Das Ende einer Lüge
Seit 13 Jahren tobt in Frankreich und Israel der Streit um einen Korrespondentenbericht über den Tod eines Kindes. Von Jürg Altwegg, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Genf.
Die Bilder gingen um die Welt, der Kameramann des französischen Israel-Korrespondenten Charles Enderlin (France 2) hatte sie im September 2000 aufgenommen. Sie zeigen, wie der zwölfjährige Mohammed al-Dura, den sein Vater vergeblich zu schützen versucht, im Kugelhagel der israelischen Armee stirbt. Der O-Ton des Korrespondenten: «Jamel und sein Sohn sind die Zielscheibe israelischer Schützen. Eine neue Salve, Mohammed ist tot und sein Vaters schwer verletzt.» Al-Dura wird seither in der arabischen Welt als Märtyrer der Intifada verehrt, im arabischen Raum sind Schulen und Plätze nach ihm benannt. Sein Konterfei ist auf Briefmarken abgedruckt.
In einer ersten Phase hatte sich Israel für den Tod des Knaben entschuldigt, man vertraute dem Korrespondenten, der ein angesehener Journalist ist. In Paris wiederum bezeichnete Philippe Karsenty, der eine Agentur zur Medienbeobachtung betreibt, den Bericht bald einmal als Fälschung. Er benutzte dazu polemische Worte – und Charles Enderlein klagte wegen Verleumdung. Schon 2003 drehte die deutsche Journalistin Esther Schapira «Drei Kugeln und ein totes Kind» und stellte Enderlins Darstellung ebenfalls in Zweifel.
Es gibt unzählige Merkwürdigkeiten in diesem Fall und nur wenige Beweise. Erst auf Androhung des Pariser Gerichts hat Enderlins Sender France 2 die nicht verwendeten Sequenzen herausgerückt. Karsenty wurde verurteilt und in der Berufung freigesprochen, das Urteil nach einer Beschwerde Enderlins vom Kassationsgericht allerdings aufgehoben. Im Mai sollte das endgültige Urteil verkündet werden.
Doch die israelische Regierung kam dem Gericht zuvor: Sie veröffentlichte den Bericht ihrer Experten, der erst für den Sommer angekündigt war. Er hält fest: Charles Enderlins Darstellung ist falsch. Premierminister Netanjahu forderte eine Gegendarstellung und eine Entschuldigung. Er sprach von einer Propagandainszenierung zur «Rechtfertigung des Terrorismus».
Dass Israel den Fall erst vor einem Jahr abzuklären begann, gehört zu seinen Merkwürdigkeiten. Genauso wie die Tatsache, dass sich inzwischen selbst Charles Enderlin darauf beruft, dass der Knabe zumindest unmittelbar überlebte: in Jordanien operiert und vom König besucht wurde. Das wäre ein Beweis für Verletzungen. Er nennt den Bericht parteiisch, er sei selber auch gar nicht angehört worden.
Übler als die Berichterstattung damals bleibt der Umgang mit ihr seither. Während Jahren habe sich Enderlin im verzweifelten Kampf zur «Rettung seiner Ehre» der Wahrheit verweigert und «Lüge um Lüge» aufgetischt, schreibt Luc Rosenzweig, langjähriger Deutschland-Korrespondent von Le Monde. France 2 habe alle französischen Sender «inklusive Arte» massiv unter Druck gesetzt, damit sie den Film von Esther Schapira nicht zeigten: «Schlimmer noch, man drohte der ARD mit der Kündigung der Kooperationsverträge, falls der Film ins Ausland verkauft würde.» Der Erpressungsversuch blieb erfolglos: Die Dokumentation wurde in Israel und vielen anderen Ländern gezeigt. In Frankreich wurde Esther Schapira vom Gericht immerhin als Zeugin zugelassen,das sein Urteil nochmals verschoben hat – auf Ende Juni.
Inzwischen fordert auch der jüdische Zentralrat Frankreichs eine Untersuchung, die weiter geht als die Bestandesaufnahme des Gerichts. «Wir wollen nur die Wahrheit», erklärt sein Präsident Richard Pasquier. «Wir haben Enderlin und den Sender France 2 weder verdächtigt noch angeklagt. Aber die vielen Unklarheiten, die der israelische Bericht auflistet, drängen die Frage auf, ob sie nicht unwissentlich Opfer einer zu Propagandazwecken inszenierten Fälschung wurden.»
