Machtballung – und alle gucken weg?
Zum ersten Mal in der Schweiz entsteht durch die Elefantenhochzeit von Tamedia und Edipresse ein Verlagskoloss, dessen Imperium sich von der Ostschweiz bis zum Genfer See erstreckt. Doch andere Fälle haben gezeigt, dass zu verschiedene Unternehmenskulturen oft nicht harmonieren – zudem verzerren solche Giganten den Wettbewerb. Gastkommentar von Stephan Russ-Mohl, Leiter des Europäischen Journalismus-Observatoriums an der Universität Lugano.
In der Schweiz war es ein Mega-Event, über den sogar Regionalblätter wie die Mittelland-Zeitung über zwei Seiten hinweg berichteten. Im benachbarten Deutschland dagegen wurde die Fusion von Tamedia und Edipresse in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gerade mal als Einspalter vermeldet. Im Rückblick ist nicht die Fusion der beiden Verlagsgiganten aus der Deutschschweiz und der Suisse Romande die grosse Überraschung, sondern wie sie in der Schweiz weggesteckt wurde. Das Land hat derzeit wahrlich andere Sorgen. So blieb den Akteuren ein Aufschrei der Empörung erspart. Denn eigentlich passt so viel Zusammenballung von Medienmacht ja ganz und gar nicht zur Eidgenossenschaft, die sich ihrer direkten Demokratie rühmt und auch sonst über das vielleicht ausgeklügeltste System wechselseitiger Machtbalance verfügt, das westliche Demokratien zu bieten haben.
Zum ersten Mal entsteht in der Schweiz, die sich einer Medienvielfalt wie kaum ein anderes europäisches Land erfreut, ein Verlagskoloss, dessen Zeitungsimperium von der Ostschweiz bis an den westlichen Winkel des Genfer Sees reicht: In Sankt Gallen ist Tamedia mit dem Gratisblatt 20 Minuten am Markt, im Nachbarkanton Thurgau gehört ihr die Thurgauer Zeitung. In Genf und Lausanne kommen von Edipresse Le Temps, Tribune de Genève, Le Matin, 24 heures und der Gratistitel Le Matin Bleu dazu. Letzterer soll mit 20 minutes zusammengelegt werden. Und an seinem Stammsitz Zürich ist Tamedia ohnehin der Platzhirsch im Multimediageschäft – mit 20 Minuten, Tages-Anzeiger, SonntagsZeitung, TeleZüri und Radio 24.
Der Röstigraben verhindert Gleichklang
Auf den ersten Blick ist das ein mächtiger Konzentrationsschub, und damit gehen Befürchtungen einher, der Meinungspluralismus in der Schweiz könnte Schaden nehmen. Bei näherem Hinsehen sind, zumindest vorerst, derlei Ängste wenig begründet: Zum einen hat Tamedia bisher hausintern viel Pluralismus ermöglicht. Eine politische Gleichschaltung des Medienimperiums, wie sie etwa bei Berlusconi oder bei Murdoch immer wieder zu beobachten sind, ist von Pietro Supino und Martin Kall, den beiden Topleuten von Tamedia, nicht zu erwarten.
Zum anderen wird schon der Röstigraben zwischen der Suisse Romande und der Deutschschweiz allzu viel Gleichklang verhindern. Die Sprachbarriere macht es wenig wahrscheinlich, dass Le Temps künftig von den gleichen Korrespondenten beliefert wird wie der Tages-Anzeiger. Schon die Übersetzungskosten für einzelne Artikel sind höher für Beiträge, die eine Redaktion direkt bei einem freischaffenden Journalisten bestellt, der in seiner Muttersprache arbeitet.
Synergien wird es also weniger in den Redaktionen als vielmehr «backstage» geben, wie es so schön im Managementjargon heisst. Hinter der Bühne kann man, so jedenfalls hat es Tamedia-Chef Martin Kall vorgerechnet, rund 30 Millionen Franken jährlich sparen, indem man Papier gemeinsam einkauft, Druckereien besser auslastet, das Anzeigengeschäft gemeinsam betreibt und andere Bereiche, zum Beispiel die Informationstechnologie, zusammenlegt. Das klingt, verglichen mit den Milliarden Steuergeldern, die unsere Politiker allerorten in Eu¬ropa derzeit so grosszügig an Banken, Autohersteller und andere «Notleidende» verteilen, eher nach «Peanuts». Gemessen am Umsatz der beiden Unternehmen von 1,5 Milliarden Franken, handelt es sich um ein Sparpotenzial von 2 Prozent. Das wiederum erscheint solide und realistisch kalkuliert.
