Vom Adagio zum Fortissimo

Die Giganten der Musikbranche und die Portalriesen wittern das grosse Geschäft mit Soundangeboten im Internet

Die Giganten der Musikbranche und die Portalriesen wittern das grosse Geschäft mit Soundangeboten im InternetVon Clemens HörlerReichlich spät tüfteln auch die grossen Musikkonzerne an Webauftritten und suchen unter den Portalbetreibern nach Verbündeten. Solche Koalitionen könnten den unabhängigen kleineren Anbietern wie etwa dem Musikpionier Launch.com das Leben noch schwerer machen.
Nach der bisher erfolgreich geschlagenen Schlacht gegen Napster besinnt sich die Musikindus-
trie nun reichlich spät darauf, auch eigene Internetangebote zu lancieren. Entsprechend haben die beiden Schwergewichte Sony Music Entertainment und Universal Music Group, die zusammen fast die Hälfte des Marktes beherrschen, ein gemeinsames Projekt namens Duet angekündigt. Andere Giganten wie Warner Music, EMI und Bertelsmann Music Group (BMG) antworteten postwendend und stellten Pläne für eine Musikplattform namens Music Net vor.
Das Problem der Musikkolosse besteht darin, dass sie bei den Internetuserinnen und -usern sicher nicht zu den Topbrands zählen und die Markteinführung solcher Plattformen aus eigener Kraft wohl Unsummen an Marketinggeldern verschlingen würde. Deshalb suchen die beiden konkurrenzierenden Gruppen nach Verbündeten in der Internetbranche, die bereits über Bekanntheit und Zulauf verfügen. Dafür bieten sich die grossen Portale geradezu an. Yahoo hat sich denn auch bereits an Duet angehängt. Und Microsoft hat derweil schon ein eigenes Musikportal mit den Partnern BMG und Sony angekündigt. MSN Music befindet sich derzeit in der Betaphase.
Auch für die Portalbetreiber sind die Herrscher der Musikbranche willkommene Partner, zumal Musik in der Internetbranche als so genannter Premium Content gilt. Wegen ungenügender Einnahmen aus der Onlinewerbebranche müssen nämlich zusehends andere Geldquellen erschlossen werden. Da könnten kostenpflichtige Musikangebote ein höchst willkommener Beitrag sein, um die Kassen wieder zu füllen.
Zu viele Gratisangebote vermindern Konkurrenzfähigkeit
Die geplanten Kooperationen der Musik- und Internetgiganten stellen wohl nicht so sehr eine Gefahr für unabhängige Musiktauschbörsen wie Gnutella dar. Sie könnten aber die bisherigen Musikportale in arge Bedrängnis bringen. Diese haben zwar eindrücklich gezeigt, was sich auch mit heute zur Verfügung stehenden Bandbreiten bewerkstelligen lässt. Allerdings befinden sich viele dieser Anbieter trotz grosser Nutzerzahlen in einer Position der Schwäche gegenüber der drohenden Konkurrenz, da auch sie sich zu stark auf die Finanzierung durch Werbung verlassen haben und praktisch alles gratis anbieten.
Ein repräsentatives Beispiel dafür ist die amerikanische Firma Launch Media Inc. Ihr Musikportal Launch.com zählte Ende letzten Jahres 5,6 Millionen registrierte Benützerinnen und Benützer und 9,7 Millionen Besucherinnen und Besucher im Monat Dezember. Launch.com stellt eine Mischung aus MTV und Musikmagazin dar und bietet Soundsurfern insgesamt 50000 Videoclips, Interviews und Features mit Musikern, Konzerthinweisen und allgemeinen News aus der Welt der Stars und Sternchen.
Userinnen und User wählen ihr eigenes Musikprogramm
Im Gegensatz zu MTV, bei dem der Zuschauende ein fertiges Menü vorgesetzt bekommt, können Besucherinnen und Besucher von Launch.com ihren eigenen Musiksender nach ihren Vorlieben zusammenstellen. So wählen die Musikfans auf Launch. com aus 18 Stilrichtungen und einer Vielzahl von Unterkategorien aus, was ihnen am besten gefällt, und listen ihre Lieblingsgruppen auf. Einmal registriert, erhalten sie nur noch Musik nach ihrem Gusto in das Programmfenster eingespielt. Gefällt ihnen ein eingespielter Videoclip trotzdem nicht, können sie ihn mit einem Klick ins Pfefferland wünschen und müssen sich forthin nie mehr darüber aufregen.
Der Nachteil gegenüber MTV & Co. ist offensichtlich: Der Ausschnitt am Bildschirm ist noch um einiges kleiner als im Fernsehen, und ausserdem werden bei Launch.com selten die neuesten Musikclips gespielt, was wohl vorab auf lizenzrechtliche beziehungsweise Kostengründe zurückzuführen ist.
Flauer Onlinewerbemarkt ist verantwortlich für Verluste
So interessant das kostenlose Angebot von Launch.com für die Userinnen und User ist, das Businessmodell der Betreiber ist nicht ganz aufgegangen. Im Jahr 2000 machte die an der Nasdaq kotierte Launch Media Inc. einen Verlust von 34 Millionen Dollar, bei einem Umsaz von 36,9 Millionen Dollar. Im letzten Quartal des Geschäftsjahres stammten drei Viertel der Umsätze aus Werbeeinnahmen, 22 Prozent ergaben sich aus dem Weiterverkauf von Content an andere Webplattformen. Nur wenig Umsatz brachte der Verkauf von CD-ROMs mit Auszügen aus dem Webprogramm. Und der Verkauf von Konzerttickets brachte ebenfalls nicht den erhofften finanziellen Erfolg.
Für den unbefriedigenden Geschäftsverlauf macht das Unternehmen vor allem den flauen Onlinewerbemarkt verantwortlich. Trotzdem möchte Launch Media auch in Zukunft vor allem auf Werbung setzen und bietet neben Bannerwerbung und Sponsoringmöglichkeiten auch die Gelegenheit zu Flashspots zwischen den einzelnen Videoclips an. Beiträge für die Nutzung des personalisierten Angebots zu verlangen, scheint vielen Anbietern offenbar immer noch zu riskant – und wäre bei der aktuellen Empfangsqualität wohl tatsächlich auch der falsche Weg.
Onlinemusik zur Auflockerung des Büroalltags
In erster Linie wegen der Ton- und Bildqualität sind Websites keine allzu grosse Konkurrenz für die TV-Musikkanäle. Sie sind zumindest jetzt noch eher eine Ergänzung zu diesen: Zu Hause, wo die Internetverbindungen noch nicht so gut sind, haben Internetmusikdienste wie Launch .com wohl noch einen eher schweren Stand. Im Büro hingegen, wo grössere Bandbreiten zur Verfügung stehen, aber kein TV vorhanden ist, tut es der Dienst allemal. Darauf können auch die grossen Portalbetreiber mit ihren Verbündeten aus der Musikbranche hoffen. Denn es ist längst kein Geheimnis mehr, dass das Internet in den Büros auch für Nichtberufliches genutzt wird.

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