Regional-TV Während die Zuschauerzahlen beim Lokalfernsehen steigen und steigen, lässt der Durchbruch im Werbemarkt weiterhin auf sich warten.Mitteilungen der Regional- und Lokal-TV-Szene über steigende Zuschauerzahlen häuften sich in den vergangenen Monaten wie nie zuvor. Wächst also das Publikum der Lokalfernsehstationen langsam in den Himmel? Tatsächlich entspricht diese Wahrnehmung dem Trend im Jahr 2002: Ausnahmslos alle sieben Sender des TeleNewsCombi (TNC) zeigten im Publikumsmarkt Muskeln wie kaum je zuvor.Kein Angebot, das gegenüber 2001 nicht mindestens zehn Prozent Zuschauer hinzugewonnen hätte. In absoluten Zahlen können sich die meisten Sender täglich an einigen Zehntausend zusätzlichen Zuschauern erfreuen. Dasselbe überraschende Bild ergibt sich beim Blick auf die durchschnittliche Sehdauer. Mit einer einzigen Ausnahme haben auch hier sämtliche Sender ganz schön vorwärts gemacht. Dies sind durchs Band weg starke Leis-tungen notabene bei den beiden wichtigsten Zuschauerkennzahlen.
Zufälliges und HausbackenesDoch welche Faktoren haben den Deutschschweizer Lokal-TVs den markanten Aufwärtstrend beschert? Man muss von einer hausgemachten und einer oder mehreren zufälligen Komponenten ausgehen. Die hausgemachte betrifft die Verbesserung der Programmqualität, bei der sich sämtliche Sender im vergangenen Jahr kräftig ins Zeug gelegt hatten. Aber auch zufällige Faktoren wie der verregnete, kühle Sommer 2002 spielten mit. Vor allem im dritten Quartal des vergangenen Jahres sassen Herr und Frau Schweizer häufiger vor dem TV – wovon auch die regionalen Sender profitierten.
Zumindest dürfte der Abgang von Roger Schawinski ein wenig geholfen haben. «Der Wegfall von Tele 24 hat unseren Aufwärtstrend beschleunigt», vermutet Marcel Geissbühler, Geschäftsführer des TNC und der Tele-Bärn- und ExtraBern-Vermarkterin ConRadio. In erster Linie führen die Senderchefs die verbesserte Aufmerksamkeit des Publikums jedoch auf die weitere Professionalisierung der Inhalte sowie auf die Straffung der Sendeabläufe und das Eliminieren von Rausschmeissern zurück.
Besonders positiv ist hat die Zuschauerentwicklung bei den Sendern, die erst vor drei oder vier Jahren ins Kabel gelangten und dementsprechend im Publikum noch nicht so stark verankert sind. Jetzt nimmt die Bekanntheit dieser Sender rasch zu, was sich in einem beschleunigten Publikumsaufbau spiegelt. Genau dies ist bei Tele Top und Tele Ostschweiz geschehen, die beide 1999 gestartet sind. Deren Zuschauerzahlen schnellten im vergangenen Jahr um die Hälfte oder mehr – Tele Top plus 49,7 Prozent, Tele Ostschweiz plus 55,8 Prozent – in die Höhe.
Tele Top vermisst Crossmedia Den eindrücklichen, wenn auch etwas verspäteten Vormarsch seines Senders lastet Tele-Top-Chef Günter Heuberger vor allem dem Fehlen preisgünstiger Promotionsmöglichkeiten an. «Worauf alle anderen TNC-Sender bauen können, nämlich reichlich Unterstützung mit Printmedien und Gratisinseraten aus dem eigenen Haus, haben wir bei uns nicht.» Auszuzahlen scheint es sich aber auch, wenn man die Nähe zum Publikum auf anderen Wegen sucht. So führt Tele Ostschweiz einen wesentlichen Teil seines jüngsten Publikumserfolges auf die Öffnung der Studios für das Publikum zurück. Mit Aktionen wie Tagen der offenen Tür und regelmässigen Studioführungen habe man ein Bedürfnis des Publikums getroffen. «Mehrere Tausend Personen haben uns besucht – alles Menschen, die sich jetzt stärker mit uns verbunden fühlen», ist Peter Schwager, Tele-Ostschweiz-Geschäftsführer, überzeugt.
