er. Doch kaum habe er begonnen, sich damit zu beschäftigen, habe ihn die Sache gepackt und nicht mehr losgelassen. Ihm sei rasch klar geworden, wie gross der Erklärungs- und Einordnungsbedarf bei einer Technologie sei, «die so einen starken Impact auf unser aller Leben hat und sich so schnell weiterentwickelt».

Genau hier liegt sein zentraler Vorwurf an die eigene Branche. Die Verlagshäuser bemühten sich zwar intensiv, KI in den Alltag zu integrieren. Den eigentlichen Auftrag der Medien aber – der Gesellschaft zu erklären, welche Chancen und Risiken mit der Technologie einhergehen – vernachlässigten sie sträflich. «Jedes Individuum ist ein bisschen alleingelassen mit der Technologie», sagt Looser. Dahinter ortet er zwei aufeinanderfolgende Ängste: erst die FOMO – «Ich habe keine Ahnung, worum es geht, aber wir müssen das auch machen» –, dann die Angst, sich «nicht erwischen zu lassen dabei, dass man noch keine Ahnung hat».

Was sich automatisieren lässt – und was nicht

Dass KI ausgerechnet das Schreiben von Texten revolutioniert, hält Looser für die am wenigsten interessante Perspektive. «AI Slop» bleibe erkennbar: «Immer wenn man denkt, jetzt merkt es keiner mehr, dann dauert es zwei Wochen und die Mängel werden offensichtlich.» Die wahre Stärke liege anderswo: «Die Verarbeitung grosser Mengen unstrukturierter Informationen war noch nie so einfach wie jetzt» – ein Werkzeug, das dem Journalismus ganz neue Recherchemöglichkeiten eröffne.

Am Wesen des Berufs ändere das jedoch nichts. Seine Formel ist schlicht: Alles, was Fleissarbeit ist, sollte man der Maschine überlassen – «und die gewonnene Zeit sollte man dort investieren, wo man unersetzlich ist: in Beziehung treten zum Publikum, Mensch sein, authentisch sein.»

Vom Effizienzversprechen hält er entsprechend wenig. «Man kann Content nicht durch KI ersetzen, weil Content ohne Intention kein Content ist, sondern ein Content-Imitat.» An eine vollautomatisierte KI-Zeitung glaubt er deshalb nicht. Eine Geschichte, hinter der kein Mensch mehr stehe, bleibe seelenlos: «Man spürt das einfach, der Subtext fehlt.»

Der Graben zwischen Nerds und Publikum

Was fehle, sei die Übersetzungsarbeit zwischen der «Nerd Sphere» und dem breiten Publikum. «Es gibt keinen normalen Stand in der KI-Anwendung», sagt Looser. Hilfreich wäre eine Instanz, die sage: «Heute müsstest du das, das und das können.» Doch so schnell sei die Gesellschaft nicht – jedes Curriculum sei nach zwei Wochen überholt. «Wir müssen das einfach aushalten, bis es aufhört, so schnell weiterzugehen.»

Die eigentliche Sorge: digitale Souveränität

Was Looser wirklich umtreibt, sind nicht Buzz-Themen wie Deepfakes. Gefälschte Inhalte würden auf Dauer erkannt. «Was mich aber stört, ist, dass wir diesen Buzz-Themen hinterherrennen», während das eigentlich Bedeutsame geschehe: «die komplette Auflösung der Privatsphäre». In Kombination mit der Abhängigkeit von ausländischen Technologien ergebe sich «eine Machtverschiebung, wie wir sie als Menschheit noch gar nie erlebt haben». Looser führt das bis zur direkten Demokratie: «Wenn sich alles berechnen lässt, dann lässt sich auch alles manipulieren.»

Die Antwort heisst für ihn digitale Souveränität: «Ich möchte nicht, dass Donald Trump darüber entscheidet, wer Zugang hat zu meinen Daten und wer nicht.»

Das Analoge als USP

Je mehr man sich mit KI bewege, desto wertiger werde die persönliche Begegnung. «Das Analoge wird plötzlich wieder zum USP», sagt Looser. Fasziniert ist er von der Technologie gleichwohl: Er beobachte, wie KI sein Leben beschleunige und Abkürzungen schaffe. Kleine «Nerd-Probleme» verschwänden einfach – Bedienungsanleitungen brauche er endgültig nicht mehr.

«Keine Angst» als Botschaft

So endet die Tour d’Horizon mit einer Botschaft, die man vom angeblich gefährlichsten Journalisten der Schweiz nicht unbedingt erwartet hätte. Keine Angst, aber Vorsicht und Skepsis. «Ich glaube an die Kraft der Gesellschaft, das in guter Art und Weise zu überstehen.»

Die Podcastfolge auf Spotify

 


«AI und Gesellschaft – Wege in die neue Welt» ist ein Videopodcast der Stiftung Schweizerische Text Akademie und der Swiss Prompt Engineering Academy in Zusammenarbeit mit Science City Davos und Lab42 Davos. Moderation: Christoph Soltmannowski. Verfügbar auf YouTube, Spotify und allen weiteren gängigen Podcast-Plattformen: tinyurl.com/5t4fyfex

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