Eine Zahnlücke wartet auf Dich

Werbewoche-Redaktorin Anne-Friederike Wilhelm über den Frust, nach den Ferien mit schwachsinnigen Plakaten begrüsst zu werden.

Ich habe Wale gesehen. Hirsche aus nächster Nähe, Kariboos, Otter und Seelöwen. Und einen jungen Bären. Ich habe die Rockies gesehen, schneebedeckt, tiefe Schluchten, reissende Wasserfälle und das weite Meer. Und ich habe mich wieder auf zu Hause gefreut. Zurück in Zürich, brutal gejetlagt, sehe ich: Werbung. «Jemand wartet auf Dich», behauptet Herzenvermittler Parship. Verflixt, bin ich schon wieder zu spät dran?!
Der Jemand, ein Typ vom Schlag Möchtegernzahnarzt oder Erfolgloserjungunternehmer, lächelt mich so süffisant-liebenswürdig vom weinroten Plakat an, dass mir ganz schwummrig wird und sich der fettige Flugzeug-Muffin wieder meldet. Wenn es Schlimmeres gibt als alle Turbulenzen zusammen, dann das hier. In der Ankunftshalle grient eine Ich-könnte-die-erfolgreiche-schöne-und-reiche-Frau-an-Deiner-Seite-sein-Lady auf mich herab. Erleichtert erkenne ich: Ich bin gar nicht gemeint – und fasse fest die Hand meines Liebsten.
Aber das Leid ist noch nicht vorbei. «Ausländer? Abstimmen!» lese ich auf dem nächsten Versuch, eine Botschaft zu verbreiten. Dürfen Ausländer in der Schweiz jetzt auch abstimmen? Dank SVP? Durchgebracht in nur drei Wochen?? Am nächsten Morgen dämmert mir, dass dieses rot-weisse Schwarz-weiss-Plakat nur ein erneuter Beweis dafür ist, dass die Anhänger der SVP wenigstens einmal in ihrem Leben aus Ob- und Nidwalden in die grosse weite Welt reisen
sollten. Oder wenigstens von Ob- nach Nidwalden oder von Nid- nach Obwalden. Dann würden sie begreifen, dass jeder ein Ausländer ist. Fast überall. Und das oft schon im Nachbarkanton.
Welcome back
Einen Tag später die GMX-Mailbox: Neben etlichen Spams lächelt mich eine zahnlückige Blondine von einem Werbebutton an. Entgegen der ersten Vermutung wirbt sie nicht für den «Zahnarzt in Deutschland» (auch so eine bescheuerte Werbung, die in vielen Trams herumklebt), sondern für ein Shampoo von Pantene Pro-V. Erst beim zweiten Blick fällt mir auf, dass die Lotte wirklich ganz hübsche Haare hat – jedenfalls verglichen mit ihrem Gebiss. Und dann kann man auch noch bei einem Haarschwung-Contest mitmachen. Das ist doch prima. Ich versuche es gleich und verrenke mir den Economyclass-Sverspannten Nacken. Ach toll. Welcome back!
Mein Gott, Werber, fällt Euch wirklich kein Sujet ein, das nach den Ferien nicht den absoluten Ich-will-wieder-weg-Kater weckt!? Denkt doch auch mal an die armen Menschen, die Eure Plakate und Inserate betrachten müssen. Doch, da: Hotelplan hat es sich mit seinem Palmenstrandfoto zwar sehr einfach gemacht, aber wenigstens stimmt die Botschaft: «75 Jahre Ferien». Die könnte ich jetzt wirklich gebrauchen. Oder ich fahre zwischendurch einfach mal wieder nach Bern. Wegen der Bären.
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