Im Filmhotel
Catherine Ann Berger ist die neue Direktorin von SWISS FILMS. Sie war bis jetzt eine erfolgreiche Filmdramaturgin und will nun auch in der Promotion für Spannung, Action und ein Happy End für möglichst viele Filme sorgen.

Sie kehrte eben aus Cannes zurück. «Ein Besuch dieses Festivals ist wirklich sehr aufregend. Aber ich habe natürlich ein ganz anderes Cannes kennen gelernt als das Spektakel, das man in den Medien mitbekommt.» Catherine Ann Berger meint die Stilettos, den roten Teppich, Abendroben und Stars, die wirklich «bigger than life» sind.
Noch mehr beeindruckt hat die frisch gekürte Direktorin der Promotionsagentur Swiss Films in ihrem ersten Einsatz allerdings der Markt: «2000 Stände und Länder-Pavillons, wo hart gearbeitet wird.» Diese Arbeit zu konzipieren und zu leiten, sowie das Schweizer Filmschaffen bei ähnlichen Auftritten zu vertreten, ist seit dem 1. Juni der neue Job von Catherine Ann Berger.
«Ich bin am Nachmittag zum Abschiedsapéro beim Schweizer Fernsehen eingeladen», beginnt die Filmfrau bei unserem Interview. Neben SRF auch schon mal SF, SPlus, Schweiz 4 und 3sat hätten die Stationen dort im Verlauf ihrer Entwicklung geheissen. «Ich habe heute Morgen reflektiert, was es für mich bedeutet, wenn ich jetzt Abschied nehme.»
Die SRG sei ein grosses Gebilde und grosse Organisationen sind in der Regel auch ein bisschen schwerfällig. «Aber gleichzeitig muss man sagen, dass ich in einer Organisation tätig sein konnte, die mir sehr viele Chancen gegeben hat. Wenn man schaut, wie Google heute aufgestellt ist, hat die SRG eine sehr ähnliche Einstellung. Ich konnte mich entfalten inmitten von einem hohen professionellen Niveau. Für das bin ich unglaublich dankbar.»
Eingestiegen in diese Welt ist Catherine Ann Berger bei SPlus, dem damals ersten Zweitkanal des Schweizer Fernsehens. Beworben hat sie sich als Stagiaire kurz vor ihrem Abschluss in Theaterwissenschaft an der Uni Wien. Das Bewerbungsverfahren dauerte über drei Monate. Am Ende haben sie jemand anders genommen. Das hat mich ein bisschen gemocht.»
Mehr als ein schöner Trost wurde dafür eine Hospitanz bei Heiner Müller in Berlin. Die siebenstündige Inszenierung von «Hamlet/Maschine» am Deutschen Theater entpuppte sich als ein unwiederholbarer Einblick nicht nur in die Welt der Bühne, sondern auch in die Zeitgeschichte kurz nach der Wende. «Es war spannend und ich bin heute noch mit dem Theater verbunden, im Verwaltungsrat des Theaters Neumarkt. Ich liebe den Live-Charakter. Aber ich bin auch sehr verliebt in die Magie des Kinos. In einem dunklen Raum sitzen, in die Leinwand abtauchen und in die Geschichten dieser Menschen. So hat es mich mehr gezogen in die Welt der Medien und Filme.» Geschichten, wo man «Stopp» drücken kann, «Replay» und «Fast forward».
Im Schnellgang vorwärts ging es dann nach SPlus weiter zu SF, wo sie im Bereich Dokumentarfilm Einkäufe gemacht hat, dann relativ schnell Reportagen für das Jugendmagazin «Zebra» hat produzieren können. «Ein super Format, wo junge Leute experimentieren und sich filmisch austoben konnten. Der erste Film von Sabine Boss ist so entstanden oder auch einer der ersten von Jacqueline Zünd.»
