«Schweizer Talente für den Export»

Events Karl Spoerri und Tim Geser holen Onedotzero, das weltweit wichtigste Digital-Film-Festival, in die Schweiz.

Events Karl Spoerri und Tim Geser holen Onedotzero, das weltweit wichtigste Digital-Film-Festival, in die Schweiz. WW: Vom 29. bis 31. Oktober geht an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich erstmals Onedotzero in der Schweiz über die Bühne, also knapp drei Wochen vor dem ähnlichen Festival Viper in Basel. Eine Kampfansage?Karl Spoerri: Nein, zumal wir ein völlig anderes, nicht selbst konzipiertes und generiertes Programm vorführen.
Tim Geser: Uns ging es darum, die international erfolgreiche Plattform, das fixfertige Digital-Film-Programm, aus London nach Zürich zu holen, wo es bis heute nichts Vergleichbares gab. Ich glaube nicht, dass Onedotzero das Publikum von der Viper abzweigt, die Interessierten werden bestimmt auch weiterhin nach Basel gehen.
Von der heimischen Eigenleistung
her könnte man Ihr Programm mit den Vorführungen der Cannes-Rolle vergleichen.
Geser: In Bezug auf Content-Zusammenstellung, Organisation und Tour-Logistik, die in London geschehen, ist der Vergleich durchaus erlaubt. Auch bei Onedotzero gibt es kein Franchise-Konzept, das uns einengt. Inhaltlich hingegen hat unser Anlass, welcher die State of the Art des artifiziellen Films vorführt, kaum Gemeinsamkeiten mit der Cannes-Rolle, die bei aller Originalität auch mit neuen Medien immer dem
kommerziellen Grundgedanken verpflichtet bleibt. Deshalb haben wir statt eines Kinos, der klassischen Festival-Location, die Hochschule als Partner gesucht, weil wir das kreative Konzept in einem Ort vorführen wollen, wo Kreativität gelebt wird. Entsprechend bieten wir ein voll bepacktes Programm an – Music Video Directors’ Clash, bei dem sich internationale VJs messen, eine Doku über den Turnschuh-Kult und die Verschmelzung von Mode mit der animierten Grafik, ein visuelles Ideenlaboratorium mehrerer Künstler.
Spoerri: Bei uns ist das Spektrum breiter. Man sieht nicht nur Arbeiten, die mit Riesenbudgets produziert wurden, sondern auch kleinere Arbeiten: Tolle Ideen, die am Heimcomputer entstanden oder mit ganz neuen Animationstechniken umgesetzt worden sind, die als Inspirationsquellen für den kommerziellen Kontext dienen und in konventionellen Werbeclips zum Einsatz kommen.
Gibt es auch Schweizer Beiträge?
Spoerri: Dieses Jahr nicht.
Welches sind Ihre Zielgruppen?Geser: Leute aus der kreativen Industrie wie Werbung, Fotografie, Film oder Kunst. Vom Inhalt und von der Technologie her sprechen wir auch die breite Masse an, die das Programm einfach konsumieren kann.
In London lockt das Filmfestival gut 12000 Zuschauer an. Sie rechnen bei der ersten Schweizer Austragung mit über 3000 Besuchern. Woher kommt dieser Optimismus?
Spoerri: Einerseits sind Bedeutung und Publikumsakzeptanz des digitalen Films in den letzten Jahren grösser geworden. Zum anderen können wir vom mehrjährigen Vorlauf des Festivals und seinem ständig ausgebauten Paket profitieren. Zudem generieren wir mit der Hochschule für Gestaltung und Kunst im Rücken automatisch ein interessiertes Publikum.
Geser: Abrechnen werden wir zwar erst nach den drei Tagen, die Resonanz ist aber jetzt schon von allen Seiten her positiv und motivierend.
Künstler wie Spike Jonze (Being John Malkovich, Adaption), Tim Hope (REM, Coldplay) oder Chris Cunningham (Madonna, Björk) wurden von Onedotzero, das heute als Talentschmiede für Nachwuchsregisseure gilt, entdeckt. Wie schätzen Sie das Potenzial in der Schweiz ein?
Geser: Aus der E-Mail-Korrespondenz mit London wird klar, dass sie dort viele Kreative aus der Schweiz kennen. Und: Die Schweizer Grafik – auch jüngeren Datums wie François Chalet – hat im Ausland immer noch einen sehr guten Ruf. Es gibt immer wieder Leute, denen es gelingt, von der Tummelwiese des digitalen Films ganz gross rauszukommen, aber es
ist auch einleuchtend, dass nicht jedes Jahr Überflieger wie ein Michel Gondry entdeckt werden können.
Im kleinen Schweizer Markt sind die Voraussetzungen für einen Erfolg allerdings nicht viel versprechend.
Spoerri: Der Film ist ein sehr teures Medium, und wenn das Publikum dafür nicht vorhanden ist, klappt die Finanzierung nur selten. Damit muss man umgehen können.
Geser: Das Problem wird aber durch die sehr konservativ denkende Werbeklientel in der Schweiz verschärft, obwohl die Werbung mehr Möglichkeiten hätte, weil sie nicht so sprachorientiert ist wie der klassische Film. Das Talent und das Potenzial müssen deshalb meist exportiert werden. Das Berner Büro Destruct zum Beispiel feiert grosse Erfolge im Ausland, vor allem in Japan.
«Float»: Im digitalen Film gehen Mode und Grafikdesign bisher ungesehene Symbiosen ein.
«Take me out»: Onedotzero präsentiert ein Labor voller Kreativität.
«River»: Auch in der digitalen Welt hat es Platz für Träume.
Interview: Luca Aloisi

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