Es klärt auf in der Romandie

Zeitungen Le Temps wird relauncht. Das Genfer Qualitätsblatt bringt mehr Wirtschaft und mehr Hintergründe.

Zeitungen Le Temps wird relauncht. Das Genfer Qualitätsblatt bringt mehr Wirtschaft und mehr Hintergründe.Selbstbewusst beansprucht der Titel die ganze Breite. Der neue Kopf von Le Temps signalisiert zugleich Gewicht und – in der eleganten Schrift – Verspieltheit. Mit dieser Grundhaltung geht die Genfer Tageszeitung in ihren zweiten Lebensabschnitt. Das Selbstbewusstsein ist durchaus angebracht. Le Temps hat im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit der Gründung 1997 schwarze Zahlen geschrieben. «Nun beginnt die Konsolidierungsphase», sagt Chefredaktor Jean-Jacques Roth. Sie beginnt am 13. April mit einer optischen und inhaltlichen Neugestaltung.
Ein Deutschschweizer, der die neue Le Temps aufschlägt, fühlt sich leicht an die NZZ am Sonntag erinnert. Das ist kein Zufall: Beide wurden vom britischen Designer Simon Esterson entworfen. Eine gewisse Ähnlichkeit sei durchaus beabsichtigt, gibt Roth zu: «Die NZZ am Sonntag gefällt uns gut.» Deshalb habe man Esterson zum Wettbewerb um den Auftrag eingeladen, wo er sich gegen drei Mitbewerber durchsetzte.
Das Layout ist aber nur die Oberfläche des Redesigns. Von strategischer Bedeutung sind die Änderungen in Struktur und Inhalt. Le Temps möchte seine Leserschaft vergrössern und besonders die Gelegenheitsleser fester ans Blatt binden. «Fidélisation» heisst das im französischen Jargon. «Im Schnitt werden 12 Prozent der Auflage über Kioske abgesetzt, doch wir erleben starke Schwankungen im Einzelverkauf», erklärt Marketingleiterin Valérie Boagno. Auch die Leser pro Exemplar – gegenwärtig 2,4 – seien ausbaubar.
Drei Pfeile im Köcher
Dieses Ziel nimmt Le Temps auf drei Achsen in Angriff. Die erste heisst Sinnlichkeit. Le Temps soll Spass machen, zum Lesen reizen und Stoff für Tischgespräche liefern. Die zweite lautet Vertiefung: Die Zeitung erklärt die Hintergründe der Aktualität. Dritter Pfeil im Köcher ist ein Ausbau des Wirtschaftsressorts.
«Vertiefung» ist die Unique Selling Proposition für Le Temps. Damit will sich das Blatt von der Konkurrenz absetzen. Relaunches haben sich auch die Tribune de Genève und 24 Heures vor kurzem gegönnt. Ihr Zauberwort dabei lautete «proximité»: Mehr Lokales, näher an den Leser ran! Jean-Jacques Roth will das Gegenteil. Sein Motto heisst «synthèse» und «éclairage», Überblick und Analyse.
«Eine Zeitung muss die Ideen, die in der Welt zirkulieren, sammeln und zusammenfassen», weiss Roth aus einer Leserbefragung. Dazu hat Le Temps ein neues
Gefäss geschaffen. «Éclairage» schliesst den ersten Zeitungsbund ab. Auf drei Seiten enthält es Hintergründe, Analysen und Kommentare. Dafür wurde ein Pool von 30 bis 40 Experten zusammengestellt, die abwechselnd aus ihren Fachgebieten berichten werden. Durch den Rückgriff auf externe Spezialisten möchte Roth den Lesern Fachwissen zugänglich machen, an das Journalisten nur schwer gelangen. «Wir halten Éclairage für etwas wirklich Neues in der Zeitungslandschaft», zeigt sich der Chefredaktor stolz. Das Gefäss wird deshalb auch durch eine eigene grafische Gestaltung von der übrigen Zeitung abgesetzt.
KMU werden besser bedient
Éclairage übernimmt auch die Aufgabe der bisherigen Dossier-Doppelseite «Temps fort». Die Seite 2 hört neu auf den Namen «Zoom» und präsentiert einerseits Kolumnen, anderseits die «clés de l’actualité»: erklärende Fussnoten zu den grossen Beiträgen der Ausgabe. Auf der dritten Seite beginnt die internationale Berichterstattung; aus aktuellem Anlass kann aber ein reduziertes «Temps fort» eingeschaltet werden.
Der Auftakt des zweiten Bundes gehört weiterhin der Wirtschaft. Das Ressort wird stark ausgebaut, weshalb der Sport neu in den ersten Bund verlagert wird. Gerade in Wirtschaftskreisen sehen Roth und Boagno
