Der Geschichtensammler
Mit rund 30 Jahren begann Daniel Puntas Bernet zu lesen – und hörte nicht mehr damit auf, studierte deutsche und spanische Literatur, arbeitet auf Spaniens Immobilienmarkt, handelte in Basel und New York mit Devisen und schrieb für die NZZ. Bis er vor rund drei Jahren beschloss, sein Lesevergnügen mit anderen zu teilen.

Seit Oktober 2011 ist er als Chefredaktor verantwortlich für die Herausgabe des Magazins «Reportagen». Das Magazin reiht sich zwischen Zeitschrift und Buch ein. Es soll sich von den übrigen Zeitschriften am Kiosk abgrenzen: Der Text steht im Vordergrund. Keine Fotos oder Bildstrecken überfluten die Texte, in der aktuellen Ausgabe unterbricht lediglich eine historische Reportage vom maltesisch-amerikanischen Comiczeichner Joe Sacco die Texte. «Wenn ich mir eine Fähigkeit zuschreiben müsste, dann die, dass ich glaube, eine gute Reportage von einer durchschnittlichen unterscheiden zu können», sagt Daniel Puntas bescheiden. Das heisse nicht, dass seine Einschätzung der geschriebenen Geschichte die einzig richtige sei, aber in diesem Gebiet fühle er sich kompetent – und für die Leserschaft des Magazins «Reportagen» stimme seine Einschätzung offenbar auch. Als ehemaliger Immobilien- und Devisenhändler, Südamerika- Reisender und NZZ-Redakteur ist Daniel Puntas aber nicht nur in vielen Berufen herumgekommen, sondern auch in der Welt. Zuletzt war er für eine eigene Geschichte in Nordafrika unterwegs. Dort besuchte er die spanische Stadt Ceuta. Afrikanische Flüchtlinge warten vor der marokkanischspanischen Grenze auf eine Gelegenheit, nach Europa zu gelangen. Weit sei es nicht, beschreibt Puntas die Situation, lediglich ein Zaun trenne die vielen Flüchtlinge im marokkanischen Hinterland vom ersehnten europäischen Boden Ceutas. Weil am 6. Februar 2014 die spanischen Grenzwächter auf rund 200 Afrikaner, die schwimmend den ins Wasser ragenden Grenzzaun zu umgehen versuchten, mit Gummischrot schossen – und dabei mindestens 15 Flüchtlinge ums Leben kamen – wurden den Beamten die Gewehre weggenommen. Man will zwar keine Flüchtlingsinvasion in Ceuta, aber weitere negative Schlagzeilen wiegen für Spanien noch schlimmer.
Ein Geschichtenerzähler stellt sich selber nicht in den Vordergrund, interessiert sich für Land und Leute, deren Ängste, deren Alltag und deren Sorgen. Daniel Puntas hat sich diese Eigenschaften zu eigen gemacht oder hat gerade wegen dieser persönlichen Eigenschaften zu guter Letzt zur journalistisch-literarischen Gattung Reportagen als nicht fiktionales Erzählmittel gefunden. Nur langsam gibt er seine Persönlichkeit zu erkennen, auch noch nach Stunden des Gesprächs steht im Mittelpunkt seiner Erzählungen das Magazin und seine Reporter, die Geschichten darin und seine Positionierung. Sein Arbeitsalltag sei nicht besonders spannend, meint er. «Die meiste Zeit verbringe ich im Büro und kümmere mich um die administrativen Aufgaben.» Nebenbei erwähnt er dann doch noch, dass er oft und gerne mit seinem Redaktionsteam gemeinsam die Reportagen liest, sie auswertet und vor allem auf diese Weise im Geiste Orte besucht, die er nie gesehen habe. Die Lektüre einer Reportage über St. Petersburg beispielsweise hätte ihm derart starke Bilder und intensive Erfahrungen vermittelt, dass es nicht weiter schlimm wäre, könnte er diese Stadt nie besuchen. Es verwundert deshalb nicht, dass für Puntas das Vermitteln von Erfahrungen die wichtigste Eigenschaft einer guten Reportage ist.
