Die Verantwortung der Leserinnen und Leser

Die Medienbranche kämpft um die Nutzerinnen und Nutzer. Die Geburtsfehler der Medienanbieter werden breit diskutiert, die Fehler der sich informierenden Öffentlichkeit selten. Wo sind sie, die verantwortungsbewussten Leserinnen und Leser? Von Josefa Haas, Leiterin Medieninstitut

Denkanstösse erhält man beim Stöbern. In einem Antiquariat ist mir das Buch «The responsible Reader» von Linda Ziff in die Hände gefallen. Ihre Kernaussage lautet: «Alle Autoren schreiben für eine Leserschaft. Sie schreiben in der Erwartung, gelesen zu werden. Der totale Effekt eines Textes besteht aus dem Beitrag des Lesers und dem des Autors. Autoren schaffen den Ausgangstext, den du beim Lesen vervollständigst mit der Interpretation aus deinem Wissens- und Erfahrungshintergrund. So entdeckst du, was der Text für dich bedeutet. Lesen auf diese Art und Weise bedeutet, einen Text für dich zu schaffen. Verantwortungsvolles Lesen ist wie Schreiben ohne Tinte.»

Was lernen wir daraus für die Medienbranche? Als Anbieter von Journalismus müssen wir mit dem verantwortungsvollen Leser Blickkontakt aufbauen. Dazu gehört zum einen die Bescheidenheit, nur einen Teil der Medienerfahrung zu liefern. Zum anderen gehört die Neugierde auf die unterschiedlichen Vervollständigungen unserer Texte durch die Leserinnen und Leser. Dies ist die Grundlage für einen Dialog, ein Gespräch, indem die Geschichte durch die Beiträge aller weitererzählt wird.

In Zeiten der sozialen Medien scheint dies eine Selbstverständlichkeit. Ein Blick in die Kommentarspalten zeigt jedoch, dass substantielle Debatten selten sind. Die Polterer und Polemiker dominieren die Plattformen. Die Medienleute bleiben in ihren Kontaktnetzen unter sich. Die Frage stellt sich: Wie können die gescheiten Gedanken der verantwortungsvollen Leser sichtbar gemacht werden?

Nach dem Vorbild New York Times versuchen es immer mehr Zeitungen mit einer Auswahl von Kommentatoren, in die Vertrauen gesetzt wird, Trusted Commenters. Mit Schritten von Identifizierungen, Redaktion und Kuration können Medienmarken auf ihren sozialen Plattformen die Qualität einfordern, die sie auch für ihre redaktionellen Beiträge behaupten. Starke Gemeinschaften bauen auf einer gemeinsamen Kommunikationskultur. Diese muss thematisiert, von den Medienanbietern und der aktiven Leserschaft gestaltet werden.

Ein lebendiges Medienangebot steht auf den drei Beinen publizistisches Angebot, Lesermarkt und Werbemarkt. Die Werbeeinnahmen fliessen nur einträglich, wenn die anderen beiden Beine solid sind. Verantwortung tragen alle Mitspieler im Medienmarkt, auch die Leser. Wie können wir unsere Zeitung retten, fragte Walter Isaachson 2009 im Time- Magazin. Die Fragen sind aktueller denn je. Er nahm selbstkritisch sein Verhalten als Leser unter die Lupe, beschrieb, wie er zunehmend Gratisangebote im Internet nutzte und auf bezahlte Abos verzichtete. Dieser Trend brachte das Geschäftsmodell der Zeitungen ins Wanken. Isaachson fordert die Leser auf, sich zu fragen, wer künftig die Tätigkeit von unabhängigen Journalisten bezahlen wird. «Ich sage das, weil ich Journalismus liebe. Er ist wertvoll und sollte von seinen Konsumenten wertgeschätzt werden.»

Der verantwortungsvolle Leser interessiert sich dafür, wer in die Inhalte mit welchen Absichten investiert und wer daran verdient. Er versteht das Medienangebot als Input für seine Auseinandersetzung mit dem Geschehen. Sind ihm unabhängige Recherchen und Meinungen wertvoll, ist er auch bereit, dafür zu bezahlen. Medienanbieter, die im Leser den Kunden sehen, der König ist, pflegen ihrerseits eine Beziehung zu ihm, die auf Wertschätzung beruht. Die Qualität der Kontakte schafft ein Netzwerk des Medienangebots, das wiederum für die Werbeauftraggeber attraktiv und preiswert ist.

Die verantwortungsbewussten Leserinnen und Leser fordern von den Medienanbietern einen respektvollen Umgang. Dazu gehört ein gesprächsbereiter Journalismus ebenso wie ein transparentes, nachvollziehbares Preissystem für zahlende Nutzer.
 

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