Zwischen Aufregung und Anregung: Ein Summit als Reality-Check

Der Communication Summit 2026 war ein Reality Check zwischen «Aufregung» und «Anregung». Roger de Weck pochte auf Faktenarbeit, Jella Hoffmann setzte mit «News Deprived» einen Gegenpunkt zum Jugend-Klischee, Edi Estermann sprach vom neuen Schulterschluss in der Branche, Joachim Braun konterte Klicklogik mit «Media Time», Andreas Stuber mit «Fakt ist» die «Stille Post» – und Fabio Nay zeigte, warum Podcasts gerade jetzt Tiefe liefern.

Wenn Wahrheit sprintet – und die Lüge Uberholspur fährt

Fabienne Sennhauser, Präsidentin des Zürcher Pressevereins (ZPV), setzt in ihrer Begrüssung den Ton: Wahrheit verbreitet sich schnell – Fake News noch schneller. Ihre Beispiele sind bewusst greifbar: KI-Videos, die Millionen erreichen, bevor jemand prüft, und Marken, die sich innert Stunden in Greenwashing-Debatten wiederfinden. Sennhauser fragt damit nicht nur nach Fakten, sondern nach Verantwortung: Was ist in diesem Umfeld überhaupt noch «belastbar»? Moderator Reto Lipp nimmt diesen Ball auf und verankert ihn im Jahr 2026: Erst ein Monat alt – und «gefühlt haben wir schon ein halbes Jahr», so seine Beobachtung. Die Gegenwart ist der eigentliche Co-Moderator des Abends.

Vertrauen ist kein Geschenk – sondern ein Handwerk

Roger de Weck liefert das Grundgerüst, fast wie eine chirurgische Trennlinie: Der «Medienbetrieb» interessiere sich für Meinungen und Aufregung, der Journalismus für Fakten und Anregung. Sein Mantra kehrt mehrfach wieder: «Fakten suchen, Fakten prüfen, Fakten gewichten.» Und er setzt gleich die Klammer zur KI: Sie könne Journalismus effizienter machen, aber nicht dessen Kern ersetzen – weil der Mensch im Journalismus das Unbekannte ist, während KI primär das Bekannte rekombiniert. Joachim Braun (Somedia) stimmt dem Ziel zu, widerspricht aber der Pauschalkritik. Im m&k-Interview sagt er klar, er und de Weck seien sich einig, dass Journalismus nur mit Qualität überlebe – aber nicht in der Diagnose, dass heute alle Redaktionen auf Klicks schielten.

 

Gesprächsrunde mit Roger de Weck, Edi Estermann, Jella Hoffmann, Reto Lipp, Fabio Nay, Andreas Stuber und Joachim Braun, (von links)

Fakten oder Framing – die Deutungshoheitsschlacht im Alltag

Andreas Stuber (SBB) bringt die Praxisgeschichte, die im Saal sofort Sinn macht: «Stille Post» – Medien schreiben voneinander ab, Kontexte kippen, Fehler wandern. Als Reaktion darauf etabliert die SBB das Format «Fakt ist», eine Art Replik-Mechanismus, um Verzerrungen direkt zu korrigieren. Sennhausers Einstiegsfrage («Was ist Fakt, was ist Framing?») erhält damit eine konkrete Antwort aus der Unternehmenskommunikation: Wenn die Dynamik schneller ist als die Prüfung, wird Korrektur selbst zum Format.

Der Elefant im Raum – SRG-Halbierungsinitiative als Damoklesschwert

Hier dominiert Roger de Weck – und zwar bewusst frontal. Er nennt die Halbierungsinitiative («200-Franken-Initiative») einen «Frontalangriff auf den Journalismus». Sein zentrales Argument ist die «audiovisuelle Lücke»: Hochwertige audiovisuelle Produktion sei privat kaum refinanzierbar. Wenn die SRG abbauen müsse, werde das Angebot nicht automatisch von Privaten ersetzt – es verschwinde.

