Die multiple Krise des Journalismus – und das Prinzip Trotzdem

Ausgehend von Roger de Wecks Buch «Das Prinzip Trotzdem» diskutierten Journalist:innen, Politiker:innen und Wissenschaftler über die tiefgreifende Krise des Journalismus – und darüber, was ihm fehlt: nicht nur Geld, sondern Selbstvertrauen.

Die Ausgangslage war klar umrissen: Der Journalismus in der Schweiz steht unter Druck – ökonomisch, gesellschaftlich, identitär. Dies war die Prämisse einer Podiumsdiskussion, die im Rahmen der Serie «Auf der Suche nach der Wahrheit – Wir und der Journalismus» stattfand, moderiert von Journalist und Kurator Thomas Gull wurde und die sich eng an Roger de Wecks Buch «Das Prinzip Trotzdem – Warum wir den Journalismus vor den Medien retten müssen» anlehnte. Der Autor selbst war Teil des Panels, das mit Nina Graf (Tsüri.ch), Min Li Marti (P.S.) und Kommunikationswissenschaftler Linards Udris (fög UZH) hochkarätig besetzt war.

Drei Fragen standen im Zentrum: Was ist die Ursache der Krise? Was bedeutet sie für Demokratie und Gesellschaft? Und welche Wege führen hinaus?

Krisenalltag als Normalzustand

Min Li Marti, Redaktorin der sozialdemokratischen Wochenzeitung P.S. und Nationalrätin, sprach von einem medialen Ausnahmezustand, der für kleine linke Publikationen kein neues Phänomen sei. Die Zeitung überlebe seit jeher auf wackligen Beinen – getragen von Spenden und einem kleinen Anzeigenteil. Gedruckt wird weiterhin, denn: Die Zahlungsbereitschaft sei dort höher als online. Doch selbst diese Struktur gerate zunehmend unter Druck. Die redaktionelle Schlagkraft reiche kaum aus, um wichtige politische Geschäfte auf Gemeinde- oder gar Bundesebene durchgehend zu begleiten.

Min Li Marti, Nationalrätin SP, Redaktorin P.S.

Marti kritisierte, dass rechte Kreise gezielt an der Glaubwürdigkeit der Medien rütteln – und zugleich eigene Plattformen aufbauen. Ziel sei es, die Diskurshoheit zu erlangen und ein eigenes Mediensystem zu etablieren. Dem Journalismus fehle hier oft die Kraft zur Gegenwehr – auch weil Ressourcen schwinden.

Neue Wege, alte Probleme

Nina Graf, Mitgründerin von Tsüri.ch, berichtete von der täglichen Gratwanderung zwischen publizistischem Anspruch und wirtschaftlichem Überlebenskampf. Graf sieht die Krise nicht im Journalismus selbst, sondern in seiner Verbreitungs- und Finanzierungslogik. Ihre Redaktion sei nah an der Community, versuche auf Augenhöhe zu berichten. Doch der Aufwand ist hoch. Tsüri.ch macht vieles richtig – aber das genügt längst nicht, um strukturelle Herausforderungen aus eigener Kraft zu bewältigen.

Nina Graf, Journalistin Tsüri.ch und Co-Geschäftsführerin von WePublish

Eine Demokratie ohne Medien?

Linards Udris vom fög der Universität Zürich lenkte den Blick auf systemische Gefahren: Die «Aufmerksamkeitskrise» in der Bevölkerung treffe auf die ökonomische Krise der Medien – ein toxisches Zusammenspiel. Wenn Redaktionen ausgedünnt werden und Agenturmeldungen durchrutschen, drohe ein schleichender Verlust an Kontrolle und öffentlicher Debatte. In einem direktdemokratischen System wie der Schweiz sei das besonders problematisch.

Linards Udris, Kommunikationswissenschaftler, fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft, UZH

De Wecks Diagnose: Identitäts-, Bedeutungs- und Renditekrise

Roger de Weck lieferte den intellektuellen Überbau. Sein Buch «Das Prinzip Trotzdem – Warum wir den Journalismus vor den Medien retten müssen» (Suhrkamp) ist eine Verteidigung des Journalismus – gegen das Schweigen, gegen die Resignation. Es beschreibt eine Haltung: weitermachen, selbst wenn die Umstände widrig sind. De Weck sieht die derzeitige Situation als Dreifachkrise: Der Journalismus verliere an Bedeutung, weil das Publikum ihm weniger Aufmerksamkeit schenkt. Er verliere seine Identität, weil er sich zu oft sozialen Medien angleicht. Und er verliere seine Rentabilität, weil Geschäftsmodelle erodieren.

Roger de Weck, Autor von «Das Prinzip Trotzdem – Warum wir den Journalismus vor den Medien retten müssen» (Suhrkamp)

Er kritisierte Medienhäuser, die Qualität abbauen und Sensationslust forcieren, um digital zu bestehen – mit dem paradoxen Effekt, dass sie dadurch noch weniger Vertrauen und Aufmerksamkeit erhalten. Besonders der sogenannte Mittelbau – also regionale Tageszeitungen – sei unter Druck. Viele hätten ihr Rückgrat, die Rubrikenmärkte, an Tech-Plattformen verloren. Was bleibe, sei oft ein publizistischer Torso.

Prinzip Trotzdem – mit System

De Weck zeigte auf, dass es anders geht – etwa im Kanton Freiburg. Dort fördert der Staat nicht nur den Vertrieb regionaler Medien, sondern beteiligt sich über öffentliche Institutionen auch an deren Finanzierung – ganz ohne Einflussnahme. Die Zeitung La Liberté bleibt redaktionell unabhängig und profitiert von einem breiten Rückhalt. Sogar kostenlose Online-Abos für junge Menschen wurden eingeführt – ein Zeichen, dass medienpolitische Fantasie auch auf kantonaler Ebene existiert.

Für De Weck ist klar: Journalismus ist keine rein private Angelegenheit. Er ist Teil der öffentlichen Infrastruktur – wie das Bildungssystem oder der öffentliche Verkehr. Entsprechend müsse auch der Staat Verantwortung übernehmen.

Was dem Journalismus fehlt

Trotz vieler Beispiele der Resilienz – von P.S. bis Tsüri.ch – wurde in der Diskussion deutlich, woran es dem Journalismus in der Schweiz zusätzlich mangelt: an Selbstbewusstsein. Die öffentliche Wahrnehmung ist schwach, der Stolz auf die eigene Rolle gering. In einem Umfeld, in dem Löhne sinken, Budgets schrumpfen und Angriffe auf die Glaubwürdigkeit zunehmen, ist diese Haltung erklärbar – aber gefährlich. Denn wer sich selbst kleinredet, macht sich auch entbehrlich.

Roger de Wecks «Das Prinzip Trotzdem – Warum wir den Journalismus vor den Medien retten müssen» ist in diesem Sinn nicht nur eine Beschreibung des Status quo. Es ist auch ein Aufruf: zum Weitermachen – und zum Aufrichten.

«Das Prinzip Trotzdem – Warum wir den Journalismus vor den Medien retten müssen» (Suhrkamp)

Roger de Wecks Buch «Das Prinzip Trotzdem – Warum wir den Journalismus vor den Medien retten müssen» ist im Verlag edition suhrkamp SV erschienen. In der Buchbeschreibung heisst es: «Autoritäre Populisten trumpfen auf. Desinformation und Fake News grassieren. Und der Journalismus, der dem wehren sollte? Er kommt aus der Krise nicht heraus. Es gibt zwar mehr Medien, aber immer weniger Mittel für den Journalismus. Verlage wollen…» Das Buch ist im Handel erhältlich.

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