Der Macher
Wer sich selbst als Macher bezeichnet, muss erklären können, wieso. Bei einem wie Fredy Hämmerli aber ist keine Erläuterung nötig. Wer mit ihm spricht, spürt sofort, dass er nicht nur träumt, sondern anpackt und umsetzt. Mit Leidenschaft.
Fredy Hämmerli ist Journalist, aber auch Buchautor. Er war Chefredaktor und Programmleiter, aber auch Geschäftsführer, Inhaber und Sanierer. Heute ist er Verwaltungsratspräsident der Swisscontent AG, aber auch Publizistischer Leiter des Unternehmens. Und immer noch nimmt er die Tastatur gern selbst unter die Finger. «Journalismus ist meine Heimat, aber ich lenke auch gerne Geschäfte und stelle unternehmerische Weichen. Ich brauche beides», sagt er über sich selbst. Schreiben und Managen gehen bei Hämmerli Hand in Hand. Fredy Hämmerli wurde vor 62 Jahren in Zürich geboren. Nach seinem Studium und dem Besuch der Ringier-Journalistenschule startete er seine Karriere bei Roger Schawinskis «Tat». «Bei jeder Blattkritik hat Schawi klar und deutlich seine Meinung ausgedrückt», erinnert sich Hämmerli. «Er war sehr fordernd. Aber auch Urs P. Gasche, der damalige Ressorleiter Konsum, hat mich ordentlich an die Kandare genommen. Das war eine harte journalistische Schule, die mir sehr viel gebracht hat.» Es folgten Stationen bei der Bilanz, der Berner Zeitung, Cash, dem Bund, Tele Bärn, K-Tipp und Xproductions, zumeist in Führungspositionen. Bereits mit 32 Jahren wird Hämmerli zum Stellvertretenden Chefredaktor der Berner Zeitung berufen. «Das war nicht einfach, ich trug ja sozusagen noch journalistische Windeln und sollte eine der grössten Schweizer Tageszeitungen mit leiten », sagt Hämmerli. «Intuitiv habe ich wohl vieles richtig gemacht, aber manches auch falsch. Ich habe in dieser Zeit unsagbar viel gelernt.»
Pionierzeiten hautnah
1997 baut Hämmerli für Cash die Bundeshausredaktion auf, anschliessend für den Bund die Nachrichtenredaktion. Danach macht der Print-Mann einen Abstecher zum Fernsehen: Er baut den ersten Schweizer Privatsender Tele Bärn mit auf und wird dessen Programmleiter, er übernimmt die Redaktionsleitung von K-Tipp und baut eine Fernsehproduktionsfirma für den Privatsender TV3 mit auf. «Bei Tele Bärn ging es um die Installation des ersten Schweizer Privatsenders, bei TV3 übernahm ich eine Konsumentensendung und einen Daily Talk», erzählt Hämmerli. «Zu dieser Zeit gab es in der Schweiz kein Privatfernsehen, wir schielten nach Deutschland und versuchten, mit den primitivsten Mitteln Fernsehen zu machen, ohne Erfahrung und ohne Budget. Das war eine harte Zeit, aber mit ein bisschen Mut war es vor allem eine tolle Herausforderung. Denn das hatte vorher noch niemand gemacht.» Nie habe er sich für irgendeinen Posten bewerben müssen, sagt Hämmerli. «Ich wurde immer von jemandem, der mich und meine Arbeit kannte, gefragt, ob ich Lust hätte, den Job zu übernehmen. Man hat mir das offenbar zugetraut und allzu schlecht ist es dann ja auch nicht herausgekommen. » Fredy Hämmerli: ein Macher.
Gespür für Stoffe
Journalistisch fällt Hämmerli immer wieder durch investigative Recherchen auf: 1979 findet er heraus, dass in der Schweiz Hunderte von Vermögensmillionären leben, die keine Einkommenssteuern zahlen. Der folgende Medienrummel führt zur Verschärfung kantonaler Steuergesetze. 1981 enthüllt er, dass Nationalrat Christoph Blocher unbemerkt die Aktien der Oswald-Holding aufgekauft hat, die die Mehrheit am Kunststoffkonzern Ems-Chemie beherrscht. Und 2009 legt er offen, dass die UBS ihr Flaggschiff, einen Immobilienfonds mit Geschäftsliegenschaften im Wert von 10 Milliarden Dollar, liquidieren muss. Betroffen sind über 100 000 vermögende UBS-Privatkunden. «Klar gehört auch Glück dazu, so etwas herauszufinden », sagt der Journalist. «Dennoch ist es kein Zufall, dass ich darauf gestossen bin. Ich habe mit Hartnäckigkeit und Biss recherchiert. Und Fragen gestellt, wo andere keine gestellt haben.» Hämmerli ist ein Journalist alter Schule: Saubere Recherche sowie faire und glaubwürdige Berichterstattung sind ihm ein hohes Gut: «Das grösste Kompliment hat mir mal ein Unternehmer gemacht, der meinte, er wäre froh gewesen, wenn der Artikel, den ich über sein Unternehmen verfasst hatte, nie erschienen wäre. Aber wenigstens sei er super recherchiert und fair geschrieben. Diesem Anspruch versuche ich mit meiner Arbeit gerecht zu werden.» Schon als Bub wollte Hämmerli Journalist werden und diese Wahl hat er nie ernsthaft infrage gestellt: «Es ist mein Beruf, meine Berufung. Ich muss nicht ausschliesslich journalistisch tätig sein, aber ich will auch journalistisch tätig sein. Etwas anderes käme für mich nicht infrage – ausser vielleicht im nächsten Leben: Da würde ich gerne Astronom werden.»
