Wenn gabbe Schweisel frieben
Wie Sprache funktioniert – und wie sie nicht funktioniert. Eine Internet-Enttäuschung.
Texter und Schreiber haben Spass an Wortspielereien, Versen, Sprichworten und Gedichten. Das liegt in ihren Genen. Uns fasziniert es einfach, dsa man neien Sazt, dre lale Gamratimkeregln imssachett, trodstem lense knan. Ruf Lanz punktete im vergangenen Winter bei sprachverliebten Skifahrern mit schmerzhaft verdrehtem Kienglenek, Kruebzand und Oebrshcneekl. Ich fand das toll – zumindest sprachlich.
Sogar Worte, die laut Lexikon keinen Sinn ergeben, können uns die lebhaftesten Bilder vor Augen rufen: «Verdaustig war’s, und glaße Wieben / rotterten gorkicht im Gemank. / Gar elump war der Pluckerwank, / und die gabben Schweisel frieben. / ‹Hab acht vorm Zipferlak, mein Kind! / Sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr. / Vorm Fliegelflagel sieh dich vor, / dem mampfen Schnatterrind.›» Mein Zipferlake hat nadelspitze Zähne, eine chamäleonlange Zunge und messerscharfe Krallen. Er kommt bei Nebel sabbernd aus dem Dickicht und geht auf die Jagd. Ihrer auch? Die fantastische Übersetzung von Lewis Carrolls «Jabberwocky» verdanken wir Christian Enzensberger. Sie belegt, wie elastisch unser Sprachverständnis ist. Reim, Versmass und das ein oder andere «echte» Wort lassen uns einen Text verstehen, der überwiegend aus Fantasiebegriffen besteht.
Ein Gedichtgenerator im Internet machte mich kürzlich neugierig. Einfach eine Person, ein Substantiv, ein Verb und ein Adjektiv eingeben – und fertig ist das Gedicht. Anwendungsgebiete: den Liebsten überraschen, ein Brautpaar beglücken, der Grosi mal wieder etwas Gutes tun. Das musste ich einfach ausprobieren. Den Wortgoldschmied Rilke im Sinn, speiste ich das Tool mit «Panther, Stäbe, vorübergehen, müde». Das Ergebnis zeigte, dass es zwischen Unsinnsgedicht und Unsinnsgedicht Unterschiede gibt. Gewaltige: «Stäbe im Universum / Im Universum ist privat die Fratze! / Welch unsägliches Leid! / Panther / Erbebe im inneren Hass! / Im Universum! / Ja Stäbe, vorübergehen und klingen / Ist weise, / So verzehrlich und privat!» Nun ja, die verzweifelt-resignierte Stimmung des rilkeschen Panthers ist einigermassen getroffen, aber die düstere Endzeitstimmung ist doch ein bisschen zu dick aufgetragen. Und die vielen Satzzeichen erzeugen spontane Übelkeit. Schnell schliesst sich der Vorhang der Pupille.
Wahrscheinlich habe ich mit Rilke einfach zu hoch gegriffen. Also versuche ichs noch einmal, frei nach Caroll: «Zipferlake, Gemank, frieben, bohr». Aus dem Gedicht wird ein Gewicht: «Das Gewicht / Welch spöttisches Glück! / Gewicht und Chef, ja Chef. / Der Chef – frieben und sterben! / Das Gewicht – wolkig und ewig! / Wolkig! Auch du, Zipferlake, sei wolkig! / Wozu die Bazillen noch ewig?» Wozu die Bazillen? Das fragt man sich in Zeiten der Schweinegrippe tatsächlich. Insofern trifft das Ergebnis den Zeitgeist. Aber was hat mein Chef mit der ganzen Sache zu tun? Wie kommt er in mein Gedicht? Habe ich ein Gewichtsproblem? Und wo ist mein «bohr»? Wolkig bleibe ich zurück. In Zukunft keime ich lieber in mir und verschnoffe am Dudelbaum.
Anne-Friederike Wilhelm
Sogar Worte, die laut Lexikon keinen Sinn ergeben, können uns die lebhaftesten Bilder vor Augen rufen: «Verdaustig war’s, und glaße Wieben / rotterten gorkicht im Gemank. / Gar elump war der Pluckerwank, / und die gabben Schweisel frieben. / ‹Hab acht vorm Zipferlak, mein Kind! / Sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr. / Vorm Fliegelflagel sieh dich vor, / dem mampfen Schnatterrind.›» Mein Zipferlake hat nadelspitze Zähne, eine chamäleonlange Zunge und messerscharfe Krallen. Er kommt bei Nebel sabbernd aus dem Dickicht und geht auf die Jagd. Ihrer auch? Die fantastische Übersetzung von Lewis Carrolls «Jabberwocky» verdanken wir Christian Enzensberger. Sie belegt, wie elastisch unser Sprachverständnis ist. Reim, Versmass und das ein oder andere «echte» Wort lassen uns einen Text verstehen, der überwiegend aus Fantasiebegriffen besteht.
Ein Gedichtgenerator im Internet machte mich kürzlich neugierig. Einfach eine Person, ein Substantiv, ein Verb und ein Adjektiv eingeben – und fertig ist das Gedicht. Anwendungsgebiete: den Liebsten überraschen, ein Brautpaar beglücken, der Grosi mal wieder etwas Gutes tun. Das musste ich einfach ausprobieren. Den Wortgoldschmied Rilke im Sinn, speiste ich das Tool mit «Panther, Stäbe, vorübergehen, müde». Das Ergebnis zeigte, dass es zwischen Unsinnsgedicht und Unsinnsgedicht Unterschiede gibt. Gewaltige: «Stäbe im Universum / Im Universum ist privat die Fratze! / Welch unsägliches Leid! / Panther / Erbebe im inneren Hass! / Im Universum! / Ja Stäbe, vorübergehen und klingen / Ist weise, / So verzehrlich und privat!» Nun ja, die verzweifelt-resignierte Stimmung des rilkeschen Panthers ist einigermassen getroffen, aber die düstere Endzeitstimmung ist doch ein bisschen zu dick aufgetragen. Und die vielen Satzzeichen erzeugen spontane Übelkeit. Schnell schliesst sich der Vorhang der Pupille.
Wahrscheinlich habe ich mit Rilke einfach zu hoch gegriffen. Also versuche ichs noch einmal, frei nach Caroll: «Zipferlake, Gemank, frieben, bohr». Aus dem Gedicht wird ein Gewicht: «Das Gewicht / Welch spöttisches Glück! / Gewicht und Chef, ja Chef. / Der Chef – frieben und sterben! / Das Gewicht – wolkig und ewig! / Wolkig! Auch du, Zipferlake, sei wolkig! / Wozu die Bazillen noch ewig?» Wozu die Bazillen? Das fragt man sich in Zeiten der Schweinegrippe tatsächlich. Insofern trifft das Ergebnis den Zeitgeist. Aber was hat mein Chef mit der ganzen Sache zu tun? Wie kommt er in mein Gedicht? Habe ich ein Gewichtsproblem? Und wo ist mein «bohr»? Wolkig bleibe ich zurück. In Zukunft keime ich lieber in mir und verschnoffe am Dudelbaum.
Anne-Friederike Wilhelm
