Halbe Performance

René Worni über allzu verspätete Forschungsresultate und die Gründe, weshalb es die Leute von Radio, Fernsehen und Online-Medien besser haben als diejenigen der Zeitung.

 
René Worni über allzu verspätete Forschungsresultate. 
Die Kollegen von Radio und Fernsehen und auch von den Online-Medien haben es gut. Sie geniessen im Vergleich zu den gedruckten Medien einen Luxus. Denn ihnen ist stets klar, wie sie beim Publikum ankommen. Das berühmte Kästchen in ein paar ausgewählten Haushalten misst die Publikumsquoten beim Fernsehen, die Radiouhr hört selbst unter der Dusche noch DRS, und im Internet sammeln sich die Klicks zu Millionen praktisch von alleine. In Bälde wird eine neue Mediawatch sogar TV, Radio und dazu deren Konsum über Internet messen können. Von diesem berauschenden, weil schnellen Wechselspiel zwischen Ursache und Wirkung kann die Zunft der Zeitungsleute nur träumen. Auf «Leserquoten» müssen sie nämlich lange warten. Für einen Zeitungsverleger ist es besonders dann besonders schlimm, will er schnellschnell zum Beispiel mit einer Gratiszeitung den Gegner aus dem Markt werfen oder ein altes Blatt aufmotzen und umbenennen. Will er wissen, ob dem Publikum tatsächlich gefällt, dass es das geliftete Boulevardblatt jetzt von hinten wie von vorne her geradeaus lesen muss, dann ist es vielleicht schon zu spät, und die Audience hat sich in neue Medienlabyrinthe verflüchtigt. Noch schlimmer: Ohne rechtzeitige und verlässliche Reichweitenzahlen kneifen die Inserenten (diese sind hierzulande dazu noch eine zögerliche Bande).  Ohne Inserate keine Einkünfte, ohne Einkünfte keine Zeitung und ergo keine Leser – die Schlange beisst sich von hinten grad selber.
Was tun? Schlimmstenfalls wartet ein Verleger bis zu anderthalb Jahren, bis er erste verlässliche Reichweiten für seinen neuen Titel von der Wemf bekommt. Bis dahin muss er sich mit teuren und aufwändigen Sonderstudien behelfen, um seine Marktperformance zu beweisen. Beim Gratiswirtschaftsblatt Cash Daily zeigt sich das exemplarisch. Die Reichweitenzahlen der Wemf kommen also immer zu spät. Das ist nicht die Schuld des Forschungsinstitutes, sondern der Verleger. Ihre (schweigende) Mehrheit bestimmt den Erhebungsrhythmus und blockiert damit die Innovationen gleich mit. So bleibt es wohl noch lange beim blossen Traum von der «total performance» eines Verlagshauses, also der Summe aller Reichweiten aus Print, Radio, Mobile, TV und Online.
René Worni, Redaktor

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