Unternehmertum im Blut
Seit 2001 ist Hämmerlis Name eng mit dem Content-Dienstleister Swisscontent verbunden. «Als TV3 eingestellt wurde, fragte mich Bendicht Luginbühl, der damalige Geschäftsführer von Swisscontent, ob ich nicht die Chefredaktion von Swisscontent übernehmen wolle», erzählt Hämmerli. Swisscontent ist zu dieser Zeit die erste Internetagentur der Schweiz und produziert mit 80 Mitarbeitern Texte, Videos und Audios für Online. Eine tolle Idee – die aber zu früh kommt: Wegen der mangelnden technischen Ausrüstung der Nutzer können diese sich allenfalls Ruckelbilder im Stile von Blair Witch Project anschauen. Andere hätten dankend abgelehnt, Hämmerli greift zu. Nach einem Jahr übernimmt er zusätzlich zur Chefredaktion die Geschäftsleitung von Swisscontent, 2003 kauft er das komplette Unternehmen. «Für jemanden, der so unternehmerisch geprägt ist wie ich, hat es überraschend lange gedauert, bis ich endlich meine eigene Firma hatte», staunt Hämmerli selbst. «Doch vorher haben mir wohl der Mut und vor allem die finanziellen Mittel gefehlt, um selber ein Unternehmen zu gründen. » Nun ist die Chance da. «Die Übernahme war sicher sehr risikoreich, denn Swisscontent war tief in den roten Zahlen. Es war klar, dass es ein neues Geschäftsmodell braucht: zurück zu Print, Ausweitung auf Corporate-Publishing, Personalabbau.» Binnen weniger Monate saniert Hämmerli Swisscontent.
Er entlässt die Hälfte der Mitarbeiter und räumt den Themenbauchladen auf: Statt weiter ein Inhalts-Potpourri anzubieten, fokussiert er die Themen auf Wirtschaft, Finanzen, Immobilien und Gesundheit – die Bereiche, in denen er sich selbst auskennt. «Ich denke, das hat uns gerettet. Viele andere Agenturen, die mit dem gleichen Geschäftsmodell wie wir angetreten sind, gibt es längst nicht mehr.» Heute beschäftigt Swisscontent 40 Journalisten, Layouter, Übersetzer, Projektleiter, Berater sowie Multimediaund App-Spezialisten, die Medien wie 20 Minuten, die NZZ am Sonntag, die SonntagsZeitung oder K‑Geld regelmässig mit journalistischen Inhalten versorgen; auch diverse Corporate-Publishing-Produkte von illusteren Kunden wie UBS, Zurich, Galenica/ Amavita, Franke, C-Level Media oder Medela werden mit Swisscontent-Fachartikeln gespeist. Einige Medien wurden sogar komplett von Swisscontent entwickelt. Den Inhalte-Dienstleister übernommen und in die Gewinnzone geführt zu haben, verbucht Hämmerli als seinen grössten beruflichen Erfolg.
Content is King
Seit 2007 beteiligt sich Daniel Kaczynski schrittweise als Partner an Swisscontent und übernimmt immer mehr operative Führungsaufgaben. 2013, nach zehn Jahren als Inhaber, übergibt Hämmerli seine letzten Anteile an Daniel Kaczynski, der inzwischen die Geschäftsführung übernommen hat. Er selbst bleibt Verwaltungsratspräsident und Publizistischer Leiter des Inhalte-Anbieters. «Das ist eine tolle Kombination von Tätigkeiten», betont Hämmerli. «Einerseits kann ich als VR-Präsident strategisch arbeiten, habe Verantwortung für Finanzen und Personal und kann so die mittel- und langfristige Entwicklung von Swisscontent mit lenken. Andererseits kann ich als Publizistischer Leiter weiterhin zu etwa einem Viertel redaktionell arbeiten. Es ist mir wichtig, selber zu schreiben, denn ich erlaube mir, an Texten Kritik zu üben, und ich möchte mich deshalb auch der Kritik anderer aussetzen. Das kann ich nur mit eigenen Artikeln. Auch unsere Kunden sollen sehen: Der kann das. Unseren Mitarbeitern möchte ich meine journalistischen Werte – saubere Recherche, Glaubwürdigkeit, Fairness – weitergeben. Und ich versuche, ihnen zu vermitteln, dass es Mut und eine Portion Selbstsicherheit braucht, um ein guter Journalist zu sein. Man muss seine Sache vertreten.»
Rückzug auf Raten
Mit der Übergabe der Inhaberschaft an Daniel Kaczynski bereitet Hämmerli allmählich seinen Rückzug von Swisscontent vor. Seit Jahresbeginn arbeitet er nur noch 60 Prozent und nutzt die freie Zeit zum Reisen, Wandern, Skifahren, Golfen und Lesen. «Ich geniesse es sehr, mehr Raum für Privates zu haben», gesteht Hämmerli. «Dennoch arbeite ich täglich für Swisscontent.» Einer wie Hämmerli ist eben immer zu 100 Prozent dabei – wenigstens mit dem Herzen. Von Pensionierung will er deshalb auch nichts hören. «Wie lange die 60-Prozent- Regelung gilt, haben wir offen gelassen. Mit 65 einfach den Stift fallen zu lassen, kann ich mir nicht vorstellen. Ich arbeite einfach zu gern», betont Hämmerli. Eher sinnt er über weitere Projekte nach, vielleicht das achte Buch, vielleicht ein Beratungsmandat für ein Unternehmen, das in der Krise steckt. Beraten allein würde ihn allerdings nicht befriedigen, mitarbeiten und das Unternehmen wieder auf Kurs bringen, das wäre seine Sache. Fredy Hämmerli: ein Macher eben.
Anne-Friederike Heinrich

