Unterwegs zur extensiven Nutzung
TV-Märkte Trotz Internet wächst der TV-Konsum ungebrochen weiter. Neue Sender haben es dennoch extrem schwer – vor allem in so verwöhnten TV-Regionen wie der Deutschschweiz.
TV-Märkte Trotz Internet wächst der TV-Konsum ungebrochen weiter. Neue Sender haben es dennoch extrem schwer – vor allem in so verwöhnten TV-Regionen wie der Deutschschweiz.Die Furcht der TV-Veranstalter, Internet und Interaktivität würden auf Kosten der TV-Nutzung zulegen, kann definitiv als unbegründet abgelegt werden. Im Gegenteil: Auch in der jüngeren Vergangenheit weitete das Publikum die Zeit, die es vor dem Fernseher verbrachte, mit jedem Jahr weiter aus. Der kontinuierliche Vormarsch fand dabei nicht nur in Europa, sondern weltweit statt.Dies ist eines der Resultate der Studie «International Television Key Facts», die das IP Network alljährlich in Zusammenarbeit mit der RTL Group erhebt. Der Bericht gibt akribisch Auskunft über die Entwicklung der TV-Märkte in 37 Ländern (siehe Kasten). Präsentiert und diskutiert wurde er vergangene Woche am Institut für Publizistik und Medienwissenschaft der Universität Zürich (IPMZ).
Verfolgt man die letzten acht Jahre der Entwicklung, so hat das Publikum jedes Jahr mindestens einige zusätzliche Minuten seines täglichen Medienzeitbudgets für TV eingesetzt. So nahm die tägliche Nutzung in Deutschland allein zwischen 2001 und 2002 um zehn Minuten zu. Noch grössere Zuwachsraten waren in Osteuropa zu beobachten, wo die Bevölkerung seit dem Jahr 2000 zusätzliche 15 Minuten vor dem Fernseher sitzt. Allen voran profilierten sich die Polen als Vielseher. Deren tägliche TV-Nutzung erhöhte sich allein in den letzten fünf Jahren um ganze 28 Minuten.
Nutzung hinter AngebotsexplosionTrotz des respektablen Vormarsches, von dem kein anderes unter den klassischen Medien auch nur annähernd profitieren konnte, ist Optimismus für das Medium Fernsehen nicht angebracht. Zeitgleich mit dem Nutzungszuwachs sind die Angebote im TV-Markt förmlich explodiert. «Diese Ausweitung hat aber bei weitem nicht in eine entsprechende Erhöhung der Nachfrage umgesetzt werden können», erklärte Publizistik-Professor Heinz Bonfadelli.
Dies haben in der Schweiz bereits die beiden gescheiterten Sender Tele24 und TV 3 schmerzhaft zu spüren bekommen. Dass dem am Start stehenden U1 mehr Glück beschieden sein werde, wurde von den anwesenden TV-Fachleuten bezweifelt. Fakt ist: Die Deutschschweiz ist wie keine andere Region in Europa mit Top-Programmen finanzstarker Sender verwöhnt. «Die hohe News-Kompetenz der SRG-Sender vereint mit der hochwertigen Konkurrenz durch die deutschen Programme», stellen laut Giordano Giordani «eine kaum zu überwindende Hürde dar.»
Verwöhntes TV-PublikumDieses Qualitätsangebot liefere gleichzeitig auch den Massstab für die erwartete Professionalität. «Nur wenn der Lokalbezug gegeben ist, wie bei den regionalen Privatsendern, akzeptieren die Zuschauenden gewisse Abstriche bei der Qualität», erklärte Bonfadelli. «Ich glaube kaum, dass man dazu auch bei einem nationalen Angebot wie U1 bereit sein wird.» Ebenfalls bezweifelt wurde, ob der vom neuen Sender in Aussicht gestellte starke Stellenwert der Interaktivität zum Erfolg führe. «Zwar ist eine gewisse Lust auf Interaktivität zu beobachten, dieses Phänomen beschränkt sich allerdings auf die jungen Zuschauer. Insgesamt bleibt TV ein passives Medium», meinte Gior-dani. Diese Eigenschaft werde sich in der Zukunft sogar noch verstärken, doppelte Bonfadelli nach. «Gemäss dem US-Vorbild wird sich der Fernsehkonsum auch bei uns von intensiver zu extensiver Nutzung wandeln. Auch diese Tatsache stehe interaktivem TV im Wege.»
Weitere grosse Fragezeichen wurden im Blick auf das Durchhaltevermögen neuer TV-Angebote gesetzt. Bonfadelli erinnerte an die Anlaufzeit des heutigen Erfolgssenders RTL. «Dieses Programm musste zehn Jahre Aufbauarbeit leisten, um eine genügend grosse Publikumsbindung zu erzeugen.» Im Vergleich dazu habe bei TV 3 die Geduld nicht gereicht, «obschon der finanzstarke Tamedia-Konzern dahinter stand», meinte Bonfadelli.
Feel-Good-Inhalte dominierenGlaubt man der IP-Studie «International Television Key Facts», halten die aktuellen Programmtrends noch eine Weile an. Laut der Untersuchung werden die in den letzten Jahren vorgespurten Reality-, Casting- und Dating-Formate auch erfolgreich bleiben.
