Kein Anschluss unter dieser Nummer

Vor der Tarifrunde überraschte Guye Benker mit einer Inserentenkampagne für den Tages-Anzeiger

Vor der Tarifrunde überraschte Guye Benker mit einer Inserentenkampagne für den Tages-AnzeigerVon Simone Keller Einmal das eigene Konterfei (gratis) auf einer ganzen Seite im Tagi serviert bekommen – Wunsch- oder Alptraum? Für acht leitende Mitarbeiter gewichtiger Werbeauftraggeber ist dies während der letzten zwei Wochen Realität geworden: Auf ihre Kosten demonstrierte Guye Benker, wie Werbung im Tages-Anzeiger wirkt.
«Das gibts ja nicht!», ärgerte sich Michael Brodbeck am Morgen des 18. September, als er, von einem unbekannten Telefonanrufer darauf hingewiesen, sein Gesicht auf einer ganzen Tagi-Seite entdeckte. Nicht genug: Im linken unteren Bildrand prangte in fetten Lettern seine direkte Geschäftstelefonnummer. Der Leiter Produktemanagement der Rivella AG wurde das erste «Opfer» einer ungewöhnlichen Inserentenkampagne des Tages-Anzeigers. Auf diese Weise porträtierte die Tageszeitung in acht Ausgaben Personen aus den Führungsetagen bestehender und potenzieller Tagi-Inserenten.
Mitmachen ja, aber nicht mit der realen Telefonnummer
Verantwortlich für die ungewöhnliche Aktion ist die Agentur Guye Benker, die zur Publikation der neuen Inseratetarife einen Salesfolder kreieren sollte. Der Vorschlag, die Inserenten gleich selbst erfahren zu lassen, wie Werbung im Tages-Anzeiger wirkt, stiess bei der Auftraggeberin auf offene Ohren.
«Wir waren alle sofort begeistert von der spontanen Idee», schwärmt Gabriela Wettstein, Leiterin Marketingkommunikation bei Tamedia. «Es ist selten, dass ein Verlag Inserentenwerbung im eigenen Titel schaltet. Dabei erhält man so eins zu eins ein Feedback», ergänzt sie. Dass ohne die nötige Vorsicht mit einer solchen Aktion genau das Gegenteil erreicht werden könnte, dessen waren sich beide Seiten bewusst. So wird, was auf den ersten Blick als gewagte Spontanaktion anmutet, fast restlos entschärft, wenn Gabriela Wettstein und Christophe Guye versichern, dass entsprechende Vorabklärungen stattgefunden hätten.
Nicht alle angefragten Personen wollten ihr Gesicht für den Tagi zur Verfügung stellen, wie Wettstein gesteht. Da die meisten Porträtierten von der Agentur vorinformiert wurden, gaben sie auch nicht ihre wirklich direkten Kontakte an, sondern schalteten zu diesem Zweck eine spezielle Nummer auf. Wer also Swisscom-Mobile-Mann Mike Weber über die im Tagi publizierte Handynummer erreichen wollte, wurde direkt an die Combox weitergeleitet, was dazu führte, dass «viele sich nicht getrauten», etwas zu sagen. Auch die neben Gabriela Hollensteins Konterfei abgedruckte Nummer ist nicht wirklich ihre Durchwahl und bleibt auch nur ein paar Tage aktiv, wie die VZ-Marketing- und Media-Verantwortliche bekannt gibt. Trotzdem beantwortet sie Anrufe auf diesem Anschluss.
Ganz anders Arjen Pen: Er setzte sich am Tage X nach Moskau zur Dienstreise ab und überliess die eingehenden Anrufe und Mails seiner Assistentin. Wirklich nichts gewusst von der ganzen Geschichte hat Michael Brodbeck. Er sei sehr erstaunt gewesen, drückt er seine ersten Gefühle gelinde aus, aber mit der Zeit habe er die ganze Sache «mit einer guten Portion Humor genommen». Erst später erfuhr er, dass die Publikation mit der Rivella-Geschäftsleitung abgesprochen war. Die Telefonnummer hat auch er gleich nach der Entdeckung umgeleitet.
Fortsetzung folgt: Auf dem Salesfolder des Tagi
Die Reaktionen auf die Inserate beurteilen aber alle Beteiligten als sehr positiv. Die häufigste Anfrage betraf Sinn und Zweck der Anzeigen. Erstaunlich viele Werbeagenturen erkundigten sich nach dem Absender, und einige Bekannte und Verwandte hätten anlässlich der Porträts wieder einmal Kontakt aufgenommen. Daneben gab es auch Komplimente, so für das «sympathische Lächeln» von Mike Weber. Jemand wollte Gabriela Hollenstein sogar gleich persönlich kennen lernen und tauchte im VZ auf.
Auch bei Guye Benker und dem Tages-Anzeiger ist man zufrieden mit dem ersten Feedback der Aktion. Geplant ist nun, die porträtierten Personen und ihre Erfahrungen in den Salesfolder zu integrieren. Einer wird allerdings heute noch staunen, löst er doch, ohne es zu wissen, die Teaseraktion der vergangenen Wochen auf: Tagi-Verkaufsleiter Fridolin Holdener (siehe Seite 25).
Spielten (un)freiwillig Versuchskaninchen: Michael Brodbeck, Leiter Produktemanagement, Rivella AG, Arjen Pen, Leiter Verkauf und Marketing Swiss, Arno Gunsch, Marketingmanager Saab Automobile Schweiz AG, Mike Weber, Head of Marketing Communications Swisscom Mobile AG, Urs Schubiger, Geschäftsleitung Schubiger Möbel, Gabriela Hollenstein, Marketing und Media VZ Vermögenszentrum, Marc Gläser, Marketing Director International Maurice Lacroix SA, und Stefan Planzer, Marketingmanager Heineken Switzerland.

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