Sawiris first

Kolumne Manchmal funktioniert Kommunikation sogar vorausgesetzt, man handhabt sie redlich, schreibt Karl Lüönd.

Kolumne Manchmal funktioniert Kommunikation sogar vorausgesetzt, man handhabt sie redlich. 
Thomas Matter hat viele Millionen und seine Zukunftsperspektive verloren, weil er geschäftlich so raffiniert war, dass er in den Augen der Öffentlichkeit alles falsch gemacht hat. Leider spielt es im Kontext der öffentlichen Meinung keine Rolle, was dereinst irgendwelche Untersuchungen ergeben werden. Und wenn sie ihn rein wüschen – ein Makel bliebe hängen. Das Urteil der öffentlichen Meinung (ein qualliger Begriff!) kennt keine Berufungsmöglichkeit. Am besten macht man von Anfang an alles richtig. Hoffentlich kommt Martin Bisang auch noch auf die Idee. Der Unterschied zwischen ihm und Matter ist bloss: Matter hat es schon hinter sich.Samih Sawiris dagegen ist einer, der alles richtig zu machen scheint. Sawiris ist dieser Ägypter, der in Andermatt das grosse Freizeitdorf bauen wird. Ein Ägypter in der Schweiz, in diesen Zeiten – das sieht nicht wie eine Erfolgsnummer aus in einem Land, wo SVP-Eiferer schon gegen virtuelle Minarette kämpfen. Da genügen ein falscher Zungenschlag und ein verschlagener Gegner, und schon stürzt der Wunderknabe von der Spitze ins Bodenlose, und der Wert seines Unternehmens schwindet unwiderruflich um Dutzende von Millionen. Im Swissfirst-Fall konnte man beobachten, wie sehr es heute auf die «weichen Faktoren» ankommt, wenn man in der Öffentlichkeit etwas zu vertreten oder zu erklären hat: Offenheit, Glaubwürdigkeit, Plausibiliät, Beweglichkeit. Und Feingefühl im Umgang mit Andersdenkenden.
Der kluge Ägypter, der im Urserental investieren will, ist natürlich in einer komfortableren Lage als Swissfirst-Chef Thomas Matter. Er muss sich nicht verteidigen, er steht nicht unter Beschuss. Aber ein paar weitere Unterschiede sind schon bemerkenswert. Natürlich hat Sawiris auch seine hochkarätigen Berater (hier u. a. Franz Egle von www.konsulenten.ch.). Aber immer, wenn es wichtig wird, kommt Sawiris selber. Er versteckt sich nicht hinter irgendwelchen Sprechern, er steht persönlich und in tadellosem Deutsch Rede und Antwort, ist greifbar und befragbar. Das macht das, was er sagt, verbindlich und glaubwürdig.
Zweitens: Der Mann ist bei aller Zielstrebigkeit beweglich und offen. Pro Natura brummt in der Ecke? Kein Problem – versteh ich doch! Kommt, lasst uns zusammensitzen. Die Bauern, die Land abtreten sollten, zögern? Sorry, versteh ich, da sind wir wohl zu schnell vorgegangen, tut uns leid! Wir verlangsamen unseren Fahrplan und gewinnen drei Monate für zusätzliche Abklärungen.
Daraus folgt, drittens: Der Mann redet nicht nur nett, er handelt auch entsprechend. Er hat, viertens, möglicherweise ein Buch gelesen, das kaum über den Kreis der Fachhistoriker hinaus bekannt geworden ist, das aber gerade im aktuellen Zusammenhang grösste Bedeutung besitzt*. Es schildert die Geschichte des Urserenwerk-Projekts. Vor sechzig Jahren sollte der gleiche Boden in Andermatt der Elektrowirtschaft zuliebe unter Wasser gesetzt werden. Und die auswärtigen Projektträger gingen ganz anders vor. Mit den entsprechenden Folgen: «Wir verhandeln nicht! Wir verkaufen nicht! Wir gehen nicht!». Der Widerstand der Urschner Bevölkerung gegen dieses Grossvorhaben der Elektrowirtschaft war kompromisslos und so militant, dass er in Gewalttätigkeiten gegen beauftragte Landaufkäufer und in den bekannten Urschner Krawall ausmündete. Es war ein ausgewachsener Krawall mit anschliessendem Prozess.
Das Projekt für das grösste Wasserkraftwerk in den Alpen besass zwar alle technischen und energiewirtschaftlichen Vorteile, jedoch einen gewichtigen Nachteil: Der Stausee hätte das gesamte Urserental mit den Dörfern Andermatt, Hospenthal und Realp überflutet.
Das Buch geht der Frage nach, warum das Urserenprojekt nicht realisiert werden konnte. Die Auseinandersetzung um das Kraftwerk Urseren war der Ausdruck einer Modernisierungskrise: Technischer Fortschritt stand gegen die traditionsverbundene Heimatliebe, das Interesse der Urschner an der Erhaltung ihrer Existenzgrundlage gegen das Interesse einer gesicherten Landesversorgung mit Elektrizität. Letztlich entscheidend für das Scheitern war die Tatsache, dass ein technisches Grossprojekt, das derart massiv in die Interessenssphäre anderer eingreift, sich gegen den Willen der Betroffenen nicht durchsetzen lässt.
Es sieht so aus, als hätten beide aus der Geschichte gelernt: die Einheimischen und die auswärtigen Initianten. Manchmal funktioniert Kommunikation ja auch, vorausgesetzt, sie wird redlich gehandhabt.
Karl Lüönd ist freier Publizist
* Erich Haag: Grenzen der Technik. Der Widerstand gegen das Kraftwerkprojekt Urseren. Chronos Verlag 2004, Zürich

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