Leidenschaft Lesen
Sein Leben ist ihm zugestossen. Aktiv entschieden hat Daniel Puntas lediglich, das KV zu machen. Aber auch bloss, weil er nicht wusste, was er eigentlich wollte, wie er sagt. Danach gab eins das andere. Nach dem Militär wollte er nach Spanien. Bei einer Immobilienfirma mit Schweizer Kunden fand er eine Anstellung. Weil diese jedoch seine Arbeitszeit nur marginal beanspruchte, lernte er sehr schnell Spanisch. «Dieser Job war ein Glücksfall», sagt er rückblickend, «die beste Methode, eine Sprache zu lernen. » 18 Monate später gings von Alicante wieder zurück ins Militär. Er suchte eine Bankanstellung, «denn die zahlen das Militär», erklärt er seine damalige Entscheidung. Beim Vorsprechen in der damaligen Volksbank in Bern habe der Personalleiter ihn durch die gesamte Bank geführt und ihn daraufhin gefragt, wo er arbeiten möchte. Puntas landete im Devisenhandel in Basel. Die Einfachheit, als KVAbsolvent eine Stelle nach Wahl bei einer Bank zu finden, erstaunt ihn noch heute. «Ich hatte keine Ahnung von Banking», betont er. Sein Wunsch, im Devisenhandel zu arbeiten, wurde trotzdem erfüllt. «Devisenhandel, das kann jeder», fügt er an. Es gehe dabei lediglich um das Urprinzip des Marktes, nämlich tiefer zu kaufen als zu verkaufen, einfach umgemünzt auf Währungspaare. Zu dieser Zeit war Puntas gerade mal 19 Jahre alt. In diesem Alter mit Millionen zu dealen, sei spannend gewesen. Dennoch wollte er bald darauf für ein halbes Jahr nach London, um sein Englisch zu verbessern. Sein Vorgesetzter gab ihm stattdessen die Möglichkeit, seinen Beruf in Amerika auszuführen. «Ein Riesenglück», sagt er dazu. Rückblickend betrachtet staune er manchmal selber, wie viel Glück er gehabt habe. Nach seiner Rückkehr lernte er per Zufall Roger Brennwald kennen, der einen Nachfolger für sein Tennis-Turnier suchte. So begann er als Marketing-Manager bei den Swiss Indoors.
Nach fünf Jahren Vermarktung von Tennissponsoring, mit 27 Jahren, habe er dann festgestellt, dass sein Leben zwar spannend und lehrreich, aber auch oberflächlich gewesen war und «keine tiefere Befriedigung abwirft». Denn Herzblut floss weder im Finanz- noch im Marketingbereich. So führte ihn sein Weg zum Lesen. Eines der ersten Bücher war Pablo Nerudas «Confieso que he vivido». In diesem Buch beschreibt Neruda den Süden von Chile. Diese eindrückliche Beschreibung hat Puntas magisch angezogen. Nachdem ihn bereits der Wunsch nach Spanien durch das Militär gebracht habe, rettete ihn der Wunsch, nach Chile zu reisen, durchs letzte halbe Jahr bei den Swiss Indoors. Vor der Abreise nach Chile blieb er dann noch eine Wintersaison in der Schweiz, auf dem Davoser Jakobshorn, und half einem Freund «als Wurst- und Hühnchen-Grilleur» aus, wie er lachend erzählt. Dort lernte er zufälligerweise jemanden kennen, der ihn bat, ihm bei einer Haus-Renovation in Hamburg zu helfen. Schlussendlich ergab sich dort für ihn die Möglichkeit, Santiago de Chile mit dem Frachtschiff anzusteuern. «So ungebunden und auf der Suche zu sein, das hat mir sehr gut gefallen », fasst er zusammen. Vom Frachtschiff stieg Puntas dann aber bereits in San Juan de Puerto Rico. Ein weiteres Jahr sollte vergehen, bis er Santiago de Chile erreichte. So arbeitete er unter anderem bei einem Zwischenstopp auf den Galapagos Inseln als Übersetzer für deutsche Touristen. In Venezuela war er auf einer Kaffeeplantage tätig und in Chile schlussendlich in der Kellerei eines Weinguts. Rund 18 Monate später reiste er, nach einem Abstecher als Tango-Taxi-Tänzer in Buenos Aires und nach Calp (Spanien), wo sein Vater kurzerhand ein Restaurant eröffnet hatte, zurück in die Schweiz, um in Freiburg zu studieren und Lehrer zu werden. 2004 gab er seine Abschlussarbeit ab. Dazwischen hatte er angefangen, bei der «NZZ am Sonntag» zu arbeiten, um das Studium zu finanzieren. Sein Chef bot ihm das Du erst nach Bescheinigung der Lizenziatsarbeit an, erzählt er eine kleine Anekdote zur «Alten Schule NZZ». Als er gegenüber seinem Arbeitgeber laut von einer Reportagenmagazingründung im gleichen Verlag zu erzählen begann, beschied man ihm lediglich: «Dream on.»
