Serendipity
Kolumne Traditionelle Massenmedien bieten in Konkurrenz zur individualisierten Webkommunikation auch überraschende Reisen in exotische Gefilde, schreibt Josefa Haas.
Kolumne Traditionelle Massenmedien bieten in Konkurrenz zur individualisierten Webkommunikation auch überraschende Reisen in exotische Gefilde.Medien vermitteln Wissen und Erfahrungen, zu denen wir sonst keinen oder sehr schwierig Zugang hätten. Wir schauen in Zeitungen, Zeitschriften, Bücher sowie Websites und hören in Radioprogramme und Podcasts rein. Sie garantieren, dass wir nach dem Genuss der Inhalte um ein Erlebnis reicher sind. Diese Medien ermöglichen uns unvorhersehbare Begegnungen, neue Erkenntnisse und überraschende Perspektiven. Häufig finden wir etwas, wonach wir gar nicht gesucht haben.Die Stärke der Medien ist die Serendipity. Mit diesem Begriff beschreibt die Wissenschaftssoziologie zufällige Beobachtungen, die zu überraschenden Entdeckungen führen. Serendip war die persische Bezeichnung des heutigen Sri Lanka. Drei Prinzen entdeckten die Insel zufällig, so will es die Legende. Wie die Prinzen, begeben sich auch Mediennutzende auf eine Reise, bei der sie gelegentlich das Ziel aus den Augen verlieren und dafür in exotische Landschaften vorstossen.
Demgegenüber gleichen die individualisierten Kommunikationsangebote wahren Schrebergärten: Da wachsen nur Früchte, die man selber gepflanzt hat. Wildwuchs wird säuberlich gejätet und ausgegrenzt. Was jedoch für Kraut und Kartoffeln Sinn macht, das tut es auch bei der Suche nach simpler Information, etwa nach Adressen und Telefonnummern im Netz. Bei dieser Form von Informationsvermittlung steht Effizienz im Zentrum, Kreativität wäre hier Zeit- und Energieverschwendung. In den Webgemeinschaften finden sich Menschen mit gleichen Interessen, Vorstellungen und Zielen. Dank dem WWW können sie sich global austauschen und unterstützen. Anstelle geografischer Begrenztheit steht hier ideelle Beengtheit.
Wer den Rest der Welt nicht aus den Augen verlieren will, riskiert einen Blick in General-Interest-Medien: Tages- und Wochenzeitungen, Zeitschriften, Vollprogramme von Radio- und Fernsehstationen und entsprechende Webangebote. Diese Medien konfrontieren uns mit gezielt gesuchten und zufällig gefundenen Informationen und Gedanken. Die Bindung an diese Medien ist auch eine Folge des Vertrauens in ihre Leistungen: Der Spiegel, der diese Woche seinen sechzigsten Geburtstag feiert, ist ein Verführungsspezialist für lange Lesereisen. Nachdem er eine Zeitlang versucht hat, journalistischen Moden zu folgen, besann er sich wieder auf seine Tradition des Geschichtenerzählers. Die Leserinnen und Leser lassen sich dabei auf Themen ein, die sie persönlich nicht virulent betreffen. Doch sie wissen, dass die Lektüre stets die eine oder andere Überraschung birgt.
Aus der Serendipity definieren sich die Möglichkeiten und Grenzen des redaktionellen Marketings. Zu wissen, was das Publikum will, ist gut und recht. Damit kann idealerweise die Vergangenheit analysiert, die Gegenwart abgebildet werden. Wer sich jedoch von der Marktforschung die Zukunft diktieren lässt, wird jeden Trend verpassen. Medien leben von Kreativität, diese beinhaltet immer einen Schritt ins Ungewisse. Ohne den Mut zum Risiko bleiben Medienprodukte ein Abklatsch des Alltags. Denn etwas wissen wir: Es gibt ein Publikum, das überrascht werden will.
Oft sind die Redaktionen aber selber Schrebergärten und funktionieren häufig nach dem Prinzip: Gleich zu gleich gesellt sich gern. Die Offenheit für Unvertrautes oder Fremdes ist auch bei Journalisten nicht ohne Schranken. Auch Neugierde kann mehr oder weniger generell sein. Für Redaktionen nur bedingt produktiv ist diese, wenn sie sich nur auf neue Episoden der ewiggleichen Seifenoper beschränkt.