Edi Estermann (Tamedia) liefert dazu eine bemerkenswerte Branchenbeobachtung: Die Initiative führe zu einem neuen «Commitment», einem Schulterschluss zwischen SRG und Privaten. Die Grabenkämpfe von früher treten in den Hintergrund – weil der gemeinsame Druck heute anderswo liegt: bei Werbegeldern, die zu Tech-Plattformen abfliessen, und bei einer KI-getriebenen Transformation, die das ganze System stresst.

De Weck setzt noch einen politischen Hoffnungspunkt: Er verweist auf die 18- bis 28-Jährigen, die schon «No Billag» stark abgelehnt hätten – und in aktuellen Umfragen die Halbierungsinitiative besonders skeptisch sähen.

Über 200 Besucher:innen – Blick ins ETH Auditorium am Communication Summit 2026

Das Ende des Jugend-Klischees

Jella Hoffmann, CEO der WEMF, ist an diesem Abend die Person, die mit Zahlen gegen das Bauchgefühl argumentiert. Sie setzt das Momentum, in dem ein ganzer Komplex von Vorurteilen in sich zusammenfällt, und dieser ist: die nüchterne, entdramatisierte Einordnung der Mediennutzung junger Menschen. Der Satz «Die Jungen lesen nicht mehr» taucht sinngemäss auf – und wird ebenso konsequent zerlegt. Nicht mit Empörung, sondern mit Differenzierung. Denn genau das ist der Kern: Jugendliche und junge Erwachsene sind kein Block. Und wer sie als Block behandelt, misst nicht nur falsch – er kommuniziert auch falsch.

Besonders stark ist der Begriff, der hängen bleibt: «News Deprived». Gemeint ist eine Gruppe junger Menschen, die mit journalistischen Nachrichten praktisch nicht mehr erreicht wird. Nicht, weil sie zu dumm wären, nicht, weil sie «nur noch» irgendwas schauen – sondern weil Journalismus in ihrem Alltag schlicht nicht mehr vorkommt.

Das Entscheidende dabei: Diese Gruppe ist nicht «die Jugend», sondern ungefähr ein Viertel. Daneben existieren weitere Milieus: klassisch orientierte Nutzer, hybride Nutzer, und jene, die sich ausschliesslich über Social Media informieren. Die Pointe ist also nicht Untergang, sondern Präzision: Drei Viertel der Jugend sind grundsätzlich erreichbar – aber auf sehr unterschiedlichen Wegen. Und genau deshalb ist das pauschale Jugend-Bashing nicht nur falsch, sondern bequem. In einer Zeit, in der politische Entscheidungen gern mit Bauchgefühl über «die Jungen» argumentiert werden, wirkt diese Differenzierung fast wie ein Service public im Kleinformat.

Die Renaissance der Tiefe – warum Podcasts plötzlich «anti-hektisch» wirken

Ein weiterer Punkt des Abends klingt zunächst paradox: Während überall von sinkender Aufmerksamkeitsspanne gesprochen wird, zeigen Podcasts – besonders im Journalismus – ein Gegenbild. Fabio Nay (Live Fabrik) bringt die Zahl dazu, die jeder im Saal mit nach Hause nimmt: Durchhörraten bis 96 Prozent. Nicht nur Nutzung also, sondern Durchhörlogik. Nicht nur Snippets, sondern lange Formate.

Das Spannende ist dabei weniger das Medium als die Funktion: Podcasts liefern etwas, das im klassischen Newsfeed knapp geworden ist – Kontext, Rhythmus, Persönlichkeit, Beziehung. Und zunehmend wird Audio nicht mehr nur als Audio gedacht, sondern als audiovisuelles Produkt: Video-Podcasts als Antwort auf Plattformen, auf Schnittstellen, auf Snippet-Kultur. Ein Format, das gleichzeitig lang sein darf – und trotzdem in Kurzformen zirkulieren kann. Roger de Weck doppelt nach: Der «Presenter am Video» sei ein zentraler Erfolgsfaktor. Audio werde strategisch zunehmend «audiovisuell» gedacht.

