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«English Editions» rechnen sich nicht, bringen Qualitätstiteln aber viel Prestige

«English Editions» rechnen sich nicht, bringen Qualitätstiteln aber viel PrestigeVon Oliver Classen Der Spiegel hätte gern eine, die NZZ beschränkt ihre momentan aufs Internet und die FAZ stellt sie Ende Juni gar ganz ein: Konjunktureller Kostendruck lässt englischsprachige Ausgaben für renommierte Verlagshäuser vom Wunschobjekt zum Sorgenfall werden.
Dass die Neue Zürcher Zeitung in den Neunzigerjahren zum Leibblatt von Marathonkanzler Helmut Kohl avancierte, hatte sie neben ihrer konservativen Gesinnung auch dem Umstand zu verdanken, dass sie deutsche Debatten neutraler und nüchterner resümierte als die Konkurrenz aus Frankfurt (FAZ), München (Süddeutsche Zeitung) oder Hamburg (Der Spiegel). Aus demselben Grund sei die FAZ bei den angloamerikanischen Botschaftern, Parlamentariern und sogar Regierungsmitgliedern auf immenses Interesse gestossen – seit ihre «English Edition» täglich der International Herald Tribune (IHT) beiliegt. Der dies behauptet, heisst Berthold Kohler, ist politischer Herausgeber des Frankfurter Edelblatts und weiss also, wovon er spricht: Von grenzübergreifender Meinungsmacht.
Und von einem publizistischen Wettbewerbsvorteil gegenüber Verlagen, die traditionell auch über den deutsch(sprachig)en Tellerrand hinaussehen, wie zum Beispiel der Spiegel. Dessen Führungscrew um Chefredaktor Stefan Aust und Verlagsleiter Fried von Bismarck liebäugelt schon länger mit einer auf Wirtschaftsführer und Politiker zielende Überseeversion des Nachrichtenmagazins. Mitte März streute das Branchenblatt Kontakter einmal mehr das Gerücht, eine solche befinde sich bereits in der Pipeline. Auf Anfrage der WerbeWoche winkt Spiegel-Chef von Bismarck jedoch ab. «Eine solch schöne, aber aufwändige Expansion des Spiegels in den englischsprachigen Raum übersteigt bei weitem unsere derzeitigen Verhältnisse».
«English FAZ» steigerte IHT-Auflage um 30 Prozent
Ganz ähnlich tönt es neuerdings bei der FAZ, deren acht bis sechzehnseitige English Edition am 30. Juni zum letzten Mal erscheint. Indes, Kohler bleibt dabei: «Wer im Konzert der Grossen gehört werden will, muss heute die globale Lingua franca sprechen respektive schreiben.» Entsprechend erfreut war er denn auch, als die IHT seine Zeitung (wie ein Dutzend weitere Blätter, unter anderen El País und die israelische Ha’aretz) Mitte 1999 zum «Publishing Partner» erkor und zugleich die gesamte Finanzierung eines «German Supplement» übernahm. Verhandelt hatten die Amerikaner damals übrigens auch mit der NZZ.
Inhaltlich lag die Verantwortung für die im April 2000 erstmals – und dann gleich in einer Auflage von 30000 Exemplaren – erschienene Beilage jedoch ganz bei der FAZ, die das prestigeträchtige Projekt nach einem «konjunkturbedingten Teilrückzug» (Kohler) der IHT letztes Jahr massiv bezuschussen musste.
Als die Tribune im April nun ganz aussteigen wollte, senkte FAZ-Geschäftsführer Jochen Becker den Daumen. Bei einem erstmaligen Fehlbetrag von 27 Millionen Euro im Geschäftsjahr haben die Frankfurter einfach keine Mittel mehr für Extravaganzen, und seien sie noch so imageträchtig. Aber auch den Amerikanern muss das Wasser bis zum Hals stehen, sonst hätten sie gewiss weiter in ein Produkt investiert, das ihnen in Deutschland innert zwei Jahren einen Auflagensprung von 30 Prozent bescherte. Ebenfalls nur mit akuter Geldnot ist zu erklären, dass auch der englischsprachige Internetableger Faz.com eingestellt wird. «Wenn das eine wegfällt, ist das andere auch nicht mehr zu halten», lautet Kohlers lakonischer Kommentar zu einem Entscheid, der nach den 10 Printredaktoren weitere 6 Webeditors arbeitslos macht.
«Low costs and high quality» lautet das NZZ-Credo
Weit weniger personal- und damit kostenintensiv ist das in der linken unteren Ecke von NZZ Online offen stehende English Window. Mit 150 Stellenprozenten bietet das im Frühjahr erstmals prominent platzierte «Schaufenster zur Schweiz» neben aktuellen Übersetzungen wichtiger Artikel der Printausgabe mit der «Swiss Week» auch eine von Expatriates und ausländischen Geschäftsleuten gleichermassen geschätzte redaktionelle Eigenleistung. Diesen Schluss legen jedenfalls die laut Kurt Busslinger, Leiter Marketing Neue Medien, täglichen 3500 bis 4000 Pageimpressions nahe, mit denen sich das English Window nutzungsmässig «etwa auf Augenhöhe mit den NZZ Online-Sektionen Sport oder Inland bewegt».
Hervorgegangen ist der 1997 aufgeschaltete Internetdienst aus der sechs Monate später (und nach 45 Jahren!) eingestellten Bleiwüste «Swiss Review of World Affairs». Von dessen 32 Schwarz-Weiss-Seiten waren jeweils maximal vier mit Werbung belegt. Aber rechnen musste sich das damals schon antiquiert wirkende Magazin auch nicht. Schliesslich wollte man damit ja «bloss» die Meinungsführerschaft bei jenen in der Schweiz domizilierten Entscheidungsträgern, die des Deutschen nicht mächtig sind.
Die Kontinuität ihres englischsprachigen Ablegers verdankt die NZZ nicht zuletzt der Aufhebung der Distributionskosten durch das Internet. «Als Extra-Printprodukt könnte er in Zeiten wie diesen auch bei uns schnell einmal dem Rotstift zum Opfer fallen», so Busslinger mit Blick auf die entsprechende Ankündigung aus Frankfurt. Ein weiterer Kostensenkungsfaktor ist die enge Kooperation mit Swissinfo. Der in Bern domizilierte internationale Dienst der SRG liefert laufend die «Breaking News in English», zu denen die NZZ die Hintergründe aufbereitet.
Diese Synergieleistung dient indessen nicht nur der Information von Ausländern und Expatriates, sondern auch der Selbstdarstellung der Schweiz im globalsten aller Medien: Wer auf die Swiss Links im English Window von NZZ Online klickt, hat von dort Zugriff auf alle Institutionen und Organisationen, die für Touristen, potenzielle Investoren und weitere Wirtschaftsentscheider von Interesse sein könnten. Von refinanzierender Werbung fehlt freilich auch hier jede Spur. Aber was tut man in staatserhaltenden Medienhäusern nicht alles fürs nationale Standortmarketing? – wenn’s sein muss auch zum Nulltarif.

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