In den Redaktionen muss deshalb die Bereitschaft bestehen, sich auf Neues einzulassen. Dank einer Redaktionskultur, die Vielfalt, Offenheit, Respekt vor Unvertrautem fördert und pflegt, können sich überraschende Perspektiven eröffnen. Für Medien, die sich nicht in Nischenmärkten bewegen, sondern sich an die gemischte Nutzerschar einer Region wenden, ist Vielfalt ein Muss. In die Gärten gehören deshalb exotische Pflanzen, und die Gärtner müssen hie und da eine Reise tun.
Josefa Haas ist Leiterin des Medieninstituts
Demgegenüber gleichen die individualisierten Kommunikationsangebote wahren Schrebergärten: Da wachsen nur Früchte, die man selber gepflanzt hat. Wildwuchs wird säuberlich gejätet und ausgegrenzt. Was jedoch für Kraut und Kartoffeln Sinn macht, das tut es auch bei der Suche nach simpler Information, etwa nach Adressen und Telefonnummern im Netz. Bei dieser Form von Informationsvermittlung steht Effizienz im Zentrum, Kreativität wäre hier Zeit- und Energieverschwendung. In den Webgemeinschaften finden sich Menschen mit gleichen Interessen, Vorstellungen und Zielen. Dank dem WWW können sie sich global austauschen und unterstützen. Anstelle geografischer Begrenztheit steht hier ideelle Beengtheit.
Wer den Rest der Welt nicht aus den Augen verlieren will, riskiert einen Blick in General-Interest-Medien: Tages- und Wochenzeitungen, Zeitschriften, Vollprogramme von Radio- und Fernsehstationen und entsprechende Webangebote. Diese Medien konfrontieren uns mit gezielt gesuchten und zufällig gefundenen Informationen und Gedanken. Die Bindung an diese Medien ist auch eine Folge des Vertrauens in ihre Leistungen: Der Spiegel, der diese Woche seinen sechzigsten Geburtstag feiert, ist ein Verführungsspezialist für lange Lesereisen. Nachdem er eine Zeitlang versucht hat, journalistischen Moden zu folgen, besann er sich wieder auf seine Tradition des Geschichtenerzählers. Die Leserinnen und Leser lassen sich dabei auf Themen ein, die sie persönlich nicht virulent betreffen. Doch sie wissen, dass die Lektüre stets die eine oder andere Überraschung birgt.
Aus der Serendipity definieren sich die Möglichkeiten und Grenzen des redaktionellen Marketings. Zu wissen, was das Publikum will, ist gut und recht. Damit kann idealerweise die Vergangenheit analysiert, die Gegenwart abgebildet werden. Wer sich jedoch von der Marktforschung die Zukunft diktieren lässt, wird jeden Trend verpassen. Medien leben von Kreativität, diese beinhaltet immer einen Schritt ins Ungewisse. Ohne den Mut zum Risiko bleiben Medienprodukte ein Abklatsch des Alltags. Denn etwas wissen wir: Es gibt ein Publikum, das überrascht werden will.
Oft sind die Redaktionen aber selber Schrebergärten und funktionieren häufig nach dem Prinzip: Gleich zu gleich gesellt sich gern. Die Offenheit für Unvertrautes oder Fremdes ist auch bei Journalisten nicht ohne Schranken. Auch Neugierde kann mehr oder weniger generell sein. Für Redaktionen nur bedingt produktiv ist diese, wenn sie sich nur auf neue Episoden der ewiggleichen Seifenoper beschränkt.
In den Redaktionen muss deshalb die Bereitschaft bestehen, sich auf Neues einzulassen. Dank einer Redaktionskultur, die Vielfalt, Offenheit, Respekt vor Unvertrautem fördert und pflegt, können sich überraschende Perspektiven eröffnen. Für Medien, die sich nicht in Nischenmärkten bewegen, sondern sich an die gemischte Nutzerschar einer Region wenden, ist Vielfalt ein Muss. In die Gärten gehören deshalb exotische Pflanzen, und die Gärtner müssen hie und da eine Reise tun.
Josefa Haas ist Leiterin des Medieninstituts
