«Journalismus ist immer noch ein toller Beruf» – Reto Lipp zum Communication Summit 2025
Der Communication Summit 2025 widmet sich der Zukunft der Medien- und Kommunikationsbranche. Reto Lipp, Wirtschaftsjournalist und Moderator, gibt im Gespräch mit m&k Einblicke in die Herausforderungen.

Die Medienwelt steht vor grundlegenden Veränderungen. Ob KI-gesteuerte Nachrichten, sinkende Werbeeinnahmen oder die zunehmende Einflussnahme von Tech-Konzernen – die Rahmenbedingungen für unabhängigen Journalismus verändern sich rasant. Doch wie können Medien ihre Glaubwürdigkeit und Vielfalt bewahren? Welche Verantwortung tragen Plattformen wie Google und Microsoft? Und was bedeutet das für die nächste Generation von Medienschaffenden? Beim Communication Summit 2025 diskutieren Expertinnen und Experten aus Journalismus und Kommunikation über diese Fragen. Reto Lipp wird das hochkarätige Panel leiten. Im Vorfeld des Communication Summit 2025 beantwortete er m&k Fragen zum Wandel im Journalismus, zur Rolle von Tech-Konzernen und zur Bedeutung authentischer Stimmen.
m&k: Herr Lipp, Sie blicken auf eine lange journalistische Karriere zurück. Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Interview als Medienschaffender bei Radio Z? Was hat Sie damals besonders beeindruckt oder geprägt?
Mein allererster Einsatz war als Nachrichten-Moderator praktisch am ersten Tag. als Radio Z auf Sendung ging. Ich wäre noch gar nicht dran gewesen, aber mein Vorgänger hatte eine Art Panik-Attacke vor dem Mikrofon, dass er mir einfach die Nachrichten in die Hand drückte und sagte: das musst Du jetzt machen. So stolperte ich ans Mikrofon – und heute – 42 Jahre später – bin ich immer noch hinter einem Mikrofon tätig.
Sie haben schon viele Diskussionsrunden moderiert. Was macht für Sie eine spannende Podiumsdiskussion aus? Und wie herausfordernd ist es, bei einer Runde wie dieser neue, unerwartete Impulse zu setzen?
Ganz wichtig in Diskussionen ist, dass sich die Gesprächsteilnehmer authentisch auf ein Thema einlassen. Leider ist es heute aber so, dass sich viele – gerade acuh Wirtschaftsführer und Top-Manager – auf ihre Kommunikationsstellen verlassen, die ihnen pfannenfertige Argumentationslinien vorgeben. Diese spulen sie dann ab, was bewirkt, dass sie unglaubwürdig und nicht authentisch beim Publikum ankommen. Das Publikum langweilt sich bei PR-getriebenen Antworten und schaltet ab. Die besten Einschaltquoten habe ich immer, wenn gestandene KMU-Unternehmer frisch von der Leber weg von ihren Erfahrungen und ihrem Leben berichten. Das wirkt dann immer ganz anders als die PR-Antworten von angestellten Managern, die sich nur ja nicht exponieren wollen.
Medienforschung liefert oft spannende Erkenntnisse über Nutzungsverhalten und Trends. Dennoch fragt man sich manchmal, wie genau solche Studien wirklich sind. Wo sehen Sie die grössten blinden Flecken?
Ich bin höchst kritisch, wenn wir uns als Journalisten darauf einlassen, nur noch Themen zu behandeln, die angeblich hohe Nutzungszahlen, Einschaltquoten oder Klicks erreichen. Das führt zu den sprichwörtlichen Lemming-Effekten. Alle berichten über das Gleiche. Was dann nochmals den Eindruck verstärkt, die klassischen Medien würden alle immer die gleichen Themen aufgreifen und einander abschreiben. Das verhindert letztlich Vielfalt. Manchmal kann man sich gewissen Themen nicht verschliessen, wir sollten das aber nicht noch fördern.
Die Schweizer Medienlandschaft ist vergleichsweise klein und eng vernetzt. Manche sprechen von einer eingeschränkten Innovationskraft, weil sich etablierte Akteure oft zu nahe stehen. Wie kann echte Medienvielfalt gefördert werden, ohne dass wirtschaftliche Interessen dominieren?
Wir sind einfach ein sehr, sehr kleiner Markt. Und natürlich führen die kommerziellen Probleme, die alle Medienhäuser inklusive der SRG haben, dazu, dass noch weniger experimentiert wird. Oder dass die Geduld, mit neuen Formaten an einem sehr kleinen Ort ist. Dabei muss man manchmal Jahre warten, bis ein Format Erfolg hat und sich am Markt durchsetzt. Diese Geduld ist bei den Medienverantwortlichen heute oft nicht mehr gegeben. Keine Experimente bitte. Was sich nicht schnell rechnet, verschwindet auch schnell wieder. Der Journalismus ist zweifellos in einer ernsthaften Krise.
Technologieunternehmen wie Microsoft haben zunehmend Einfluss auf den Zugang zu Informationen. Welche Verantwortung tragen Tech-Konzerne für die Qualität und Vielfalt des Journalismus? Und wie können sie in die Pflicht genommen werden?
Der Journalismus ist heute natürlich immer stärker durch die Technologie getrieben. Die Künstliche Intelligenz wird den Journalismus wie jede Branche nochmals massiv aufmischen und verändern. Wir bekommen da zwar ein Tool in die Hand, dass uns wesentlich schneller und produktiver macht, aber es bedeutet auch, dass die Zahl der journalistischen Arbeitsplätze weiter abnimmt. Wird uns künftig die KI eine individuelle digitale Zeitung zusammenstellen oder sogar ein individuelles TV-Programm? Vermutlich schon, darüber sprechen wir mit dem Microsoft-Technologie-Chef am Communication Summit.
