WE ARE VERY: Aus Polaroids wird Plattform

Ein Messestand, Polaroids und eine scheinbar einfache Frage: «What are you very?» Was an der Lokalisierungskonferenz LocWorld54 in Monterey als Aktivierung gedacht war, wurde zum Auslöser einer Community-App. Hinter dem Projekt steht mit Rinaldo Dieziger ein Ex-Zürcher Werber.

Very bilingual. Very caffeinated. Very lost in translation. Very into spreadsheets

Was als Icebreaker an der LocWorld54 in Monterey gedacht war, entwickelte plötzlich eine eigene Dynamik. Besucherinnen und Besucher schrieben ihre Antwort auf, posierten für Polaroid-Porträts – und blieben. Sie kamen ins Gespräch. Fremde fanden über ein paar Worte zueinander. Am Ende standen fast 100 Porträts. Acht Wochen später war die App da.

Ein Standexperiment mit überraschender Schwerkraft

Genau diese Szene ist der eigentliche Kern der Geschichte. Nicht nur, weil sie hübsch erzählbar ist, sondern weil sie zeigt, worauf «WE ARE VERY» baut: auf Sprache als Türöffner für Identität und Zugehörigkeit.

Rinaldo Dieziger beschreibt den Moment sinngemäss so: Die Leute hätten nicht einfach einen cleveren Satz hingeschrieben und seien weitergezogen. Sie seien persönlicher geworden. Und genau dort sei klar geworden, dass in der Frage mehr stecke als nur ein Messe-Gimmick.

Das ist eine bemerkenswerte Beobachtung – gerade aus Sicht der Kommunikationsbranche. Denn viele Aktivierungen erzeugen kurz Aufmerksamkeit. Wenige erzeugen Resonanz. Noch weniger werden zum Produkt.

Von der Marke zur Frage – und zurück

Die Frage «What are you very?» kam nicht aus dem Nichts. Sie steckt bereits im Namen. Als Dieziger das Unternehmen 2024 nach der Übernahme der US-Tochter durch die Schweizer Mutter Supertext neu positionierte, blickte er offenbar auf sein Team und sammelte Zuschreibungen: very into cats, very guitar players, very opinionated, very multilingual.

Am Ende blieb der gemeinsame Nenner: «WE ARE VERY».

CEO Kristy Sakai sagt dazu sinngemäss einen wichtigen Punkt: Der Name habe intern sofort funktioniert. Überraschend sei aber gewesen, wie schnell andere Menschen den Begriff aufnahmen – auf Merchandise, an Events, auf der Website. Plötzlich wurde aus einem Markennamen eine offene Frage, die jede und jeder für sich beantworten wollte.

Genau diese Dynamik hat das Team nun in eine Plattform übersetzt.

Social, aber mit einem anderen Ziel

Die App selbst setzt auf eine bewusst einfache Mechanik: Wer sagt, worin er oder sie «very» ist, findet Community. Gruppen können beigetreten oder neu gegründet werden, Gespräche entstehen, Treffen werden organisiert.

Interessant ist der Bruch mit bekannten Social-Media-Mustern. Es gibt keine Followerzahlen. Keine klassische Like-Logik. Stattdessen reagiert man kontextueller – etwa mit «VERY Cool», «VERY Interesting», «VERY Sad» oder «VERY Nice». Das wirkt auf den ersten Blick wie ein Detail. Tatsächlich ist es ein kulturelles Signal: mehr Nuance, weniger Reflex.

Noch markanter ist die Rolle von Events. Treffen im echten Leben sind nicht Beiwerk, sondern Kernfunktion. Communities können Meetups, Workshops oder gemeinsame Aktivitäten organisieren. Das Ziel ist also nicht maximaler Screen-Time-Druck, sondern Verbindung – online und offline.

Von Lokalisierung zu Identität

Dass ausgerechnet ein Lokalisierungs- und Contentunternehmen eine Community-App baut, klingt zunächst wie ein Seitensprung. Beim zweiten Blick ergibt es Sinn.

«WE ARE VERY» wurde 2005 in Zürich als Supertext gegründet, expandierte 2016 in die USA und wird heute von Los Angeles aus geführt. Das Unternehmen arbeitet an mehrsprachiger Content Creation, Lokalisierung und Multimedia-Services und hat zuletzt auch eine mehrsprachige Editor-Plattform für Content-Teams lanciert.

Die Brücke zur App formuliert das Unternehmen schlüssig: Wer seit Jahren Marken dabei unterstützt, über Sprachen und Kulturen hinweg zu sagen, wer sie sind, arbeitet letztlich immer mit Identität. Die Community-App überträgt dieses Prinzip nun auf Individuen. Nicht Marke zu Mensch, sondern Mensch zu Mensch.

Für m&k-Leserinnen und -Leser ist genau das der spannende Punkt: Hier wird Sprache nicht nur als Verpackung verstanden, sondern als Produktlogik.

Copy-Denken trifft Produktentwicklung

Die Geschichte von «We Are Very» lässt sich auch als Signal an die Branche lesen. Kreative und Content-Spezialist:innen sprechen seit Jahren über Communities, Zugehörigkeit und Brand Meaning. Hier versucht ein Team, diese Themen in ein funktionierendes Produkt zu giessen – eigenfinanziert, unabhängig und ohne Venture Capital.

Ob die Plattform skaliert, wird sich zeigen. Aber der Ausgangspunkt ist bemerkenswert: keine Tech-Wette aus der Investorenfolie, sondern ein Insight aus einem realen Begegnungsmoment. Ein Messestand. Eine Frage. Ein paar Polaroids. Und plötzlich eine App.

Das ist nicht nur eine schöne Story. Es ist auch eine Erinnerung daran, dass gute Ideen manchmal dort entstehen, wo Menschen kurz aufhören, an Reichweite zu denken – und anfangen, einander wirklich zuzuhören.


The WE ARE VERY Community App is free:

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