Wortreiche Antikörper gegen Aids

Saatchi & Saatchi und Brot und Spiele setzen in Kampagnen zum Aids-Welttag auf die visuelle Kraft des Wortes

Saatchi & Saatchi und Brot und Spiele setzen in Kampagnen zum Aids-Welttag auf die visuelle Kraft des WortesDie Umkehr ist raffiniert und kommt als geistiger Antikörper daher: «Um Aids zu stoppen, sag bitte drei Menschen, dass Aids uns alle angeht», steht als Text in einer Sprechblase. Ins Bild umgesetzt, zeigt das Inserat die wundersame Vermehrung dieser Botschaft, indem sich die Text-Bubbles ins Unendliche vermehren. Genauso wie der Aids-Virus – nur ist deren Wirkung nicht letal.Im Vorfeld des Welt-Aidsta-ges am 1. Dezember 2002 startet die Agentur Saatchi & Saatchi Schweiz aus Nyon eine Multimediakampagne, «die nicht minder ansteckend sein möchte als Aids selbst», erlärt CD Ed Jones. Die Aids-Antistigma-Kampagne vereint alle wichtigen Schweizer Anstrengungen zum Welt-Aidstag 2002. Die als Goodwill-Aktion entwickelte Kampagne wird unterstützt von der Schweizer Aids-Hilfe (Stop Aids), dem Schweizer Roten Kreuz, der Groupe Sida Genève sowie der Internationalen Vereinigung der Gesellschaften Rotes Kreuz und Roter Halbmond (IFRCRC). Die genannten Organisationen arbeiten damit erstmals gemeinsam an ein und derselben Kampagne.
Bei der Umsetzung wollte Saatchi & Saatchi nicht die geläufigen Klischees zum Thema Aidsprävention und Schutz vor Aids in den Mittelpunkt stellen, sondern die mit Aids einhergehende Stigmatisierung thematisieren. Diese stellt nach Aussagen von Forschern das grösste Hindernis im Kampf gegen die weltweite Pandemie dar.
Zellteilung einer Grundaussage mit rasanter Wirkung
«Bei Aids geht es um Blut, Sex, Drogen und Tod», hat Jones erkannt. «Deshalb wollen viele nicht darüber reden. Doch solange Menschen nicht genauso offen über Aids reden wie über jede andere Krankheit, kriegen wir das Thema nie richtig in den Griff.»
Ziel der Kampagne unter dem Motto «Die Wahrheit über Aids. Bitte weitersagen…» ist es somit, der Mär rund um das Thema Aids, die unter anderem zur Stigmatisierung von an Aids erkrankten Menschen führt, eine Reihe von Wahrheiten entgegenzuhalten. Und um derartige Mythen zu zerstreuen: «Die Kampagne fordert ihre Leser auf, diese Wahrheiten drei Personen weiterzusagen, die sie ihrerseits wiederum jeweils drei Personen weitersagen», fasst Ed Jones die als Bildidee umgesetzte Grundidee in Worten zusammen.
Ein möglichst breiter Einsatz an Werbeträgern wird dafür sorgen, dass die Kampagne den überwiegenden Teil der Schweizer Bevölkerung erreicht. Hierzu gehören Anzeigen in den Printmedien, E-Cards, Poster in 30 Prozent der Fahrzeuge des innerstädtischen Busverkehrs in der ganzen Schweiz, Zehntausende Kondombriefchen, Tischsets in Restaurants sowie Cards for free. Bei den Kino- und Radiospots hat unter anderen auch TV-Moderator Dani Forler mitgewirkt.
Zu den spektakulärsten Massnahmen der in der Westschweiz entwickelten Ideen gehört die Einbeziehung von drei Genfer Trams, die aussen wie innen mit Bildern und Texten der Kampagne bedeckt sein werden.
Die Schweizer Antistigma-Kampagne ist Teil eines Anti-Aids-Programms, das ursprünglich für den Roten Halbmond entwickelt wurde und das nun in unterschiedlicher Form in weltweit über 90 Ländern umgesetzt wird.
Auch nach 15 Jahren ist Informationsbedarf vorhanden
Auf lokaler Ebene ist ebenfalls zum Welt-Aidstag 2002 in Zug eine spezielle Aktion geplant. Hier hat die Aids-Hilfe mit einer grossen Zahl gleichgesinnter Helfer aus verschiedenen Sparten ein dreiteiliges Aktionspaket geschnürt: Eine Ausstellung mit Bildern von Jugendlichen zum Thema Sex, ein besonderer Coming-out-Anlass im Freien und ein Gottesdienst für gelebte Solidarität sind so zu Stande gekommen.
Alle diese Ideen sind angelegt rund um das offizielle Motto des diesjährigen Welt-Aidstages «Leben und leben lassen». Die Werbemassnahmen für die Aktionen in Zug sind von der Zürcher Agentur Brot und Spiele ebenfalls in Fronarbeit gestaltet worden. «Professionelle Kommunikation für einen guten Zweck zu spenden, das kann dem Agenturgeist und dem eigenen Herzen einfach gut tun», sagt Markus Läubli von Brot und Spiele zu seinem Engagement.
Mit einem Minimum an Kosten ein Maximum an Wirkung zu erzielen, sei zudem eine Aufgabe, «die man gut aus dem Werbealltag kennt». Die kleine Kampagne umfasst Plakate und Cards for free zu den drei Zuger Events und arbeitet für einmal nur mit Texten – was besonders auffällt, nachdem die früheren Aids-Kampagnen bis jetzt vorwiegend von Bildsymbolen beherrscht wurden.
Dass man bei der Aids-Hilfe Zug im 15. Jahr des eigenen Bestehens einen grösseren Effort an den Tag legen wollte, entsprang nicht einem Jubiläumsgedanken. Die Anstrengung wird aus der Einsicht heraus geleistet, dass man zum Thema Aids auch nach 15 Jahren nie genug informieren kann. Gemäss Statistik wähnt sich die heutige Jugend in Sachen Aids nämlich bereits wieder in einer gefährlich falschen Sicherheit.
Dem lüsternen Gemüse wird 2003 eine neue Idee folgen
Bei der Agentur cR DDB in Basel, welche die offizielle Ganzjahreskampagne der Schweizer Aids-Hilfe betreut, hat man rund um den Welt-Aidstag am 1. Dezember auf eine spezielle Aktion verzichtet. Statt Solidaritätsanzeigen soll hier mehr die Prävention im Vordergrund stehen. «Wir möchten nicht falsch verstanden werden. Aber uns scheint, dass die HIV-Positiven in der heutigen Zeit von der Gesellschaft nicht mehr ausgegrenzt werden», meint Urs Mangold, Berater bei cR DDB.
Zusammen mit der Aids-Hilfe Schweiz will die Basler Agentur deshalb bereits einen Schritt weiter gehen und ihre neuen Ideen künftig auf die Prävention fokussieren. Zurzeit ist die Kampagne mit dem Gemüse, das die Allgegenwart erotischer Gedanken zum Thema hat, am Auslaufen. Eine neue Kampagne wird bei cR DDB entwickelt. Man will aber dazu noch nichts sagen, «weil die Kampagne vor allem von der Überraschung leben wird».
Andreas Panzeri

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