Martin Spillmann ist Werber des Jahres 2004 und einer, der trotz unzähliger in- und ausländischer Auszeichnungen mit beiden Beinen im Leben steht. Die Werbung braucht mehr Mut zu Persönlichkeit, findet der Egon-Preisträger.Schon längst hätte Martin Spillmann diesen
Titel verdient – schon zur Zeit, als er noch Creative Director und
Mitglied der Geschäftsleitung von Advico Young & Rubicam (AY&R)
war. «In den zehn Jahren, in denen Martin Spillmann bei der Advico in
Gockhausen gewirkt hat, war diese Agentur die kreativste überhaupt»,
ist der abtretende Werber des Jahres 2003 Ruedi Wyler überzeugt. Martin
Spillmann hat sich stets mit guten Leuten umgeben, denn erfolgreiche
Werbung ist immer auch gute Teamarbeit. Das sei der Grund, weshalb ihn
eine eigene kleine Agentur nie interessiert hat: «Ich bin kein
Einzelkämpfer, ich brauche Menschen um mich, und zwar vielfältige,
solche mit Ecken und Kanten, die ihre Stärken und Schwächen kennen.»
Ob
er ahnt, weshalb er gerade jetzt zum Werber des Jahres gewählt worden
ist? «Vielleicht kürt die Leserschaft der Werbewoche eher Werber, die
selbstständig sind, eine eigene Agentur haben und Unternehmer sind»,
vermutet Spillmann. Seit 1. Juli 2002 ist er Mitinhaber der
Werbeagentur Spillmann Felser Leo Burnett – jener Agentur, die in einer
wirtschaftlich schwierigen Zeit ohne Auftraggeber mit 15 Personen
gestartet ist. Heute verfügt sie über 15 Kunden, zählt 28
Mitarbeitende, erwirtschaftet rund 4 Millionen Franken
Bruttobetriebseinnahmen und ist soeben vom deutschen Econ-Verlag zur
«Newcomer-Agentur des Jahres 2003» ernannt worden (WW 1/04).
Späte AnerkennungNatürlich
freut sich Martin Spillmann, der dieser Tage 50 geworden ist, über
dieses unerwartete Geburtstagsgeschenk. «Im Gegensatz zu den viel
wichtigeren Kreativauszeichnungen bedeutet die Wahl zum Werber des
Jahres eine Anerkennung der Branche. Das ist für mich eine Genugtuung»,
sinniert er. Endlich würdigen seine Schweizer Kolleginnen und Kollegen
seine Arbeit, denn im Ausland ist das längst geschehen – in den letzten
Jahren hat er als einziger Schweizer am Werbefilmfestival von Cannes je
einen Löwen in Gold, Silber und Bronze für die TV-Spots Médecins sans
Frontières, Hakle und Citterio gewonnen. Und es gibt wohl keine
nationale und internationale Jury von Kreativwettbewerben, die ihn
nicht kennt – schliesslich wirkt er selber regelmässig als Juror.
Als
Anfang 1989 die Werbeagentur Advico mit dem Schweizer Network von Young
& Rubicam – wo Spillmann bereits seit 1983 als AD tätig war –
fusionierte, zog er für drei Jahre nach New York zu Young & Rubicam
an die Madison Avenue. Dort begann seine eigentliche Karriere, denn er
musste sich unter 1600 Mitarbeitenden behaupten, konnte sich dafür aber
ständig weiterbilden und die Filmerei von Grund auf lernen. Der
Aufstieg vom AD zum CD liess nicht lange auf sich warten, denn nichts
findet Martin Spillmann spannender, als Ideen nachzuhängen und so lange
an Lösungen zu feilen, bis die richtige gefunden ist.
Hobbys wie
Joggen, Radfahren oder Briefmarken-Sammeln – hat und braucht er nicht.
Als Vielleser ist er an Kultur und an der Fotografie im Besonderen
interessiert. Doch Lesen ist für ihn kein Hobby. «Lesen ist wie Denken
und Gestalten einfach notwendig», sagt er. In New York verbrachte er
seine freie Zeit mit seiner Lebenspartnerin Rita Hauser. Sie war vorher
Beratungsgruppenleiterin bei Aebi & Partner und studierte dann in
New York englische Literatur. Dort haben die beiden auch geheiratet und
ihre erste Tochter Rebecca bekommen. Drei Jahre später folgte die
zweite Tochter Hannah. So ist es heute seine Familie, die ihn in der
freien Zeit beschäftigt und ihm hilft, abzuschalten und aufzutanken.
