Weiss doch jedes Kind
René Worni über einen sich ankündigenden Stillstand.
René Worni über einen sich ankündigenden Stillstand.
Kurz nach Erscheinen dieser Ausgabe der Werbewoche, wird/hat sich im hiesigen Gratiszeitungsmarkt erneut etwas bewegen/bewegt. Die Rede ist zwar bloss von der Transformation von Ringiers Gratis-Abendblatt heute in den «Brombeeri-Blick», den rosa Gratis-Blick am Abend. Doch der Schritt lässt sich durchaus als Zeichen dafür lesen, dass man an der Dufourstrasse unbeirrt an den Fortbestand der Gratispresse glaubt. Noch kaum drei Jahre her, bezeichnete sich Michael Ringier in Interlaken vor versammelter Branche als Verleger ohne Gratiszeitung, um nur Wochen später mit 24 hodin in Tschechien sein erstes Gratisblatt zu launchen. Heute gibt der Verlag in Europa bereits sechs Gratistitel heraus. Gute Zeiten, schnelle Zeiten für Gratisblätter – bis anhin jedenfalls.Doch jetzt erreicht uns die Kunde, dass in Skandinavien, der Geburtsstätte des Genres, die Zeichen auf Stagnation stehen. Namentlich der isländische Verlag Baugur, der noch vor zwei Jahren in Europa die Nummer eins unter den Gratisverlegern werden wollte, hat unter dem Eindruck der Finanzkrise die Segel gestrichen und sich auf die Insel zurückgezogen. Baugur trennte sich von seinen Prestigetiteln, dem dänischen Nyhetsavisen und dem amerikanischen Boston Now, «ein Fass ohne Boden», wie der Korrespondent des Bund jüngst aus Stockholm berichtete. Bekannt wurde auch, dass sich 20-Minuten-Erfinder Schibsted kürzlich mit 35 Prozent am weltweit grössten Gratisverleger Metro beteiligte. Offenbar setzt man auf Synergien und will im Gratismarkt kürzer treten.
Andernorts, wie in Italien und in der Schweiz, erreicht die Auflage der Gratispresse inzwischen annähernd die 50-Prozent-Marke aller verlegten Titel, und die Anzeigen wachsen schneller als in der Bezahlpresse. Ob sich die neue Gangart der nordischen Gratishäuser bis nach Mittel- und Südeuropa auswirken wird, bleibt abzuwarten.
Das hiesige Publikum ist der Gratisblätterflut mehr und mehr überdrüssig. Das merkt unterdessen jedes Kind, nur die Verleger nicht. Deshalb sei es AZ-Boss Peter Wanner erneut ans Herz gelegt: Bitte keine weitere Gratiszeitung! Stattdessen lieber etwas mehr Marketing für seinen journalistisch gut gemachten Sonntag, den jetzt – das nämlich weiss noch nicht jedes Kind – auch die Zürcher direkt in den Briefkasten bekommen können.
René Worni, Redaktor