Marie-Françoise Ruesch (Zürcher PR-Gesellschaft, ZPRG) ergänzt das aus der Branchenoptik: Journalismus und Unternehmenskommunikation hätten «noch einiges vor sich», aber sie glaubt an denselben Nenner wie mehrere auf dem Podium: Qualität gewinnt, unabhängig vom Kanal. In diesem Kontext erwähnt sie auch, dass sich YouTube-Kanäle etablieren – als Hinweis darauf, dass neue Distributionsformen längst nicht mehr Randphänomene sind.

Klicks oder Lesezeit – die neue Währung im Newsroom

Hier wird Joachim Braun konkret – und widerspricht de Wecks Klick-Kritik nicht aus Trotz, sondern aus Messlogik. In der Redaktion von Somedia, sagt er, interessiere man sich nicht für Klickzahlen, sondern für «Media Time»: die kumulierte Lesezeit. Reichweite könne täuschen – weil viele nur den Vorspann lesen. Lesezeit hingegen zeige, ob ein Inhalt wirklich bindet.

De Weck wiederum bleibt bei seiner strukturellen Warnung: Wer Klickmaximierung betreibt, rutscht von Aufmerksamkeits- in Aufregungsökonomie. Und wer nur das bringt, was «funktioniert», erzeugt Angleichung statt Unterscheidbarkeit.

Edi Estermann gibt dazu eine Verlags-Perspektive: Tamedia setze bei Sparmassnahmen primär im kommerziellen Bereich an, um den Journalismus zu schützen – und sehe KI als Effizienztool (Stichwort «Storychecker»), aber nicht als Ersatz für Kreativität.

Unternehmen als Medienmacher – Korrektiv oder Kontrollinstrument?

Andreas Stuber beschreibt, warum ein Unternehmen wie die SBB zum Publisher wird: Weil Menschen Hintergründe wollen – und weil klassische Redaktionen oft nicht mehr die Ressourcen für Tiefe haben. Der SBB-Podcast ist dabei nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel für Bindung und Vertrauensaufbau.

Fabienne Sennhauser rahmt diese Entwicklung als Teil einer gemeinsamen Krise: Journalismus und Kommunikation kämpfen um dieselben knappen Güter – Geld, Personal, Vertrauen. Der Summit selbst wird damit zur Antwort auf ihre Frage: Vertrauen entsteht dort, wo man miteinander klärt, was Fakt ist – und wo Verantwortung beginnt.

Acht Stimmen – ein gemeinsamer Kern, aber keine Einheitsmeinung

Dieser Abend ist gerade deshalb stark, weil er kein Wohlfühlkonsens ist. Roger de Weck insistiert auf Systemfragen, auf Investitionspflicht und auf die Gefahr der Halbierungsinitiative. Joachim Braun hält dagegen, dass Qualitätsjournalismus in der Praxis längst andere Kennzahlen nutzt als Klicks – und dass nicht alle Redaktionen im «Aufregungsmodus» laufen. Jella Hoffmann liefert die Differenzierung, die man für jede Debatte über «die Jugend» bräuchte. Fabio Nay zeigt, dass Tiefe nicht tot ist, sondern nur den Kanal gewechselt hat. Andreas Stuber macht sichtbar, wie sehr Unternehmen auf mediale Lücken reagieren – mit eigenen Formaten. Edi Estermann benennt den Schulterschluss der Branche. Fabienne Sennhauser setzt die Vertrauensfrage als Rahmen. Und Marie-Françoise Ruesch zieht die Linie nach vorne: Kanal egal – Qualität entscheidet.

Und so bleibt am Ende ein Satz als Essenz, der in unterschiedlichen Worten mehrfach fällt: Vertrauen ist keine Gnade. Es ist das Resultat harter Arbeit. Jeden Tag. Wir von m&k selbst versuchen dem gerecht zu werden, in dem wir solche Anlässe wie den Communication Summit mit der erforderlichen Tiefe begleiten, multimedial: Text, Video, Audio, Foto..

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