Nach zwei Jahren wurde das Magazin eingestellt. So hat sich Berger als Reporterin bei 3sat beworben. Dort suchte man allerdings eine Moderatorin. «Man überrumpelte mich mit einem Test und ich habe bestanden. » Es folgte die Einladung zu einem zweiten Test in Mainz und schon bald war Catherine Ann Berger das Schweizer Gesicht für die «Kulturzeit». Im Turnus mit den Kollegen von ORF und ZDF moderierte sie in Mainz sechs Jahre lang eine Woche pro Monat dieses kulturelle «10 vor 10». Täglich live in der Hauptsendezeit. «Wir hatten den Anspruch, aus dem Tag heraus auf aktuelle Ereignisse aus einem kulturellen Standpunkt heraus zu reagieren und eine Position zu beziehen.»
Nach sechs Jahren Alltagsjournalismus hat Catherine Ann Berger realisiert, «dass ich nicht mehr zu allem meinen Senf dazugeben muss». Der Feuilleton-Begriff der «Kulturzeit» ist sehr weit und hat Qualität. Aber für Berger hat es sich gekehrt. «Meine Zeit war wie vorbei. Ich wollte mich wieder mehr konzentrieren, fokussieren und in die Tiefe gehen.» Die Quintessenz: «Ich wollte wieder mehr zum Kino zurück und für den Film arbeiten.»
So hat Berger wieder als Filmkritikerin angefangen im Sendegefäss «Kino aktuell» sowie als Redaktorin für die Diskussionssendung «Filmclub», die damals unter anderen von Samir moderiert wurde.
«Es gab in meinem Leben immer Zeiten, in denen ich voll fokussiert auf eine Aufgabe war, und andere, wo ich ein Spielbein haben wollte. Das war jetzt wieder der Fall.» Gleichzeitig neben der Filmkritik hat die ausgestiegene Moderatorin ihre Weiterbildung als Filmdramaturgin wieder aufgenommen. Berger hat eine eigene Firma, «Framing Words», gegründet und sich zunehmend als Script-Coach verstanden. In dieser Funktion hat sie für viele namhafte Produktionen gearbeitet und zählt auch als Co-Autorin für den Kinohit «Die Herbstzeitlosen» von Bettina Oberli.
Als Filmdramaturgin blieb Berger der Redaktion «Film und Serien» beim Schweizer Fernsehen weiter verbunden. In der heutigen Abteilung «Fiktion» war sie zuletzt zuständig für Lektorate, aber vor allem für Koproduktionen im Animationsfilmbereich. Ihre Sachkenntnis war auch gefragt als Jurymitglied unter anderen beim Schweizer Filmpreis, bei den Kurzfilmtagen Oberhausen, bei der Diagonale Graz und in Wien war sie für den Bereich Drehbuch in der Projektkommission der Österreichischen Filmförderung.
Wiener Philosophien
Kultur war bei Catherine Ann Berger schon als Teenager die grosse Leidenschaft. Sie ist in Bern zweisprachig aufgewachsen in einem «kulturell sehr interessierten Elternhaus». Ihr Vater kommt aus dem Emmental. Die Mutter aus England. «Damit bin ich mit zwei Pässen heute Europäerin.» 1984 hat sie am Berner Gymer die Matura gemacht. Einen Monat später war sie bereits in Wien. «Ich musste Bern verlassen. Die Stadt war für mich wahnsinnig eng. Ich habe es klaustrophobisch empfunden, dass alle immer wussten, wo du am Freitagabend gewesen bist.» Nach Wien ist sie dem Ruf ihrer Tanzlehrerin gefolgt.
«Es hat in meinem Leben immer wieder Momente gegeben, wo mich die Leute gerufen haben. Das war zuerst in Wien so, später in Mainz und jetzt auch bei meinem neuen Job als Direktorin von Swiss Films. Man hat mich dazu zwar nicht explizit angefragt, aber ich wusste: Diese Chance und Aufgabe wartet auf mich.»
In Wien hat Berger nach einem Jahr im Ballett relativ schnell gemerkt, dass ein Tag lang vor dem Spiegel stehen nicht wirklich das ist, was sie interessiert. «Mein Hirn würde gerne wieder ein bisschen mehr eingeschaltet werden.»