Wenn
Spillmann von New York erzählt, fallen ihm hundert Geschichten ein. Wie
Rita und er auf Entdeckungsreisen gingen, die weit über Manhattan
hinausreichten. Er komme sich wie ein Schwamm vor, sagt er, der alles
aufsaugt, um es später in Ideen umzuwandeln. Geschichten im Kopf hat er
sich von Kindsbeinen an ausgemalt, zum Beispiel während Hörspielen am
Radio. «Zu Hause hatten wir keinen Fernseher.» Vielleicht kann er
deshalb so gut zuhören.
Erdverbunden und weltoffenWarum
die Familie nicht in New York geblieben ist, hängt damit zusammen, dass
die Eltern sich beim Heranwachsen der Tochter bewusst wurden, wie
prägend die Muttersprache ist. «Auch wenn wir die englische Sprache
beherrschten, gab es doch im emotionalen Bereich immer wieder Dinge,
die man in seiner Muttersprache besser ausdrücken kann», sagt
Spillmann. Und auf der anderen Seite des Ozeans gab es die eigenen
Angehörigen…
Spillmanns sind im zürcherischen Hedingen, dem
Säuliamt, beheimatet, ihr Stammbaum lässt sich bis ins 15. Jahrhundert
zurückverfolgen. Martin wuchs dort als jüngster von vier Brüdern auf
einem grossen Bauerngut auf, wo nicht nur Knechte und Mägde arbeiteten,
sondern auch die Söhne, da der Vater früh erkrankte.
Fotografierender GrafikerMartin
Spillmann hat von jung auf gelernt, an- und zuzupacken,
Eigenverantwortung zu übernehmen sowie sich selbst und seinen Gefühlen
zu vertrauen. Das gab ihm innere Sicherheit und den Mut, den eigenen
Weg zu gehen. Einen Weg, den vielleicht nicht immer alle goutierten?
«Ja», meint er lachend, «mein bester Freund im Dorf war damals ein
‹halber› Pakistaner, und ich trug die längsten Haare in Hedingen.»
Dazu
kam der für einen Bauernsohn nicht eben alltägliche Wunsch, die
Aufnahmeprüfung an der Kunstgewerbeschule (heute Fachhochschule für
Gestaltung und Kunst) in Zürich zu machen, die er mit Bravour bestand.
Warum auch nicht? Immerhin hat seine Grossmutter gemalt, und ein Cousin
war Pianist in der Hazy-Osterwald-Band. Das Musische hat in der
Grossfamilie Spillmann neben der Arbeit immer einen Platz gehabt.
Obwohl
ihm die Kunstgewerbelehrer nach Abschluss der Vorklasse zur Fotografie
rieten, weil er darin die beste Note erzielte, wurde Spillmann
Grafiker. Damit er in die Stadt ziehen konnte, entschied er sich für
die 4-jährige Grafikerlehre statt für weitere Schuljahre. Das Überleben
sicherte er sich mit Nachtarbeit bei den SBB … bis seine erste
Freundin auftauchte und die Lebenskosten geteilt werden konnten.
Das
Fotografieren hat ihn auch nach seinem Lehrabschluss nie ganz
losgelassen. Damit hielt er die Eindrücke seiner zahlreichen Reisen
fest, die er als junger freier Grafiker immer wieder unternahm. Bis er
zuerst bei Barlogis & Jaggi, später in der Werbeagentur BSSM
längere Zeit mitarbeitete und 1983 als knapp Dreissigjähriger bei Young
& Rubicam sesshaft wurde.
Im Wissen um seine Reisefreudigkeit
erstaunt die Rückkehr nach Zürich. «Das Angebot von Hansjörg Zürcher,
dem damaligen Creative Coach von AY&R, in seine Fussstapfen zu
treten, war zu verlockend», gesteht Martin Spillmann. Und er hat es bis
zum Verkauf des internationalen Netzwerks von Young & Rubicam an
WPP auch nie bereut, obwohl er sich in der Agglomeration Gockhausen nie
richtig heimisch fühlte: «Entweder richtig auf dem Land oder richtig in
der Stadt…»
Arbeit ist Hobby und PrivilegIn
der eigenen, schlank organisierten Agentur kann sich Spillmann besser
auf die Kernkompetenz, gute Werbung zu machen, konzentrieren als in der
zu einem Firmenkonglomerat gewachsenen AY&R.
Wann ist Werbung
für Martin Spillmann gut? «Wenn sie im Kopf und im Bauch ankommt und
etwas auslöst. Mit guter Werbung kann man eine Marke erlebbar machen.
Einem guten Werber muss es gelingen, die Kernaussage immer wieder neu
zu erzählen und so zu inszenieren, dass sie von neuem überrascht.
Werben ist wie Schach spielen oder Kreuzworträtsel lösen. Immer wieder
ist es dasselbe Spiel mit immer wieder anderen, überraschenden Zügen.
