Reicht gute Absicht?

Kolumne Starke Marken tun manchmal Gutes und verändern die Welt, doch:

Kolumne Starke Marken tun manchmal Gutes und verändern die Welt, doch:Microsoft hat in den letzten Jahrzehnten unsere Welt fundamental verändert: unsere Arbeitsweisen, unser Informations-, Unterhaltungs- und Kommunikationsverhalten und nicht zuletzt unser soziales Zusammenleben. Die Marke wurde zu einer der wertvollsten der Welt. Ihren Gründer hat dieser Markenerfolg zum reichsten Mann der Welt gemacht. Dieser angehäufte Reichtum macht sich nun daran, die globale Landschaft im Gesundheitssektor massiv zu verändern. Und zwar steuerbegünstigt: Die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung ist – gemessen am jährlichen Ausgabenvolumen und beispielsweise im Vergleich mit der Weltgesundheitsorganisation – zum wichtigsten und einflussreichsten Akteur im Gesundheitssektor dieser Welt geworden.  
Adäquat beschreibt Michael Schrage in der Financial Times die aktuelle Welle der Stiftungsgründungen als epochale «tax-supported ambitions to change the world». Er verweist darauf, dass diese philanthropischen Institutionen ihre Milliarden dafür ausgeben, die Arbeit und die Ergebnisse üblicherweise zuständiger öffentlicher Politikeinrichtungen zu verändern. Sie agieren damit nicht mehr bescheiden und ergänzend im Schatten politischer Einrichtungen wie Parteien, Parlamente, Behörden, Regierungen und internationale Institutionen. Sie werden zu deren Rivalen und Wettbewerbern. Die Gates-Stiftung entscheidet in umfassenderem Ausmass und mit einschneidenderer Wirkung als die eigentlich dafür zuständige Einrichtung der Vereinten Nationen darüber, welche Krankheiten weltweit bekämpfenswert erscheinen. Schrage fasst dies prägnant als «philanthrophic imperialism» zusammen und vermisst korrekterweise die entsprechenden demokratischen Kontrollmechanismen.
 
Historische Betrachtungen machen klar, dass dieser altruistisch getriebene Veränderungswille sehr weit zurückreicht und dass Stiftungsgründungen in grösseren Wellen die Entwicklung der modernen Welt immer begleitet haben. In der Entwicklung unserer aktuellen Gesellschaften sehr präsent sind die Institutionen aus der letzten dieser grossen Gründungswellen um den vorletzten Jahrhundertwechsel – verbunden beispielsweise mit Namen wie Ford, Carnegie oder Guggenheim. An der aktuellen Gründungswelle scheinen einige Aspekte jenseits der historischen Kontinuitäten dennoch bemerkenswert.
 
Der Politologe Herfried Münkler erinnert daran, dass Stiftungen auch als «Diktat der toten Hand» verstanden werden können. Die Stifter reizt traditionell am Instrument der Stiftung neben steuerlichen Aspekten vor allem die Tatsache, dass ihr Wille so über ihren Tod hinaus als einflussreich fixiert werden kann. Stiftungsaktivitäten lassen sich, um es einmal so auszudrücken, auch aus dem Jenseits noch durch ihre Stifter steuern.
 
Dies scheint für Bill Gates eher sekundär. Explizit verweist er immer wieder darauf, dass er das Instrument durchaus noch im Diesseits weltverbessernd nutzen möchte. Er glaubt an seine Gestaltungskraft hier und heute. Für ihn ist die Stiftung der Weg, um überlegenes unternehmerisches Handeln für mehr Effizienz und mehr Effektivität ganz aktuell weltverändernd einzusetzen. Er setzt das Gestaltungspotenzial als Stiftungschef über dasjenige des Unternehmenschefs und tritt als letzterer zu einem Zeitpunkt nicht einmal in der Nähe des Ruhestandsalters zurück.
 
Als Unternehmenschef hat Bill Gates die wertschaffende Funktion der Marke erkannt und genutzt. Mit seinem Namen verbindet sich eine der wertvollsten Marken der Welt. Nun setzt er diesen geschaffenen Wert ein, um mit seinem Namen eine der bedeutendsten Einrichtungen unserer Zeit zu erschaffen. Auch so verändern Marken die Welt.
 
Jürgen Häusler ist CEO der Gruppe Interbrand, Zintzmeier und Lux in Zürich sowie Honorarprofessor an der Universität Leipzig.

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