Die beste Möglichkeit dazu bot sich in der Theaterwissenschaft. «Ich sah dieses Fach als eine ideale Ergänzung zwischen Theorie und Praxis. Und Theaterwissenschaft konnte man in dieser Zeit in der Schweiz nicht studieren. Zu meinem Glück, so konnte ich noch ein bisschen länger in Wien bleiben.»
Zwar hat Berger beim Studium relativ schnell auch entdeckt, dass diese ideale Kombination mit Theorie und Praxis ein bisschen Wunschdenken ist. «Trotzdem habe ich sehr viel von meinem Denken in Wien gelernt. Ich habe Philosophie studiert, Politologie, Soziologie. Auch Gender-Studies sind zu meiner Zeit dort aufgekommen. Dazu habe ich mir aus vielen verschiedenen Fächern die spezifischen Aspekte von Filmwissenschaft zusammengepickt.»
In Wien fühlte sich Berger noch lange als die «gschaffige Schweizerin». Sie musste deshalb lernen, was es heisst: «Das geht si nimmer aus.» Das heisst nämlich so viel wie: «Ich glaube, jetzt sollten wir Pause machen und noch einmal ins Kaffeehaus gehen. » Diese Mentalität habe ihr zu Beginn ein bisschen zu schaffen gemacht. «Dann habe ich gelernt: Manchmal muss man die Dinge ein bisschen loslassen. Dann arbeitet es ja schon irgendwie weiter in einem. Und am nächsten Morgen ist man vielleicht schneller auf dem Punkt. So habe ich viel von meinem Approach in Wien gelernt und mitgenommen. Das Sitzen, das Philosophieren und gern das Debattieren.»
Abgeschlossen hat sie ihr Studium als Magistra mit einer Arbeit über das Phänomen «Panorama». Das sind die Rundgemälde, wie zum Beispiel die 360°-Darstellung der Bourbaki-Armee im Luzerner Felsengarten. Berger sieht solche Gemälde als eine Art «ganz frühe Kinoerfahrung» für die Leute. «Und es ist eine Demokratisierung des Blicks.» Das Panorama, wo man unterirdisch in die Mitte kommt, bietet allen den gleichen Rundblick in die Welt hinaus. » Heute sucht Catherine Ann Berger diesen Blick hinaus in die Welten im Film zu entdecken. Was hält sie als Script-Coach dabei vom einheimischen Schaffen? «Ich habe ein Handvoll grottenschlechte Scripts gelesen und eine Handvoll exzellente. Bei den meisten Projekten aber gilt: Es sind Drehbücher, in denen man interessante Aspekte finden kann. Aber bei vielen davon kann ich noch keine zwingende Notwendigkeit entdecken, dass dieser Film auch realisiert werden muss. Ich habe den Eindruck, dass man aufgrund der Produktionslandschaft in der Schweiz schneller zufrieden ist mit dem Drehbuch – oder schneller gezwungen ist, dieses in eine Herstellungsphase zu überführen, damit die Produktionsfirma weiterarbeiten kann.»
Die Situation der Schweizer Drehbücher
Zusammengefasst fände die Filmdramaturgin bei den meisten Schweizer Drehbüchern grundsätzlich schön, «wenn da noch einmal eine Runde mehr gearbeitet werden könnte». Berger sieht das aber in jedem Land gleich. «Es hat in der österreichischen Projektkommission Eingaberunden gegeben, wo ich bis zu vierzig Drehbücher gelesen habe. Davon sind dann zehn oder zwölf weitergekommen. Es ist auch in Deutschland nicht anders. Es kommen dort einfach ein paar mehr Drehbücher durch, weil das Land viel grösser ist.»
Und jetzt? Nicht mehr Filme aufbauen, sondern das fertige Produkt, an dem nichts mehr zu ändern ist, möglichst an ein breites Publikum verkaufen?
Die neue Direktorin von Swiss Films will ihre Aufgabe differenzierter angehen. «Ein Film kommt ja nicht ganz fertig zu mir. Oft sehe ich einen Rohschnitt, bei dem wir noch einmal ein Feedback geben können.» In dieser Phase könne für die Positionierung des Films noch einmal Entscheidendes verbessert werden? «Gibt es noch einmal Möglichkeiten, einen bestimmten Aspekt ein bisschen zu verschärfen? Etwas zu akzentuieren?» Für Catherine Ann Berger wäre es ein grosser Wunsch, «dass wir da zusammen zwischen Produktion und Promotion ein Vertrauensverhältnis aufbauen können».
