Frisch frisierte Kordel

Nachwuchsförderung Das Cannes Open hat sich etabliert. 66 Einsendungen wurden in diesem Jahr juriert. Gewonnen haben Martin Stauch und Armin Arnold von der Agentur Lowe Direct.

Nachwuchsförderung Das Cannes Open hat sich etabliert. 66 Einsendungen wurden in diesem Jahr juriert. Gewonnen haben Martin Stauch und Armin Arnold von der Agentur Lowe Direct.Nach 29 Arbeiten im ersten Jahr und 47 in der zweiten Ausgabe hat sich jetzt das Cannes Open 03 mit 66 Einsendungen «offensichtlich als ein begehrter Nachwuchswettbewerb positionieren können», wie Walter Grolimund von Keystone meint. Die Zürcher Fotoagentur hat vor drei Jahren das Cannes Open lanciert und sponsert nach wie vor den ersten Preis: eine Reise nach Cannes an die Werber-Weltmeisterschaft für das Siegerteam inklusive aller Gebühren für die Teilnahme der prämierten Arbeit am offiziellen Wettbewerb. Die Plakanda greift für den Sieger in die Brieftasche und finanziert einen Plakataushang an der Weinbergstrasse in Zürich. Die Werbewoche fungiert als Medienpartner. Der Nachwuchswettbewerb, bei dem alle Sujets mit Fotos aus dem Archiv von Keystone gestaltet werden müssen, ist von der Agentur Jung von Matt/ Limmat konzipiert worden. Der Auftrag lautete, dass mit diesem Plakatwettbewerb die kreativen Gestalter für das Arbeiten mit Fotos aus dem Archiv von Keystone sensibilisiert werden sollen.
«Wie weit in dieser Beziehung ein Umdenken stattgefunden hat, lässt sich noch nicht abschätzen», glaubt Walter Grolimund. Zwar ist das Interesse an Archivbildern sichtlich gestiegen – das könnte aber auch mit den überall knapper gewordenen Budgets begründet werden. Umgekehrt ist die Tendenz bekannt, dass auf dem Markt die Honorare für freie Fotografen zum Teil massiv eingebrochen sind.
Bei der Jurierung ist aufgefallen, dass viele Nachwuchswerber offensichtlich gerne mit Promis arbeiten – würden. Aber mit dem Kauf einer Fotografie von Michael Schumacher bei Keystone sind die Persönlichkeitsrechte des Rennfahrers natürlich noch nicht abgegolten. Eher graue Zone herrscht bei Bildern von George W. Bush oder dem Papst. Der amerikanische Präsident hat im Wettbewerb mit seinem Hund für Duke’s Hundeschule herhalten müssen unter der Schlagzeile «not even my dog listens to me…». Der Papst wurde gleich dreimal verbraten,
für BlackSocks.com, Hitradio Z und eine Anti-Aids-Kampagne des Lifestyle-Magazins Faces.
Auffallend war ebenfalls, dass viele junge Werber «einen ziemlich ausgeprägten Hang zum Zynismus haben», wie Urs Schrepfer von Jung von Matt beim Betrachten der ausgelegten Arbeiten bemerkte. Jesus am Kreuz musste für Unterhosen der Marke Vive Maria werben. Ein durch eine Bombe zerstörtes Kino Xenix, das nach der Explosion kein Dach mehr hat, soll Stimmung für seine Open-air-Filme machen.
In der Praxis ist es umgekehrt
Für die Jury war es trotzdem positiv, zu sehen, wie die jungen Kreativen, zum Teil noch Lehrlinge, «völlig unbefangen an eine Idee herangehen». Dieser spielerische Umgang mit Ideen hat aber auch dazu geführt, dass viele Wettbewerbsteilnehmer zuerst ein attraktives oder besonders schräges Bild wählten und erst in einem zweiten Schritt den passenden Werbekunden dazu gesucht haben. «In der Praxis funktioniert das natürlich gerade umgekehrt», weiss Jury-Mitglied Daniel Comte.
Dass eine gute Idee allein nicht reicht, war bei Matthias Freuler das entscheidende Argument, wieso er sich beim Jurieren für das «sehr schön und plakativ umgesetzte Sujet» vom Team Stauch/Arnold eingesetzt hat. Die Siegerarbeit hat auch Markus Ruf und Simone Fennel überzeugt, weil hier «zuerst ein Auftrag formuliert wurde, der dann mit einer guten Idee und viel Professionalität» umgesetzt worden ist. Die Vorhangkordel auf dem Archivbild von Keystone ist mittels Photoshop am Computer in Einzelteile zerlegt und dann neu «frisiert» zusammengesetzt worden.
Das Siegerduo Martin Stauch und Armin Arnold (l.) mit ihrer Anzeige für einen Theatercoiffeur. Auf Platz zwei folgen Raul Serrat und Patrik Rohner mit einem Tabasco-Lkw und auf Platz 3 Frederick Rossmann
und Daniel Roznovjak mit dem Sujet «The Wall» für Laurastar AG.
Juroren Markus Ruf, Urs Schrepfer und Daniel Comte (v. l.).
Andreas Panzeri

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