Leserschaftspotenzial für Le Temps. Die Zeitung verzeichnet zwar bereits eine Reichweite (LpA) von 35,2 Prozent unter den Leadern und 41 Prozent unter den Top-Leadern der Romandie. Mit dem Relaunch sollen diese Zahlen weiter ansteigen. «Wir möchten in den Unternehmen vermehrt als Arbeitsinstrument wahrgenommen werden», sagt Chefredaktor Roth. Besonders für KMU-Führungskräfte, denen die Wirtschaftszeitung L’Agefi zu finanzorientiert sei, könne Le Temps zu einer Navigationshilfe werden.
Daher erlaubt sich die Zeitung im Wirtschaftsressort doch ein paar Schritte in Richtung «proximité». Die Reihenfolge der Berichterstattung lautet neu Schweiz – International – Forum. Die Westschweizer Wirtschaftsszene findet besondere Beachtung. In einer regelmässigen Rubrik stellt Le Temps künftig erfolgreiche Unternehmen der Romandie vor. «Wir wollen proaktiv über die Tätigkeiten lokaler Firmen berichten», erklärt Roth. «So werden wir der heimischen Wirtschaft gerechter, als wenn nur Jahresbilanzen und Krisen im Blatt stattfinden.» Diese Beiträge könnten anderen KMU als Benchmark für ihre eigene Tätigkeit dienen, glaubt er.
Der Wille zu positiven Meldungen spiegelt sich auch im Layout. Die Boxen im Wirtschaftsbund sind künftig himmelblau unterlegt statt in der Farbe von «zerquetschten Erdbeeren», wie sich Roth ausdrückt: «Blau ist die Farbe des Optimismus, dem wir mehr Raum geben wollen.»
Auch in den Bereichen Finanz und Analyse will Le Temps ausbauen. Dazu wurden drei neue Wirtschaftsjournalisten angestellt. Dagegen werden die Börsenkurse auf eine Seite reduziert beziehungsweise ins Internet ausgelagert, wo neu auch Personalisierungsfunktionen geplant sind.
Kein Geld ohne Geist
Den Abschluss der neuen Le Temps macht die Kultur. Hier hat auch Platz, was in Deutschschweizer Zeitungen als «Gesellschaft» oft ein eigenes Ressort besitzt. «Für die Romands ist Gesellschaft eben Kultur», erklärt Jean-Jacques Roth mit einem Schmunzeln. Um den Übergang vom Geld zum Geist im zweiten Bund zu verdeutlichen, wird auch dieses Ressort durch grafische Elemente klar abgesetzt. Lesern, die sich für den Mammon überhaupt nicht interessieren, soll durch die letzte Seite der Einstieg in den Bund erleichtert werden. Wo bisher Wetter und TV-Programm ihren Platz hatten, will Roth künftig mit Trendthemen eine «Gebrauchsanweisung für das Leben» liefern.
Trotz der vielen Neuerungen nimmt der Chefredaktor das Wort Relaunch nur ungern in den Mund. «Wir möchten eigentlich gar nicht von einer ‹nouvelle formule› sprechen», erklärt er. In seinen Augen handelt es sich eher um organische Veränderungen. Die Kontinuität sei ebenso wichtig, die Leser sollten Le Temps nach dem 13. April noch wiedererkennen. Roth ist zuversichtlich, dass dies gelingt: «Ein Redesign ist wie ein kurzer Regenschauer. Ich glaube, in 14 Tagen haben sich alle an das neue Layout gewöhnt.»
Schnell an die neue Le Temps gewöhnen dürfte sich der Werbemarkt. Er erhält zwar einige neue Platzierungsmöglichkeiten (die Marketingleiterin Boagno noch nicht im Detail vorstellen wollte). Die Anzeigentarife bleiben aber gleich wie vor dem Relaunch.
Sinnlichkeit, Tiefe, Wirtschaft: Le Temps setzt beim Relaunch neue und eigenständige Akzente.
Expertenanalyse statt Lokalstoff: Le Temps geht eigene Wege.
Etwas fürs ImageGleichzeitig mit dem Relaunch am 13. April startet Le Temps eine Leserschaftskampagne. Sie werde sich allerdings nicht speziell mit der neuen Formel befassen, sagt Marketingleiterin Valérie Boagno, sondern allgemein für die Zeitung werben. Laut Boagno ist es die erste Imagekampagne für Le Temps seit dem Jahr 2000.
Zum Einsatz kommen Plakate und Anzeigen in Zeitschriften sowie
Direktmarketingmassnahmen. Realisiert wird die Kampagne von der Genfer Werbeagentur TBWA Rive Gauche, die auch schon Dimanche.ch, L’Hebdo und Femina beim Relaunch begleitet hat.
Le Temps nutzt auch die Genfer Buchmesse Salon du livre vom 27. April bis 1. Mai für einen Auftritt. (sm)
Stefano Monachesi

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