Zeitschriftenmarketing Hat ein erfolgreiches Produkt Werbung nötig? Nur bedingt, rät Agentur Guye Benker der Weltwoche – und entwickelt für das High-Profile-Magazin einen Low-Profile-Auftritt mit Leseproben.Von wegen Pech gehabt. Zwar wurde dem Hemingway-Epigonen aus dem Zürcher Jean-Frey-Haus der Weg ins Zentrum des Golfkriegs verwehrt – der «Kriegsberichterstatter» kam wie weiland Karl May nur bis ins wilde Kurdistan. Dafür hat sich Roger Köppel an der heimischen Medienfront in seinem ersten Jahr als Chefredaktor der Weltwoche ausgesprochen wacker geschlagen. Hier hat der intellektuelle Pragmatiker gemäss neuesten Wemf-Zahlen (siehe auch Seite 21) die Ziele mehr als nur übertroffen.Sorgenkind bald profitabel?
Mit der um 7,2 Prozent auf knapp 91100 Exemplare gesteigerten Auflage hat die Weltwoche Facts überholt und zugleich alle Skeptiker Lügen gestraft, die ein Scheitern des Magazinkonzepts prophezeiten. Man mag argwöhnen, Köppel habe die serbelnde Wochenzeitung nur mit unorthodoxen Methoden und einer offensiven liberalen Moral gerettet. Dass er mit seinem Team die Zeichen der Zeit richtig interpretiert hat, indem er das Understatement der meinungsbildenden Institution mit subtilem Glamour und polarisierender Quer-Agenda aufgepeppt und zu einer Trendmarke gemacht hat, nehmen ihm viele 68er-Erben übel.
Fakt bleibt: Seit dem Relaunch im Magazinformat letzten Mai ist es der Weltwoche-Equipe gelungen, die generelle Reichweite um mehr als ein Drittel zu steigern und im Segment der 14- bis 34-Jährigen gleich um 80 Prozent anzuheben. Verlagsleiterin Uli Rubner freut sich nicht nur über die Verjüngung und Erweiterung der Leserschaft; die Reichweite wuchs bei den Angestellten mit Kaderfunktion um 16,3 und bei den Top-Leadern um 8,3 Prozent. Sie stellt auch klar: «Was andere jetzt mit der Bereinigung ihrer Auflage nachholen, hat die Weltwoche vor gut zwei Jahren vorweggenommen. Deshalb wachsen wir jetzt auf einer gesunden Basis. Der Relaunch war der Katalysator, um den Leuten schneller ins Bewusstsein zu rufen, dass die Weltwoche von den Inhalten und von der Struktur her einen neuen und eigenständigen Weg eingeschlagen hat.»
Wie profitabel dieser Weg tatsächlich ist, und ob der Turnaround wie geplant heuer erreicht wird, darüber will Rubner keine Auskunft geben. «Wir haben das letzte Jahr besser als budgetiert abgeschlossen und liegen im laufenden Jahr im Lesermarkt über Plan, während wir bis zum Februar im Anzeigenmarkt genau auf Kurs waren. Im März allerdings wurde das Anzeigenbudget erstmals verfehlt.»
Auch am negativen Widerhall, den die kompromisslose Art der Weltwoche in diversen Medien findet, liest sich ihr Erfolg ab. Peer Teuwsen, stellvertretender Chefredaktor des Tages-Anzeiger-Magazins und langjähriger Mitarbeiter von Roger Köppel, interpretiert die Kritik als ein Zeichen der Schwäche der Weltwoche-Konkurrenz. Doch nicht alle Leser machen derzeit den anspruchsvollen Hochseilakt mit. Der Aufruf einer SP-Sprecherin zum Boykott der «kriegshetzenden Medien wie die Weltwoche und die NZZ» hatte Folgen. «Im Zusammenhang mit der Haltung zum Irak-Krieg hatten wir rund 100 explizite Abbestellungen», bestätigt Rubner. «Die Tatsache, dass wir weiterhin wachsen, zeigt mir aber, dass viele ein Blatt wollen, das auch unpopuläre Positionen einnimmt und unbequeme Fragen stellt.»
Darin sieht Luise Diem, Managing Director der Mediaagentur OMD Zürich See, den Erfolg begründet: «Mit der neuen Weltwoche deckt endlich ein seriöser Titel die Bedürfnisse einer jüngeren, anspruchsvollen Zielgruppe ab, die bisher kaum bedient wurde.» Lob findet bei Teuwsen die «Verpackung»: «Ihr Layout ist brillant, und sie besitzt eine sehr gute Bildsprache.» Diese macht sie für Pierre C. Meier, Chefredaktor des Media Trend Journals, zu einem Wochenmagazin, «das eine aufmerksame Lektüre voraussetzt. Man muss die Weltwoche tatsächlich noch ‹lesen›, um sie gelesen zu haben». Dagegen befürchtet Teuwsen, dass sich die Weltwoche «mit ihrer ‹Kolumnitis› und der Ideologisierung gewisser Inhalte vorhersehbar macht».
Damit dürfte er deren Macher am empfindlichsten Nerv treffen, wollen diese doch den Markenkern ihres Blatts – Breite und Offenheit auf hohem Niveau – jede Woche überraschend aufwerten und die Leser so bei der Stange halten. Für die Werber der Hausagentur Christoph Guye und CD André Benker hat die Weltwoche diese Bedingungen jedenfalls erfüllt. So gut, «dass die beste Werbung für die Weltwoche die Weltwoche selbst ist», erklärt Guye die Grundidee der neuen Kampagne: The Product is the Hero.
Werbung ad absurdum geführt«Auch die Kommunikation zum Produkt muss immer wieder neu und überraschend sein», sagt Guye und blickt bereits auf drei Auftritte im ersten Jahr der Zusammenarbeit zurück. Die eben angerollte Copy-Kampagne demonstriert nichts anderes als eine Aktualisierung des Basisversprechens, jede Woche mit spannenden Beiträgen aufzuwarten.
Anzeigen verweisen konsequent auf die redaktionellen Beiträge, beispielsweise auf der letzten Seite: «Sie haben soeben 72 Seiten gute Werbung für die Weltwoche gelesen.» Halb- oder ganzseitige Leseproben sollen ähnlich unaufgeregt die Leser der Konkurrenz auf die Weltwoche aufmerksam machen. Als Novum in der Pressewerbung kommen Abreissblöcke in Tram und Bus zum Einsatz. Die Leseproben zum Mitnehmen stammen jeweils aus der aktuellen Ausgabe. Im Kino, wo die Weltwoche erstmals auf Leserfang geht, führt der Typo-Spot die Kampagne völlig ad absurdum: «Die beste Werbung für die Weltwoche ist die aktuelle Ausgabe der Weltwoche.» Kunstpause. «Dann ist das hier wohl nicht so gute Werbung für die Weltwoche.» Q.e.d.
Die Weltwoche ist der beste Werbeträger in eigener Sache.
Luca Aloisi