Die Verlegerverbände kritisieren, dass Tech-Konzerne journalistische Inhalte „klauen“. Ist das eine berechtigte Kritik oder eher der Ausdruck einer Branche, die den digitalen Wandel lange unterschätzt hat?
Um die Künstliche Intelligenz zu füttern, wurden natürlich alle möglichen Inhalte benutzt. Ob Zeitungen, Bücher oder andere Texte, viele Daten wurden einfach abgesaugt – Urheberrecht hin oder her. Es kommt nicht von ungefähr, dass nun in den USA Zeitungen die Tech-Konzerne einklagen wegen Urheberrechtsverletzungen. Journalistische Inhalte waren quasi das Trainingslager und die Basis der KI. Hier muss man die Tech-Konzerne in die Verantwortung nehmen. Allerdings dürfte die neue Administration in Washington daran keinerlei Interesse haben.
Martin Candinas setzt sich für Medienvielfalt ein und steht in engem Austausch mit den grossen Verlagshäusern. Welche Impulse erwarten Sie von ihm, wenn es darum geht, die Unabhängigkeit von Medien in der Schweiz langfristig zu sichern?
Für eine funktionierende direkte Demokratie ist die Medienvielfalt unabdingbar. Journalismus ist eben nicht ein Produkt wie jedes andere. Guter Journalismus hat positive Nebeneffekte, die aber oft nicht abgegolten werden. So gibt es beispielsweise Studien, die zeigen, dass dort, wo es freie Medien und investigative Journalisten gibt, deutlich weniger Korruption existiert. Journalismus schafft Öffentlichkeit. Die ist aber je länger je weniger gewährleistet, wenn es in gewissen Gebieten allenfalls noch eine Zeitung gibt oder gar keine mehr. Die Politik muss die Medienförderung nochmals überdenken.
Die Schweizerische Post ist wirtschaftlich stark aufgestellt, aber auch ein Staatsbetrieb. Wie spannend ist für Sie die Frage, welche Rolle ein Unternehmen wie die Post in der digitalen Kommunikationswelt künftig einnehmen wird?
Die Post ist nicht so gut aufgestellt, wie man das aus den Zahlen lesen könnte. Der Briefumsatz, wo die Post noch ein Monopol hat, geht laufend zurück. Bis zu einem gewissen Grad konnte die Post dies mit der «Päckli-Flut» kompensieren, aber eben nur bis zu einem gewissen Grad. Bei den Paketen verdient die Post deutlich weniger, weil dort die Kosten viel höher und die Margen aufgrund der Konkurrenz viel tiefer sind. Gleichzeitig schreibt die Politik der Post immer noch vor, dass man in 20 Minuten als Kunde eine Postfiliale erreichen können muss. Sind solche Vorschriften heute noch angebracht? In Dänemark schraubt man beispielweise die öffentlichen Briefkästen ab, um die Leute zu zwingen, auf digitale Dienste zurück zu greifen. Wie nimmt man die Leute in die digitale Welt sinnvoll mit? Das müssen wir mit Nicole Burth, die für die digitalen Dienste der Post verantwortlich ist, diskutieren.
Der Journalismus verändert sich – nicht nur durch Technologie, sondern auch durch den Nachwuchs. Junge Journalistinnen und Journalisten sowie Quereinsteiger bringen oft neue Perspektiven, stehen aber vor Herausforderungen: Wie attraktiv ist der Beruf heute noch, wenn man die Arbeitsbedingungen und Entlöhnung betrachtet? Und wie gut sind junge Medienschaffende auf die Realität des Berufs vorbereitet?
Journalismus ist immer noch ein toller Beruf. In kaum einem anderen Beruf kann man so viele spannende Leute treffen, Bekannte und Unbekannte, und bekommt jeden Tag neue interessante Inputs. Kein Tag ist wie der andere. Gleichzeitig ist dieser Beruf aber auch deutlich unattraktiver geworden. Die Berufsaussichten sind schlecht – man hört immer nur Sparen, Sparen, Sparen. Kein Wunder springen immer mehr gestandene Journalisten/innen in einem gewissen Alter ab und wechseln in die Kommunikationsbranche. Es gibt kaum Karrieremöglichkeiten. Sparen als Dauerzustand ist doch kein Konzept und keine Strategie, wie man junge Leute in diesen Beruf bringen kann. Hier müssten sich die Verlagshäuser, die SRG und die Verbände dringend mehr einfallen lassen.
«Medien und Kommunikation 2030/2050: Was tun wir morgen?» Nach diesem Panel – welche Antworten erwarten Sie sich auf diese Frage?
Die Antworten werden unterschiedlich ausfallen, denn die Herausforderungen für Journalisten sind anders als für Kommunikationsverantwortliche. Allen ist aber gemeinsam, dass wir in einem Transformationsprozess sind, der die Medien und Kommunikationsstellen völlig umkrempeln wird. Immer intensiver wird die Frage zu diskutieren sein, wie man die Mitarbeitenden auf diesem Prozess mitnimmt. Was macht man mit Leuten, die sich abgehängt fühlen? Je früher und intensiver wir uns mit den neuen Technologien beschäftigen, um so besser. Genau das werden wir am Communication Summit tun.
