Kolumne Übrigens: Warum wir so viele Ferienfotos machen – und sie kaum je wieder anschauen

Wer in den Ferien unterwegs ist, sieht es überall. Menschen stehen am Strand, vor einem Aussichtspunkt oder vor einem Teller Pasta und halten ihr Smartphone in die Luft. Doch mit der wachsenden Zahl an Bildern stellt sich eine einfache Frage: Welche davon bedeuten uns eigentlich noch etwas? Laura Colledani & Klaus Ammon haben die Antwort.

Noch vor zwanzig Jahren war Fotografieren ein eher sparsamer Akt. Man hatte einen Film mit 24 oder 36 Bildern und überlegte sich gut, wann man auf den Auslöser drückte. Heute ist das anders. Das Smartphone ist immer dabei, und Speicher scheint praktisch unbegrenzt. Die Folge: Wir fotografieren mehr als je zuvor. Doch eine einfache Frage stellt sich selten: Was passiert eigentlich mit all diesen Bildern?

Die stille Inflation der Erinnerungen

Die meisten Menschen kennen die Situation. Nach den Ferien befinden sich hunderte oder sogar tausende Fotos auf dem Telefon. Einige davon werden verschickt, vielleicht ein paar auf sozialen Plattformen geteilt. Der grosse Rest verschwindet im digitalen Archiv. Dort bleibt er – oft für immer. Beobachtungen zur Mediennutzung zeigen ein erstaunlich konstantes Muster: Die meisten Fotos werden kurz nach ihrer Entstehung noch einmal angeschaut. Danach sinkt die Wahrscheinlichkeit stark, dass sie jemals wieder bewusst betrachtet werden. Viele Bilder werden also gemacht, ohne dass sie später eine wirkliche Rolle spielen.

Fotografieren als soziale Botschaft

Früher erfüllten Fotos vor allem eine Aufgabe: Sie sollten Erinnerungen bewahren. Man fotografierte einen besonderen Moment, um ihn später wieder anschauen zu können. Heute entsteht ein grosser Teil der Bilder aus einem anderen Grund. Sie werden sofort verschickt, geteilt oder gezeigt. Das Foto wird damit zu einer Botschaft: Schau, wo wir sind. Schau, was wir gerade erleben. Psychologisch gesehen wird Fotografie damit zu einem sozialen Signal. Das Bild bestätigt nicht nur den Moment, sondern auch die Erfahrung gegenüber anderen.

Das Paradox der dokumentierten Ferien

Psychologen haben ein interessantes Phänomen beschrieben: Wenn Menschen ein Erlebnis fotografieren, erinnern sie sich später oft weniger gut daran. Das Smartphone übernimmt gewissermassen einen Teil der Erinnerung. Das Gerät wird zum externen Gedächtnis. Doch vielleicht liegt die Erklärung noch etwas tiefer. Viele Fotos entstehen heute nicht mehr primär für die Zukunft, sondern für den Moment selbst – für das kurze Teilen, das Zeigen, das soziale Echo. Vielleicht erklärt genau das, warum so viele Ferienfotos später kaum noch angeschaut werden. Ihre wichtigste Funktion lag bereits im Moment ihrer Entstehung.

Welche Bilder bleiben

Wenn Menschen später durch ihre Fotogalerien blättern, zeigt sich ein interessantes Muster. Es sind selten die spektakulärsten Landschaftsaufnahmen, die hängen bleiben. Wichtiger sind meist Bilder, auf denen Menschen zu sehen sind: Familie, Freunde, gemeinsame Situationen. Bilder also, die eine Geschichte erzählen. Erinnerungen entstehen weniger durch Dokumentation als durch Bedeutung.

Eine kleine Beobachtung über unsere Zeit

Ferienfotos erzählen deshalb etwas über unsere Gegenwart. Wir leben in einer Welt, in der Inhalte praktisch unbegrenzt produziert werden können. Das gilt nicht nur für Fotos. Auch in der Kommunikation entstehen jeden Tag unzählige Bilder, Videos und Botschaften. Doch wie bei Ferienfotos stellt sich auch hier eine einfache Frage: Was bleibt wirklich im Gedächtnis? Am Ende bleiben oft nur wenige Bilder wirklich wichtig. Die meisten verschwinden still im Archiv des Smartphones.

Übrigens …
Vielleicht erinnern wir uns später nicht an die tausend Fotos unserer Ferien. Sondern an die wenigen Momente, in denen wir gar kein Foto gemacht haben.


Laura Colledani und Klaus Ammon verfügen gemeinsam über mehr als 40 Jahre Erfahrung in Consumer Research und Marketingforschung. Über die Jahre hat sich dabei ein feines Gespür entwickelt für das, was Menschen bewegt – auch jenseits der Zahlen. Beide Autoren plädieren für eine Kommunikationskultur, die zuhört, bevor sie sendet. Mit dem neuen Ansatz von Management Tools des Consumer Listening möchten sie Marketingverantwortliche dabei unterstützen, Konsumenten nicht nur in traditioneller Weise zu befragen, sondern mit diesen in einen echten Beziehungsraum einzutreten.

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