«Kein Arbeitsschritt mehr ohne KI»
M&k sprach mit Sebastian Matthes, Chefredakteur des Handelsblatts über den Umgang mit KI.
m&k: Beim Handelsblatt haben Sie eine Strategieprozess fürs KI-Zeitalter eingeleitet. Wie stellen Sie sich diese Ausrichtung vor – heute, aber auch in Zukunft?
Sebastian Matthes: In naher Zukunft wird in der Redaktion kein Arbeitsschritt mehr ohne die Hilfe von KI passieren. Wir haben ein Editorial Lab aufgebaut, das systematisch KI-Tools für die Redaktion entwickelt und implementiert – zum Beispiel für die Redigatur, Bilderstellung und Themensuche. Unser Ziel ist es, dass die gesamte Redaktion KI dort zur Unterstützung anwendet, wo es sinnvoll ist – und wir sind auf einem sehr guten Weg dahin.
Heisst das, die KI wird die Redaktion teilweise ersetzen?
KI wird die Redaktion nie ersetzen. Sie hilft uns, Interviews zu transkribieren, Podcasts zusammenfassen, bei der SEO- und Headline-Optimierung. Sie unterstützt uns dabei zu erkennen, ob sich ein Thema zu einem Trend entwickelt. Aber Geschichten erzählen, die noch nicht erzählt wurden – das kann keine KI. Die Investigativ-Recherche oder Analyse zum aktuellen Geschehen existiert nicht ohne Journalistinnen und Journalisten. Und auch für die Einordnung des Weltgeschehens braucht es weiterhin Menschen.
Manchmal hört sich ein KI-verfasster Text ja etwas hölzern an: Wie werden diese Geschichten angepasst und kenntlich gemacht?
Reine KI-verfasste Texte gibt es bei uns nicht. Diese Texte entsprechen aktuell nicht einmal ansatzweise qualitativ unseren Ansprüchen. Wir beobachten allerdings mit Interesse die Möglichkeiten der Personalisierungen von Texten durch KI. Deshalb schliessen wir nicht kategorisch aus, dass wir hier irgendwann in der Zukunft auch mit automatisierten Inhalten arbeiten. Derartige Inhalte würden bei uns aber immer als KI-generiert gekennzeichnet werden. Auch jetzt machen wir bereits den Einsatz von KI transparent. Zum Beispiel in unserem Podcast KI-Briefing, das mit einer synthetischen Stimme unserer Autorin Larissa Holzki vorgelesen wird.
Welche Wünsche und Ziele stecken hinter der Strategie: Kann KI die Medienhäuser wieder wirtschaftlicher aufstellen?
Noch ist unklar, wie genau KI unsere Branche verändert. Wie verändern sich unsere Geschäftsmodelle? Gibt es noch abgeschlossene Produkte oder hat bald jeder einen persönlichen, allwissenden KI-Assistenten? Ich glaube nicht, dass KI im Journalismus massenhaft Jobs vernichten wird. Aber wir müssen die richtigen Leitplanken aufstellen: Wir wissen zum Beispiel seit jeher, dass Menschen am meisten anderen Menschen vertrauen. Wenn es uns gelingt, um das «Handelsblatt» herum starke Personenmarken aufzubauen, die man aus Talkshows, von Konferenzen oder Social Media kennt, haben wir die Chance, auch im Zeitalter von KI-Bots als Marke im Leben der Menschen eine Rolle zu spielen.