Die Dramaturgie eines Films endet zudem nicht mit dem Endschnitt, sondern es beginnt bei der Lancierung noch einmal ein Prozess: Was ist meine Logline, was ist meine Kurzsynopsis? Was verspricht der Titel, das Plakat? «Auch hier geht es noch einmal um Storytelling, nämlich: Was ist die Essenz dieses Films?» In all diesen Bereichen will Berger das Augenmerk verschärfen: «Wie branden wir einen Film?» Dazu will sie noch einmal analysieren: Wo können Netzwerke verbunden werden? Wie kann Swiss Films Lobbying schaffen für Filme, Positionierungen und mit der Branche zusammen überlegen: Was ist die Qualität des Films? Wo kann sie sich am besten entfalten?
Die Dienstleistungen von Swiss Films
Offen ist Swiss Films dabei grundsätzlich für alle Projekte. «Ich bin erst am Beginn meiner Arbeit. Aber ich habe für mich ein Bild geprägt: Wir sind wie ein Hotel. Da gibt es Suiten und VIP-Gäste, es gibt Doppelzimmer und Einzelzimmer, weil das Paar im Doppelzimmer sich getrennt hat. Dann gibt es auch die Mansarden. Jeder Gast kommt an die Réception und darf in ein Bett und eine gewisse Grundausstattung erwarten, denn wir sind ein Dienstleistungsbetrieb. Natürlich gibt es viele, die sind ein bisschen berühmter und haben ein bisschen mehr Geld. Die haben vielleicht auch ein anderes Potenzial. Die kann man irgendwo anders platzieren. Aber für mich ist wichtig zu sagen: Erst ein volles Hotel ist ein gutes Hotel. Und es passiert immer wieder: Sehr häufig kann man von einer Suite plötzlich mit dem nächsten Film in einer Mansarde landen. Und es heisst nicht, dass diese weniger gut ist. Vielleicht hat die Mansarde einen wunderschönen Ausblick und eine eigene Qualität, eine kleine, schrullige vielleicht eine autobiografische Qualität. Eine, die überrascht und verblüfft, dass der oder die noch einmal ein solches Werk macht, dokumentarisch, biografisch, poetisch. Und plötzlich tut man sich mit jemandem zusammen und landet in einem ganz tollen Doppelzimmer und alle denken: Wow, dass die jetzt eine Ehe miteinander eingegangen sind!»
In einem solchen «Filmhotel Schweiz» gibt es ganz viele Geschichten, die man sich dazu ausdenken kann. Der zentrale Begriff für Berger ist dabei «die Entfaltung und die Entfaltungsmöglichkeit von jedem Film». Sie weiss: Jeder möchte nach Cannes und Berlin «und das ist sehr aufregend und toll». Eine grosse Auszeichnung, wenn man sagt: Wir wählen dich in den Wettbewerb. «Aber seien wir realistisch: Nicht jeder Film ist geeignet, in diesem Umfeld sich zu entfalten und dieser Konkurrenz standhalten zu können. Das kann einen Film auch brechen. Er geht die Spülung runter und kommt nie mehr ins Kino.»
So kann man dann zwar sagen, man war in Cannes, «aber so what?». Swiss Films weiss: Es gibt andere Festivals, da ist der Film geschätzt, willkommen und gewürdigt. Die Schauspieler werden gefeiert. «Unsere Aufgabe ist es, dort in der Beratung mit den Produzenten und den Regisseuren zusammen zu schauen: Wo kann sich der Film am besten entfalten? Wo wird er gewürdigt? Das ist eine Zusammenarbeit, eine Diskussion. Und da stellen wir uns auch in den Dienst der Produzenten und Regisseure, damit der Film das schönste Leben haben kann, das man ihm nur wünschen kann.»
Andreas Panzeri