Vor allem aber ist man mit einem Unternehmen, das nahezu im ganzen Land präsent ist, gegen Giganten wie Google oder Microsoft, aber auch die Telekomkonzerne und sogar die Post besser gewappnet, die mit Macht ins Mediengeschäft drängen.
Trotz solch offensichtlicher Chancen, die aus der Elefantenhochzeit erwachsen, ist der Schritt von Tamedia und Edipresse mutig. Denn nicht nur Daimler und Chrysler oder Dresdner Bank und Allianz haben nach kurzen Flitterwochen gemerkt, dass ihre Unternehmenskulturen wenig harmonieren. Auch bei Fusionen zahlreicher grosser Medienunternehmen war der Ehestreit programmiert und hat die Aktionäre viel Geld gekostet. Robert Picard, einer der prominentesten Medienökonomen Europas, hat erst kürzlich bei einer Fachtagung in der Schweiz aufgelistet, wo überall sich die Träume von Synergien in Luft aufgelöst haben: Er erinnerte an AOL-Time Warner, an Vivendi Universal und an Bertelsmann als besonders spektakuläre Fälle. Die Liste liesse sich mühelos verlängern. Picard plädierte für mehr «coopetition» – eine Wortschöpfung aus «cooperation» und «competition». Dabei geht es um eine enge, punktuelle Zusammenarbeit unter Wettbewerbern, die jedoch selbstständig bleiben. Ob das der bessere Weg auch für Tamedia und Edipresse gewesen wäre, bleibt abzuwarten.
Für die Schweiz als Medienstandort ist die Antwort dagegen ein klares Ja. «Machtballungen», so Hugo Triner, der Verleger des Boten der Urschweiz/Südostschweiz, «sind nicht nur staatspolitisch, sondern auch ökonomisch sehr fragwürdig.» Er findet es «blauäugig», sie zuzulassen. Vor allem Inserenten und Journalisten, aber auch Leser würden abhängig. Grossunternehmen verzerrten den Wettbewerb z. B. mit Dumpingpreisen, um Konkurrenten vom Markt zu verdrängen. Nachher, «wenn ein Monopol oder Quasi-Monopol geschaffen worden ist, werden die redaktionellen Leistungen deutlich gekürzt und die Preise angehoben». In der Tat, dafür gibt es auch in der Schweiz bereits zahlreiche Beispiele.
Zum ersten Mal entsteht in der Schweiz, die sich einer Medienvielfalt wie kaum ein anderes europäisches Land erfreut, ein Verlagskoloss, dessen Zeitungsimperium von der Ostschweiz bis an den westlichen Winkel des Genfer Sees reicht: In Sankt Gallen ist Tamedia mit dem Gratisblatt 20 Minuten am Markt, im Nachbarkanton Thurgau gehört ihr die Thurgauer Zeitung. In Genf und Lausanne kommen von Edipresse Le Temps, Tribune de Genève, Le Matin, 24 heures und der Gratistitel Le Matin Bleu dazu. Letzterer soll mit 20 minutes zusammengelegt werden. Und an seinem Stammsitz Zürich ist Tamedia ohnehin der Platzhirsch im Multimediageschäft – mit 20 Minuten, Tages-Anzeiger, SonntagsZeitung, TeleZüri und Radio 24.
Der Röstigraben verhindert Gleichklang
Auf den ersten Blick ist das ein mächtiger Konzentrationsschub, und damit gehen Befürchtungen einher, der Meinungspluralismus in der Schweiz könnte Schaden nehmen. Bei näherem Hinsehen sind, zumindest vorerst, derlei Ängste wenig begründet: Zum einen hat Tamedia bisher hausintern viel Pluralismus ermöglicht. Eine politische Gleichschaltung des Medienimperiums, wie sie etwa bei Berlusconi oder bei Murdoch immer wieder zu beobachten sind, ist von Pietro Supino und Martin Kall, den beiden Topleuten von Tamedia, nicht zu erwarten.
