Generation Ohnmacht

In ihrem Gastbeitrag für m&k Werbewoche.ch zeigt die diesjährige Screenforce-Day-Referentin Ines Imdahl anhand von Studienergebnissen auf, wie die Gen Z tickt.

(Bild: Roland Breitschuh)

Keine andere Generation influenced unsere Gesellschaft aktuell so stark wie die Gen Z, keine wird von Marketing so geliebt und von Arbeitgebern so umworben, keine wird so häufig erforscht wie sie. Trotzdem kursieren viele Mythen, Einzelfakten und viel Widersprüchliches über die zwischen 1997 und 2010 Geborenen. Sie seien arbeitsscheu oder beziehungsunfähig, streikten fürs Klima und liefen in Designerklamotten herum.

Wir vom Marktforschungsinstitut Rheingold Salon wollten wissen: Gibt es nicht etwas Durchgängiges, etwas Zusammenhängendes, eine Art psychische Grundstruktur, die diese junge Generation auszeichnet? Und handelt es sich überhaupt um eine echte Generation – oder sind es nur Geburtsjahre einer Alterskohorte?

Natürlich sollte eine Generation nie komplett über einen Kamm geschert werden. Es gibt immer auch Subkulturen. Als Generation kann man eine Gruppe aber genau dann bezeichnen, wenn sie anders mit ihrem Erwachsenwerden umgeht als frühere Generationen und gleichzeitig anders auf aktuelle Themen wie Digitalisierung oder Krisen reagiert, die eben gerade auch alle anderen Menschen betreffen.

Mit insgesamt fünf tiefenpsychologisch-repräsentativen Studien, die wir von 2016 bis 2023 durchgeführt haben, können wir zeigen, dass es eine psychische Grundstruktur gibt, die diese Generation auszeichnet. In diesem Zeitraum haben wir über 150 Tiefeninterviews geführt und Panels mit mehr als 4’100 Personen befragt.

Die Gen Z selbst fühlt sich trotz ihres scheinbar grossen Einflusses nicht im «Driver’s Seat». Jugendwörter wie «lost» (2020) und «bodenlos» (2022) spiegeln das Grundgefühl. Ein 17-Jähriger bringt es auf den Punkt: «Das Schlimmste, was mir in meinem Leben passieren kann? Wenn ich die Kontrolle über mein Leben verliere.»

Das Gefühl des Kontrollverlustes auf verschiedenen Ebenen lässt sich als Kern der psychischen Grundstruktur herausarbeiten. Unterscheiden lassen sich vor allem die körperlich-persönliche und die kulturell-gesellschaftliche Ebene.

  1. Gefühl des Kontrollverlustes auf körperlich-persönlicher Ebene: Erwachsen werden war schon immer schwer, denn körperliche Veränderungen wie Pickel, fettende Haare oder Schweissgeruch, aber auch die aufkeimende Sexualität, vermitteln das Gefühl des Kontrollverlustes. Zudem werden die Jugendlichen heute nicht einfach zu Mann oder Frau, ihre Identitätsfindung wird durch die Diskussion rund um Geschlechtsidentitäten erschwert: «Bin ich vielleicht doch lesbisch oder trans?» Bei aller positiv zu bewertenden grösseren Toleranz stellen solche Fragen für die meisten Jugendlichen eher eine zusätzliche schwer zu kontrollierende Unsicherheit dar.
  2. Gefühl des Kontrollverlustes auf kulturell-gesellschaftlicher Ebene: Die Gen Z ist im gefühlten Krisenmodus aufgewachsen: Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Klimakrise, Corona, Kriege und Inflation. Obwohl sie in einem vergleichsweise sicheren Land leben: das Gefühl des ständig drohenden Kontrollverlustes ist allgegenwärtig.

Wie gehen die Jugendlichen mit diesem Kernproblem um? Denn: niemand kann ein Ohnmachtsgefühl so grundlegend ertragen. Hier lassen sich wiederum zwei Mechanismen besonders herausstellen:

Aus dem Ohnmachtsgefühl wird eine persönliche Allmachtsphantasie:

Die Gen Z kehrt das Gefühl des Kontrollverlusts in grosse Lebenspläne um, oft mit fast grössenwahnsinnigen Erwartungen. Ein Beispiel: «Ich will Biologie studieren, in der Krebsforschung arbeiten und den Nobelpreis gewinnen.» Trotzdem glauben viele Jugendliche nicht, dass sie auf der gesellschaftlichen Ebene etwas bewirken können.

Beim Thema Klima, Krieg und Krise findet sich fast eine No-Future-Mentalität. Die Gen Z ist wenig politisch aktiv, und Bewegungen wie «Fridays for Future» sind eher Medienhypes. Die Gen Z agiert auch am wenigsten nachhaltig. Schon Millennials sind beispielsweise stärker in Recyclingbemühungen involviert und reduzieren eher ihren Einwegkunststoffverbrauch – und auch diese tun das im Vergleich weniger als die noch älteren Gruppen. (Müllvermeidung ist mit über 80 Prozent in allen Zielgruppen das Hauptthema, wenn an Nachhaltigkeit gedacht wird).

Der eigene Körper wird zur Kontrollzone

Wenn also das grosse Ganze nicht bearbeitet werden kann, was liegt näher als sich dem eigenen Körper zu widmen, um die Kontrolle zurückzugewinnen. Die Gen Z konzentriert sich sehr auf die «Gestaltung» des eigenen Körpers, um Kontrolle zurückzugewinnen. Kosmetiknutzungen und Fitnessstudios geben ihnen ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle. Zwei Drittel sind extrem an Beauty und Kosmetik interessiert, und 42 Prozent der jungen Männer schminken sich. Auch Schönheitsoperationen sind bei den 18- bis 19-Jährigen verbreitet. Entsprechend glauben auch über 60 Prozent der Gen Z, dass man den Charakter eines Menschen am Äusseren ablesen kann. Denn daran zeigt sich die gleiche Gesinnung und Sehnsucht nach Kontrolle.

Neben der Körperkontrolle sucht die Gen Z vor allem das Glück. Sie prüfen ständig, ob etwas Spass macht. Alles muss sofort witzig sein oder anrühren, daher werden Videoformate immer kürzer. «Instant Glück» ist gefragt, und die Gen Z bricht ab, wenn etwas nicht sofort glücklich macht. Trotzdem sind sie selten glücklich. Der Glücksindex ist im vergangenen Jahr bei der Gen Z am stärksten gesunken. Überdurchschnittlich viele Jugendliche sind wegen Ängsten und Depressionen in einer Psychotherapie oder wünschen sich eine.

Die Eltern und Arbeitgeber tun der Gen Z keinen Gefallen, indem sie sie ständig auffangen. Eigenverantwortliches Handeln und Erwachsenwerden werden dadurch verhindert. Weniger Sicherheitsnetz könnte ein erster Schritt sein. Verständnis ja, aber auch mal etwas weglassen und nicht immer die beste Freundin oder der beste Freund sein. Echte Fehler und Scheitern zulassen, junge Menschen auch mal Konsequenzen erleben lassen. Nur so kann die Gen Z erwachsen werden und zu einer Generation heranwachsen, die sich wirklich selbstsicher fühlt.


* Ines Imdahl ist Diplom-Psychologin, Unternehmerin, Speakerin, Buchautorin und TV-Moderatorin. Die vierfache Mutter forscht berät und spricht unter anderem zu Themen wie Gen Z, Medien- und Werbewirkungspsychologie und Markenerleben. Am Screenforce Day 2024 sprach gab sie Einblicke in Fakten, Vorurteile und die psychologische Struktur der Gen Z.

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