Generell stellt die Studie für die Jahre 2003 und 2004 eine Tendenz zu «mehr Unterhaltung, mehr Publikumsnähe und mehr Spass» fest. «Feel-Good-TV» sei das Stichwort für die heutigen Bedürfnisse des
Publikums, auch im Sinne einer Antwort auf die trübe wirtschaftliche und weltpolitische Lage. Ebenfalls dazuzurechnen sei der aktuell hohe Stellenwert von Nostalgiesendungen («Siebziger-, Achtziger- und
Neunziger-Shows»). «In schwierigem Umfeld wollen die Menschen an
bessere Zeiten erinnert werden.» (dse)
Casting-Formate gehören laut einer IP-Studie zu den derzeitigen TV-Rennern – und werden es bleiben.
Daniel Schifferle
Verfolgt man die letzten acht Jahre der Entwicklung, so hat das Publikum jedes Jahr mindestens einige zusätzliche Minuten seines täglichen Medienzeitbudgets für TV eingesetzt. So nahm die tägliche Nutzung in Deutschland allein zwischen 2001 und 2002 um zehn Minuten zu. Noch grössere Zuwachsraten waren in Osteuropa zu beobachten, wo die Bevölkerung seit dem Jahr 2000 zusätzliche 15 Minuten vor dem Fernseher sitzt. Allen voran profilierten sich die Polen als Vielseher. Deren tägliche TV-Nutzung erhöhte sich allein in den letzten fünf Jahren um ganze 28 Minuten.
Nutzung hinter AngebotsexplosionTrotz des respektablen Vormarsches, von dem kein anderes unter den klassischen Medien auch nur annähernd profitieren konnte, ist Optimismus für das Medium Fernsehen nicht angebracht. Zeitgleich mit dem Nutzungszuwachs sind die Angebote im TV-Markt förmlich explodiert. «Diese Ausweitung hat aber bei weitem nicht in eine entsprechende Erhöhung der Nachfrage umgesetzt werden können», erklärte Publizistik-Professor Heinz Bonfadelli.
Dies haben in der Schweiz bereits die beiden gescheiterten Sender Tele24 und TV 3 schmerzhaft zu spüren bekommen. Dass dem am Start stehenden U1 mehr Glück beschieden sein werde, wurde von den anwesenden TV-Fachleuten bezweifelt. Fakt ist: Die Deutschschweiz ist wie keine andere Region in Europa mit Top-Programmen finanzstarker Sender verwöhnt. «Die hohe News-Kompetenz der SRG-Sender vereint mit der hochwertigen Konkurrenz durch die deutschen Programme», stellen laut Giordano Giordani «eine kaum zu überwindende Hürde dar.»
Verwöhntes TV-PublikumDieses Qualitätsangebot liefere gleichzeitig auch den Massstab für die erwartete Professionalität. «Nur wenn der Lokalbezug gegeben ist, wie bei den regionalen Privatsendern, akzeptieren die Zuschauenden gewisse Abstriche bei der Qualität», erklärte Bonfadelli. «Ich glaube kaum, dass man dazu auch bei einem nationalen Angebot wie U1 bereit sein wird.» Ebenfalls bezweifelt wurde, ob der vom neuen Sender in Aussicht gestellte starke Stellenwert der Interaktivität zum Erfolg führe. «Zwar ist eine gewisse Lust auf Interaktivität zu beobachten, dieses Phänomen beschränkt sich allerdings auf die jungen Zuschauer. Insgesamt bleibt TV ein passives Medium», meinte Gior-dani. Diese Eigenschaft werde sich in der Zukunft sogar noch verstärken, doppelte Bonfadelli nach. «Gemäss dem US-Vorbild wird sich der Fernsehkonsum auch bei uns von intensiver zu extensiver Nutzung wandeln. Auch diese Tatsache stehe interaktivem TV im Wege.»
Weitere grosse Fragezeichen wurden im Blick auf das Durchhaltevermögen neuer TV-Angebote gesetzt. Bonfadelli erinnerte an die Anlaufzeit des heutigen Erfolgssenders RTL. «Dieses Programm musste zehn Jahre Aufbauarbeit leisten, um eine genügend grosse Publikumsbindung zu erzeugen.» Im Vergleich dazu habe bei TV 3 die Geduld nicht gereicht, «obschon der finanzstarke Tamedia-Konzern dahinter stand», meinte Bonfadelli.
Feel-Good-Inhalte dominierenGlaubt man der IP-Studie «International Television Key Facts», halten die aktuellen Programmtrends noch eine Weile an. Laut der Untersuchung werden die in den letzten Jahren vorgespurten Reality-, Casting- und Dating-Formate auch erfolgreich bleiben.
Generell stellt die Studie für die Jahre 2003 und 2004 eine Tendenz zu «mehr Unterhaltung, mehr Publikumsnähe und mehr Spass» fest. «Feel-Good-TV» sei das Stichwort für die heutigen Bedürfnisse des
Publikums, auch im Sinne einer Antwort auf die trübe wirtschaftliche und weltpolitische Lage. Ebenfalls dazuzurechnen sei der aktuell hohe Stellenwert von Nostalgiesendungen («Siebziger-, Achtziger- und
Neunziger-Shows»). «In schwierigem Umfeld wollen die Menschen an
bessere Zeiten erinnert werden.» (dse)
Casting-Formate gehören laut einer IP-Studie zu den derzeitigen TV-Rennern – und werden es bleiben.
Daniel Schifferle
