Management by E-Mail

Kolumne Der Chef sitzt in seinem Büro mit Sichtkontakt zum Mitarbeiterstab. Doch statt sich aus dem Sessel zu bewegen, schreibt er lieber jeden Tag Dutzende von Mails an seine Angestellten.

Kolumne Der Chef sitzt in seinem Büro mit Sichtkontakt zum Mitarbeiterstab. Doch statt sich aus dem Sessel zu bewegen, schreibt er lieber jeden Tag Dutzende von Mails an seine Angestellten.Die Chefredaktorin (hier ein Beispiel aus Zürich) ist von Amtes wegen viel unterwegs. Zudem arbeitet sie in einem anderen Teil des Gebäudes als ihr Team. Die Crew bekommt sie vor allem an Heftkritik-Sitzungen zu sehen. Dort fällt sie laut Mitarbeitern dadurch auf, dass sie die Leute nicht ansieht beim Sprechen. Und: Sie gebe sich im direkten Gespräch viel versöhnlicher, als ihr «Ton» in ihren Mails jeweils vermuten lasse, heisst es. Insgesamt entsteht ein Bild von (Zitat): «Distanziert, überfordert, nimmt sich und das Produkt viel zu wichtig». Die Frau, im normalen Leben ein warmherziger Mensch, versteht die Welt nicht ob dieser Wahrnehmung. Statt der Sache auf den Grund zu gehen, verschanzt sie sich noch mehr im Büro und kommuniziert teilweise tagelang nur noch per Mail mit ihren Leuten. Die Auswirkung auf das Betriebsklima: Die Redaktionsmitglieder sind näher zusammen gerückt, verteidigen sich auch schon mal gegenseitig vor der Chefin und entfernen sich zusehends von dieser Führungsperson. An Team-Spirit ist nicht mehr zu denken.Eine totale Ausnahme, denken Sie jetzt? Mitnichten! E-Mail ermöglicht zwar eine schnelle und kostengünstige Kommunikation. Doch das Führen eines Teams kann nicht per Mail erledigt werden. Da geht es um Stil, Persönlichkeit und Respekt anderen Menschen gegenüber. Klare Grenzen müssen gezogen werden. Inhalte wie Besprechungsprotokolle, Vertragsentwürfe, Angebote, Bewerbungen und andere personenbezogene Daten werden per Mail übermittelt. Doch Personalführung kann nun mal nicht per Mail erledigt werden.
 
Die interne E-Mail-Kommunikation hat direkten Einfluss auf die Unternehmenskommunikation, auf das Betriebsklima und auf die Unternehmensphilosophie. Dies scheint vielen Führungspersonen nicht bewusst zu sein. Und daher werden die E-Mails generell und die Konsequenzen aus der E-Mail-Kommunikation stark unterschätzt. Immer mehr Führungskräfte führen neuerdings auf Distanz. Jeder, der schon mal in einer Kaderposition tätig war, weiss, dass nichts so aufwändig ist, wie Mitarbeiter zu «hegen und pflegen». Der Mail-Verkehr bringt eine vermeintlich optimale Lösung im Umgang mit Mitarbeitenden. Doch was vom Vorgesetzten als wertvolle Zeit- und Energieersparnis empfunden wird, nimmt der Mitarbeiter als Abkapselung, Non-Kommunikation und auf jeden Fall in negativer Form wahr. Weiteres Beispiel gefällig?
Der CEO einer stark expandierenden Start-up-Firma ist etwa so präsent wie «Q» im neusten James- Bond-Streifen. Es gibt ihn, oh ja. Plötzlich zirpt der PC «You’ve
got mail», und schon schreibt er aus Asien oder den USA, wie er sich die nächsten Tage in der Schweiz sitzungsmässig vorstellt. Der Mitarbeiterstab wird informiert: «Nächste Woche ist der Chef da.» Meetings werden organisiert. Am Vorabend des Sitzungsmarathons heisst es «You’ve got mail»: Alle Meetings annullieren. Der Chef fliegt kurzerhand nach Paris. Und die Angestellten? Sie führen sich quasi selbst und suchen erst mal Entspannung nach dieser kurzen Hektik.
 
Interne Kommunikation ist innerbetriebliche Public-Relations. Interne Kommunikation bedeutet, Kultur vermitteln, Flagge zeigen, ein Wir-Gefühl schaffen. Wer die interne Kommunikation beherrscht, beeinflusst massgeblich die Zufriedenheit seiner Mitarbeitenden am Arbeitsplatz und macht sie so zu Meinungsmultiplikatoren. Führen heisst Verantwortung übernehmen. Erfolge erzielen kann jeder Chef nur gemeinsam mit einem Team, das motiviert und leistungsbereit ist. E-Mail-Verkehr darf deshalb niemals die direkte interne Kommunikation ersetzen.
Zum Schluss noch den: Kurz vor Ende Jahr will jeder seine Lohnerhöhung. Chef X, bekannt für seine offene Tür, wimmelt seit einigen Tagen alle ab. Zu viel Sozialkontakt? Ein Overkill durch Mitarbeitende? Offenbar. Dann ein Mail an alle: «Auf Grund der knappen Zeit in diesem Jahr bitte ich Euch, auf Lohngespräche mit mir zu verzichten. Mailt mir stattdessen Eure Vorstellungen.» Kein Witz!
Wer per Mail führt, fällt als Führungsperson durch. In diesem Sinne: Schöne Festtage.
Karin Müller,
früher Journalistin, betreibt heute ihr eigenes Kommunikationsbüro in Zürich.

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