Zum anderen wird schon der Röstigraben zwischen der Suisse Romande und der Deutschschweiz allzu viel Gleichklang verhindern. Die Sprachbarriere macht es wenig wahrscheinlich, dass Le Temps künftig von den gleichen Korrespondenten beliefert wird wie der Tages-Anzeiger. Schon die Übersetzungskosten für einzelne Artikel sind höher für Beiträge, die eine Redaktion direkt bei einem freischaffenden Journalisten bestellt, der in seiner Muttersprache arbeitet.
Synergien wird es also weniger in den Redaktionen als vielmehr «backstage» geben, wie es so schön im Managementjargon heisst. Hinter der Bühne kann man, so jedenfalls hat es Tamedia-Chef Martin Kall vorgerechnet, rund 30 Millionen Franken jährlich sparen, indem man Papier gemeinsam einkauft, Druckereien besser auslastet, das Anzeigengeschäft gemeinsam betreibt und andere Bereiche, zum Beispiel die Informationstechnologie, zusammenlegt. Das klingt, verglichen mit den Milliarden Steuergeldern, die unsere Politiker allerorten in Eu¬ropa derzeit so grosszügig an Banken, Autohersteller und andere «Notleidende» verteilen, eher nach «Peanuts». Gemessen am Umsatz der beiden Unternehmen von 1,5 Milliarden Franken, handelt es sich um ein Sparpotenzial von 2 Prozent. Das wiederum erscheint solide und realistisch kalkuliert.
Vor allem aber ist man mit einem Unternehmen, das nahezu im ganzen Land präsent ist, gegen Giganten wie Google oder Microsoft, aber auch die Telekomkonzerne und sogar die Post besser gewappnet, die mit Macht ins Mediengeschäft drängen.
Trotz solch offensichtlicher Chancen, die aus der Elefantenhochzeit erwachsen, ist der Schritt von Tamedia und Edipresse mutig. Denn nicht nur Daimler und Chrysler oder Dresdner Bank und Allianz haben nach kurzen Flitterwochen gemerkt, dass ihre Unternehmenskulturen wenig harmonieren. Auch bei Fusionen zahlreicher grosser Medienunternehmen war der Ehestreit programmiert und hat die Aktionäre viel Geld gekostet. Robert Picard, einer der prominentesten Medienökonomen Europas, hat erst kürzlich bei einer Fachtagung in der Schweiz aufgelistet, wo überall sich die Träume von Synergien in Luft aufgelöst haben: Er erinnerte an AOL-Time Warner, an Vivendi Universal und an Bertelsmann als besonders spektakuläre Fälle. Die Liste liesse sich mühelos verlängern. Picard plädierte für mehr «coopetition» – eine Wortschöpfung aus «cooperation» und «competition». Dabei geht es um eine enge, punktuelle Zusammenarbeit unter Wettbewerbern, die jedoch selbstständig bleiben. Ob das der bessere Weg auch für Tamedia und Edipresse gewesen wäre, bleibt abzuwarten.
Für die Schweiz als Medienstandort ist die Antwort dagegen ein klares Ja. «Machtballungen», so Hugo Triner, der Verleger des Boten der Urschweiz/Südostschweiz, «sind nicht nur staatspolitisch, sondern auch ökonomisch sehr fragwürdig.» Er findet es «blauäugig», sie zuzulassen. Vor allem Inserenten und Journalisten, aber auch Leser würden abhängig. Grossunternehmen verzerrten den Wettbewerb z. B. mit Dumpingpreisen, um Konkurrenten vom Markt zu verdrängen. Nachher, «wenn ein Monopol oder Quasi-Monopol geschaffen worden ist, werden die redaktionellen Leistungen deutlich gekürzt und die Preise angehoben». In der Tat, dafür gibt es auch in der Schweiz bereits zahlreiche Beispiele.