Etwas anderes müsste dem Senderchef aber Bauchschmerzen bereiten: Zwar hat der Sender fast 30000 tägliche Zuschauer gewonnen, gleichzeitig ist aber die durchschnittliche Nutzung von 15 auf 10,8 Minuten abgesackt. Ein ernüchternder Hinweis darauf, dass mit Marketingkraftakten wohl viele neue Zuschauer angelockt werden können. Doch diese harrten offenbar nur kurze Zeit beim Sender aus.
Programme ausgemistetDoch es gibt auch rundum glücklich stimmende Beispiele, bei denen die Reichweite und die durchschnittliche Nutzung Höhenflüge erlebten. Neben Tele Top waren dabei sogar Sender für Überraschungen gut, die zu den ältesten Kindern der Schweizer Lokal-TV-Landschaft zählen: Tele M1 und Tele Tell. Mit Zuwachsraten von 41,7 beziehungsweise
42 Prozent bei der täglichen Sehdauer erzielten die beiden Angebote Werte, wie sie keiner anderer TNC-Sender nur annähernd erreichte.
Besonders erfreulich ist die Tatsache, dass die Korrekturen, die zum willkommenen Aufwärtstrend bei Tele M1 und Tele Tell führten, noch nicht mal viel gekostet haben. Denn laut Geschäftsführer Florenz Schaffner wurde bei beiden Sendern die regionale Berichterstattung verstärkt und der Audience Flow verbessert. Und: Auch im Programmangebot kann weniger offenbar mehr sein: Tele M1 und Tele Tell strichen im ersten Halbjahr 2002 Sendungen wie «TeleMed», «Job-TV» oder die Videoclipshow mit Tanja Gutmann ersatzlos aus dem Programm. Trotzdem – oder gerade deswegen – holten sie mehr Zuschauer.
Ob die erfreulichen Zuwachsraten sämtlicher TNC-Mitglieder auch den herbeigesehnten Sprung bei den Werbeeinnahmen bringen, ist noch keineswegs sicher. Die grosse Hoffnung ruht auf dem Infopool, dem Werbekombi mit dem öffentlichrechtlichen SF DRS, das seit Anfang Jahr in den Planungstools der Publisuisse integriert ist. «Viele Offerten sind verschickt worden – die Auftraggeberseite reagiert positiv und lobt unser Angebot als
ein sinnvolles», erklärt TNC-Geschäftsführer Geissbühler. Einige Buchungen – sowohl TNC-Mono wie auch Infopool – seien bereits eingetroffen. «Aber die Stimmung im Werbemarkt ist nach wie vor angespannt», fügt er an.
Daniel Schifferle
Marketingefforts holen den privaten TV-Veranstaltern zwar viele neue Zuschauer, doch sinkt deren Verweildauer beim Sender stetig.
Entwicklung Nettoreichweite (in 1000 Zuschauer)Sender NR-T 2001 NR-T 2002 +/– in %
Tele Züri 424,6 447,4 +11,4
Tele Bärn 225,3 251,8 +11,8
Tele M1 146,0 163,8 +12,2
Tele Tell 84,2 97,3 +15,5
Tele Top 62,6 93,7 +49,7
Tele Ostschweiz 52,2 81,3 +55,8
Tele Basel 84,4 93,2 +10,4
Quelle: Tele Züri/Publica Data AG
Entwicklung durchschn. Nutzung (in Min. pro Zuschauer)
Sender NS 2001 NS 2002 +/– in %
Tele Züri 21,0 22,1 +5,3
Tele Bärn 8,7 9,6 +11,0
Tele M1 7,6 10,7 +41,7
Tele Tell 6,0 8,5 +42,0
Tele Top 4,7 5,8 +23,4
Tele Ostschweiz 15,0 10,8 –28,3
Tele Basel 9,1 9,5 +4,4
Quelle: Tele Züri/Publica Data AG