«Der Kampf hat erst begonnen»

Konsumkritiker Kalle Lasn über seine Wut und die «Generation mindfucked»

Konsumkritiker Kalle Lasn über seine Wut und die «Generation mindfucked»Von Oliver Classen Seit zwölf Jahren sind die Adbusters der Alptraum jedes Marketingchefs. Kalle Lasn, Gründer und Chef der kanadischen Antiwerber (siehe auch der Beitrag auf Seite 14), will seine subversiven Ideen nun auch in Europa Wurzeln schlagen lassen.
Neben Adbusters existierte in Nordamerika bis Ende letzten Jahres noch ein zweites medienkritisches Magazin. Dieses hiess nach seinem Herausgeber Brill’s Content und mahnte im Untertitel «Skepsis ist eine Tugend». Adbusters tut im Prinzip ja nichts anderes, gewinnt aber stetig an Auflage.
Kalle Lasn: Dass Brill’s Content eingegangen ist, hat uns betrübt, aber nicht überrascht. Das Heft hatte zwei Schwächen: Es wurde darin mit Insiderstorys hauptsächlich journalistische Nabelschau betrieben, und dies in einem ziemlich altbackenen, akademischen Stil. Wenn schon beim ersten Durchblättern nur gepflegte Langeweile aufkommt, nützt auch die ehrenwerteste aufklärerische Absicht nichts.
Adbusters kleidet seine Konsum- und Kulturkritik in avantgardistisches Design. Ist dieser jugendliche Fun-Faktor der Schlüssel zum Erfolg?
Lasn: Unsere Arbeit ist nicht Bestandteil der Spassgesellschaft, sondern ein Gegenentwurf dazu. Was uns von den meisten alternativen Presseerzeugnissen unterscheidet, ist vermutlich die Adbusters-spezifische Mischung aus idealistischer Leidenschaft und handwerklicher Professionalität. Wir haben eine Message, und wir wissen, wie sie am effizientesten unters Volk zu bringen ist, nämlich mit eigenen Medien und Werbekampagnen. Dieses Social Campaigning und Subvertising macht bei allem Ernst in der Sache immer wieder eine Menge Spass. Und der spricht auch aus unseren Artikeln und Aktionen.
Seit 1989 haben Sie neben Adbusters Magazine auch die Agentur Powershift und eine Stiftung für unabhängige Medien gegründet. Woher beziehen Sie die Energie und Überzeugungskraft, mit der Sie dieses Aktivistennetzwerk geknüpft haben?
Lasn: Aus meiner unbändigen Wut. Es macht mich zornig, dass ein halbes Dutzend Medienkonzerne über die Hälfte aller weltweit verbreiteten Nachrichten und Unterhaltung kontrollieren. Auf diese Meinungsdiktatur muss aufmerksam gemacht werden, und zwar mit allen «tricks of the trade». Nicht weniger schlimm ist die durch Werbung verursachte mentale Umweltverschmutzung. Dass Adbusters mit dieser Einschätzung nicht allein steht und gerade im Kommunikationsbusiness eine Menge Sympathisanten hat, ist schön, aber eigentlich nicht weiter verwunderlich. Schliesslich ahnen heute immer mehr Menschen, dass unser Planet mit Werbung und so genannten Informationen systematisch zugemüllt wird. Wirklich wissen tun es aber jene, die diesen Schrott täglich produzieren, also Werber und Journalisten. Die bilden zusammen mit Designern und Künstlern denn auch das Rückgrat unseres globalen Netzwerks.
Wie viele solche «Culture Jammers» («Verweigerer der Konsumkultur») erreichen Sie heute mit Adbusters Magazine und adbusters.org?
Lasn: Auf unserer Website tummeln sich täglich so um die 10000 Besucher, Tendenz rapide steigend. Registrierte Nutzer, die zugleich Empfänger unseres Newsletters sind, haben wir zurzeit etwa 60000. Auch die Auflage der Zeitschrift sprengt alle Erwartungen und liegt gegenwärtig bei knapp 100000 Exemplaren. Drei Viertel davon verkaufen wir in den USA und in Kanada, den Rest in Übersee. Am meisten euro-
päische Abonnenten haben wir in Grossbritannien und Skandinavien, aber auch Holland und das deutschsprachige Europa sind wachsende Märkte, wo wir via Kioskverkauf verstärkt präsent sein wollen.
Ihre Organisation profitiert stark von der Antiglobalisierungsbewegung. Die hat Ihren Zenit inzwischen aber überschritten.
Lasn: Das glauben Sie! Mein Eindruck von der Protestfront ist ein ganz anderer. Viele Aktivisten insbesondere der jüngeren Generation fühlen sich durch ihre von Markendiktat und TV-Terror gezeichnete Kindheit psychologisch derart missbraucht, dass ihr Zorn auf die Konsumgesellschaft lange nicht verrauchen wird. «They mindfucked us. It’s time to fuck them back now.» So lautete ein einprägsames Motto der Steinewerfer von Seattle. Der Kampf gegen medialen Schwachsinn, «corporate criminalism» und dessen verheerende Auswirkungen auf die kollektive Psyche hat erst begonnen. Seattle war sozusagen der Sturm auf die postmoderne Bastille. Nun kommt die zweite französische Revolution in Fahrt …
… und forderte in Genua bereits ihr erstes Todesopfer. Sind Gewalt und illegale Kampagnen wie die Adbusters-Aktion «Liberating Billboards» legitime Mittel der Gesellschaftskritik?
Lasn: Jede Kulturrevolution hatte ihre gewalttätige Seite. Für mich gehört etwa die Befreiung von Plakatwänden zum zeitgenössischen Spektrum zivilen Ungehorsams. Dieses schöpfen wir aus und erweitern es gelegentlich. Was die radikalen Krawallmacher angeht, halte ich ihre Exzesse für einen problematischen, letztlich aber integralen Bestandteil der Bewegung. Ohne ein paar Scherben, blaue Flecken und den einen oder anderen Märtyrer gehen solche politischen Prozesse nicht ab.
Protest und Pazifismus schliessen sich Ihrer Ansicht nach aus. Es scheint Ihnen aber keine Mühe zu bereiten, dass Ihr Buch «Culture Jam» in Rupert Murdochs Harper-Collins-Verlag erscheint.
Lasn: (lacht) Wir alle sind wandelnde Widersprüche und leben in einem Spiegelkabinett aus Kompromissen und Gegensätzen. Dass ausgerechnet mein Lieblingsfeind Murdoch die Rechte an meinem Erstling gekauft hat, ist mir nach anfänglichem Ekelgefühl nun gar nicht so unrecht. Manche subversive Idee reist am schnellsten und weitesten, wenn man sie als Trojanisches Pferd in die Welt schickt.
In Norwegen ging Ende letzten Jahres der erste Adbusters-Ableger online. Wann kommt die erste deutschsprachige Filiale?
Lasn: Die Jungs in Oslo haben diese Initiative mit Billigung, aber ohne konkrete Unterstützung unserer Zentrale in Vancouver gestartet. Wir haben nichts dagegen, wenn unser Name und unser Logo weiter verwendet werden. Etwa für eigenständige Adaptionen unseres Magazins, wie sie bereits auf Französisch und Hebräisch existieren. Mehr noch: Eine weitere Internationalisierung von Adbusters hat höchste Priorität. Sollten sich also Interessenten aus der Schweiz melden, lassen Sie es mich wissen.

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