Darum kann man es auch ein Leben lang immer wieder spielen. Gute
Werbung zu machen, ist für mich ein Hobby, wofür ich noch bezahlt
werde. Darum empfinde ich meine Arbeit als grosses Privileg.»
Dass
ihm eines Tages die Ideen ausgehen könnten, befürchtet Spillmann nicht:
«Wer bewusst lebt und um sich schaut, bleibt wach und wird immer Neues
entdecken und erleben, woraus ein kreativer Mensch wieder schöpfen
kann. Darum freue ich mich, dass wir uns in diesem schönen, soliden
Backsteinhaus im Kreis 3 einmieten konnten. Hier pulsiert das Leben,
hier finden sich Schweizer wie Ausländer, Arbeiter wie Manager,
Quartier- wie In-Beizen. Und ich darf mit all jenen Menschen als
Partner zusammenarbeiten, die mich bereits seit 17 Jahren erfolgreich
begleiten.»
«Mehr Mut!»Da kann
eigentlich nichts schief gehen. Doch macht man Werbung bekanntlich
nicht für sich, sondern für Auftraggeber und deren Produkte. Hat jede
Agentur die Kunden, die sie verdient? «Ich glaube schon», meint Martin
Spillmann und möchte deshalb als Werber des Jahres für mehr
Persönlichkeit plädieren: Die Grösse haben, sich selbst zu sein, statt
etwas vorzutäuschen, seine Stärken und Schwächen zu erkennen und aus
den Schwächen ein Plus zu machen. Und den Mut zu haben, sich zu
positionieren wie eine Brandpersönlichkeit. Nur wer sich positioniert,
kann differenzieren und auffallen. Und schliesslich Normen zu
durchbrechen, alles zu hinterfragen und von einer neuen Warte aus zu
betrachten. Nur etwas darf Werbung nicht: lügen.
Die Qualität der
Wahrheit, der Echtheit ist ihm wichtig und zieht sich wie ein roter
Faden durch sein ganzes Leben. Martin Spillmann hat kein Idol, aber er
hat Respekt vor jeder gut gemachten Sache. Ob das nun ökologisch gute
Produkte vom Bauernhof sind oder gut gefertigte Möbelstücke, Schuhe
oder gar eine literarische Erstausgabe, wo schon der Buchumschlag eine
Klasse für sich ist – es ist die echte handwerkliche Qualität, die ihm
wichtig ist. Genau wie bei guter Werbung auch. Er ist überzeugt, wer
sich immer wieder mit Qualität befasst, lebt besser.
Stimmen zur Wahl«Für
mich ist Martin Spillmann einer der Besten. Solange er bei Advico
Y&R war, habe ich seine kreative Arbeit verfolgt und vor allem
seine Kontinuität bewundert. Damals war dies ja auch die kreativste
Agentur. Natürlich hatte er viele gute Leute um sich und nicht alles
selbst gemacht. Doch er ist ein guter Macher und Schaffer. Seine
preisgekrönten Kampagnen für Kuoni, Hakle usw. sind mir in bester
Erinnerung. In der eigenen Agentur wird die Erfolgsgeschichte
offensichtlich fortgeschrieben: Die Feldschlösschen-Bier-Filme zählen
zum Besten, was ich in letzter Zeit gesehen habe.»
Ruedi Wyler, Werber des Jahres 2003
…
«Martin ist der beste Partner, den ich mir vorstellen kann: hochkreativ, strategisch
fundiert, nimmt Menschen ernst und verzichtet auf billige
Effekthascherei. Er hat praktisch alle Werbepreise dieser Welt gewonnen
und ist bescheiden geblieben. Also wird ihn auch der Titel «Werber des
Jahres» nicht allzu sehr verändern.
In diesem Sinne freue ich mich auf die nächsten 17 Jahre mit Martin.»
Peter Felser, Mitinhaber SFLB
…
«Martin hat Passion, denkt gross, hat
Liebe fürs Detail, setzt Standards, ist klischeefrei und teamfähig,
hört zu, schafft, lacht, schwitzt und gähnt mehr als normal. Er hat
einen sicheren Geschmack, inspiriert, überzeugt, hat um sich
enthusiastische Talente, hat Peter Felser, hat Rita – glückliche
Umstände für eine konkurrenzfähige, kreative Zukunft der Marken seiner
Kunden durch Arbeiten, die man gerne immer wieder sieht. Der Applaus
ist verdient. Ich hoffe, er geniessts – denn er ist bescheiden.»
Michael Conrad, Conrad Consulting
«Gute
Werbung zu machen, ist ein Hobby, für das ich auch noch bezahlt werde»:
Martin Spillmann, Mitinhaber von Spillmann Felser Leo Burnett.
Sarah Rieder