Daniel Puntas erzählt das alles, als wäre nichts davon wirklich erwähnenswert. Als wäre sein Leben bloss passiert – interessant ist das Andere, das Aussen, das Erfahren. So erzählt der Geschichtensammler nicht besonders gerne viel über sich. Es ist nicht seine Art, sich selber in den Mittelpunkt zu stellen oder sein Image zu pflegen. Viel lieber hält er sich im Hintergrund. So auch bei seiner letzten Reportage aus Ceuta, «Selektion am Zaun». Sogar hier gibt er seine eigenen Emotionen nicht preis, erzählt wenig vom «Kulturschock », den wohl jeder erlebt, der die Grenze von Marokko und der spanischen Stadt Ceuta an der Strasse von Gibraltar überschreitet. Nicht viel erzählt er vom unwohlen Gefühl, in Ceuta eine Tapas- Bar zu besuchen und Wein zu schlürfen – während nebenan Tausende Flüchtlinge seit Monaten im schroffen und gebirgigen Hinterland darauf warten, die Grenze zu stürmen. «Viele Journalisten haben das Konzept, in solchen Gebieten kein Geld für Informationen zu bezahlen, um das Geschäft mit Informationen nicht auch noch zu fördern – ich kann das nicht.»
Er gebe unter prekären Umständen lebenden Menschen, die ihm zuvor viel Zeit und Einblick in ihr Leben geschenkt haben, fast immer etwas, wenn auch nicht viel. Sein Einsatz, sein Werkzeug im Umgang mit solch menschenunwürdigen Situationen ist die Reportage. Sein Magazin – mit dem bezeichnenden Claim «Weltgeschehen im Kleinformat» – ein Versuch, Aufmerksamkeit für die Menschen hinter den Schlagzeilen zu generieren. Daniel Puntas ist Berner, wenn er auch ein Grossteil seines Lebens nicht in diesem Kanton verbracht hat. In Belp aufgewachsen, hat er mit 18 Jahren seinen Heimatkanton verlassen. Erst kürzlich ist er – zur Familiengründung – wieder nach Bern zurückgekommen. Daher ist auch das Magazin «Reportagen» nun in Bern ansässig. Sein Name hat bündnerische Wurzeln. Entsprechend verstehen am Telefon in der Regel auch nur Bündner seinen Namen richtig. Die Herkunft des Namens Puntas selbst ist zwar spanisch, kommt jedoch etymologisch aus dem Bündnerland. Und plötzlich sprudelt aus Daniel Puntas doch noch eine persönliche Geschichte, die er gerne erzählt. Er beginnt auszuschweifen: «1492, als die Spanier sich bei fremden Söldnern bedienten, um die Juden und Moslems aus dem eigenen Land zu verbannen, haben Söldner aus der Schweiz unter der spanischen Krone gedient. Dadurch gelangte das Geschlecht Puntas vom Bündnerland in die Gegend von Córdoba.» In der Schweiz habe sich dieses dann ebenfalls weiterentwickelt, aus der Urform von Puntas wurde durch Lautverschiebung Püntener. Dieses Phänomen des Lautwandels fasziniert ihn: «Meine Kinder und Enkel werden mich noch verstehen, aber nach fünf, sechs Generationen gilt das nicht mehr unbedingt. Ich habe Deutsche kennengelernt, welche 1923 nach Brasilien gekommen sind, in eine Kolonie von Deutschen, südlich von Rio de Janeiro. Deren Deutsch versteht man fast nicht mehr, weil sie das Hochdeutsch von 1923 sprechen.» Die Faszination für Sprachen gehört zu Daniel Puntas Bernet, wie Lesen, das sich seit seinem 30. Lebensjahr nach anfänglichem Interesse zur Leidenschaft mit Auswirkungen entwickelt hat. Die Auswirkungen sind die bis anhin insgesamt 20 Ausgaben «Reportagen». Puntas blickt nicht nur mit Stolz darauf, sondern vor allem auch mit Liebe zum erzählten Erlebnis. Eine Reportage soll seines Erachtens nicht nur eine nicht fiktionale Geschichte erzählen, sondern den Leser mitnehmen, dem Leser eine Erfahrung vermitteln, als wäre er selbst vor Ort gewesen. Oder, wie Puntas das Ziel einer guten Reportage beschreibt: «Mit der Schreibmaschine einen Film drehen, um so das Kino im Kopf in Gang zu setzen.»
Ursina Maurer
