Verpasste Chance

Kommentar Der kollektive Auflageneinbruch fügt dem Presse-Image weiteren Schaden zu. Unnötigerweise, meint Oliver Classen.

Kommentar Der kollektive Auflageneinbruch fügt dem Presse-Image weiteren Schaden zu. Unnötigerweise, meint Oliver Classen.Ob sich die Schweizer Presse in einer epochalen Strukturkrise oder einem blossen konjunkturellen Formtief befindet, ist branchenintern stark umstritten. Klar hingegen ist, dass die enttäuschenden Wemf-Zahlen oder genauer: deren tendenziöse Kommunikation Wasser auf die Mühlen öffentlicher Schwarzmaler sind.Diese sitzen auch in Zeitungsredaktionen, wo schreibend munter an jenem Ast gesägt wird, auf dem man selber (noch) sitzt. Das ist paradox, aber nicht verwerflich. Es sei denn, der Bocksgesang vom Bedeutungsverlust des Printjournalismus wird mit Auflage- statt den in diesem Zusammenhang viel relevanteren Reichweitenzahlen orchestriert. So geschehen nicht nur beim Berner Bund, auf dessen Medienseite die aktuelle Beglaubigung leichtfertig als Indiz für die «weitere Erosion der Schweizer Leserschaft» gewertet wird.
Dabei lehrt die Erfahrung, dass Zeitungen und Zeitschriften in Krisenzeiten vielleicht weniger gekauft, dafür aber umso intensiver und von mehr Menschen gelesen werden. Darauf verwies in einem Interview kürzlich auch Alexander Theobald, der Zeitschriftenchef von Tamedia. Und fügte mit Blick auf sein Sorgenkind Facts (–22%!) hinzu: «Die Leserschaft ist selbst hier leicht wachsend.»
Solche Richtigstellungen tun Not, finden aber allenfalls in Fachzirkeln Gehör. Das breite Publikum hingegen glaubt die Mär vom exponentiell steigenden Desinteresse an Bezahlzeitungen. Um zu verhindern, dass diese Falschinformation zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird, muss dringend kommunikativ Gegensteuer gegeben werden. Und zwar nicht erst im Rahmen «eines professionellen Gattungsmarketings für den Lesermarkt», wie es Daniel Kaczynski in dieser Zeitung für den Herbst angekündigt hat. Sondern sofort.
Mag sein, dass der unerfreuliche Wemf-Bescheid den frisch gebackenen Geschäftsführer des Verbands Schweizer Presse auf dem falschen Fuss erwischte. Statt ihres neuen Cheflobbyistens hätten Hans Heinrich Coninx oder Michael Ringier diesbezüglich allerdings auch gleich selbst ein klärendes Wort sprechen können. Eine ideale Plattform dafür wären ihre jeweiligen Bilanzpressekonferenzen gewesen. Doch dort vertraten die beiden Grossverleger lediglich ihre Partikularinteressen. Alles andere hätte auch überrascht – und gerade deshalb wohl grosse Medienwirksamkeit gehabt. So aber bleibt die überfällige Imagearbeit fürs Schweizer Pressewesen also weiter reine Verbandssache.
>Oliver Classen, Redaktor

More articles on the topic